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Music & Me. Der Zusammenhang von Persönlichkeit und Musikgeschmack

von Alex Ward

Bachelorarbeit 2016 63 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhalt

1 Abstract

2 Einführung und Vorstellung der Arbeit

3 Theorie und Forschungsstand
3.1 Das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit (Big Five)
3.2 Musikpräferenz
3.2.1 Lebensalter
3.2.2 Geschlecht
3.2.3 Innermusikalische Aspekte
3.2.4 Emotionen
3.2.5 Persönlichkeit
3.3 Musikaffinität
3.4 Forschungsstand
3.5 Forschungsfragen und Hypothesen

4 Methode
4.1 Die Stichprobe
4.2 Die Fragebögen
4.2.1 Big Five Inventory 44
4.2.2 STOMP Short Test of Music Preferences
4.2.3 Skala zur Musikaffinität
4.3 Die Durchführung der Befragung
4.4 Die Auswertung der Befragung

5 Ergebnisse
5.1 Zusammensetzung der Stichprobe
5.2 Die einzelnen Skalen
5.3 Persönlichkeit und Musikpräferenz
5.4 Musikpräferenz und Musikaffinität
5.5 Musikaffinität und Persönlichkeit
5.6 Weitere Ergebnisse
5.7 Zusammenfassung und Hypothesenüberprüfung

6 Diskussion
6.1 Musikdimensionen
6.2 Persönlichkeit, Musikpräferenz, Musikaffinität
6.3 Geschlecht und Alter
6.4 Limitierungen und Empfehlungen
6.5 Fazit

7 Literatur

8 Anhang
Anhang A: Ladung der 20 Musikstile auf vier Faktoren
Anhang B: Mittelwerte und Standardabweichung der einzelnen Musikstile
Anhang C: Umfrage
Anhang D: Eigenständigkeitserklärung

Abbildungen und Tabellen

Abbildung 1: Das Modell der "Big Five"

Abbildung 2: Beliebteste Musikrichtungen in Deutschland in 2015

Abbildung 3: Stichprobenzusammensetzung nach Alter

Abbildung 4: Stichprobenaufteilung nach Geschlecht innerhalb der Altersgruppen

Abbildung 5: Mittelwerte der 20 Musikgenres

Abbildung 6: Einteilung der 20 Musikgenres in vier Faktoren

Abbildung 7: Anzahl Anhänger der vier Musikdimensionen

Abbildung 8: Normalverteilung Skala Musikaffinität

Abbildung 9: Persönlichkeitsprofile für die vier Musikdimensionen

Abbildung 10: Mittelwerte der Skala Musikaffinität für die vier Musikdimensionen, ermittelt nach erster Musikpräferenz

Abbildung 11: Mittelwerte der Persönlichkeitsdimensionen, gesplittet nach weiblich und männlich

Abbildung 12: Prozentanteile der ersten Musikpräferenz innerhalb der Geschlechter

Abbildung 13: Mittelwerte für Persönlichkeitsdimensionen und Musikaffinität, gesplittet nach Altersgruppen

Abbildung 14: Prozentanteile der ersten Musikpräferenz innerhalb der drei Altersgruppen

Abbildung 15: Altersmittel für die vier Musikdimensionen, ermittelt nach erster Musikpräferenz…..

Tabelle 1: Musikdimensionen mit zugehörigen Genres und Merkmalen

Tabelle 2: Korrelationsmatrix der fünf Persönlichkeitsdimensionen und der vier Musikdimensionen inkl. aller Musikstile und Musikaffinität

Tabelle 3: Korrelationsmatrix der vier Musikdimensionen mit Musikaffinität

Tabelle 4: Korrelationen aller Dimensionen mit Alter und Geschlecht..

Tabelle 5: Korrelationen aller Dimensionen, bereinigt vom Einfluss des Alters und des Geschlechts..

Tabelle 6: Korrelationen aller Dimensionen, gesplittet nach Geschlecht…..

Tabelle 7: Korrelationen aller Dimensionen, gesplittet nach Altersgruppen..

Tabelle 8: Mittelwert und Standardabweichung Alter bei erster Musikpräferenz..

1 Abstract

Diese Studie befasst sich zentral mit den Zusammenhängen von Musikpräferenz, Persönlichkeitsdi- mensionen und Musikaffinität. Dabei werden auch die Faktoren Alter und Geschlecht berücksichtigt. Zunächst werden die theoretischen Hintergründe dieser Begriffe behandelt und der bisherige For- schungsstand durch wegweisende Arbeiten dargestellt. Durch eine empirische Untersuchung mittels der drei Fragebögen BFI 44, STOMP-R und Fragebogen zur Musikaffinität wird überprüft, ob die Befunde der bisherigen Forschungen auch für den deutschsprachigen Raum bestätigt werden können. Im Er- gebnis können verschiedene Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Musikdimensionen sowie den einzelnen Musikstilen, die sich zu einem großen Teil mit der bisherigen Forschung decken, festge- stellt werden. Auch eine Korrelation zwischen Musikdimensionen und Musikaffinität wurde gefunden. Jedoch scheinen andere Einflussfaktoren wie Geschlecht und Alter einen größeren Einfluss auf die Musikpräferenz zu haben, als die Persönlichkeit. Persönlichkeit ist also sicherlich ein mittlerweile gesi- cherter Prädiktor für Musikpräferenz, aber nicht der einzige und nicht der stärkste.

2 Einführung und Vorstellung der Arbeit

Musik ist sowohl eines der ältesten als auch der vielseitigsten Werkzeuge der Menschheit. Sie entsteht aus einem Zusammenspiel von Instrumenten und agiert dabei selbst als Instrument für verschiedenste Zwecke. Dabei entzieht sich Musik in jedem ihrer Entwicklungsstadien jeglicher Objektivität, ob im Ent- stehungsprozess oder bei der Präsentation als Endprodukt. Gerade diese Vielseitigkeit und individuell unterschiedliche Bedeutung der Musik macht sie als Mittel zum Zweck so mächtig und in unserer Ge- sellschaft so wichtig und unverzichtbar. Von Geburt an werden wir mit einer absoluten Selbstverständ- lichkeit durch Fremdeinfluss Musik ausgesetzt: Es beginnt mit mütterlichen Schlafliedern bis hin zu mu- sikerzeugenden Spielzeugen, bis wir dann irgendwann ein Alter erreicht haben, in dem wir uns selbst bewusst für Musik entscheiden. Diese Entscheidung ist anfangs relativ homogen, da alle Kinder grund- sätzlich schnelle und fröhliche Musik präferieren, während sie traurige Musik eher ablehnen (Saarikallio, 2009). Spätestens mit dem Einsetzen der Pubertät hingegen streut sich die Musikpräferenz enorm und die Jugendlichen setzen sich intensiv mit ihrer Musikauswahl auseinander. „In der Jugendzeit wird der Musikgeschmack erstmals im Leben ein Teil der selbst bestimmbaren Identität und Persönlichkeit.“ (Gembris, 2005, S. 295). Bereits 1997 wurde berichtet, dass sich Jugendliche in Amerika im Zeitraum von der 7ten bis 12ten Klasse im Schnitt 10.500 Stunden bewusst und aktiv Musik aussetzen. Das ist zeitlich gesehen fast so viel, wie die zwischen Kindergarten und Highschool verbrachte Zeit im Klassen- raum (Delsing, Bogt, Engels & Meeus, 2008). Dass diese Phase der Musikaffinität zeitgleich mit einer Phase der intensiven Beschäftigung des Selbst und der Persönlichkeitssuche einhergeht, scheint kein Zufall zu sein. Oft gilt der jeweilige Musikgeschmack als repräsentativ für die Persönlichkeit. Beim Scrol- len durch die Musikbibliothek eröffnet sich uns zumindest ein Teil der Persönlichkeit des Besitzers.* In einer Studie von Rentfrow und Gosling (2006) hatten jeweils zwei junge Erwachsene die Aufgabe, sich näher kennen zu lernen, wobei der Musikgeschmack in den meisten Fällen das Hauptgesprächsthema war. Die Ergebnisse dieser Studie zeigten, dass die späteren Einschätzungen der Probanden in den meisten Fällen sehr akkurat waren und sie aufgrund des Musikgeschmackes der jeweils anderen Per- son relativ zuverlässige Aussagen über deren Persönlichkeitseigenschaften machen konnten. Das bedeutet, dass Menschen ein intuitives Wissen darüber verfügen, inwiefern Musikpräferenz und Persön- lichkeit zusammenhängen (Laplante, 2014). Eine der häufigsten Fragen, wenn sich zwei Menschen kennenlernen ist "Welche Musik magst du?". Entdecken wir dann Gemeinsamkeiten, fühlen wir uns diesem Menschen sofort verbunden und es entwickeln sich Sympathien (Rentfrow & Gosling, 2006). Wir alle glauben, dass die von uns bevorzugte Musik die Tiefen unserer Persönlichkeit preisgibt und dass Musikgeschmack ein hervorragendes Werkzeug zur Einschätzung der Persönlichkeit des anderen ist. Es drängt sich die Frage auf, inwiefern Persönlichkeit und Musikpräferenz tatsächlich zusammen- hängen und sich gegenseitig beeinflussen.

Um der Antwort auf diese Frage näher zu kommen, müssen zunächst einmal die komplexen Konstrukte „Persönlichkeit“ und „Musikpräferenz“ definiert und zwecks Forschung operationalisiert werden. Hierzu wird das von Gordon Allport und Henry Sebastian Odbert bereits 1936 entwickelte Fünf-Faktoren- Modell, oder „Big Five“, zur Persönlichkeitsbeschreibung verwendet, sowie der von Rentfrow und Gosling 2003 entwickelte STOMP (Short Test of Music Preferences) zur Messung der Musikpräferenz. Da in dieser Arbeit außerdem die Musikaffinität untersucht werden soll, wird dazu noch eine 2014 entwickelte Skala zur Messung von Musikaffinität von Frieg, Tülling, Hardt und Hossiep benutzt. Auf alle Instrumente wird im Verlauf der Arbeit noch näher eingegangen.

Die aus der Studie entstehenden Ergebnisse können in den verschiedensten Bereichen und Aspekten der Musikforschung relevant sein. Musik hat auf sehr unterschiedliche Art und Weise einen immens großen Einfluss auf uns, ob man sich nun mit Musik beschäftigt oder nicht. Dieser Einfluss kann gezielt genutzt werden, zum Beispiel für wirtschaftliches Interesse im Rahmen von Werbung etc., aus der Mu- sik heutzutage nicht mehr wegzudenken ist und mit visuellen Darstellungen einhergeht. "Der zuneh- mende Anteil von Musik im alltäglichen Leben ist vor allem ein Resultat der technischen Entwicklung und der ansteigenden Kommerzialisierung von Musik" (Deuble, 2014, S. 21). Ein weiteres Beispiel wäre gebräuchlichen Wörtern, Wörtern mit sehr ähnlicher Bedeutung, Wörtern, die sich auf körperliche Merkmale beziehen etc. ca. 100 Wörter ausgewählt. Dann wurde eine große Anzahl von Studierenden gebeten, sich anhand dieser 100 Wörter zu beschreiben. Mittels Faktorenanalyse,, deren erste Ansätze Charles Spearman bereits 1904 entwickelte, wurden diese Daten auf fünf Haupttfaktoren der Persön- lichkeit zusammengefasst und somit das Modell der "Big Five" geschaffen (Asendorpf, 2015). Dieser lexikalische Ansatz wurde mittlerweile erfolgreich in viele andere Sprachen übertragen und gilt heutzutage als internationales Standardmodell der Persönlichkeitsforschung.

Im Deutschen werden diese fünf Faktoren zur Persönlichkeitsbestimmung mit Neurotizismus, Extraver-sion, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit bezeichnet. Sie lassen sich in etwa wie folgt charakterisieren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Modell der "Big Five", nach McCrae und Costa (2003) sowie Asendorpf (2015)

3.2 Musikpräferenz

Jeder von uns beschäftig sich unterschiedlich intensiv mit Musik. Einige sehen Musik schlicht als klei- nen Zeitvertreib während sie das Radio im Auto aufdrehen, um die tägliche Fahrtt zur Arbeit ein wenig erträglicher zu machen, andere wiederum widmen ihr Leben der Produktion von genau diesen Liedern, die dann im Radio laufen. Aber egal welche Rolle Musik in unserem Leben spieltt, jeder hat eine mehr oder minder ausgeprägte Präferenz für unterschiedliche Musik. Was aber führt letztendlich zu einer individuellen Musikpräferenz? Warum mögen wir manche Musik und lehnen andere ab? Gesicherte, umfassende Antworten gibt es darauf nicht (Gembris, 2005). Im Allgemeinen bevorzugen Menschen die Musik, deren Struktur ihren jeweiligen Hörgewohnheiten entgegenkommt. Rentfrow et al. (2011) gehen davon aus, dass Menschen Musik präferieren, die ihre Persönlichkeit, Einstellungen und Gefühle reflektieren und verstärken.

In einigen Studien (z.B. Gembris, 2005; Hardt, 2014) wird Musikpräferenz als kurzzeitige, situative Vorliebe, und Musikgeschmack als über eine lange Zeit stabile Vorliebe definiert. Dieser Unterschied soll im Folgenden jedoch nicht gemacht werden, so dass die Begriffe "Musikpräferenz" und "Musikgeschmack" das gleiche ausdrücken, nämlich "stabile Langzeitvorlieben für bestimmte Musikstile, Komponisten oder Künstler" (Deuble 2014, S. 23), die von verschiedenen Faktoren beeinflusst werden.

3.2.1 Lebensalter

Einer der wichtigsten Einflussfaktoren ist dabei das Lebensalter (Gembris, 2005). So bleibt z.B. die in der Jugend entwickelte Musikpräferenz relativ stabil über das ganze Leben hindurch erhalten (Delsing et al., 2008; Gembris, 2005) Da jede Generation wiederum anderen populäre Musikstilen ausgesetzt ist, gibt es einen großen Unterschied zwischen den Musikpräferenzen verschiedener Generationen, wie im Verlauf dieser Arbeit noch deutlich wird. Jede Generation hat also seine eigene Musik, was auch erklärt, warum man sich beim Anhören der Musik, die man früher gehört hat, wieder ein Stück weit in die jeweilige Jugend zurückversetzt fühlt. Populäre Musik ist sogar so generationsabhängig, dass Stipp (1990, zitiert nach Gembris, 2005, S. 290) davon ausgeht, man könne das Alter einer Person anhand der Kenntnis über ihre beliebtesten Oldies zuverlässig vorhersagen.

Das passive Hören von Musik während der Kindheit kann als erster Faktor für die Entwicklung einer Musikpräferenz gelten. Zwar sind die Musikpräferenzen im Kindesalter noch unspezifisch, es konnte jedoch eine Präferenz bei Grundschülern für schnelle Musik festgestellt werden. Dies könnte sich mit dem Bewegungsdrang von Kindern in diesem Alter erklären lassen. Die Kinder sagten z.B. aus, dass sie schnelle Musik mögen, weil man gut dazu tanzen könne. Um das zehnte Lebensjahr lässt sich feststellen, dass die Kinder eine zunehmende Präferenz für Pop-Musik entwickeln und alle anderen Musikstile mehr und mehr ablehnen (Gembris, 2005).

Noch größeren Anteil an der Entwicklung der Musikpräferenz wird der Jugend mit der Identitätssuche und dem Einfluss des Freundeskreises zugeschrieben. Prägend in dieser Zeit ist die Loslösung und Abgrenzung vom Musikgeschmack der Eltern. Es findet eine hohe Emotionalisierung in der Musikpräfe- renz statt, die sich oft in einer begeisterten Hingabe für die präferierte Musik und deren Interpreten zeigt und in einer ebenso heftigen Ablehnung aller anderen Musikstile. Musik wird vor allem von Jugendli- chen als eine Art Aushängeschild für Wertvorstellungen, Überzeugungen, Lifestyle und Persönlichkeit benutzt. Jugendliche sehen Musikgeschmack als eine Art soziale Identität, um anderen ihr persönliches Profil zu vermitteln, da sie eine bestimmte Vorstellung darüber haben, wie sie gerne gesehen werden möchten (North & Hargreaves, 1999). Dieses Verhalten indiziert, dass Menschen davon ausgehen, die eigene Präferenz für bestimmte Musik reflektiere viele Aspekte ihrer Persönlichkeit und persönlichen Wertevorstellungen. Während der Jugend spielt Rebellion gegen Autoritäten oft eine große Rolle und beeinflusst auch die Musikpräferenz. Es werden dann bevorzugt Musikstile wie Hard Rock, Heavy Metal oder Rap gehört, die sowohl musikalisch wie auch textlich diese Rebellion ausdrücken. Speziell männli- che Jugendliche mit vielen Problemen in der Schule oder im Elternhaus hören gern die o.g. Musikrich- tungen (Deuble, 2014). Mitte zwanzig stabilisiert sich bei den meisten die Musikpräferenz. Oft bleibt der Musikgeschmack, der in diesem Alter aktuell ist, für das weitere Leben erhalten. So hat jede Generation ihren eigenen Musikstil, der ihre Jugend und somit auch ihren Musikgeschmack im Erwachsenenalter prägt.

Im Alter findet häufig ein Funktionswandel von Musik statt, der mit einer Änderung der Musikpräferen- zen einhergeht. Musik wird zunehmend zur Sozialisation mit Gleichaltrigen benutzt, oder auch als Kom- pensation für Einsamkeit und um sich zurückzuerinnern. Im späteren Leben spielt die Vertrautheit mit der Musik meist eine große Rolle. Die Musikstile, die in der jeweiligen Jugendzeit aktuell waren, werden meist bevorzugt. Des Weiteren ist ein Bedürfnis nach langsameren und leiseren Musikstücken festzu- stellen, was mit einem Hang nach Deaktivierung und Ruhe in dieser Lebensphase erklärt werden könn- te (Gembris, 2005).

Jill Harris und John Ryan haben in ihrer Langzeituntersuchung "Musical taste and ageing" 2010 heraus- gefunden, dass die Anzahl und Vielfalt der präferierten Musikstile sich ebenfalls im Laufe eines Lebens ändern. So sind Jugendliche bei der Musikauswahl recht schmal aufgestellt. Erwachsene im dritten Lebensjahrzehnt sind bei der Musikwahl viel toleranter und können eine relativ große Anzahl von Mu- sikstilen präferieren. Im Alter hingegen engt sich die favorisierte Musik wieder sehr ein. Die ab der Ju- gendzeit präferierten Musikstile bleiben dabei weitestgehend über die Lebenszeit erhalten (Harris & Ryan, 2010).

3.2.2 Geschlecht

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Musikpräferenz ist das Geschlecht. Männer und Frauen haben, wie sich im Verlauf dieser Arbeit auch noch zeigen wird, oft eine unterschiedliche Präferenz für Musik. Der Geschlechterunterschied ist in der Jugend am deutlichsten. Vor allem, wenn Musik als Kompensation benutzt wird, lassen sich große Unterschiede feststellen. Frauen hören zur Stimmungsregulation eher emotionale, sentimentale Musik, wohingegen Männer eher heftige, stimulierende Musik bevorzugen. Sowohl in der Jugend als auch später findet sich eine größere Präferenz für Pop bei Frauen und für Rock und Heavy Metal bei Männern. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass, egal in welchem Lebensal- ter, Frauen, eher softe Musik und Männer eher harte Musik bevorzugen (Gembris, 2005). Beispielsweise haben McCown, Keiser, Mulhearn und Williamson (1997) geschlechter- und persönlichkeitsspezifische Unterschiede in Bezug auf übermäßigen Bass in Musik untersucht und herausgefunden, dass Männer eine deutlich höhere Vorliebe für eben diesen haben. McCrown et al. (1997) begründen dieses Phänomen biologisch, da Frauen einen schmaleren Gehörgang haben, um höhere Töne zu hören und um folglich besser auf Babyschreie reagieren zu können. Diese Fähigkeit könnte also die Vorliebe bei Frauen für Musik mit höheren Tönen erklären.

3.2.3 Innermusikalische Aspekte

Bei den innermusikalischen Aspekten in Bezug auf Musikpräferenzen lassen sich verschiedene Typen unterscheiden: Menschen, die hauptsächlich

-auf die Melodie
-auf den Text
-auf das Zusammenspiel mehrerer Stimmen
-auf Instrumente mit deutlich hörbaren Oberstimmen
-auf die Metren und den Rhythmus
-auf die Phrasierung

eines Musikstückes hören. Die Art des o.g. Hörverhaltens beeinflusst ebenfalls stark die jeweiligen Präferenzen (Wimmer, 2004). Erstaunlicherweise spielt der Text, sofern er in einem Genre überhaupt vorhanden ist, hier eine eher untergeordnete Rolle (Sigg, 2009).

3.2.4 Emotionen

Weiterhin entsteht Musik oft aus Emotionen heraus und ruft eben diese beim Hörer wieder hervor, sie kommuniziert also über die Emotionsebene und wird deshalb nicht umsonst häufig „die Sprache des Herzens“ (Sulzer, 1967, zitiert nach Deuble, 2014, S. 21) genannt. So steht auch die Musikauswahl unter dem Einfluss von Emotionen, um diese auszudrücken, zu verändern, sie zu genießen oder Stress abzubauen. Chamorro-Premuzic, Swami und Cermakova (2010) haben in einer Studie herausgefunden, dass Menschen trauriger Musik gegenüber eine größere Präferenz zeigen, wenn sie Musik in einer emotionalen Art und Weise verwenden. Ein Großteil der Menschen bevorzugt Musik, die die jeweilige Gefühlslage ausdrückt und verstärkt. Ein kleinerer Teil benutzt Musik, um die jeweiligen Emotionen zu ändern, um z.B. einer depressiven Stimmung entgegenzuwirken, anstatt sich darin zu versenken. Men- schen, die dazu neigen, Probleme und negative Gefühle zu verdrängen, wählen eher eine der Stim- mungslage entgegengesetzte Musik und Menschen, die sich aktiv mit Problemen auseinandersetzen und Gefühle ausleben, hören lieber stimmungsverstärkende Musik (Gembris, 2005).

3.2.5 Persönlichkeit

Nicht zuletzt wird die Musikpräferenz von der Persönlichkeit beeinflusst. Z.B. haben Untersuchungen ergeben, dass extrovertierte Menschen lieber rhythmische Musik hören, wohingegen Menschen mit einem hohen Wert auf der Persönlichkeitsdimension Gewissenhaftigkeit lieber "leichte" Musik hören (Rentfrow & Gosling, 2003). Genau diese Zusammenhänge werden im Folgenden noch näher unter- sucht.

3.3 Musikaffinität

Affinität kann als eine besondere Verbundenheit zu und Anziehungskraft von etwas verstanden werden. Unter Musikaffinität versteht man im Allgemeinen das individuelle Interesse und die emotionale Verbun- denheit mit Musik. Sie drückt aus, welchen persönlichen Stellenwert Musik für die einzelne Person hat, die Leidenschaft, mit welcher wir Musik hören und die Verbundenheit, die wir dabei zu dem Künstler oder dem Lied empfinden. Das Ausmaß von Musikaffinität bei einer Person hängt u.a. davon ab, ob diejenige ein Musikinstrument spielen kann, sich also intensiv mit Musik auseinandersetzt und sich selbst als ein Teil der Musik einbringen will. Eine hohe Musikaffinität zeigt sich nach außen auch dadurch, wie oft jemand ein Konzert besucht, um den Künstlern näher zu sein und Musik nochmal auf eine andere Art und Weise zu erleben. Gerne wird eine starke Verbundenheit zu Musik und zu bestimm- ten Künstlern auch durch Kleidung wie z.B. T-Shirts mit Aufdruck des Lieblingsinterpreten nach außen getragen. Musikaffine Menschen unterhalten sich gerne über Musik und Interpreten und beschäftigen sich auch mit dem Werdegang der favorisierten Künstler, um so ihrer persönlichen Wertschätzung Aus- druck zu verleihen (Hardt, 2014).

Das Ausmaß von Musikaffinität hängt zu einem beträchtlichen Teil vom jeweiligen Lebensalter und den Lebensumständen ab. Kinder musikalischer Eltern haben z.B. quasi von Geburt an einen viel stärkeren Bezug zu Musik und sind dementsprechend bereits musikaffiner als andere Kinder.

Der Stellenwert von Musik erreicht seinen Höhepunkt in der Jugendzeit, da dann ein deutlich erhöhter, stark emotionalisierter Musikkonsum stattfindet. Jugendliche verbringen einen Großteil ihrer Freizeit damit, Musik zu hören, über Musik zu diskutieren, zu Musik zu Tanzen, über ihre Lieblingsinterpreten zu recherchieren etc. Musik wird gerade in dieser Lebensspanne intensiv zur Stimmungsregulierung benutzt, starke Emotionen werden durch Musik ausgelöst und intensiviert (Gembris, 2005).

Im dritten Lebensjahrzehnt tritt bei den meisten Menschen die Beschäftigung mit Musik in den Hinter- grund. Familien- und Karriereplanung lassen nur noch wenig Freizeit, Musik wird eher beiläufig und begleitend gehört. Das Interesse an neuen Entwicklungen und Trends in der Musikwelt lässt nach (Gembris, 2005).

Im späteren Alter steigt das Interesse an Musik oft erneut an, da dieser Lebensabschnitt wieder mehr Raum und Zeit für eine Beschäftigung mit Musik (und anderen Hobbies) bietet.

Musikaffinität ist also keine angeborene Eigenschaft, sondern vielmehr ein Resultat aus verschiedenen Faktoren und Umständen.

3.4 Forschungsstand

Hinsichtlich der Allgegenwärtigkeit von Musik in unserem täglichen Leben ist es erstaunlich, dass es bisher vergleichsweise wenig Forschung zum Zusammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen und Musikpräferenz gibt. Forschung über Musikpräferenz betrifft nicht nur die (Musik)Psychologie, sondern auch Soziologie und Kulturwissenschaft und stellt somit ein interdisziplinäres Forschungsfeld dar. Bei der Untersuchung, welche Funktion Musik für die Menschen hat und wie sie auf uns einwirkt, beschäftigt sich die Musikpsychologie vor allem mit der Wahrnehmung von und der Reaktion auf Musik, aber auch mit der Entwicklung von Musikpräferenz (Deuble, 2014).

Bei der Forschung zur Entwicklung von Musikpräferenz werden im Allgemeinen zum einen die Musik selbst betrachtet, die Situation, in der Musik gehört wird, und die Person, die die Musik hört. Der letzte Aspekt ist für den deutschsprachigen Raum bisher noch vergleichsweise wenig untersucht. Im Folgenden werden einige bereits bestehende Studien zu dem Thema genannt und deren Ergebnisse zusammengefasst. Dabei wird hauptsächlich auf Untersuchungen über den Zusammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen und Musikpräferenz eingegangen.

Die wohl erste Studie über den Zusammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen und Musikpräferenz wurde 1953 von Cattell und Anderson durchgeführt. Anhand von Soundclips wurde die Musikpräferenz der Studienteilnehmer ermittelt, die dann einen Zusammenhang zu unbewussten Persönlichkeitsdimen- sionen und emotionalen Bedürfnissen aufzeigen sollte. Untersucht wurden verschiedene Personen- gruppen wie normale Probanden, Schizophrene, Paranoide, Neurotiker etc. Die Ergebnisse waren al- lerdings teilweise widersprüchlich und die Studie somit nicht sehr zuverlässig (Langmeyer, Guglhör- Rudan & Tarnai, 2012).

Erst mehr als 30 Jahre später, nämlich 1986, erschien von Patrick Litle und Marvin Zuckerman eine weitere Studie zu dem Thema, die sich allerdings auf den Zusammenhang des Persönlichkeitsmerkmals "Sensationslust", eine Unterdimension von Offenheit für neue Erfahrungen, und Musikpräferenz beschränkte. Sie fanden einen starken Zusammenhang von Sensationslust und Rock/Hard Rock sowie eine hohe Musikaffinität bei Rock-Fans mit großer Sensationslust (Litle & Zuckerman, 1986).

Weitere knappe 20 Jahre später, in 2003, erschien von Peter J. Rentfrow und Samuel D. Gosling eine sechsteilige Studienreihe, die den Beginn eines regen Forschungsinteresses an dem Zusammenhang von Musikpräferenzen und Persönlichkeit markiert. In der ersten Teilstudie wurde der Stellenwert von Musik im Alltag untersucht. Die zweite Teilstudie ermittelte durch Faktorenanalyse die vier Musikdimen- sionen Intense & Rebellious, Energetic & Rhythmic, Upbeat & Conventional, Reflective & Complex und in Folge den STOMP Short Test of Music Preferences. Anhand der erhobenen Daten von 1704 Studen- ten der University of Texas in Austin wurde über eine explorative Faktorenanalyse und anschließende Retestreliabilität der Fragebogen entwickelt. Teilstudie drei und vier befassten sich mit der Generalisier- barkeit der Ergebnisse. In Teilstudie fünf erfolgte die Zuordnung von Adjektiven zu den Musikdimensio- nen und in der letzten Teilstudie wurde dann der Zusammenhang zwischen Musikpräferenz und Per- sönlichkeit auf Grundlage der Big Five untersucht. Die Ergebnisse dieser Studienreihe waren zum einen der Short Test of Music Preferences, der mittlerweile der wohl populärste Test zur Ermittlung der Mu- sikpräferenz ist (so z.B bei Deuble 2014, Dalrymple, 2009, Langmeyer et al., 2012 oder Zweigenhaft, 2008). Des Weiteren wurde in der ersten Teilstudie gefunden, dass Musik ebenso wichtig wie andere Hobbies ist, sie von allen Freizeitaktivitäten am meisten über eine Persönlichkeit preisgibt und dass Musik in vielfältigem Kontext gehört wird. Musik ist sogar für viele die Freizeitaktivität, mit der am meis- ten Zeit verbracht wird. Darüber hinaus wurde ein relativ hoher Zusammenhang zwischen der Dimensi- on Reflective & Complex sowie Intense & Rebellious und dem Persönlichkeitsmerkmal Offenheit gefun- den. Upbeat & Conventional korrelierte positiv mit Extraversion, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit sowie negativ mit Offenheit. Die Musikdimension Energetic & Rhythmic zeigte einen positiven Zusam- menhang mit Extraversion und Verträglichkeit. Für Neurotizismus konnten keine signifikanten Zusam- menhänge mit einer Musikdimension gefunden werden (Rentfrow & Gosling, 2003).

Darren George, Kelly Stickle, Faith Rachid und Alayne Wopnford haben 2007 in Kanada für ihre Unter- suchung von Korrelationen zwischen den Big Five Persönlichkeitsmerkmalen und Musikpräferenzen bei 358 Studenten 30 Musikstile mit acht übergeordneten Faktoren zugrunde gelegt. Diese acht Faktoren waren Rebellisch, Klassik, Rhythmisch & Intensiv, Easy Listening, Fringe, Jazz & Blues, Traditionell Christlich und Zeitgenössisch Christlich. Für vier der acht Faktoren konnten sie signifikante Zusammen- hänge zu den Persönlichkeitsdimensionen nachweisen. Auch hier fand sich ein Zusammenhang von Offenheit sowie Verträglichkeit mit Klassik. Offenheit zeigte auch einen Zusammenhang zu Rebellisch und Rhythmisch & Intensiv. Extraversion und Gewissenhaftigkeit korrelierten mit Easy Listening. Rebellisch und Rhythmisch & Intensiv zeigten negative Zusammenhänge zu Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit (George et al., 2007).

2008 wurde das Thema durch Marc J. M. H. Delsing, Tom F. M. Ter Bogt, Rutger C. M. E. Engels und Wim H. J. Meeus erstmals in einer zweiteiligen Studie auf die holländische Population übertragen. Dazu wurden 2334 holländische Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren befragt und durch eine Faktoren- analyse die vier Musikdimensionen Rock, Elite, Urban und Pop/Dance gefunden. Zum einen ist dies das erste Mal, dass sich die Frage nach dem Zusammenhang von Musikpräferenz und Persönlichkeit aus- schließlich auf Jugendliche bezieht und zum anderen wurde in dieser Studie erstmals untersucht, ob die Musikpräferenz stabil über die Zeit hinweg bestehen bleibt, in dem bei 1044 Probanden der ursprüngli- chen Stichprobe drei Messwiederholungen nach jeweils einem Jahr durchgeführt wurden. Neben der Bestätigung der bisher erforschten Korrelationen zwischen Musikpräferenz und Persönlichkeit bei den amerikanischen Kollegen zeigte die Studie, dass Musikpräferenzen, vor allem bei den älteren Proban- den, relativ stabil über die Zeit hinweg bestehen bleiben. Daraus lässt sich schließen, dass die Musik- präferenz schon in früher Jugend recht stabil ist und sich mit zunehmenden Alter nur noch mehr festigt (Delsing et al., 2008).

Im gleichen Jahr untersuchte auch Richard L. Zweigenhaft den Zusammenhang zwischen Musikpräfe- renz und Persönlichkeit, verwendete jedoch statt dem BFI den NEO-PI, um die Persönlichkeit zu erfas- sen und um sowohl die fünf Persönlichkeitsdimensionen als auch deren jeweils sechs Facetten zu un- tersuchen. Generell sind die Ergebnisse ähnlich wie bei Rentfrow & Gosling in 2003 mit einer Ausnah- me: Die Korrelation zwischen Verträglichkeit und der Musikdimension Energetic & Rhythmic ist bei Zweigenhaft (2008) negativ, wohingegen sie bei Rentfrow und Gosling (2003) positiv war. Weiterhin untersuchte Zweigenhaft auch jedes einzelne Genre der vier Musikdimensionen aus dem STOMP und entdeckte dabei, dass selbst innerhalb der Musikdimensionen die zu dem jeweiligen Genre zugehörigen Persönlichkeitsstrukturen sich relativ stark voneinander unterscheiden. Auch sagen einige Musikrich- tungen, wie z.B. Folk, Internationale Musik oder Rap/Hiphop, viel mehr über die Persönlichkeit aus als andere, weniger enthüllende Musikrichtungen wie z.B. Klassik, Rock oder Elektronische Musik (Zwei- genhaft, 2008).

Greg Dunn hat 2009 an einer Stichprobe von 354 Personen mit Hilfe von 120 Soundclips die Musikprä- ferenzen festgestellt und sie auf Zusammenhänge mit Persönlichkeitsdimensionen, die mit einem 30- Item-Fragebogen über die Big Five gefunden wurden, geprüft. Bei seiner Untersuchung ermittelte er neun Musikdimensionen. Bei den gefundenen Zusammenhängen von Persönlichkeitsdimensionen und Musikpräferenz ergaben sich einige Übereinstimmungen mit früheren Untersuchungen. So fand sich auch hier, wie bei Rentfrow und Gosling (2003), eine hohe Korrelation von Offenheit für neue Erfahrungen und Musikstilen der Dimension Reflective & Complex. Auch der von Zweigenhaft (2008) ermittelte Zusammenhang von Sensationslust und Rap konnte bestätigt werden (Dunn, 2009).

2010 untersuchte Adrian C. North erneut den Zusammenhang der Big Five Persönlichkeitsdimensionen mit Musikpräferenz, verwendete diesmal aber mit 104 verschiedenen musikalischen Stilen weitaus mehr Genres, als in bisherigen Studien. 53 Musikstile daraus, die mindestens 60 % der Teilnehmer bekannt waren, konnten durch Faktorenanalyse zu 10 Musikdimensionen zusammengefasst werden, die North (2010) classical music, jazz, mainstream, folk, alternative rock, latino, music of black origin (MOBO), dance, rock und functional benannte. Auch die Stichprobe mit gesamt 36.518 Probanden überschritt die bisherigen Stichprobengrößen bei weitem. Es ergaben sich zahlreiche Korrelationen der Musikdimensi- onen mit Persönlichkeitsfaktoren, wie z.B. Kontaktfreudigkeit (Facette von Extraversion) mit dance so- wie MOBO, oder Kreativität (Facette von Offenheit) und classical music, jazz, folk, alternative rock so- wie latino und auch Sanftmütigkeit (Facette von Verträglichkeit) und mainstream. Außer den Persönlich- keitsdimensionen und der Musikpräferenz wurden von den Probanden auch allerhand persönliche Da- ten und Eigenschaften erfasst, die in Verbindung mit der Musikauswahl stehen, wie z.B. Einkommen oder Selbstwertgefühl. Bei den Ergebnissen stellte sich heraus, dass vor allem jene Faktoren einen starken Zusammenhang zur Musikauswahl aufweisen. Vor allem Alter, Geschlecht, Einkommen und der Faktor Kreativität, welcher die Persönlichkeitsdimension „Offenheit für neue Erfahrungen“ in den Big Five repräsentiert, sind eng mit der jeweiligen Musikpräferenz verbunden (North, 2010).

Ein weiteres Jahr später setzte sich Rentfrow erneut ans Werk, diesmal mit Daniel J. Levitin und Lewis R. Goldberg. Die drei Amerikaner interessierte diesmal besonders die Strukturen der Musikpräferenz und sie ersteltlen auf Grundlage von drei unabhängigen Studien ein fünf Faktoren Model der Musikprä- ferenz, welches sich frei von Genres macht und vielmehr die emotionale und affektive Reaktion auf Musik reflektiert (Rentfrow, Levitin & Goldberg, 2011). Die Fünf Faktoren lassen sich wie folgt zusam- menfassen: 1: „Mellow“ (sanft), umfasst ruhige und entspannte Musikstile, 2: „Unpretentious“ (schlicht/simpel), findet sich beispielsweise in Countrymusik, 3: „Sophisticated“ (anspruchsvoll), enthält Klassik, Oper, World und Jazz, 4: „Intense“ (intensiv), definiert durch laute, energetische Musik, 5: „Con- temporary“ (modern), charakterisiert durch rhythmische Musik, wie Rap oder Funk. Passenderweise werden diese fünf Faktoren durch die Buchstaben M.U.S.I.C. abgekürzt. Eine vierte Studie ergab, dass die jeweiligen Präferenzen für die MUSIC Faktoren sowohl durch die sozialen, als auch durch die akus- tischen Aspekte von Musik beeinflusst werden (Rentfrow, Levitin & Goldberg, 2011).

Im Jahr 2012 folgte dann die erste große Studie zu dem Thema im deutschsprachigen Raum von Ale- xandra Langmeyer, Angelika Guglhör-Rudan und Christian Tarnai. Die Stichprobe bestand aus 422 jungen Deutschen zwischen 21 und 26 Jahren. Zur Erfassung der Musikpräferenz wurde ein weiteres Mal der STOMP benutzt, allerdings passten die Autoren diesen durch Weglassung einiger Musikstile und Hinzufügen anderer an den deutschen Sprachraum an. Die Validität des Fragebogens wurde durch eine Faktorenanalyse und das Bewerten von Soundclips erfasst. Die Ergebnisse bestätigten die zuvor gewonnenen Erkenntnisse: Offenheit korrelierte positiv mit Reflective & Complex und Intense & Rebelli- ous, negativ mit Upbeat & Conventional, Extraversion korrelierte positiv mit Upbeat & Conventional, Energetic & Rhythmic und Intense & Rebellious. Verträglichkeit korrelierte nur positiv mit Upbeat & Conventional, Neurotizismus korrelierte positiv mit Upbeat & Conventional und negativ mit Intense & Rebellious. Für die Persönlichkeitsdimension Gewissenhaftigkeit haben Langmeyer et al. keine Verbin- dungen zu Musikdimensionen gefunden. Generell konnten also für den deutschen Sprachraum tatsäch- lich ähnliche Ergebnisse ermittelt werden, wie für den anglo-amerikanischen Sprachraum. Auch Lang- meyer et al. (2012) weisen darauf hin, dass offenbar andere Faktoren wie innermusikalische Aspekte oder die jeweilige Hörsituation ebenfalls einen signifikanten Einfluss auf die Musikpräferenz haben, da auch hier die gefundenen Korrelationen zwischen Persönlichkeits- und Musikdimensionen eher schwach bis mäßig waren (Langmeyer et al., 2012).

3.5 Forschungsfragen und Hypothesen

Welche der Ergebnisse der o.g. Untersuchungen können im deutschen Sprachraum nachvollzogen werden? Und gibt es auch einen Zusammenhang von Persönlichkeit und Musikpräferenz mit Musikaffi- nität? Es werden für diese Untersuchung folgende Forschungsfragen und Hypothesen formuliert:

1. Gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Musikpräfe- renz?

H0: Es gibt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Musikprä- ferenz.

H1: Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Musikpräfe- renz.

2. Gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Musikpräferenz und Musikaffinität?

H0: Es gibt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Musikpräferenz und Musikaffinität.

H1: Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen Musikpräferenz und Musikaffinität.

3. Gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Musikaffinität und Persönlichkeitsmerkmalen?

H0: Es gibt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Musikaffinität und Persönlichkeitsmerk- malen.

H1: Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen Musikaffinität und Persönlichkeitsmerkma- len.

4 Methode

Es wurde eine empirische Untersuchung als schriftliche quantitative Befragung in einer einmaligen Messung als Querschnittsstudie online über das Portal maq Fragebogengenerator (www.maq-online.de; Ullmann, 2004) erstellt und durchgeführt. Als Kontrollvariablen wurden Alter und Geschlecht abgefragt. Die Umfrage bestand aus drei Fragebögen, die unter 4.2 näher erläutert werden. Durch die schriftliche Form der Befragung sollten evtl. Interviewfehler ausgeschlossen und für jeden Befragten gleiche Test- bedingungen geschaffen werden. Es handelte sich um eine Befragung durch Selbsteinschätzung. Die Ergebnisse sind deshalb auch unter dem Aspekt der "sozialen Erwünschtheit" zu bewerten.

Die Umfrage wurde in Übereinstimmung mit den Ethischen Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychologie e.V. und des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. durchge- führt (Deutsche Gesellschaft für Psychologie, 1999). Diese Richtlinien besagen, dass eine formale ethi- sche Zustimmung für die Art der vorliegenden Untersuchung nicht notwendig ist, da keinerlei personen- bezogene Daten erhoben werden. Die Umfrage ist absolut anonym, die Teilnahme war freiwillig und die Teilnehmer wurden zu Beginn über diese Tatsachen sowie über den Sinn und Zweck der Umfrage in- formiert.

4.1 Die Stichprobe

Es wurde eine möglichst alters- und kulturheterogene Stichprobenzusammensetzung angestrebt, des- halb gab es keine Selektion. Es wurde davon ausgegangen, dass jeder im Laufe seines Lebens auch mit Musik in Berührung kommt und eine bestimmte Musikpräferenz entwickelt, deshalb konnte und soll- te jeder teilnehmen.

4.2 Die Fragebögen

Um die drei Bereiche "Persönlichkeitsmerkmale", "Musikpräferenz" und "Musikaffinität" zu erfassen, wurden in der Umfrage drei bereits existierende Fragebögen in der folgenden Reihenfolge zusammen- gestellt:

4.2.1 Big Five Inventory 44

Zur Ermittlung der "Big Five", also des Persönlichkeitsmodells basierend auf den fünf Faktoren Extra- version, Vertr ä glichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit f ü r neue Erfahrungen, gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Instrumenten. So ermittelt diese Dimensionen zum Beispiel das NEO-Fünf-Faktoren-Inventar (NEO-FFI; Costa & McCrae, 1992), ein multidimensionales Persönlich- keitsinventar, mittels fünf Skalen und insgesamt 60 Items. Ein sehr kurzer Fragebogen hingegen ist das Ten-Item Personality Inventory (TIPI). Dieser Fragebogen wurde von Gosling, Rentfrow und Swann 2003 entwickelt und kann bei Zeitknappheit die fünf o.g. Persönlichkeitsdimensionen ausreichend er- fassen.

Für die vorliegende Studie sollte die Persönlichkeit allerdings nicht nur als Marker, sondern etwas ausführlicher erfasst werden. Andererseits sollte die Bearbeitung des Fragebogens nur ca. fünf Minuten dauern. Deshalb wurde als kurzes standardisiertes Verfahren die deutsche Fassung des Big Five Inventory 44 (BFI 44) gewählt. Mit 44 Items können auf einer fünfstufigen Likert-Skala von 0 trifft ü berhaupt nicht zu bis 4 trifft sehr gut zu die prototypischen fünf Faktoren erfasst werden.

Das Big Five Inventory wurde 1991 von John, Donahue und Kentle entwickelt. Das Vorgehen dabei war ein lexikalischer Ansatz, bei dem von zehn Experten eine Liste mit 112 Adjektiven, die zur Beschrei- bung der fünf Persönlichkeitsdimensionen geeignet waren, zusammengestellt wurde. Von dieser Liste wiederum wurden dann in einer Fremdbeurteilungsstudie diejenigen Adjektive ausgewählt, die die fünf Persönlichkeitskonstrukte am besten repräsentieren konnten und in einen semantischen Kontext einge- fügt (Lang, Lüdtke & Asendorpf, 2001). So wird dann beispielsweise für die Dimension Extraversion abgefragt, wie zurückhaltend und schüchtern die Testperson ist, für Vertr ä glichkeit wie leicht sich der Befragte in einen Streit verwickeln lässt, andere kritisiert oder kalt und abweisend sein kann. Gewissen- haftigkeit wird u.a. daran gemessen, für wie ordentlich die Testperson sich hält und wie leicht sie sich von Aufgaben ablenken lässt. Neurotizismus zeigt sich an der emotionalen Stabilität und dem Verhalten unter Stress, Offenheit f ü r Erfahrungen an dem Interesse an Kunst und Musik sowie der Vorliebe für Routinearbeiten.

[...]


* Genderhinweis: Personenbezogene Bezeichnungen sind genderneutral zu verstehen.

Details

Seiten
63
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668260672
ISBN (Buch)
9783668260689
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321364
Institution / Hochschule
Medical School Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Persönlichkeit Musikgeschmack Big Five STOMP Short Test of Music Preference Musikpräferenz Persönlichkeitsdimension Musikdimension BFI Big Five Inventory Musikaffinität

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Titel: Music & Me. Der Zusammenhang von Persönlichkeit und Musikgeschmack