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Christian Schärf über den Essayisten Herman Grimm. Ist sein negatives Urteil gerechtfertigt?

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Christian Schärfs‘ Thesen
2.1 Erste These: Grimm erfasst die innovative Dimension Ralph Waldo Emersons nicht bzw. zu einseitig
2.2 Zweite These: Grimm setzt sich nicht kritisch genug mit Emerson auseinander
2.3 Dritte These: Grimm ist inkonsistent
2.4 Vierte These: Ein Eingeständnis zugunsten Grimms: Grimm erkennt eine bestimmte Schreibweise bei Emerson
2.5 Fünfte These: Grimm huldigt einem zurückgelegenen Künstlertum
2.6 Sechste These: Grimm kann sich nicht von alten Bildungsgütern lösen
2.7 Verdeutlichung durch Kontrastierung zu Nietzsche

3. Diskussion der Thesen Schärfs
3.1 Zur ersten These: Grimm erfasst die innovative Dimension Ralph Waldo Emersons nicht bzw. zu einseitig
3.2 Zur zweiten These: Grimm setzt sich nicht kritisch genug mit Emerson auseinander
3.3 Zur fünften These: Grimm huldigt einem zurückgelegenen Künstlertum
3.4 Zur sechsten These: Grimm kann sich nicht von alten Bildungsgütern lösen
3.5 Sonstiges

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es ist nicht leicht, das Bildnis Herman Grimms zu zeichnen.“1

„Schon zu Lebzeiten galt Herman Grimm als eine widerspruchsvolle Figur.“2

In der vorliegenden Erarbeitung soll das Urteil von Christian Schärf (geb. 19603 ) gegenüber dem Essayisten Herman Grimm (18284 -19015 ), Sohn von Wilhelm Grimm6, diskutiert werden. Denn Schärf urteilt negativ, wenn er in Geschichte des Essays7 Grimm als einen konservativen, rückblickenden und sehr an Goethe und der Vergangenheit orientierten Autor beschreibt8. Schärf diskutiert Grimm vor allem aufgrund von Grimms Auseinandersetzung mit und Verehrung von Ralph Waldo Emerson (1803-1882), der als literarisches und intellektuelles Vorbild Grimms bezeichnet werden kann9. Es wurde Sekundärliteratur über Grimm, aber auch Primärliteratur von Grimm zu Rate gezogen, um Schärfs Urteil diskutieren zu können. Wie jedoch bereits die einleitenden Zitate zeigen sollen: Es ist nicht einfach, ein eindeutiges Bild von Herman Grimm zu gewinnen.

2. Christian Schärfs Thesen

In diesem ersten Kapitel sollen nun die verschiedenen Thesen und Kritikpunkte, die Schärf über Grimm aufführt und die ihn auf sein Urteil schließen lassen, dargelegt werden. Dazu soll bemerkt werden, dass - auch wenn es den Anschein erweckt - nicht alle Thesen streng voneinander zu trennen sind, da sie miteinander zusammenhängen.

2.1 Erste These: Grimm erfasst die innovative Dimension Ralph Waldo Emersons nicht bzw. zu einseitig

In einer ersten These beschreibt Schärf seine Beobachtung einer „verdünnende[n] Wirkung des Enthusiasten [Grimm] als Rezipient [Emersons]“10. Grimm erfasst die innovative Dimension Emersons - nämlich „[d]as religiös inspirierte Ganzheitsdenken“11 - wenn dann nur in einem Sinne, nämlich dem „einer messianischen Botschaft für das Elend des Stubengelehrten“12. Denn Grimm gibt „[d]as religiös inspirierte Ganzheitsdenken Emersons“13 nur „in Bildern einer schwer erträglichen Sozialromantik“14 wieder. Schärf stellt sogar grundsätzlich in Frage, ob Grimm die innovative Dimension Emersons überhaupt erfasst („Wenn Grimm die innovative Dimension Emersons erfaßt, […].“15 ).

Grund für die oben beschriebene verdünnende Wirkung ist, dass „sich die stilistische Selbstbegeisterung des Essayisten über den klaren Blick für die Realität“16 stülpt. D. h. Grimm ist zu begeistert und überzeugt von Emerson für sein eigenes Anliegen, um das gesamte Ausmaß, was Emerson meinen bzw. wie Emerson wirken könnte, zu fassen. Grimm ist in dem Sinne blind17 und sieht in Emerson nur das, was er sehen möchte.

2.2 Zweite These: Grimm setzt sich nicht kritisch genug mit Emerson auseinander

Grimm flüchtet „sich in den Rausch des kulturbegeisterten Neuerers, der seinen lebenslänglichen Bildungsweg endlich im Essay und seinen Implikationen künstlerisch gerechtfertigt sieht“18. Grund dafür ist, dass er hofft, durch Emersons Essay „die Kluft zwischen Literatur, Wissenschaft und Wirklichkeit überbrükken zu können, […]“19.

Grimm scheint sich nach Schärf20 nicht kritisch genug (vgl. die Wortwahl Schärfs: „Rausch“) mit Emerson auseinanderzusetzen und sieht in dem Essay Emersons eine Möglichkeit, ein lang erstrebtes Ziel zu erreichen. Wiederum schiebt sich also Grimms Begeisterung über seinen klaren Blick.

2.3 Dritte These: Grimm ist inkonsistent

Schärf konstatiert des Weiteren folgenden Widerspruch: „Grimm argumentiert gegen die Auswüchse des Historismus, nur um selbst dessen epigonale Verschrobenheit auf der Ebene der Prophetie wieder aufzunehmen.“21 Grimm schraubt außerdem „den autochtonen Ansatz Emersons auf das Niveau einer Kulturschriftstellerei herunter, die gerade auf das akademisch- bildungsbürgerliche Publikum als Leserschicht abzielt, von dem sie sich indirekt distanziert“22.

Schärf kritisiert hier also, dass sich bei Grimm in gewissen Hinsichten eine Inkonsistenz finden lässt. So bemängeln er beispielweise etwas, was er jedoch selbst vertritt.

2.4 Vierte These: Ein Eingeständnis zugunsten Grimms: Grimm erkennt eine bestimmte Schreibweise bei Emerson

Schärf räumt jedoch auch ein, dass Grimm durchaus in Emersons Arbeiten etwas Charakteristisches erkannt hat23: Nämlich, dass die innovative Tendenz in Emersons Schriften mit einer bestimmten Schreibweise zusammenhängt, einer Schreibweise, „die eine gleichsam direkte Ansprache an den Leser impliziert.“ In einer Metapher - Grimm wurde durch Friedrich Hebbel als ein „Meister der Metapher“24 bezeichnet25 - fasst Grimm am Ende seines Essays Ralph Waldo Emerson diese Schreibweise folgendermaßen zusammen:

„[…] [Emerson] schreibt nicht, er scheint zu sprechen; zuerst sieht man keinen Plan, keine Ordnung, und sucht verwundert nach dem inneren Zusammenhange dieser Sätze die alle so abgerissen und fremd neben einander zu stehen scheinen und doch eine so fest in einander greifende Kette bilden. Bald entdeckt man die tiefe Gesetzmäßigkeit mit der er diese Gedanken entwickelt, und die strenge Folge in ihnen, […]. Es ist […] die Gesetzmäßigkeit […] einer gesunden Buche, wo der Wuchs sich theilt und ausbreitet, regellos scheinbar, endlich aber ist die schönste Baumkuppel fertig und nicht der kleinste Zweig steht falsch und unnöthig an seinem Orte.“26

Grimm scheint also durchaus etwas - was auch Schärf als charakteristisch für Emerson ansieht - zu erkennen, was auch mit der innovativen Tendenz Emerson in Zusammenhang steht.

2.5 Fünfte These: Grimm huldigt einem zurückgelegenen Künstlertum

„Die Vertreter des sogenannten klassischen deutschen Essays wie Hillebrand, Hehn oder Grimm huldigen einem Künstlertum, das für sie sechzig bis achtzig Jahre zurückliegt, in der Goethezeit nämlich, und das sie für ihre Gegenwart noch als maßstabgebend anerkennen.“27

Schärf sieht Grimm also als zurückgewandt und konservativ an: Das Künstlertum, dem Grimm huldigt, liegt in der Vergangenheit. Grimm könnte somit als Epigone - als Nachgeborener - bezeichnet werden.

2.6 Sechste These: Grimm kann sich nicht von alten Bildungsgütern lösen

In dieser sechsten These - die sehr eng mit der fünften zusammenhängt - beschreibt Schärf „die innere Aporie des gesamten Historismus“28:

„Unvorstellbar schien es, die erworbenen Bildungsgüter aufzugeben, um einen Weg hinaus aus der bedrückenden Situation der Epigonen zu finden. Man wollte diesen Ausbruch mit dem von den Vätern Ererbten und durch Fleiß endlich auch Erworbenen verketten und sah im Essay dafür eine geeignete Möglichkeit. Entsprechend versteht Grimm die Essays Emersons.“29

Grimm kann also nicht von alten Bildungsgütern Abstand nehmen, sondern möchte diese nutzten, um sich aus seiner Situation als Epigone zu befreien. Für Schärf30 stellt dies ein unauflösbarer Widerspruch dar.

2.7 Verdeutlichung durch Kontrastierung zu Nietzsche

Zuletzt kann durch eine Kontrastierung zu Nietzsche deutlich gemacht werden: Grimm ging nach Schärf31 Kompromisse ein und erst Nietzsche hat „als erster die radikalen Konsequenzen aus Emersons Vorgabe[…]“32 gezogen. Dies sieht Schärf33 in einem bestimmten Verständnis Nietzsches des Essayistischen begründet. Grimm allerdings ist es nicht gelungen, die nach Schärf nötigen Konsequenzen radikal zu ziehen34. Er blieb sozusagen in seinem konservativen Milieu verhaftet.

3. Diskussion der Thesen Schärfs

Im folgenden Kapitel sollen nun die Thesen bzw. Kritikpunkte Schärfs anhand von Aussagen in Sekundär- und Primärliteratur diskutiert und gegebenenfalls relativiert oder gestärkt werden. Allerdings wird nicht jede These aufgrund von mangelnden Bezugnahmen darauf diskutiert werden können (so z. B. 2.3).

3.1 Zur ersten These: Grimm erfasst die innovative Dimension Ralph Waldo Emersons nicht bzw. zu einseitig

Zu dieser These lässt sich kaum durch die angegebene Sekundärliteratur diskutieren. Nichtsdestotrotz soll ein Hintergrund zum besseren Verständnis gegeben werden, warum Grimm die innovative Dimension Emersons nach Schärf35 einseitig versteht. Es soll darum gehen, was das Besondere für Grimm an Emerson ist:

Grimm sieht in Emerson „die Wende zu einem visionären Horizont hin vollzogen; […]“36 und führt dies folgendermaßen aus:

„[…] [Emerson] sieht jede Erscheinung im Zusammenhang mit der höchsten Idee, den Dichter, den Propheten, den Weltumwälzer nicht allein als einzige Werkzeuge der Vorsehung, sondern […] den niedrigsten Arbeiter als den Inhaber einer nothwendigen Stelle, und die Größe und Heroismus kleben nicht an dem Stoffe, sondern an der Art und Weise wie er gepackt wird, daran wie jeder das vollbringt was er von den unzähligen Lebensgeschäften zu dem seinigen auserwählt.“37

[...]


1 Waetzholdt, Wilhelm: Deutsche Kunsthistoriker. Von Passavant bis Justi, Bd. 2, Leipzig 1924, 214.

2 Schlink, Wilhelm: Herman Grimm (1828-1901). Epigone und Vorläufer, in: Osinski, Jutta u. a. (Hrsg.): Aspekte der Romantik: zur Verleihung des „ Brüder Grimm-Preises “ der Philipps-Universität Marburg im Dezember 1999 (Schriften der Brüder-Grimm-Gesellschaft, 32), Kassel 2001, 73.

3 Vgl. http://www.perlentaucher.de/autor/christian-schaerf.html (Zugriff am 18.03.2014)

4 Vgl. Mey, Hans Joachim: Herman Grimm. Eine biographische Skizze, in: Oberfeld, Charlotte u. a. (Hrsg.): Erzählen - Sammeln - Deuten. Den Grimms zum Zweihundersten (Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung. Neue Folge der Hessischen Blätter für Volkskunde), Bd. 18, Marburg 1985, 162.

5 Vgl. Ebd. 170.

6 Vgl. Schärf, Christian: Geschichte des Essays. Von Montaigne bis Adorno, Göttingen 1999, 158.

7 Vgl. Schärf, Christian: Geschichte des Essays. Von Montaigne bis Adorno, Göttingen 1999.

8 Vgl. Ebd. 158-162.

9 Vgl. Staengle, Peter: Herman Grimm und die deutsche Literatur, in: Heidenreich, Bernd u. a. (Hrsg.): Kultur und Politik - Die Grimms, Frankfurt a. M., 2003, 331.

10 Schärf: Geschichte des Essays, a.a.O. 1999, 160.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Nach Schärf wird erst Nietzsche radikal die Konsequenzen aus Emersons Essays ziehen (siehe 2.7.).

18 Schärf: Geschichte des Essays, a.a.O. 1999, 160.

19 Ebd.

20 Vgl. Schärf: Geschichte des Essays, a.a.O. 1999, 160.

21 Ebd.

22 Ebd., 160f.

23 Vgl. Ebd. 161.

24 Schlink: Herman Grimm, a. a. O. 2001, 91.

25 Vgl. Schlink: Herman Grimm, a. a. O. 2001, 91.

26 Grimm, Herman: Ralph Waldo Emerson, in: Ebd.: Neue Essaysüber Kunst und Literatur, Berlin 1865, 21f.

27 Schärf: Geschichte des Essays, a.a.O. 1999, 161.

28 Ebd. 162.

29 Ebd.

30 Vgl. Ebd.

31 Vgl. Schärf: Geschichte des Essays, a.a.O. 1999, 162.

32 Ebd.

33 Vgl. Ebd.

34 Vgl. Ebd.

35 Vgl. Ebd. 160.

36 Ebd.

37 Grimm: Ralph Waldo Emerson, a.a.O. 1865, 12.

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668210172
ISBN (Buch)
9783668210189
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321508
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,3
Schlagworte
christian schärf essayisten herman grimm urteil
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Titel: Christian Schärf über den Essayisten Herman Grimm. Ist sein negatives Urteil gerechtfertigt?