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Darstellung und Vergleich der Positionen von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer zur Thematik von Ehe und Sexualität

Hausarbeit 2012 26 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Karl Barth
2.1 Voraussetzungen für die Ehe
2.1.1 Liebe
2.1.2 Die göttliche Berufung
2.1.3 Der richtige Zeitpunkt
2.1.4 Gleichartigkeit der Interessen
2.2 Verhalten in der Ehe
2.2.1 Ehepartner als Mitmensch
2.2.2 Der Bund Gottes
2.2.3 Ehebruch
2.2.4 Gleichberechtigung der Frau und die geschlechtliche Differenzierung
2.2.4.1 Exkurs: Charlotte von Kirschbaum
2.2.5 Sexualität
2.2.6 Fortpflanzung

3. Dietrich Bonhoeffer und Vergleich der beiden Positionen
3.1 Ehe
3.1.1 Verhältnis von Ehe und Liebe
3.1.2 Ehe als ein göttliches Mandat
3.1.3 Ehescheidung
3.1.4 Ordnung
3.2 Sexualität und Fortpflanzung
3.2.1 Sexualität
3.2.1.1 Zusammenhang Sexualität und Erbsünde
3.2.1.2 Das Recht auf leibliches Leben
3.2.1.2.1 Exkurs: Maria von Wedemeyer
3.2.2 Fortpflanzung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In vorliegender Erarbeitung sollen an ausgewählten Gesichtspunkten die Sichtweisen der bekannten Theologen des 20.Jahrhunderts Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer zum Thema Ehe und Sexualität vorgestellt und - soweit es geht - verglichen werden. Interessant ist diese Betrachtung unter anderem, da beide einen Einfluss auf die jüngere Geschichte des deutschen Protestantismus haben.

Karl Barth (10.5.1886 (Basel) - 10.12.1968 (ebd.)) war es ein Anliegen, eine ethische Urteilsbildung im Zusammenhang mit Dogmatik zu sehen, noch mehr sogar: Die Ethik sollte seiner Meinung nach aus der Dogmatik heraus begründet werden. Das Wort Gottes also liegt als Basis für die Ethik zugrunde und dies eben auch bei Themen wie Sexualität und Ehe.

Auch für Dietrich Bonhoeffer (04.02.1906 (Breslau) - 09.04.1945 (Flossenbürg)) war die Schrift die Basis seiner Überlegungen. Er widmete der Thematik der Ethik vielerlei Überlegungen und verfasste zahlreiche Fragmente für sein gleichnamiges Werk. Dieses konnte er allerdings vor seiner Inhaftierung nicht fertigstellen oder veröffentlichen, was ihn während seiner Gefängniszeit schwer belastete. Für Bonhoeffer bedeutete Ethik der Versuch, „gewonnene Erkenntnisse und erlittene Erfahrungen in ein gegenwartsbezogenes theologisches Konzept münden zu lassen.“1

2. Karl Barth

„Eine der wichtigsten und folgenschwersten Lebensbeziehungen ist das Verhältnis der Liebe und Ehe zwischen Mann und Weib. Es dient dem Zweck der innigsten Gemeinschaft, die es unter Menschen giebt, damit zugleich aber dem Zweck der Fortpflanzung und höhern Entwicklung der Menschheit. Ohne diese beiden Zwecke wird es zu einer bloßen Befriedigung der tierischen Selbstsucht d.h. zur Sünde. Aus diesen beiden Zwecken aber ergiebt sich, was für eine rechte Liebe und Ehe nötig ist:

Ernsthaftigkeit der Absichten, Reife des innern Lebens, eine gesicherte äußere Lebensstellung, gegenseitige Hochachtung [,] Hingebung und Treue und darum zuletzt und zuoberst: gemeinsamer Gehorsam gegen den Willen Gottes, den wir auch in der Liebe, in der Ehe und unsern Kindern gegenüber zu bewähren haben.“2

In diesem Zitat von Karl Barth wird bereits das Augenmerk auf die Kernthesen seiner Argumentation bezüglich Ehe, Liebe und Sexualität gelegt, die ich im Folgenden nach bestimmten Schwerpunkten gegliedert erläutern möchte. Es bietet sich an, die Zweiteilung in Voraussetzungen für die Ehe und Verhalten in der Ehe vorzunehmen.

2.1 Voraussetzungen für die Ehe

2.1.1 Liebe

Zunächst eine Definition von Ehe nach Barth:

„Wir definieren sie vorläufig als die Gestalt der Begegnung von Mann und Frau, in der diese durch den freien, durch beiderseitige und zusammentreffende Liebeswahl geleiteten Entschluß eines bestimmten Mannes und einer bestimmten Frau zur verantwortlich eingegangenen, völligen, dauernden, ausschließlichen Lebensgemeinschaft dieser beiden Menschen wird.“3

Die - wie es scheint - wichtigste Voraussetzung für eine Ehe ist für Karl Barth die rechte Liebe: „Alles kommt darauf an, daß sie nach allen Seiten da ist […]“4. Der Wert der Ehe macht sich an der Wahrheit und Beständigkeit der Liebe fest. Sie äußert sich in Achtung, Hingabe, Vertrauen und Treue.

Gott allerdings ist es, der die Liebe schenkt. Barth trifft infolgedessen die Unterscheidung zwischen einer Ehe als Lebensgemeinschaft und einer Ehe als Rechtsinstitution. Er betont, dass sich vieles Liebe nennt, obwohl es gar keine Liebe ist und deshalb die Liebe auf ihren Echtheitsgehalt überprüft werden muss: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, […]“5.Wäre die Liebe nicht recht, dann würde die Ehe zu einer Veräußerlichung (z.B. zu einer Konventions- oder Geldehe) und somit zum Ehebruch werden. Barth möchte jedoch nicht die institutionelle Seite der Ehe abwerten, denn für das Zusammenleben der Liebenden ist diese Seite der Ehe substanziell, da sie zum einen ein Bekenntnis darstellt und zum anderen eine öffentliche Bestätigung ist. Allerdings nennt Barth es „eine greuliche alte Irrlehre, daß Ehe gleichbedeutend sei mit Heirat, Heirat mit Ehe“6. Das heißt also, dass Heirat nicht schon Ehe macht. Denn es können zwei Menschen verheiratet sein und trotzdem nicht in einer Ehe leben, genauso wie zwei unverheiratete Menschen unter dem Gesetz der Ehe leben können. Ergänzend betont Barth (besonders seinen Konfirmanden gegenüber), dass Liebe keine Spielerei ist und ernst gemeint sein muss, denn in der Liebe behauptet oder verliert sich die Würde des Menschen.

2.1.2 Die göttliche Berufung

Eine weitere Voraussetzung ist für Barth, dass das Zustandekommen einer Ehe auf einer göttlichen Berufung basieren muss, da Gott es ist, der die Liebe schenkt. Deshalb kann der Mensch den Vollzug der Ehe nicht an menschliche Institutionen knüpfen. Das Ehepaar muss sich diesen göttlichen Bezug bewusst machen und ihre Liebe allein auf Ihn, nicht aber auf irgendwelche menschlichen Garantien, gründen. Denn ‚Gott allein ist der einzige feste Anker der Ehe‘.

Des Weiteren darf dort, wo die Ehe auf einer göttlichen Berufung basiert, der Mensch diese nicht scheiden7. Dies begründet er beispielsweise mit Mt 19, 6: „So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!“8. Wenn die Ehe allerdings auf einer menschlichen Fügung basiert, kann es nach Barth angemessen sein, eine solche aufzulösen.

2.1.3 Der richtige Zeitpunkt

Des Weiteren sollte die Ehe nach Barth nicht in einem zu frühen Alter geschlossen werden, da daraus unglückliche oder „[k]indische Ehen“9 resultieren können. Die „Reife des innern Lebens ist Voraussetzung“10 für eine gelingende Ehe. Denn es fehle nach Barth in jungen Jahren an Zucht und Ordnung und an ausreichender Lebenserfahrung. Diese Eigenschaften sollen und können nur in einem einsamen Leben gelernt werden. Außerdem ist eine auch in finanzieller Sicht gesicherte Stellung notwendig, denn „[e]s ist ein Verbrechen gegen die Gesellschaft, zu heiraten und Kinder zu haben ohne Garantie für ihre Existenz“.11

2.1.4 Gleichartigkeit der Interessen

Als eine letzte Voraussetzung ist noch zu nennen, dass Barth eine gewisse Gleichartigkeit der beiden Ehepartner in ihren Interessen, ihrer Bildung und ihrem Stand als wichtig erachtet. Aber auch bzw. gerade bei Unterschieden sollen sich die beiden darum bemühen, einen fruchtbaren Austausch stattfinden zu lassen.

2.2 Verhalten in der Ehe

2.2.1 Ehepartner als Mitmensch

Grundsätzlich weist Karl Barth darauf hin, dass man jeden Menschen, und somit auch besonders den Ehepartner, als Mitmenschen verstehen muss:

„Das ist sicher: Es ist die Frau dem Mann, der Mann der Frau in eminentem Sinn der andere Mensch, der Mitmensch […]“12

Die Fragen, die in einer Ehe auftreten, sind innerhalb dieses Rahmens zu beantworten. Es lässt sich aber keine feste Norm für spezielle Fragestellungen finden, sondern nur im Blick darauf, was das Wort Gottes über Mann und Frau in allen Bereichen sagt und was sein Gebot fordert. Gottes Gebot fungiert als ein ethisches Kontinuum.

Außerhalb des Christlich-Sittlichen gibt es für Barth keine Ethik (wie z.B. eine philosophische Ethik o.ä.). Die Norm also kann nur eine dynamische sein, da die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen auch eine solche und Gott eben ein Gott der Beziehungen ist, kein - wie Barth es nennt - Deus solitarius:

„Humanität, die besondere natürliche Art des menschlichen Seins ist in ihrer Wurzel eben Mitmenschlichkeit. Menschlichkeit, die nicht Mitmenschlichkeit wäre, wäre Unmenschlichkeit, Inhumanität. Wie sie denn auch der Bestimmung der Menschen zu Gottes Bundesgenossen nicht entsprechen, sondern nur widersprechen, wie denn auch Gott, der kein Deus solitarius, sondern der Deus triunus, Gott der Beziehung, ist, sich in einem homo soltarius nicht wiedererkennen könnte“.

2.2.2 Der Bund Gottes

Die Grundlage aller Schöpfung ist bei Barth der Bund Gottes mit den Menschen. In gleicher Weise, wie der Mensch Gott in einer bestimmten Haltung, die bestimmte Attribute fordert, begegnen soll, soll der Mensch dies auch den anderen Menschen gegenüber tun. In diesen Attributen äußert sich eine sittliche Liebe. Als Beispiele führt Barth an: Achtung, Hingabe, Vertrauen und Treue. Aufgrund dieses Gedankens des Bundes gelingt es Barth zu sagen:

„[D]er Mensch handelt gut, sofern er christlich handelt. Christlich heißt: als Einer, der weiß, daß Gott sich seiner in Jesus Christus angenommen, daß in Jesus Christus als dem ewigen Wort Gottes über ihn Beschluß gefaßt und daß er durch Jesus Christus als das in der Zeit gesprochene Wort Gottes in den Bund mit ihm gerufen ist.“13

Die Geschlechterbeziehung ist also eingebunden in ein Sein in Mitmenschlichkeit und in einen Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat. Barth führt zu dieser Thematik auch ausführlich den Bund aus, den JHWH mit dem Volk Israel geschlossen hat und vergleicht diesen mit einer Ehe zwischen Mann und Frau.

2.2.3 Ehebruch

Der Ehebruch - und damit nimmt Barth Bezug auf das siebte Gebot des Dekalogs - „ist die höchste Lieblosigkeit“14. Hält das Ehepaar dieses Gebot Gottes, dann schützt es die Heiligkeit der Ehe. Ehebruch allerdings ist ein Zeichen, dass die Liebe eine Unwirkliche war. Er führt hier einen Vergleich zu Mt 13,1-9, besonders Vers sieben, an: Genauso wie die Dornen mit dem Samen mitgewachsen sind und das Saatgut erstickten, so wird sich auch die unechte Liebe eines Tages rächen. Er geht so weit zu sagen, dass bereits die Tatsache, dass eine Ehe ohne rechte Liebe eingegangen wurde, eine Sünde und Ehebruch ist.

2.2.4 Gleichberechtigung der Frau und die geschlechtliche Differenzierung

Für Karl Barth war es des Weiteren ein Anliegen, der Frau Gleichberechtigung zu verschaffen, auch wenn er die Konventionen seiner Zeit nie ganz überwand. Er selbst sah die Frau als dem Mann gleichberechtigt an und appellierte an die Männer, ihre Frau nicht als ein Spielzeug zu missbrauchen. Sie sei ein „vor Gott gleichberechtigter Mensch“15. Der Mann soll also seinen natürlichen Trieb nicht hemmungslos an ihr ausleben, denn das verletze die Würde der Frau und somit auch die des Mannes. Ihr gebührt außerdem Ehrfurcht, da sie Mutter ist.

„Der Mann redet gegen sich selbst, wenn er die Frau als ein Wesen geringerer Art beurteilt und behandelt; denn ohne ihre Schwäche und Nachfolge, die ihn dazu veranlassen könnte, könnte und würde er selber nicht Mann sein können.

[...]


1 Dietrich Bonhoeffer: Ethik, Ilse Tödt u.a. (Hrsg.)., DBW Bd. 6, Eberhard Bethge u.a. (Hrsg.), München 3 2010, 8 künftig abgekürzt als: DBW Bd.6, Ilse Tödt u.a. (Hrsg.), München 3 2010

2 Karl Barth: Konfirmandenunterricht 1909-1921, Jürgen Fangmeier (Hrsg.), Karl Barth Gesamtausgabe, im Auftrag der Karl Barth-Stiftung, Hinrich Stoevesandt (Hrsg.), I. Predigten, Zürich 1987, 96f; künftig abgekürzt als: Karl Barth: Konfirmandenunterricht 1909-1921, Jürgen Fangmeier (Hrsg.), Zürich 1987

3 Karl Barth: Die Lehre von der Schöpfung, Bd.3/4, Karl Barth: Die Kirchliche Dogmatik (KD), Zürich 31969, 155; künftig abgekürzt als: Karl Barth: KD III/4, Zürich 31969

4 Karl Barth: Konfirmandenunterricht 1909-1921, Jürgen Fangmeier (Hrsg.), Zürich 1987, 97f

5 Barth nutze dies Zitat aus Friedrich von Schillers Gedicht „Das Lied von der Glocke“, Vers 91, in seinen Ausführungen

6 Karl Barth: KD III/4, Zürich 31969, 253

7 auch wenn das Thema Scheidung keine Voraussetzung für die Ehe ist, habe ich dieses Thema hier eingefügt, da ein direkter Bezug zur göttlichen Berufung besteht

8 in dieser Erarbeitung wurde benutzt: Die Bibel mit Apokryphen nach Martin Luther von 1984, Stuttgart 1999

9 Karl Barth: Konfirmandenunterricht 1909-1921, Jürgen Fangmeier (Hrsg.), Zürich 1987, 97

10 ebd.

11 Karl Barth: Konfirmandenunterricht 1909-1921, Jürgen Fangmeier (Hrsg.), Zürich 1987, 97

12 Karl Barth: KD III/2, Zürich 21959, 347

13 Karl Barth: Die Lehre von Gott, Bd.2/2, Karl Barth: Die Kirchliche Dogmatik (KD), Zürich 41959, 607; künftig abgekürzt als: Karl Barth: KD II/2, Zürich 41959

14 Karl Barth: Konfirmandenunterricht 1909-1921, Jürgen Fangmeier (Hrsg.), Zürich 1987, 31f

15 Karl Barth: Konfirmandenunterricht 1909-1921, Jürgen Fangmeier (Hrsg.), Zürich 1987, 97

Details

Seiten
26
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668209497
ISBN (Buch)
9783668209503
Dateigröße
799 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321514
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Schlagworte
darstellung vergleich positionen karl barth dietrich bonhoeffer thematik sexualität

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Titel: Darstellung und Vergleich der Positionen von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer zur Thematik von Ehe und Sexualität