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Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen". Eine Übersicht zu Themen und Motiven

Hausarbeit 2013 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Informationen zum Autor

2 .Allgemeine Thematik und Inhaltsangabe des Werkes Frühlings Erwachen

3. Bestimmte Themen und Motive
a. Definition von Thema:
b. Definition von Motiv:
3.1. Kopflosigkeit
3.2. Sexualität
3.3. Wendlas Tod
3.4. Skepsis und Sinn des Lebens
3.5. Erziehungsmethoden der Eltern und Lehrer
3.6. Alternativen zur „veralteten“ Erziehungsmethode
3.7. Zukunft – repräsentiert durch die Botschaft des vermummten Herrn

4. Artikel „Über Erotik“

5. Zusammenfassung
Bibliographie
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Informationen zum Autor

Der Autor Frank Wedekind, der in Wirklichkeit Benjamin Franklin Wedekind heißt, ist am 24. Juli 1864 geboren und verstarb am 9. März 1918. Zu Lebzeiten hat er sich mit der Sexualität und den damaligen gesellschaftlichen Tabuthemen beschäftigt. Er hat viele bekannte Werke geschrieben und eines davon werde ich nun genauer erläutern. Der Name dieses Werkes lautet Frühlings Erwachen. Das Werk ist 1891 erschienen und hat den Untertitel „Eine Kindertragödie“, weil es die schlechte Situation von drei Jugendlichen, die erwachsen werden wollen, schildert.

2 .Allgemeine Thematik und Inhaltsangabe des Werkes Frühlings Erwachen

Im Buch geht es um die erwachende Sexualität in vielen Jugendlichen, ihrem Umgang mit diesen neuen Bedürfnissen, schulischem Druck und der Tatsache, dass die Eltern ihre Kinder nicht oder nur falsch aufklären, und sie mit ihren Ängsten und Schwierigkeiten alleine lassen. Die jungen Menschen fühlen sich unsicher und verwirrt und versuchen, die sich plötzlich verändernde Welt mit all den neuen Gefühlen und Stimmungen zu verstehen und darin ihren Platz zu finden. Das Werk besteht aus drei Akten. Im ersten Akt geht es um die Voraussetzungen, die benötigt werden, um die Handlungen im zweiten Akt und die daraus entstehenden Folgen im dritten Akt heranzuführen. Der erste Akt handelt von der sexuellen Orientierungslosigkeit der Jugendlichen und dem Druck in der Schule. Die sexuelle Orientierungslosigkeit führt im zweiten Akt schließlich zur Schwängerung Wendlas, der Druck in der Schule mündet sogar in den Selbstmord von Moritz. Im dritten Akt geht es um die unterschiedlichen Reaktionen der Erwachsenen auf die Geschehnisse des zweiten Aktes. Die Angst der Mutter, in der Öffentlichkeit einen schlechten Ruf zu haben, lässt sie anstelle der Schwangerschaft eine harmlos klingende Krankheit erfinden und opfert mit dieser Lüge und einer durchgeführten Abtreibung das Leben ihrer jugendlichen Tochter Wendla. Die Entscheidung von Melchiors Eltern, ihn aufgrund seines schlechten schulischen Verhaltens in eine Korrektionsanstalt einweisen zu lassen, führt dazu, dass auch er sich das Leben nehmen will. Allerdings kann er von einem vermummten Herrn davon abgehalten werden und neue Perspektiven in seinem Leben erkennen. Auf Grund von falscher Erziehung, Leistungsdruck der Schule und der Eltern und mangelnder Aufklärung durch die Familie gehen die Jugendlichen langsam zu Grunde. Eine offene Konversation in der Gesellschaft über Sexualität beziehungsweise Erotik ist Ende des 19. Jahrhunderts nicht möglich. Das Thema der Sexualität wird einfach totgeschwiegen und ist somit ein absolutes Tabu. Daher müssen zwei Jugendliche im Stück Frühlings Erwachen sterben.

3. Bestimmte Themen und Motive

a. Definition von Thema:

Ein Thema ist „die einem Text zugrundeliegende Problem- oder Gedankenkonstellation.“[1] Bei argumentativ-erörternden Texten ist es ein Leitgedanke und bei lyrischen Texten stellt das Thema eine abstrakte Grundkonstellation dar.[2]

b. Definition von Motiv:

Ein Motiv ist das „kleinste selbstständige Inhalts-Einheit oder tradierbares intertextuelles Element eines literarischen Werks.“[3] Es tritt meist in Verbindung mit anderen Motiven auf und wirkt textbildend und strukturierend. Wenn das Motiv immer und immer auftritt, spricht man vom sogenannten Leitmotiv.[4]

Bei diesem Werk gehen Themen und Motive teilweise ineinander über, daher habe ich mich aus pragmatischen Gründen dafür entschieden, die einzelnen Punkte getrennt voneinander aufzulisten. Mir ist jedoch klar, dass es sich dabei nicht um strikte Trennungen handelt, sondern diese Auflistung lediglich dem besseren Verständnis dient.

3.1. Kopflosigkeit

Die Jugendlichen in diesem Werk haben mit vielen Wirren zu kämpfen. Hier meine ich nicht nur die Tatsache, dass die Heranwachsenden sexuelle Erfahrungen sammeln möchten, sondern auch familiäre und schulische Probleme ihnen im Weg stehen. Es herrscht eine wahrhaftige Unruhe, die die Kinder nahezu in den Wahnsinn treibt. Ein zentrales Motiv, das Wedekind in seinem Werk verwendet, ist die Kopflosigkeit. Moritz wächst die Schule schön langsam über den Kopf. Nachts schläft er sogar manchmal mit dem Kopf über den Hausaufgaben ein. „Kurz nach drei muss ich abgeschnappt sein. Die Feder hat mir noch einen Klecks ins Buch gemacht.“[5] Er hat panische Angst davor, sitzen zu bleiben und nimmt sich vor, dass er ab sofort so viel arbeiten wird, bis ihm „die Augen aus dem Kopf herausplatzen“.[6] Er weiß nämlich genau, dass sein Vater bei einer schulischen Niederlage durchdrehen würde und auch seine Mutter mit ihren Nerven am Ende wäre. Als er wieder einmal auf dem Weg zur Schule ist und sich mental auf eine Prüfung einstellt, fällt ihm seine Großmutter ein, die ihm die Geschichte von der Königin ohne Kopf erzählt hat. Sie sprach von einer hübschen Königin, die unglücklicherweise ohne Kopf geboren wurde und somit die schönen Dinge des Lebens, wie zum Beispiel Küssen oder Lachen, nicht ausleben konnte. Sie konnte nur mit ihren Händen und Füßen regieren. Eines Tages, als sie von einem König, der zwei Köpfe besaß, besiegt wurde, erhielt sie einen seiner Köpfe und sie verliebten sich ineinander. Genau so ergeht es Moritz, wenn er ein schönes Mädchen erblickt. Er sieht es ohne Kopf und er hält es für möglich, dass auch ihm einmal ein Kopf aufgesetzt werden könnte.[7] Er verliert vor allem auch dann schnell den Kopf, wenn er schlechte schulische Erfahrungen macht. Auch seine Eltern handeln kopflos, denn sie wollen ihn in eine Korrektionsanstalt einweisen lassen. Aus genau diesen Gründen begeht der Junge schließlich Selbstmord.

Auch Melchior handelt kopflos, als er sich von Wendla überreden lässt, sie zu schlagen. Sie möchte nämlich wissen, wie sich ihre Freundin Martha fühlen muss, wenn sie zuhause regelmäßig geschlagen wird. Natürlich kann man das Ganze auch umgekehrt betrachten. Wendla handelt gleichfalls kopflos, da sie von Melchior verlangt, sie ordentlich zu verprügeln.[8] Ein weiteres Mädchen namens Ilse führt sich kopflos auf, denn sie schläft des Öfteren bei anderen Männern, bei Künstlern, die sie auch dazu bringen, mit ihnen Alkohol zu trinken und sie zu küssen[9] und findet das ganz normal. Die Gestalt der Ilse ist auf die von Heinrich Heines <Reisebild> angelehnte Personifizierung des Flüßchens zurückzuführen.[10]

Selbstverständlich gibt es noch weitere Gründe, die die Jugendlichen in gewisser Weise kopflos werden und in weiterer Folge handeln lassen. Der triste Schulalltag und die schülerfeindlichen Unterrichtsmethoden der damaligen Zeit sind schuld, dass die pubertierenden Jugendlichen die Freude am Lernen und am Leben verlieren. Die Angst zu versagen und die Eltern zu enttäuschen ist präsent und beeinflusst nachteilig die Leistungen der Schüler. Moritz droht sich sogar das Leben zu nehmen, im Falle, dass er die Klasse wiederholen muss. Das ist zwar nicht der Fall, jedoch begeht er später trotzdem Selbstmord und wird bei seiner Beerdigung auf Grund seines unmoralischen Verhaltens vom eigenen Vater verleugnet. Auch das ist eine kopflose Handlung. Kann schulischer Stress wirklich ausschlaggebend dafür sein, sich umzubringen? In Kombination mit der ständigen Angst vor der Reaktion der Eltern und den drohenden Konsequenzen womöglich schon. Hat ein Vater eigentlich das Recht, seinen eigenen Sohn am Grab zu verleugnen? Man sieht darin, wie sehr falsche Moral und Ansehen eine zentrale Rolle übernehmen. Auch sein Freund Melchior verliert fast den Kopf, als er von Wendlas Tod erfährt, auf den ich später noch genauer eingehen werde. Er beschließt daher, auch seinem Leben ein Ende zu setzen, weil er sich sicher ist, an ihrem Tod schuld zu sein. Es ist nicht einfach zu sagen, welcher der beiden Selbstmordgedanken eher nachzuvollziehen ist. Vielleicht wohl eher die Situation von Melchior, denn zu wissen, dass man eine Freundin auf dem Gewissen hat, muss schrecklich sein.

3.2. Sexualität

Die Sexualität und die damit verbundenen Gefühle und Gedanken bestimmen das Leben der Jugendlichen. Melchior und Wendla haben ja miteinander auf dem Heuboden geschlafen.[11] Die Sexualität spielt eine entscheidende Rolle in Frühlings Erwachen. Sie sind ihren natürlichen sexuellen Trieben nachgegangen und wussten im Prinzip gar nicht, was sie da gerade machen. Wendla ist bereits in einem Alter, in dem sie unbedingt wissen will, wie Babys entstehen. Sie ist neugierig und fragt ihre Mutter, woher Kinder denn kommen, schließlich hat ihre Schwester nun schon ihr drittes Kind zur Welt gebracht. „Gib mir Antwort – wie geht es zu? – wie kommt das alles? – Du kannst doch im Ernst nicht verlangen, dass ich bei meinen vierzehn Jahren noch an den Storch glaube.“[12] Die Mutter versucht der Frage irgendwie auszuweichen, doch Wendla gibt nicht auf und nach ewigem Hin und Her liefert ihr die Mutter nun folgende Erklärung: „Um ein Kind zu bekommen – muss man den Mann – mit dem man verheiratet ist … lieben – lieben sag ich dir – wie man nur einen Mann lieben kann! […] Man muss ihn so lieben, Wendla, wie du in deinen Jahren noch gar nicht lieben kannst … Jetzt weißt du’s.“[13] Wendlas Mutter, Frau Bergmann, will das heikle Thema Sexualität noch lange von ihrer Tochter fernhalten. Schon bei der ersten Szene, wo es darum geht, dass Wendla ein kurzes Kleid tragen möchte, ist die Mutter um die sittliche Reinheit ihrer Tochter besorgt und versucht sie zur Vernunft zu bringen und sie zu überzeugen, dass dieses „Prinzesskleidchen“[14] für ihr Alter unpassend ist. Die Mutter will verhindern, dass Wendla durch ihre Kleidung, die Blicke der Männer auf sich zieht. Weil die Schwester innerhalb von zwei Jahren drei Kinder geboren hat, hat sie wahrscheinlich „im fortgeschrittenen Schwangerschaftsstadium geheiratet, um eine uneheliche Geburt zu vermeiden.“[15] Dieser Fall bringt klar zum Ausdruck, dass es Frau Bergmann einzig und allein um die Wahrung des äußeren Scheins geht. Auf Grund der falschen sexuellen Aufklärung der Mutter ist Wendla während des Geschlechtsverkehrs mit Melchior also nicht einmal klar, dass sie womöglich schwanger werden könnte, denn Melchior sagt „Oh glaub mir, es gibt keine Liebe! – Alles Eigennutz, alles Egoismus! – Ich liebe dich so wenig, wie du mich liebst.“[16] Nicht nur Wendla spürt diese neuen Triebe in ihr, sondern auch Melchior und Moritz sprechen unverblümt über ihre bisherigen sexuellen Erfahrungen. Moritz erzählt von einem perversen Traum, in dem er sadistische Gefühle erwähnt. Die Lust einem anderen bewusst Schmerzen zuzufügen und dabei noch freudvolle Gefühle zu erleben, ist oft typisch in der Zeit der Geschlechtsreife. Diese Erzählung deutet darauf voraus, dass er Wendla schlagen muss bzw. darf.[17] Melchior scheint schon etwas reifer zu sein als Moritz, denn er sagt „Ich kenne das [männliche Regungen] nämlich schon lange!“[18] Auch die Buben Ernst und Hänschen Rilow kommen sich im Freien, in den Weinbergen, näher. Sie küssen sich und Ernst sagt „Ich wäre nicht ruhig geworden, wenn ich dich nicht getroffen hätte. – Ich liebe dich […]“[19] Die beiden sind homosexuell, obwohl die Liebe zwischen zwei Männern zu dieser Zeit undenkbar und verwerflich war. Ein weiterer sexueller Akt spielt sich ab, als sich Hänschen Rilow auf der Schultoilette selbstbefriedigt und sich seine Inspiration von einer Venus-Darstellung holt, die er anschließend im Klo herunterspült. Die Szene beginnt mit „Hast du zu Nacht gebetet, Desdemona?“[20] Er führt eine Art Scheingespräch mit dieser lockenden Dame. Dieses Zitat aus Shakespeares Drama <Othello> hat Wedekind bewusst gewählt, um darauf hinzuweisen, dass die Schüler nicht in der Lage sind, traditionelles Bildungsgut zu verarbeiten. Die Phantasie geht mit den Jugendlichen durch und sie missverstehen solche Szenen, weil ihnen die Wahrheit von den Eltern vorenthalten wird.[21] Wedekind will endlich Tabuthemen ansprechen. Ein Dokument zur Entstehungsgeschichte belegt das, indem er sagt „[…] ist eine That aus Instinkt dem Thäter doch in keiner Weise anzurechnen.“[22] Wedekinds Ausdrucksweise ist nie anstößig oder pervers, sondern er formuliert alles natürlich, weil es auch etwas ganz Natürliches ist.

[...]


[1] Müller, Jan-Dirk: Reallexikon der deutschen LITERATUR WISSENSCHAFT, S.634

[2] Vgl. Müller, Jan-Dirk: Reallexikon der deutschen LITERATUR WISSENSCHAFT, S.634

[3] Fricke, Harald: Reallexikon der deutschen LITERATUR WISSENSCHAFT, 638

[4] Vgl. Fricke, Harald: Reallexikon der deutschen LITERATUR WISSENSCHAFT, 638

[5] Wedekind, Frank: Frühlings Erwachen. Stuttgart 2012 (ab sofort abgekürzt mit FE) S.28

[6] FE, S.28

[7] Vgl. FE, S.30

[8] Vgl. FE, S.26

[9] Vgl. FE, S. 46-47

[10] Wagener, S.73

[11] Vgl. FE, S.40-41

[12] FE, S.35

[13] FE, S.37

[14] FE, S.7

[15] Wagner, Hans: Frank Wedekind: Frühlingserwachen. Stuttgart: Reclam 1985. Erläuterungen und Dokumente (ab sofort abgekürzt mit Wagner) S.20

[16] FE, S.41

[17] Vgl. Wagener, S.9

[18] FE, S.12

[19] FE, S.73

[20] FE, S.37

[21] Vgl. Wagener, S.21

[22] Wagener, S.84

Details

Seiten
11
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668209756
ISBN (Buch)
9783668209763
Dateigröße
684 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321608
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Institut für Germanistik
Note
sehr gut
Schlagworte
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