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Komik der Medizin. Kritik an der Medizin in Molieres "Der eingebildete Kranke"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 27 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Komik und Komödie
2.1 Theoretische Vorüberlegungen
2.2 Die grundlegende Prämisse der Komik in „Der eingebildete Kranke“

3. Traditionen „medizinischer Komik“ im Theater
3.1 Molière und die Theatertradition
3.2 Die Commedia dell´arte und ihr Einfluss auf Molière
3.3 Tradierte Elemente medizinischer Komik im „Eingebildeten Kranken“
3.3.1 Der komische Arzt
3.3.2 Anale und fäkale Komik
3.3.3 Lachen über den Tod

4. Kritik an der zeitgenössischen Medizin
4.1 Die Position des Arztes und deren Missbrauch
4.2 Die Schädlichkeit der Therapie
4.3 Die Fortschrittsfeindlichkeit der Medizin
4.4 Argans Doktorpromotion

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Argan: Euer Molière mit seinen Komödien ist ein impertinenter Kerl, und ich finde es schon sehr eigenartig, daß er sich über so honorige Leute wie die Mediziner lustig macht.[1]

Derartig aufgebracht reagiert der „eingebildete Kranke“ auf das Angebot seines Bruders Béralde, ihn in eine von „Molières Komödien (...), die von diesem Thema handeln“[2] zu begleiten. Dieses Thema ist die Medizin, die in der Diskussion zuvor im Mittelpunkt steht. Die Selbstironie, die Molière in dieser Passage demonstriert, besteht nicht nur darin, dass er sich von seinem Protagonisten – den er in den ersten Aufführungen auch noch selbst spielte – beschimpfen lässt. Sie offenbart sich auch darin, dass er gar keinen Hehl daraus macht, dass er mit dem „Eingebildeten Kranken“ beileibe nicht zum ersten Mal die Medizin und ihre Vertreter dem Publikum zum Gelächter preisgibt. Tatsächlich sind die „Ärzte und die von ihnen praktizierte Heilkunst (...) ein Thema, das sich seit langen Jahren leitmotivisch durch Molières Komödien zieht und in Le malade imaginaire seine endgültige Gestaltung findet.“[3] Mit dem „Eingebildeten Kranken“ sind es insgesamt stolze sechs Bühnenwerke[4]

in denen die Mediziner eine wichtige – und stets der Lächerlichkeit anheimgegebene – Rolle spielen. Ziel meiner Arbeit ist es nun, am Beispiel des „eingebildeten Kranken“ nachzuvollziehen, wie der Autor aus dem sich rund um die Medizin formierenden Themenkomplex – in dem ich auch die Begriffe von „Therapie“, „Tod“, „Krankheit“, „Arzt und Arztwesen“ einschließe – komödiantisches Potential schlägt. Zum einen soll hierbei die lange – und dies soll gleich ausdrücklich gesagt werden, sicherlich nur eingeschränkt für Moliére zugängliche – Tradition „medizinischer Komik“ auf den Bühnen der Theatergeschichte betrachtet werden. Zum anderen ist es ein Anliegen dieser Arbeit, die satirische Komik innerhalb des „Eingebildeten Kranken“ aufzuspüren. Satirisch heißt hier: Wo transportiert Molière nicht nur althergebrachtes Komikpotential der Medizin, sondern nutzt die Komödie auch, um sich über die zeitgenössischen Ärzte, Krankheiten und Therapieformen der Gesellschaft in der er lebt und für die er schreibt, kritisch zu äußern? Eine Trennung, die mit Sicherheit problematischer ist, als sie klingt, denn es wird sich zeigen, dass Tradition und Zeitkritik durchaus nah beieinanderliegen und ineinander verflochten sein können, bei Molière anscheinend so eng, dass Shaw die satirischen Elemente in Molières Ärztekomödien als geradezu vernachlässigbar gering einstuft[5].

The frequency with which he returned to this subject has prompted the idea of a kind of crusade. Critics have talked of his „startling assault“ on the medical profession and suggested that his hostility stemmed from his bitterness over his own illness.[6]

Auch ich werde nicht die These vertreten, dass Molière es um einen „Kreuzzug“ gegen die Mediziner ging. Einen offenen Skandal, wie er durch die Aufführung des „Tartuffe“ verursacht wurde, wollte Molière sicherlich auch nicht wiederholen. Dennoch: Man verfällt wohl kaum der vielgefürchteten „intentional fallacy“ wenn es einen bei der Betrachtung des Stückes „nicht gleichgültig lassen kann, ob ein Gesunder oder ein dem Tode Geweihter sich über das Thema so auslässt, wie Molière es getan hat.“[7] Dass eigene Erfahrungen und Einschätzungen in komische Potential des „Eingebildeten Kranken“ ebenso einfließen wie eben Theatertraditionen möchte ich im Rahmen dieser Arbeit nachzuvollziehen versuchen. Wenn man sich allerdings mit einer Komödie und deren komischer Wirkung beschäftigt ist es unerlässlich, zumindest kurz theoretisch anzureißen, was man im Folgenden unter „Komik“ verstehen möchte.

2. Komik und Komödie

2.1 Theoretische Vorüberlegungen

Es bedürfte einer eigenen Hausarbeit, wollte man auch nur ansatzweise versuchen, den Forschungstand der theoretischen Beschäftigung mit der Gattung der Komödie darzustellen. Schon 1975 nennen Grimm und Berghahn den Versuch „die jüngsten Bemühungen um Wesen und Formen der Komödie zu dokumentieren“ als Arbeit an einer „schier unlösbaren Aufgabe“[8]. Eine Aufgabe, die in den seitdem vergangenen Jahrzehnten kaum einfacher geworden sein dürfte. Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem „Eingebildeten Kranken“ gehe ich deswegen von einer schlichten Definition der Komödie aus, welche die Komik als den zentralen Bestandteil und nicht zuletzt auch als Erkennungsmerkmal der Gattung annimmt[9]. Komik verstehe ich hierbei als Lachen auslösende Reize, und zwar ein „Lachen über Neues und Merkwürdiges, Überraschendes und Widerspruchsvolles, über komische Mißbildungen, Regelwidriges, über Versagen von Wissen und Können, über ‚kleines Mißgeschick’, das mit Einbuße an Würde verbunden ist, und über Obszönes.“[10] Sicherlich eine einigermaßen große Ansammlung von Gründen für das Lachen, die dem Umstand gerecht werden soll, dass viele Komödien sich auch einer breiten Palette verschiedener Komiken bedienen. Diese Feststellung trifft insbesondere auch auf Molière zu:

Molière [...] beherrschte eine Vielzahl unterschiedlicher Komik-Formen: derbe farcenhafte Komik und verfeinerte Charakterkomik, Prügelkomik ebenso wie Ideenkomik, gestische ebenso wie sprachliche Komik.[11]

Von besonderem Interesse im gegebenen Rahmen ist natürlich das, was weithin als „Mängelkomik“ bekannt ist. Schon laut Aristoteles ist diese die eigentliche Grundlage der Komödie. Für ihn ist „die Komödie Nachahmung von schlechteren Menschen, aber nicht im Hinblick auf jede Art von Schlechtigkeit, sondern nur insoweit, als das Lächerliche am Häßlichen teilhat.“[12] Argan ist der aristotelischen Definiton von für die Komödie geeigneten „schlechteren Menschen“ mühelos zuzuordnen. Wie schon „Der Geizige“ oder „Der Menschenfeind“, gibt auch Argans Charakterfehler der Komödie ihrem Namen. In all diesen Stücken ist die „Keimform der Kömodie als der dramatischen Ausformung von Unzulänglichkeitskomik“[13] deutlich zu erkennen. „Das Lachen über Argan ist in der Tat ein herabsetzendes Lachen, ein Verlachen, mit dem sich der Lachende, das Publikum, über Argan erhebt.“[14] Doch es ist wichtig, nicht zu übersehen, dass nicht nur Argan zum herablassenden Lachen einlädt. Denn auch andere Figuren sind dem Hohn des Publikums ausgesetzt. Und dies sind, neben der von ihrer offensichtlichen Geldgier getriebenen Béline, die Vertreter der medizinischen Zunft.

2.2 Die grundlegende Prämisse der Komik in „Der eingebildete Kranke“

„Das Lächerliche ist nämlich ein mit Häßlichkeit verbundener Fehler, der indes keinen Schmerz und kein Verderben verursacht“[15] schränkt Aristoteles die komödiengeeigneten Schwächen ein. Eine Feststellung, die wenig verwundert, denn „schon in der Alltagskomik lachen wir über eine kuriose Figur oder eine komische Situation nicht, wenn wir mitleiden, sondern wenn wir eine Distanz herstellen und das Belachte als Ganzes vor uns bringen.“[16] Diese Forderung nach einer letztendlichen Harmlosigkeit birgt für den „Eingebildeten Kranken“ ein erhebliches Konfliktpotential, denn es geht in ihm

nicht nur um einen beliebigen Wahn oder eine fixe Idee, wie ihn der „Geizige“ oder der „Menschenfeind“ auch schon hatte, es geht um eine ungleich existenziellere Angelegenheit und um ein Thema, von dem man zunächst annehmen möchte, daß es in der Komödie nichts zu suchen hätte.[17]

Molière wusste nur zu gut: „Ernsthafte Gefahren, wirkliche Schmerzen verkraftet die Gattung nicht“, und sein „Eingebildeter Kranker“ hält sich an diese „uralte Bestimmung“[18]. In keiner von Molières Komödien, die sich an das Thema der Medizin wagen, kommt ein tatsächlich Kranker vor. Das geheimnisvolle Gebrechen, an dem Lucinde im „Arzt wider Willen“ leidet, entpuppt sich als Trick um sich vor einer unerwünschten Heirat drücken zu können[19]. Auch Argans Krankheiten sind eine Täuschung, vor allem natürlich Täuschung seiner selbst, die er schon fast genießen zu scheint. Zu großen Teilen betreibt Argan „ das Kranksein als ein Vergnügen, als eine Art Hobby“[20]. Nur so kann sein „Krankheitsfimmel“, den ihm eine deutsche Übersetzung im Untertitel bescheinigt[21], als Beispiel der typischen „Verschanzungen der Eigenliebe und des Selbstbetrugs“[22], die Molières Protagonisten so häufig kennzeichnen, durchgehen. Ein echter Kranker, umringt von unfähigen Ärzten, wäre kaum denkbar ohne ein gehöriges Maß an Tragik, welche die Komödie vernichten müsste. Nur „gefälschte“ Krankheiten erlauben es Molière, „diese Bedrohungen harmlos erscheinen zu lassen“[23] und damit als Thema für die Komödie zu gewinnen, ohne die Komik damit ernsthaft zu gefährden. In diesem Zusammenhang sollte auch bedacht werden, dass es sich bei dem „Eingebildeten Kranken“ ursprünglich um eine Ballettkomödie handelt, bei der neben den „drei in Prosa verfassten Akten“ mit „zwei Prologen“ und „je einem Intermedium nach jedem Akt“[24] tänzerische und musikalische Abwechslung zum grundsätzlich ernsten Thema geboten wurde. „Vers, Musik, bukolische Motivik, Masken- und Kostümspiel wirken im Rahmenbau der Prologe zusammen, um eine zur Spielhandlung kontrastierende Sphäre festlicher, lyrischer Stimmung zu erzeugen.“[25]

Bis auf die abschließende „Promotionsszene“ sind die Ballettelemente inhaltlich kaum mit der Spielhandlung verbunden. Stackelberg sieht hierin einen durchaus die Komödie rettenden Aspekt:

Ohne Musik und Tanz, ohne die durch Klang und den Rhythmus geschaffene atmosphärische Vorbereitung, ohne die festliche, ausgelassene, ja übermütige Stimmung, in die der Zuschauer durch die getanzten und gesungenen Zwischenspiele versetzt wird, wäre der ‚Malade imaginaire’ schwerlich zur Komödie, schwerlich zum Lustspiel geworden.[26]

[...]


[1] Molière, Der eingebildete Kranke. Stuttgart 2002. S. 55ff.

[2] ebd., S. 55.

[3] Jürgen Grimm, Molière. Stuttgart 1984. S. 145.

[4] Die weiteren fünf Komödien (Aufzählung nach Grimm, Molière, wie Anm. 3): Le médicin volant, Dom Juan, L´amour médecin, Le médecin malgré lui, Monsieur de Pourceaugnac.

[5] David Shaw, Moliére and the doctors. In: Stephen Bamforth (Hrsg.), Moliére. Proceedings of the Nottingham Molière Conference 17 – 18 December 1993. Nottingham 1994. S. 133 – 142.

[6] Ebd., S. 133.

[7] Jürgen von Stackelberg, Molière. Eine Einführung. München, Zürich 1986. S.74.

[8] Reinhold Grimm, Klaus L. Berghahn, Vorwort der Herausgeber. In: diess. (Hrsg.) Wesen und Formen des Komischen im Drama. Darmstadt 1975. S. 7.

[9] Dies ist keine Selbstverständlichkeit, wie man vielleicht annehmen könnte. Es existieren durchaus Theorien der Komödie, die auf den Bestandteil Komik verzichten. Vgl.: Ulrich Profitlich, Komödien – Konzepte ohne das Element Komik. In: Ralf Simon (Hrsg.), Theorie der Komödie – Poetik der Komödie. Bielefeld 2001. S.13 – 30.

[10] Otto Rommel, Die wissenschaftlichen Bemühungen um die Analyse des Komischen. In: Reinhold Grimm, Klaus L. Berghahn (Hrsg), Wesen und Formen des Komischen im Drama. Darmstadt 1975. S. 29.

[11] Thomas Keck, „Molière Imaginaire“ – Von der Heilkraft deutscher Bühnenfassungen des Malade imaginaire. In: Thorsten Unger (Hrsg.), Differente Lachkulturen? Fremde Komik und ihre Übersetzung. Tübingen 1995. S. 145.

[12] Aristoteles, Poetik. Stuttgart 1982. S. 17.

[13] Otto Rommel, Komik und Lustspieltheorie. In: (wie Anm. 10). S. 60.

[14] Thomas Keck, „Molière Imaginaire“ (wie Anm. 11). S. 154ff.

[15] Aristoteles, Poetik (wie anm. 12). S. 17.

[16] Ralf Simon, Theorie der Komödie. In: (wie Anm. 9). S. 56.

[17] Jürgen von Stackelberg, Moliére (wie Anm. 4). S. 74.

[18] Ebd., S. 75.

[19] Vgl. Molière, Arzt wider Willen. In: (ders.), Komödien III. Zürich 1975. S. 115 – 159.

[20] Gertrud Mander, Jean-Baptiste Molière. Hannover 1967. S. 131.

[21] Die Übersetzung von Kapp aus dem Jahre 1963 nennt sich „Der eingebildete Kranke oder Herr Argan hat den Krankheitsfimmel“. S. Thomas Keck, Molière auf Deutsch. Eine Bibliographie deutscher Übersetzungen und Bearbeitungen der Komödien Molières. Hannover 1996. S. 26.

[22] Werner Krauss, Molière und das Problem des Verstehens. In: Renate Baader (Hrsg.), Molière. Darmstadt 1980. S. 85.

[23] Jürgen von Stackelberg, Moliére (wie Anm. 4). S. 80.

[24] Thomas Keck, „Molière Imaginaire“ (wie Anm. 11). S. 149.

[25] Ebd.

[26] Jürgen von Stackelberg, „La malade imaginaire“. Zit. nach: Thomas Keck, Molière imaginaire (wie Anm. 11). S. 185.

Details

Seiten
27
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638329279
ISBN (Buch)
9783638651707
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32130
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Theaterwissenschaft
Note
2,7
Schlagworte
Komik Medizin Kritik Molieres Kranke Theater Klassik

Autor

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