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Ethikunterricht in einer pluralistischen Gesellschaft

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Ethik

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Zum Pluralismusbegriff

3. Erziehung in einer pluralistischen Gesellschaft

4. Ethikunterricht in einer pluralistischen Gesellschaft

5. Abschließende Reflexion

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir leben in einer Pluralistischen Gesellschaft. Pluralismus begegnet uns heute in allen Bereichen des täglichen Lebens. Er zeichnet sich durch eine weltanschauliche Vielfalt im Denken und Handeln der Menschen aus. Zu einem Thema finden sich viele verschiedene Meinungen, die durch die unterschiedlichsten Argumente gestützt werden.

Betrachten wir dazu ein aktuelles Thema, was gerade ganz Deutschland bewegt: „Atomkraftwerke“. Hier überschlagen sich die Meinungen und der Pluralismus unserer Gesellschaft wird sichtbar. Die eine Gruppe unterstützt die Energiegewinnung durch Atomkraftwerke, da so eine alternative, günstigere Energiegewinnung möglich wird. Nach den aktuellen Ereignissen der Atomkatastrophe in Japan werden die Stimmen gegen die Energiegewinnung aus Atomkraftwerken lauter.

In unserer Gesellschaft, ist das Recht auf eine eigene Meinung und das Äußern seiner Überzeugung auch gesetzlich geregelt: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“[1]

Doch was bedeutet Pluralismus? Was macht eine pluralistische Gesellschaft aus? Was heißt es in einer pluralistischen Gesellschaft zu leben? Leben Menschen schon immer in pluralistischen Gesellschaften?

Und welche Auswirkungen hat eine pluralistische Gesellschaft auf den Ethikunterricht?

Diese Fragen versuche ich im Folgenden zu untersuchen und zu beantworten. Dazu werde ich unter anderem die Texte von Otfried Höffe heranziehen und untersuchen.

Otfried Höffe wurde 1943 in Oberschlesien geboren. Er ist ein deutscher Philosoph, der durch seine Arbeiten zur Ethik berühmt geworden ist. Er studierte von 1964 bis 1970 Philosophie, Geschichte, Theologie und Soziologie an den verschiedensten Universitäten. 1974 habilitierte er in München und 1976 wurde er ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Duisburg.

Heute lebt Otfried Höffe in Tübingen.

Ich werde in dieser Arbeit, mit Hilfe von Höffes Texten, zunächst intensiv auf den Pluralismusbegriff eingehen und diesen umfassend untersuchen.

Ausgehend von diesen Untersuchungen werde ich die Erziehungsziele einer pluralistischen Gesellschaft beleuchten.

Im Anschluss gehe ich auf die Konsequenzen für den Ethikunterricht in einer pluralistischen Gesellschaft ein.

Abschließend möchte ich die Ergebnisse meiner Analysen zusammenfassen und reflektieren.

2. Zum Pluralismusbegriff

Pluralismus ist „die philosophische Meinung, dass die Wirklichkeit aus vielen selbstständigen Weltprinzipien besteht. Dazu zählt die Vielgestaltigkeit gesellschaftlicher, politischer und anderer Phänomene“[2]

Diese Definition, entnommen aus dem deutschen Duden, versteht den Pluralismus als ein philosophisches Phänomen.

Otfried Höffe formuliert in seinem Aufsatz „Ethikunterricht in einer pluralistischen Gesellschaft“ eine andere, weitaus allgemeinere Definition für das Phänomen des Pluralismus:

„Unter „Pluralismus“, rein empirisch gesehen, verstehen wir eine Vielfalt gewisser Elemente. Wir meinen in der Regel aber nicht die bloße Vielfalt, sondern zugleich etwas Normatives, nämlich eine Gleichberechtigung dieser Elemente.“[3]

Es wird deutlich das der Pluralismus aus zwei abgrenzbaren Elementen besteht: dem Empirischen und dem Normativen.

Zunächst betrachten wir den Pluralismus unter empirischen Aspekten. Er bezeichnet eine Vielfalt von Bekenntnissen, Religionen, Werten, gesellschaftlichen Gruppen und politischen Kräften. Daraus ergeben sich verschiedene Arten des Pluralismus: religiöser Pluralismus, Wertepluralismus, sozialer Pluralismus und politischer Pluralismus.[4]

Unter religiösen Pluralismus könnte man das charakteristische Merkmal von Modernität verstehen. Ihn kennzeichnet eine Konkurrenzsituation zwischen verschiedenen Religionen. Er entstand aus einem Prozess der Abschaffung des religiösen Monopols.[5]

Unter Wertepluralismus versteht man zeitgleich existierende unterschiedliche Wertorientierungen in einer Gesellschaft, die gleich gültig sind.

Dabei werden nicht alle Werte von allen gleichermaßen anerkannt, sondern werden auf gesellschaftlicher Ebene ebenso wie im persönlichen Alltag einzelner Menschen beständig ausgehandelt. An die Stelle universeller, für alle Arbeits- und Lebenszusammenhänge gleichermaßen geltende Werte treten zunehmend neue und vielfältige Wertvorstellungen, die sich sowohl ergänzen als auch einander widersprechen können.

Dem Pluralismus als eine Konsequenz der verschiedenen, in einer Gesellschaft existierenden Wertesysteme liegt die Annahme zugrunde, dass der Mensch sich hinsichtlich der Ziele und Wege seiner Lebensverwirklichung vernunftgemäß selbst bestimmen kann. Damit gründet der Pluralismus auf der Vorstellung vom „mündigen Bürger“.

Sozialer Pluralismus beschreibt das Zusammenleben verschiedenster Lebensstile in einer Gesellschaft.

Der politische Pluralismus erkennt im Gegensatz zu totalitären Ideologien verschiedene Interessen und politische Positionen an und betrachtet ihre individuelle Umsetzung, Vertretung und Artikulation als legal und willkommen an.

Da wir die Frage nach einem Ethikunterricht in einer pluralistischen Gesellschaft untersuchen, wird uns im folgendem der Wertepluralismus besonders interessieren.

Doch wie ist es überhaupt zu so einer Vielfalt gekommen? Wie entstand der Pluralismus in unserer Gesellschaft?

Entstanden ist der Pluralismus einerseits durch die Glaubenskriege der Reformationszeit. Weiterhin trägt auch die Aufklärung dazu bei, eine pluralistische Gesellschaft zu schaffen.

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“[6] – der Leitspruch der Aufklärung fordert die Menschen auf sich aus ihrer Unmündigkeit zu befreien, selbst zu denken und zu handeln. Hier wurde ein bedeutender Grundstein für eine pluralistische Gemeinschaft gelegt.

Die Herausbildung des Pluralismus fand aber vor allem in 20. Jahrhundert statt:

Durch die Ablösung des einheitlich, christlich geprägten Weltbildes, durch eine Vielfalt von weltanschaulichen Positionen.

Durch die Auflösung der Ständegesellschaft und die Entstehung vieler neuer Interessengruppen, die versuchten auf die staatliche Gewalt einzuwirken.

Und natürlich auch durch die zunehmende sozialstaatliche Tendenz, die zur Folge hat, dass der Staat mehr und mehr auch über gesellschaftliche Konflikte entscheidet.

So entstanden offene Gesellschaften mit eigenen Interessen, Überzeugungen und Verhaltensweisen.

Betrachten wir dahingegen nun den normativen Aspekt des Pluralismus. Dieser Gesichtspunkt des Pluralismus besagt, dass die Vielfalt und Unterschiede der Gesellschaft anerkannt und Gutgeheißen werden müssen. Die aus dem Pluralismus resultierenden Interessengruppen sind gleichberechtigt und können sich nach ihren Vorstellungen frei entfalten.[7]

In dem Aufsatz „Sittliche Beurteilung des Pluralismus“ unterscheidet Höffe zwischen absolutem und relativem Pluralismus und zeigt mögliche Gefahren auf. Ausgangspunkt ist der instinktarme Mensch, der durch seine mangelnde Organspezialisierung nicht auf bestimmte Handlungsweisen festgelegt ist. Aber durch seine Sprach – und Vernunftbegabung steht er in einem reflektierte Verhältnis zu seinem eigenen Tun und Lassen und kann dadurch frei uns verantwortlich handeln.[8]

Der Mensch kann also eigene Handlungsmuster und Wertüberzeugungen entwickeln und bestimmen.

Trotzdem gibt es aber nicht „die einzig richtige Handlung“ die als der „einzig richtigen Wahrheit“ abzuleiten ist. Der Mensch kann also keine „absolute“ Wahrheit für sich beanspruchen.

Daraus resultiert, dass es verschiedene Gruppen mit eigenen Überzeugungen gibt, die durch die unsere gesellschaftliche Struktur aufeinander bezogen sind. In einer solchen Gruppe befinden sich Menschen, die gleiche Interessen und Überzeugungen teilen. Außerhalb der eigenen Gruppe steht man in Konkurrenz und Konflikt mit anderen Gruppen, Überzeugungen und Interessen.

Da die Lösung solcher Konflikte bei Menschen nicht instinktmäßig angelegt sind, droht durch diese scheinbar unüberwindbaren Konflikten die „kollektive Selbstzerstörung“[9].

Dieses Phänomen bezeichnet Höffe als absoluten Pluralismus. Diese Art von Pluralismus lehnt Höffe ab und rät zu einem relativen Pluralismus, der für Mensch und Gesellschaft lebensfähig und wünschenswerter ist.

Der relative Pluralismus entfaltet sich innerhalb grundlegender Gemeinsamkeiten der Menschen in einer Gemeinschaft.

Es wird deutlich, dass der Pluralismusbegriff ein vielschichtiges System ist, das in einem langen Prozess entstanden ist und auch allerlei Gefahren birgt.

Der Ethikunterricht findet diesen Pluralismus in unserer Gesellschaft vor. Wie geht oder sollte die Ethik damit umgehen? Wäre der Ethikunterricht in einer nicht-pluralistischen Gesellschaft ein anderer?

Im folgendem wird auf diese Fragen näher eingegangen.

3. Erziehung in einer pluralistischen Gesellschaft

Was bedeutet Erziehung? Was bedeutet Erziehung in einer pluralistischen Gesellschaft? Und welchen Stellenwert hat Erziehung in der Schule und im Konzept des Ethikunterrichts?

Unter Erziehung versteht man jemandes Geist und Charakter zu bilden und seine Entwicklung zu fördern. Im Allgemeinen erfasst man Erziehung als soziales Handeln, dass bestimmte Lernprozesse bewusst herbeiführt, um dauerhafte Veränderungen des Verhaltens auszulösen, die vorher festgelegten Erziehungszielen entsprechen.

Schon Immanuel Kant hat sich in seinem Werk „Über die Pädagogik“ mit der Erziehung auseinander gesetzt. „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht. Es ist zu bemerken, dass der Mensch nur durch den Menschen erzogen wird, durch Menschen, die ebenfalls erzogen sind. Daher macht auch Mangel an Disziplin und Unterweisung bei einigen Menschen sie wieder zu schlechten Erziehern ihrer Zöglinge. Wenn einmal ein Wesen höherer Art sich unserer Erziehung annähme, so würde man doch sehen, was aus dem Menschen werden könne«[10]

Es ist zu erkennen, dass Kant der Erziehung einen hohen Stellenwert zuschreibt, denn ohne Erziehung ist man kein Mensch. Hierbei muss Kants Definition von Erziehung mi einbezogen werden.

Für Kant beinhaltet Erziehung folgende Bereiche: die Wartung, die Disziplinierung unter der er die Anwendung der Vernunft und das Erzeugen von Gesetzesbewusstsein versteht, die Kultivierung und die Zivilisierung sowie die Moralisierung.

[...]


[1] Artikel 5, Grundgesetzbuch

[2] Vgl. Duden 01, unter Eintrag „Pluralismus“

[3] Ottfried Höffe „Ethikunterricht in einer pluralistischen Gesellschaft“, S. 30

[4] Vgl. Ottfried Höffe „Was heißt Pluralismus?“

[5] Vgl. Peter L. Berger und Thomas Luckmann, SPIRITA. Zeitschrift für Religionswissenschaft 2001

[6] Immanuel Kant, Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, Z. 7

[7] Otfried Höffe „Was heißt Pluralismus?“

[8] Vgl. Otfried Höffe „Sittliche Beurteilung des Pluralismus“

[9] Otfried Höffe „Was heißt Pluralismus?“

[10] Immanuel Kant: „Über Pädagogik.“, S. 697-761

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668210370
ISBN (Buch)
9783668210387
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321452
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,0
Schlagworte
ethikunterricht gesellschaft

Autor

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Titel: Ethikunterricht in einer pluralistischen Gesellschaft