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Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der Anderen". Authentischer Spiegel des Lebens in der DDR?

Hausarbeit 2013 19 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Fiktion und Realität
2.1 Definitionen
2.2 Fiktionskompetenz
2.3 didaktisches Potenzial von Imaginationen

3. Spielfilme im Geschichtsunterricht..
3.1 Spielfilme als Speichermedien der Geschichtskultur.
3.2 Die eigenen Regeln des Spielfilms
3.3 Authentizität historischer Spielfilme

4. ÄDas Leben der Anderen“ - Filmanalyse
4.1 Inhalt des Films.
4.2 Authentizität in ÄDas Leben der Anderen“ - Analyse, Kritiken und Erfolge.

5. Fazit und didaktischer Wert des Films

6. Literaturverzeichnis...

1. Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich aufschlüsseln, inwieweit der Film ÄDas Leben der Anderen“ als authentisch gelten kann. Welche Inhalte des Filmes sind real und welche sind fiktiv? Inwieweit schafft es Florian Henckel von Donnersmarck, das Leben in der DDR authentisch darzustellen? Wie wurde der Film vom Publikum reflektiert?

Noch bevor ich zu der Analyse des Filmes komme, gebe ich einen Einblick in die Theorie der Fiktionen. Was ist Fiktion, was ist Realität und kann man sie strikt voneinander trennen? Wichtig ist in diesem Zusammenhang, inwiefern man Fiktionen in einem Medium erkennen und als Fiktionssignale entlarven kann. Groeben bezeichnet dies als ÄFiktionskompetenz“.1 Man kann dabei das Medium auf drei verschiedenen Ebenen getrennt voneinander analysieren.2 Im Anschluss gehe ich auf das didaktische Potential von Imaginationen ein. Inwiefern können diese helfen den Geschichtsunterricht zu bereichern? Worin besteht die Gefahr von Imaginationen und wie können diese behoben werden?

Das dritte Kapitel der Arbeit beschäftigt sich mit Spielfilmen im Geschichtsunterricht. Der historische Spielfilm hat einen großen Einfluss auf unser Geschichtsbewusstsein.3 Doch prägen sie das Geschichtsbewusstsein positiv oder negativ? Ist der Spielfilm dazu verpflichtet die Realität im abzubilden oder ist er an andere Regeln gebunden? Worin liegen die Unterschiede zwischen Historiker und Filmemacher? Sind Spielfilme historische Quellen? Inwieweit geben sie Inhalte authentisch wieder und wann arbeiten sie mit Fiktionen? Sind sie eine Bereicherung für den Rezipienten oder stellen sie eine Gefahr im Unterricht dar?

Im Fazit werde ich erläutern, ob und warum der Film für einen Einsatz im Unterricht geeignet ist. Worin liegt der didaktische Wert in ÄDas Leben der Anderen“? Was kann der Film leisten, was Quellen und Darstellungstexte nicht vermögen?

2. Fiktion und Realität

2.1 Definitionen

Um später in der Analyse des Filmes ÄDas Leben der Anderen“ zwischen Fiktion und Realität unterscheiden zu können, bedarf es einer kurzen Definition der beiden Begriffe. Auf den ersten Blick erscheint die Unterscheidung zwar klar, doch sind die Grenzen zwischen Realität und Fiktion häufig verwischt. Oftmals befinden sich Kombinationen aus irrealen und realen Elementen im selben Medium.4

Die Digitalisierung der Medien mit ihren Möglichkeiten der Bildmanipulation, die Unmöglichkeit der Überprüfung aller Informationen und die Entwicklung virtueller Welten lassen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen.5 Diese Entwicklung macht den Produzenten die Täuschung leichter und es dem Rezipienten schwerer, Fiktion und Realität voneinander zu trennen.6

Das Wort Fiktion wird vom lateinischen Verb ‚fingere‘ abgeleitet (sich vorstellen, erdichten).7 Alltagssprachlich bezeichnet Fiktion lediglich das Gegenteil von Wirklichkeit. In der Wissenschaft existieren jedoch zwei Bedeutungen von Fiktion. Fiktion kann sowohl Fiktivität als auch Fiktionalität bedeuten. Als ‚fiktiv‘ gelten einzelne Medieninhalte, die nicht der Realität entsprechen. Fiktionalität beschreibt hingegen die Eigenschaft eines Mediums als Ganzes, dessen Gegenteil als Non- Fiktion bezeichnet wird.8 Als fiktionale Medien gelten u.a. Balladen, Dramen und Spielfilme; Lexikonartikel, Geschichtsbücher und Dokumentarfilme hingegen werden als Non-Fiktion klassifiziert. Wichtig hierbei ist, dass fiktive Inhalte sowohl in fiktionalen Medien, als auch in non-fiktionalen Medien existieren können.9

Unter Realität versteht man Sachverhalte, die als Tatsachen angesehen werden.10 Jede Fiktion ist eine Verknüpfung irrealer mit realen Elementen.11 Man kann daher Fiktion und Realität nicht strikt voneinander abgrenzen. Die Unterschiede zwischen fiktionalen und non-fiktionalen Geschichten bestehen lediglich im Mischverhältnis der fiktiven und realistischen Elemente.12

2.2 Fiktionskompetenz

Als Fiktionskompetenz bezeichnet Groeben ein ÄSet von Fähigkeiten, über das Produzenten und Produzentinnen bzw. Rezipienten und Rezipientinnen im Umgang mit Darstellungsmedien verfügen sollten“.13 Die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion beschreibt Groeben als ÄFundament“14 der Fiktionskompetenz. Angesichts der in Punkt 2.1 erläuterten Entwicklungen ist es umso relevanter, dass Schüler zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können.

Doch wie kann man als Rezipient unterscheiden? Um diese Frage zu beantworten, gehe ich zunächst auf das ÄDrei-Perspektiven-Modell“15 ein. Bei der Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion sind verschiedene Ebenen zu berücksichtigen. Die übergeordnete Ebene ist die pragmatische.16 Anhand der pragmatischen Perspektive kann der Rezipient erkennen, ob das Medium Anspruch auf Wirklichkeit legt oder eben nicht. 17 Der Produzent setzt ÄFiktionssignale“,18 die der Rezipient entlarven muss. Die Fiktionssignale auf pragmatischer Ebene sind Genrebezeichnung, Titel und Untertitel sowie Vor- und Nachspann.19

Ausgehend von der pragmatischen Perspektive untersucht man das Medium nun mithilfe der semantischen Perspektive. Anhand des Inhalts wird der Realitätsgehalt bzw. die Wirklichkeitsnähe/-ferne analysiert.20 Erscheint dem Rezipienten der Inhalt realitätsnah oder realitätsfern?21 Je mehr reale Elemente ein Film aufweist, desto wirklichkeitsnäher wirken die Inhalte. Wirklichkeitsferne Inhalte sind hingegen von Unmöglichkeit gekennzeichnet.22 Sprechende Tiere oder fliegende Menschen sind daher deutliche Fiktionssignale.

Bei der formalen Perspektive untersucht der Rezipient das Medium anhand des ÄDarstellungsmodus“23. Der Mediennutzer unterscheidet zwischen realistischer und unrealistischer Darstellungsweise.24 Perfektes Aussehen von Schauspielern und Kulisse deuten auf Fiktionscharakter hin.25

Die systematische Trennung zwischen den Perspektiven ist sinnvoll, da fiktionale Medien auch reale Personen enthalten und andersrum non-fiktionale Medien fiktive Inhalte behandeln können.26 Sie Ämacht es möglich, gegenläufige Kodierung und raffinierte Spielereien aufzudecken“27.

2.3 Didaktisches Potenzial von Imaginationen

Der Zweck der Fiktionen ist das Hervorbringen und Ermöglichen von Imaginationen und ohne ÄImagination kein historisches Lernen“.28 Durch die Beschäftigung mit historischen Inhalten bauen wir Vorstellungsbilder auf, die wir in unser Geschichtswissen einbauen. Durch eine intensivere Beschäftigung mit imaginationsreichen Medien, wird Authentizität der historischen Vorstellungen ermöglicht. 29

ÄOhne Imagination keine Irritation.“30 Als Irritation beschreibt Veit den Zeitpunkt, an dem der Rezipient durch die Konfrontation mit dem Fremden verunsichert wird. Am Beispiel des Filmes ÄDas Leben der Anderen“ kann die Irritation dadurch entstehen, dass wir uns in den Stasi Hauptmann Wiesler hineinversetzen. Das ‚Fremde‘ wird mit der eigenen Lebenswelt in Bezug gesetzt und rationales Lernen eingeleitet.31 Erst durch Imagination und Irritation kann es zu einer Erfahrungserweiterung der Schüler kommen.32

Durch die Vermischung von realen und fiktiven Elementen besteht allerdings die Gefahr, dass fiktive Inhalte als real erachtet werden und unreflektiert in das Geschichtsbewusstsein eingebaut werden.33 Beherrschen die Schüler allerdings die Unterscheidung zwischen Fiktion und Non-Fiktion, können sie am fiktionalen Sprachspiel erfolgreich teilnehmen.34 Im Unterricht sollte daher Fiktionsbewusstsein entwickelt werden. Die Schüler müssen lernen, die Fiktionssignale der Produktseite zu entlarven. Leider wird diese Kompetenz von Lehrern häufig schon vorausgesetzt.35 Es wird nicht thematisiert, dass ein Spielfilm beispielsweise auf der pragmatischen Ebene bereits als Fiktionsmedium zu dekuvrieren ist.

Eine andere Möglichkeit als die Entlarvung der Fiktionssignale ist der Vergleich der Medieninhalte mit dem eigenen Weltwissen.36 Entspricht die Geschichte im Film meinem historischen Wissen über das Thema? Hawkins bezeichnet Weltwissen als Äsocial expectations“.37 Die zweite analytische Komponente der Realität-/Fiktions- unterscheidung ist laut Hawkins das Ämagic window“,38 nämlich das Wissen darüber, dass Medieninhalte stets konstruiert sind. Die Schüler wissen über Produktionsverfahren und Darstellungsweisen medialer Produkte Bescheid.39

[...]


1 Norbert Groeben, Fiktionskompetenz, in: Matias Martinez (Hrsg.), Handbuch Erzählliteratur, Stuttgart 2011, S.63

2 Vgl. Irmgard Nickel-Bacon, Vom Spiel der Fiktionen mit Realitäten, in: Praxis Deutsch Nr. 180 (2003), S.8

3 Vgl Anton Kaes, Deutschlandbilder. Die Wiederkehr der Geschichte als Film, München 1987, S. 207

4 Vgl. Margit Schreier u.a., Im Spannungsfeld von Realität, Fiktion und Täuschung. Möglichkeit kontraintentionaler Rezeption von Medieninhalten, in: Martin K.W. Schweer (Hrsg.), Der Einfluss der Medien. Vertrauen und soziale Verantwortung, Opladen 2001, S.42

5 Vgl. a.a.O., S.35f.

6 Vgl. a.a.O., S.36

7 Vgl. Irmgard Nickel-Bacon 2003, S.6

8 Vgl. Ebd.

9 Vgl. Ebd.

10 Vgl. Norbert Groeben 2011, S.65

11 Vgl. Irmgard Nickel-Bacon 2003, S.7

12 Vgl. Irmgard Nickel-Bacon 2003, S.7

13 Norbert Groeben 2011, S.63

14 Ebd.

15 Irmgard Nickel-Bacon 2003, S.8

16 Vgl. a.a.O., S.9

17 Vgl. Margit Schreier u.a 2001, S.41

18 Irmgard Nickel-Bacon 2003, S.9

19 Vgl. a.a.O., S.10

20 Vgl. Margit Schreier u.a. 2001, S.42

21 Vgl. Irmgard Nickel-Bacon 2003, S.10

22 Vgl. Margit Schreier u.a. 2001, S.42

23 Irmgard Nickel-Bacon 2003, S.8

24 Vgl. Margit Schreier u.a.2001,S. 43

25 Vgl. Irmgard Nickel-Bacon 2003, S.10

26 Vgl. a.a.O., S.9

27 A.a.O., S.11

28 Georg Veit, Von der Imagination zur Irritation, in: Geschichte lernen Nr. 52 (1996), S. 10, zitiert nach Schörken R.: Historische Imagination und Geschichtsdidaktik, Paderborn u.a. 1994, S.116

29 Vgl. Georg Veit 1994, S.10

30 A.a.O., S.11

31 Vgl. ebd.

32 Vgl. Georg Veit 1994, S.11

33 Vgl. Norbert Groeben 2011, S.66

34 Vgl. a.a.O., S.65

35 Vgl. Nickel-Bacon 2003, S.10

36 Vgl. a.a.O., S.11

37 Schreier 2001, S.39

38 Ebd.

39 Vgl. ebd.

Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668204997
ISBN (Buch)
9783668205000
Dateigröße
661 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321310
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Didaktik der Geschichte
Note
1,4
Schlagworte
florian henckel donnersmarcks leben anderen authentischer spiegel lebens

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