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Soziale Netzwerke und Lebenszufriedenheit. Der Einfluss "emotionaler" sozialer Netzwerke

Forschungsarbeit 2015 34 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Netzwerke
2.1 Definition
2.1.1 Relationale Merkmale
2.1.2 Funktionale Merkmale
2.1.3 Morphologische Merkmale
2.2 Forschungsstand
2.3 Hypothesenableitung

3. Fragebogen - Zufriedenheit, Lebensqualität und Gesundheit

4. Empirische Analyse
4.1 Variablen
4.2 Methoden
4.3 Ergebnisse

5. Diskussion und Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

SPSS-Syntax

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Stellung und Dimensionen subjektiven Wohlbefinden in der Konzeption der deutschen Wohlfahrtsgesellschaftsforschung

Abbildung 2 - Netzwerkeinheiten

Abbildung 3 - Merkmale sozialer Netzwerke

Abbildung 4 - Phasen des Forschungsprozesses

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 - Überblick der Abschnitte im Fragebogen ZLG

Tabelle 2 - Übersicht Quotenplan Soll-Quoten vs. Ist-Quoten für Fragebogen ZLG

Tabelle 3 - Deskriptiver Überblick über die Variablen Lebenszufriedenheit, Geschlecht, Altersgruppen, Bildung, soziales Umfeld und Größe emotionales Netzwerk

Tabelle 4 - Relative Häufigkeiten und Chi2-Signifikanztest für Lebenszufriedenheit nach Geschlecht (%)

Tabelle 5 - Relative Häufigkeiten und Chi2-Signifikanztest für Lebenszufriedenheit nach Altersgruppen (%)

Tabelle 6 - Relative Häufigkeiten und Chi2-Signifikanztest für Lebenszufriedenheit nach Bildung (%)

Tabelle 7 - Relative Häufigkeiten und Chi2-Signifikanztest für Lebenszufriedenheit nach sozialem Umfeld (%)

Tabelle 8 - Relative Häufigkeiten und Chi2-Signifikanztest für Lebenszufriedenheit nach Größe des emotionalen NW (%)

Tabelle 9 - Logistische Regression über die Variablen Lebenszufriedenheit, Geschlecht, Altersgruppen, Bildung, soziales Umfeld und Größe des emotionalen NW

1. Einleitung

Es ist laut - auf der Hauptstraße um die Ecke ziehen die Autos vorbei, lachende Kinder spielen im Hof blinde Kuh und das benachbarte Ehepaar kümmert sich um ihr schreiendes Baby. Die zahlreichen Freunde auf Facebook haben bereits gratuliert und sind der einhelligen Meinung, dass man diesen besonderen Tag mit seinen Liebsten ausgiebig feiern sollte. Auch die Kolleginnen und Kollegen im Büro waren überaus großzügig mit Geburtstagsglückwünschen und kleinen Geschenken. Selbst der imposante Blumenstrauß vom Chef scheint diesen Tag zu krönen. Zufriedenheit und Lebensglück suchen sich jedoch vergebens am kalten Fensterglas und bescheinigen der Einsamkeit eine bisher nie dagewesene Eineindeutigkeit. Im Hof wird es langsam ruhiger. Mütter rufen ihre Kinder zum Essen und das Neugeborene von nebenan ist friedlich eingeschlafen. Nur zwei flüchtige Kinderschatten sind noch auszumachen. Sie machen wilde, abgesprochene Verabschiedungsgrüße und erklären sich feixend: “Freunde für immer!“. Die Jalousie geht langsam runter...

„Zum Geburtstag, Jahreswechsel und vielen anderen Gelegenheiten wünschen wir einander immer wieder eins: Glück. Die Philosophie beschäftigt sich spätestens seit den alten Griechen (z. B. Aristoteles ca. 350 v. Chr.) mit dem, was uns glücklich und zufrieden macht.“ (Hentrup, 2014, S. 23). Lebensqualität und Lebenszufriedenheit sind seit jeher entscheidende Konzepte im Leben der Menschen. Während Böhnke und Kohler Lebenszufriedenheit als eine Bilanz verstehen, welche die Individuen aus ihren Möglichkeiten, Präferenzen, Erwartungen und Anpassungsleistungen evaluieren (vgl. Böhnke / Kohler, 2007, S. 373), erklären Glatzer und Zapf, dass „der vage und vieldeutige Begriff der Lebensqualität [...] als persönliche Wohlfahrt, als individuelle Konstellation von objektiven Lebensbedingungen und subjektivem Wohlbefinden [präzisiert wird].“ (Glatzer / Zapf, 1984, S. 7). Die Determinanten, welche die Lebenszufriedenheit beeinflussen, sind vielfältig und vielschichtig. Glatzer und Zapf konkretisieren in ihrem Ansatz die Definition von Lebensqualität wie folgt: „[u]nter Lebensqualität verstehen wir für unsere Zwecke zunächst einmal gute Lebensbedingungen, die mit einem positiven subjektiven Wohlbefinden zusammengehen.“ (Zapf, 1984, S. 23). Unter guten Lebensbedingungen verweisen die beiden Wissenschaftler auf Determinanten wie Einkommen, Wohnverhältnisse, Arbeitsbedingungen, Familienbeziehungen und soziale Kontakte, Gesundheit, soziale und politische Beteiligung. Unter subjektivem Wohlbefinden werden hingegen „[...] die von den Betroffenen selbst abgegebenen Einschätzungen über spezifische Lebensbedingungen und über das Leben im allgemeinen [herangezogen].“ (ebd.). Hierzu gehören Hoffnungen und Ängste, Glück und Einsamkeit, Erwartungen und Ansprüche, Kompetenzen und Unsicherheiten, Konflikte und Prioritäten (ebd.). Auf dieser Grundlage erschließen sich für Glatzer drei wesentliche Dimensionen subjektiven Wohlbefindens: positive Dimension des Wohlbefindens, negative Dimension des Wohlbefindens und Dimension der Zukunftserwartung (vgl. Schäfers, 2008, 39; Abbildung 1). „Dabei ist es nicht so, dass eine hohe Lebenszufriedenheit die Besorgnissymptome völlig ausschließt. Offensichtlich sind viele Individuen in der Lage, eine hohe Lebenszufriedenheit mit starken Besorgnissymptomen zu vereinbaren (Anpassung, Vergleichsprozesse)“ (Glatzer 2002 zit. In: Schäfers, 2008, S. 39). Objektive Einflussfaktoren spielen hierbei eine entscheidende Rolle (ebd.). Vor allem der Einfluss emotionaler, enger Netzwerke auf die Lebenszufriedenheit soll Gegenstand dieses Forschungsberichts sein und an den Forschungsbericht des Sommersemesters 2014 anknüpfen. Aus diesem Grund werden die Inhalte zu sozialen Netzwerken spezifischer behandelt und vorwiegend emotionale bzw. enge Netzwerke in den Fokus der folgenden Untersuchung gestellt. Auf eine geschichtliche Betrachtung der Netzwerkforschung wird dabei verzichtet. Entlang der Forschungsfrage: Welchen Einfluss haben emotionale Netzwerke auf die Lebenszufriedenheit?, wird zunächst der Begriff des ,Sozialen Netzwerks’ vertiefend definiert. Erneut wird der Forschungsstand betrachtet und spezifiziert. Mit Hilfe einer Primärdatenanalyse wird geprüft, ob signifikante Zusammenhänge zwischen der Netzwerkgröße emotionaler sozialer Netzwerke und der allgemeinen Lebenszufriedenheit bestehen. Weitere Überprüfungsansätze liefern die Variablen Alter, Geschlecht, Bildung und soziales Umfeld. Sie bilden gemeinsam mit der Größe des emotionalen sozialen Netzwerkes die Grundlage für eine logistische Regression . Eine detaillierte Beschreibung des Datensatzes sowie die empirische Analyse nehmen in diesem Bericht eine besondere Stellung ein und werden ausführlich in den Kapiteln 3 und 4 vorgestellt. Hierbei wird vorwiegend die Erhebung und Aufarbeitung der Daten als auch die Beschreibung der Variablen, Methodik und Auswertungen erläutert. Zu guter Letzt werden die Ergebnisse im Kontext des Forschungsstandes diskutiert, verglichen und in einer entsprechenden Zusammenfassung aufbereitet.

2. Soziale Netzwerke

In der Netzwerkforschung ist man sich aus soziologischer Sicht einig, dass Georg Simmel mit seiner „formalen“ Soziologie als Vordenker und früher Vertreter des Netzwerksansatzes gilt (vgl. Keupp, 1984; Leimkühler, 1988; Hennig, Demzky von der Hagen, 2006). „Er verstand die Soziologie als eine Art „Geometrie sozialer Beziehungen“.“ (Hennig, 2006, S. 8). Und benutzte in diesem Zusammenhang bereits Begriffe wie ‚Netzwerke der Gesellschaft’, ‚Funktionalisierung’ und ‚Individualisierung’ (vgl. Demzky von der Hagen, 2006, S. 266). Demnach gehört das Individuum verschiedenen sozialen Gruppierungen an und handelt je nach Situation als Mitglied unterschiedlicher ‚sozialer Kreise’. Weiter erkannte Simmel vorausgehend, dass die Freisetzung der Individualität einerseits zu einem vergrößerten Handlungsspielraum führt und andererseits die Gefahr der Entfremdung birgt (vgl. ebd.). Die auch heute oft genannte Individualität der Menschen resultiert nach Simmel aus der „Kreuzung sozialer Kreise“, wobei, wie Rammstedt (1983) feststellte, in modernen Gesellschaften der Wechsel von herkunfts- und verwandtschaftsgeleiteten Beziehungen zu mehr beruflichen und interessengeleiteten Beziehungen bezeichnend ist (vgl. Hennig, 2006, S. 8). Alltägliche Konzepte wie beispielsweise Freundschaft, Nachbarschaft, Partnerschaft, Familie sind durch räumliche, soziale und funktionale Verbindungen gekennzeichnet und bilden in ihrer Ganzheit eine komplexe und ausgefeilte Struktur, welche als Netz betrachtet werden kann. Individuen, Organisationen, Gruppen und Orte sind vielfältig miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig (vgl. ebd., S. 9). „Soziale Netzwerke bezeichnen die spezifischen Webmuster alltäglicher sozialer Beziehungen.“ (Keupp / Röhrle, 1987, S. 7). Heute wird die moderne Analyse von Netzwerken vorwiegend unter den Begriffen „social network analysis“, „Analyse sozialer Netzwerke“ und „Netzwerkforschung“ zusammengefasst (vgl. Stegbauer, 2008, S. 12f.; Trappmann, 2011, S. 16).

2.1 Definition

„Das Netzwerkkonzept ist von bemerkenswerter Schlichtheit und deshalb auch schnell definiert: Es bezeichnet die Tatsache, daß Menschen mit anderen sozial verknüpft sind und vermittelt für dieses Faktum eine bildhafte Darstellungsmöglichkeit. Menschen werden als Knoten dargestellt, von denen Verbindungsbänder zu anderen Menschen laufen, die wiederum als Knoten symbolisiert werden.“ (Keupp, 1987, S. 12; vgl. Abbildung 2). In weiteren Ausführungen von Keupp, in denen er sich auf Barnes (1954) bezieht, erschließt sich ebenso greifbar wie praxisnah die Metapher des schlampig geknoteten Fischernetzes, in dem Knoten unterschiedlicher Größe und Abstände direkt oder indirekt miteinander verbunden sind (vgl. ebd.). „Eine der bekanntesten Netzwerkdefinition formuliert J. Clyde Mitchell [1969], der soziale Netzwerke als ‚a specific set of linkages among a defined set of persons, with the additional property that the characteristics of these linkages as a whole may be used to interpret the social behaviour of the persons involved’ [...] definiert“ (Bruns, 2008, S. 90). Mit dieser Definition wird Clyde Mitchell ein besonderer Verdienst zugeschrieben, da er die Netzwerkmetapher methodisch gestützt und ihr so den Stellenwert eines sozialwissenschaftlichen Konstrukts zugeschrieben hat (vgl. Neyer, S. 15). Um den Aufbau sozialer Netzwerke zu rekonstruieren, wurden zunächst nur wenige Merkmale angeführt. Die Liste der möglichen Merkmale war von Anfang an kein begrenztes oder in sich geschlossenes Instrumentarium. „Vielmehr entwickelte sich diese Liste allmählich zu einem umfangreichen, je nach Interesse genutzten Fundus (Boissevain, 1974; Mitchell, 1969).“ (Röhrle, 1994, S. 15). Die Elemente sozialer Netzwerke sind nicht nur einzelne Personen, sondern auch soziale Einheiten wie Gruppen, Organisationen und Nationen. Die Vielzahl der Merkmale, welche die Beziehungen und Verflechtungen zwischen den Elementen darstellen, werden in Ordnungssystemen, sogenannten Merkmalsgruppierungen verortet. Folgt man den Ausführungen von Röhrle bieten sich folgende Merkmalsgruppierungen an: 1. Relationale Merkmale, 2. kollektiv bzw. individuell bedeutsame funktionale Merkmale und 3. Merkmale der Morphologie (Röhrle, 1994, S. 15 f.; vgl. Abbildung 3). In den anschließenden Abschnitten werden die einzelnen Gruppierungen vorgestellt und einige Untermerkmale in Auszügen skizziert. Anhand der Gruppierungen lassen sich zwar bestimmte Schwerpunkte erkennen, erheben jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit (vgl. ebd.).

2.1.1 Relationale Merkmale

„Die Analyse einzelner sozialer Beziehungen (relationale Merkmale) bezieht sich auf formale Eigenschaften, die zum Teil aber eng mit der Qualität und möglichen Bewertungsprozessen durch Mitglieder eines sozialen Netzwerkes zusammenhängen.“ (Röhrle, 1994, S. 17). Hierzu gehört zunächst der Aspekt der Intimität beziehungsweise Intensität von Beziehungen, welcher sich nach den populären Forschungen von Granovetter (1973; 1974) in starke oder schwache Verbindungen unterteilen und operationalisieren lässt. Schwache Verbindungen sind weniger emotional und meist am Rande von persönlichen Netzwerken auszumachen. Ihnen wird eine entscheidende Brückenfunktion zu anderen sozialen Kreisen zugesprochen. Starke Verbindungen hingegen sind Beziehungen zu engen Bezugspersonen (‚significant others’) (vgl. Neyer, 1994, S. 21). Andere relationale Merkmale verweisen mehr auf die Verhaltensnähe und zeichnen sich durch Objektivierbarkeit aus. Hier sind die Dauer, Stabilität und Kontakthäufigkeit zu nennen, wobei letzteres eng verknüpft ist mit der Frage nach den latenten und aktualisierten Beziehungen. So lassen sich latente Beziehungen in der Regel durch eine geringe Kontaktdichte charakterisieren, während aktualisierte Verbindungen ein hohes Maß an Emotionalität und Kontakthäufigkeit aufweisen (vgl. Neyer, 1994, S. 22). Eine weitere zentrale Eigenschaft von sozialen Netzwerken ist die Reziprozität oder Wechselseitigkeit, die in Netzwerkbeziehungen das sogenannte „Nehmen und Geben“ veranschaulicht (vgl. ebd.). Je mehr eine soziale Beziehung dem jeweiligen Empfänger nutzt, um so egozentrierter ist diese Beziehung“ (Röhrle, 1994, S. 17). Folgerichtig sind zum Beispiel Beziehungen zwischen Eltern und Kindern weniger reziprok als Freundschaften (vgl. ebd.).

2.1.2 Funktionale Merkmale

„Die funktionalen Merkmale kennzeichnen soziale Netzwerke als sich selbsterhaltende bzw. -regulierende Systeme.“ (ebd.) Als regulative Merkmale sind die soziale Unterstützung und die soziale Kontrolle zu nennen. Unter sozialer Unterstützung wird die Pflege sozialer Beziehungen verstanden. Eingeschlossen sind hier Hilfestellungen gegenüber Mitgliedern des sozialen Netzwerkes bei der Meisterung des alltäglichen Lebens. Ressourcen, die dabei über sozial-interaktive Prozesse transportiert werden, sind Informationen, materielle oder immaterielle Hilfeleistungen (vgl. ebd.). Nach Ansicht von Neyer wird das Konzept der sozialen Unterstützung häufig in einem Atemzug und ohne klare Abgrenzung mit dem des sozialen Netzwerks verwendet. Dies hat zur Folge, dass soziale Unterstützung als eine Größe abgeleitet wird und so ihre Bedeutung als funktionelles Merkmal von sozialen Netzwerken verliert (Neyer, 1994, S. 25). Das Merkmal der sozialen Kontrolle wird im Gegensatz zur sozialen Unterstützung selten verwendet und findet nur wenig Beachtung. Vor allem trägt es zur Stabilisation von sozialen Gefügen bei und „[...] sorgt dafür, daß Vorgaben und Restriktionen beachtet und Abweichungen sanktioniert werden.“ (Röhrle, 1994, S. 18).

2.1.3 Morphologische Merkmale

„Im Gegensatz zur Charakterisierung einzelner sozialer Beziehungen werden strukturelle Merkmale sozialer Netzwerke genutzt, um die Morphologie [formale Struktur] des jeweils gesamten sozialen Gefüges zu beschreiben.“ (Röhrle, 1994, S. 18, eigene Hervorhebungen). Die Größe, Dichte, Erreichbarkeit und Zentralität sind wichtige morphologische Merkmale sozialer Netzwerke. Mit der Hilfe von Cluster/Cliquen und Sektoren/Zonen werden Teilgruppen in sozialen Gefügen bestimmt. Während die Netzwerkgröße, je nach Netzwerkedefinition, durch die Zahl der sozialen Elemente bestimmt wird, leitet sich die Dichte aus der Zahl der Verbindungen zur Menge der potentiell möglichen ab (vgl. ebd., S. 19). Für die Berechnung der Dichte werden aus diesem Grund nur vollständige Netzwerke betrachtet. „Je größer die Variabilität der Kontexte (Verwandte, Freunde, Nachbarn, Kollegen), desto geringer die Dichte der Netze.“ (Pfenning & Pfenning, 1987 zit. In: Neyer, 1994. S. 27). Bei der Erreichbarkeit gibt es unterschiedliche Definitionsansätze. In der Regel wird jedoch ausgedrückt, wie schnell und unmittelbar ein Element ein anderes innerhalb des sozialen Netzwerks erreichen kann. Häufig findet man auch den Begriff der ‚räumlichen Nähe’, da davon ausgegangen werden kann, dass eine geringe Wohnentfernung eine hohe Kontakthäufigkeit bedeutet. Cluster und Cliquen sind Teilgruppen sozialer Netzwerke. Verfügen Netzwerkteile über eine vergleichbar große Dichte, werden sie als Cluster bezeichnet. Cliquen hingegen weisen eine Dichte von nahezu 100% auf. Sektoren als auch Zonen sind normativ definierte Untereinheiten wie Freund- oder Verwandtschaften (Röhrle, 1994, S. 21). In diesem Forschungsbericht kann nur eine kleine Auswahl an Netzwerkmerkmalen betrachtet werden. Hierzu gehört vor allem die Größe emotionaler Netzwerke. Inwieweit die Qualität der Umsetzung den bekannten Erhebungskonzepten gerecht werden kann, wird in den weiteren Betrachtungen dargelegt.

2.2 Forschungsstand

„Das Netzwerkkonzept wird häufig mit einer Funktion, die soziale Netzwerke haben können, gleichgesetzt: Soziale Unterstützung.“ (Röhrle, 1987, S. 61). Vor allem in gesundheitsbezogenen Netzwerkforschungen ist oftmals die Rede von Unterstützungsleistungen, die als Puffer gegen Belastungssituationen und drohenden Krisen wirken. Keupp und Röhrle nennen diese Puffer „unsichtbare Stützkonstruktionen“ und erläutern, dass in der Netzwerkforschung eindrucksvolle Befunde existieren, die diese Sichtweise untermauern. Nach Schenk (1984) und Schubert (1990) ist es möglich das Konzept der sozialen Unterstützung grob auf die zwei Dimensionen affektive und instrumentelle Unterstützung zu reduzieren (vgl. ebd.). „Zur affektiven Form der Unterstützung gehören „Bindung“, „Kontakt“, „emotionale Unterstützung“, „Selbstwertunterstützung“ und „kognitive Unterstützung“, während instrumentelle Formen sozialer Unterstützung aus „Informationen“, „finanziellen Hilfen“, „Sachleistungen“, „praktische Hilfen“ und „direkten Interventionen“ bestehen (Neyer, 1994, S. 58). Cobb (1976) sprach in diesem Zusammenhang von der Existenz eines „sozialen Immunsystems“ (Röhrle, 1994, S. 73). Ob Lebenszufriedenheit ein entscheidendes Resultat von starken „sozialen Immunsystemen“ ist, wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Auch die Größe von Netzwerken spielt in dieser Diskussion eine wichtige Rolle. So beschreibt Deindl (2005), dass in seinen Untersuchungen ein genereller positiver Einfluss von Netzwerken auf Lebenszufriedenheit ausgeschlossen werden kann, wenngleich enge soziale Beziehungen die Lebenszufriedenheit positiv beeinflussen (Deindl, 2005). Diesen Ansatz unterstützt auch Layard (2004) in dem er die Gemeinschaft als „Glückbringer“ gegen den absoluten Individualismus verteidigt (vgl. Layard, 2004 zit. In: Helbig et al., 2006, S. 237). Weiterführend sind Schulz und Rau (1985) zu nennen, die feststellten, dass Interaktionen mit Freunden eher die Lebenszufriedenheit steigern als Interaktionen mit Familienmitgliedern (vgl. Hollenstein, 2002, S. 42). Bezugnehmend auf die Netzwerkgröße postulieren Helbig et al., dass je größer ein soziales Netzwerk ist, desto mehr Personen potentiell unterstützend zur Verfügung stehen (vgl. Helbig et al., 2006, S. 239). Schäfers stellt aus den Forschungen von Cummins et al. eine Beziehung zwischen Lebenszufriedenheit und Haushaltsstruktur dar und verdeutlicht, dass Personen, die mit einem Partner bzw. einer Partnerin zusammenleben in der Regel die eigene Lebenszufriedenheit höher einschätzten als Personen ohne Partner bzw. Partnerin (vgl. Cummings et al., zit. In: Schäfers, 2007, S. 54 f.). Weiter scheinen, nach Chapman und Pancoast (1985), Hilfen von intimen Bezugspersonen weitaus vielfältiger zu sein. „Generell betrachtet, sind intimitätsstiftende Formen der sozialen Unterstützung für den Erhalt der Gesundheit von größter Bedeutung. Dies läßt sich besonders gut durch entsprechende Verlusterlebnisse nachweisen.“ (Röhrle, 1987, S. 94). Hier scheint es auch gravierende Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu geben. So führt Neyer beispielsweise die Studie von Perlman (1988) an, die verdeutlicht, dass bei Männern die Lebenszufriedenheit als auch die Einsamkeit stark von der wahrgenommen Qualität der Beziehung mit der Partnerin abhängt. Folgt man den Studien von Diewald (1991) ist für Männer nicht einmal die Qualität der Beziehung entscheidend, um einen positiven Effekt zu erzielen, sondern schon die alleinige Tatsache in einer Partnerschaft eingebettet zu sein. Ergänzend sind die Ergebnisse von Bien und Marbach (1991), in denen Frauen über wesentlich größere Netzwerke verfügen als Männer und oftmals die Qualität ihrer Beziehungen in den Vordergrund rücken (Neyer, 1994, S. 66). In einer Längsschnittstudie von Baas (2008), wurde in unterschiedlichen Lebensformen festgestellt, dass soziale Netzwerke besonders für die Befriedigung von emotionalen Bedürfnissen herangezogen werden. „In den Netzwerken der verschiedenen Lebensformen ist im Durchschnitt aller Lebensformen etwa die Hälfte der Netzwerke (u.a. auch) für die Befriedigung emotionaler Bedürfnisse zuständig.“ (Baas, 2008, S. 167 f.). Den wissenschaftlichen Ausführungen zufolge besteht zwar keine Einigkeit über den Zusammenhang von Größe eines Netzwerkes und der Lebenszufriedenheit, dennoch ist durchaus eindeutig beschrieben worden, dass vor allem enge und emotionale Kontakte, innerhalb von sozialen Netzwerken, die größten positiven Effekte auf die Lebenszufriedenheit und -qualität haben. Allerdings warnt Neyer davor, dass Einsamkeit - eine Determinante für Unzufriedenheit - auch entstehen kann, wenn Menschen in sozialen Netzwerken eingebunden sind (Neyer, 1994, S. 66). In dem vorliegenden Bericht wird das Konstrukt Lebenszufriedenheit unter dem Einfluss verschiedener Variablen mit unterschiedlichen bivariaten Analysen geprüft. Darüber hinaus werden mit Hilfe einer logistischen Regression die Chancenverhältnisse zwischen den Untersuchungsgruppen betrachtet.

2.3 Hypothesenableitung

„Bei der Lebenszufriedenheit handelt es sich [nach Schilling und Wahl (2002)] um ein ‚multiaspektivisches Konstrukt (...), in dem affektive Komponenten von subjektiver Beurteilung eigener objektiver (ökonomischer, sozialer, gesundheitlicher) Lebensbedingungen zu unterscheiden sind’ [...].“ (Deindl, 2005, S. 5 eigene Hervorhebungen). Dieser Definition zufolge wird die Variable Lebenszufriedenheit von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst und kann nicht allein von der Einbettung in soziale Netzwerke abhängig gemacht werden. Allerdings wurde in den vorangegangenen Kapiteln ausführlich darauf verwiesen, dass eine enge und emotionale Integration in soziale Netzwerke als soziale Unterstützung verstanden werden kann und diese zu einer Erhöhung der Lebenszufriedenheit führt (vgl. Neyer, 1994; Röhrle, 1987). Aus diesen Annahmen erschließt sich die Hypothese 1 (H5), dass emotionale soziale Netzwerke die Lebenszufriedenheit von Individuen beeinflussen. Weiter wird in diesem Bericht geprüft, ob das Geschlecht einen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit ausübt (H1). Gleichermaßen wird die Einbindung in das soziale Umfeld (H4), das Alter (H2) und der Bildungsstand (H3) auf einen Zusammenhang mit dem Konstrukt Lebenszufriedenheit analysiert. Um die Gestaltung der Hypothesen im Sinne eines Chi ²-Signifikanztests zu verdeutlichen, werden die genannten Hypothesen als Nullhypothesen formuliert, die es gegebenenfalls zu falsifizieren gilt (vgl. Bentele / Brosius / Jarren, 2013, S. 317). Bei ermittelter Ablehnung der Nullhypothese wird die Annahme der Alternativhypothese akzeptiert (Diekmann, 2012, S. 705). Mit Hilfe des Chi²-Signifikanztests wird getestet, „[...] ob sich ein Ergebnis von der Stichprobe auf die Grundgesamtheit verallgemeinern lässt.“ (Bentele et al. 2013, S. 317). Vorab wird jedoch eine deskriptive Datenauswertung einen ersten Überblick über die Variablen ermöglichen. Um die Lesbarkeit der Hypothesen im Hinblick auf die logistische Regression zu vereinfachen, werden die Hypothesen unter der folgenden Aufzählung bereits in der entsprechenden Reihenfolge des logistischen Modells aufgeführt. Für diesen Forschungsbericht ergeben sich somit folgende Null- und Alternativhypothesen, wobei H0x jeweils die Nullhypothese und HAy die Alternativhypothese verdeutlicht:

[...]

Details

Seiten
34
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668211124
ISBN (Buch)
9783668211131
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321659
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,0
Schlagworte
soziale netzwerke lebenszufriedenheit einfluss

Autor

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Titel: Soziale Netzwerke und Lebenszufriedenheit. Der Einfluss "emotionaler" sozialer Netzwerke