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Eine transmediale Analyse der narrativen Struktur von Sherlock Holmes Fällen. "Ein Fall in Pink" vs. "Eine Studie in Scharlachrot"

Hausarbeit 2016 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Transmediales Erzählen

2. Kurzzusammenfassung beider Texte

3. Definition: Narrative Struktur

4. Analyse der narrativen Struktur: Buch vs. Serie
4.1. Vergleich der semantischen Räume
4.1.1 Fall vs. Kein Fall
4.1.2 Glaube an Mormon vs. Kein Glaube an Mormon
4.2 Vergleich der Paradigmen
4.2.1 Paradigma: Ring
4.2.2 Paradigma: Mord
4.2.3 Transficionality

5. Zusammenfassung der Ergebnisse

6. Literaturverzeichnis
6.1 Buchquellen
6.2 Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Merkmalsausprägungen des Rings in Buch und Serie

Abb. 2: Merkmalsausprägungen des Mordes in Buch und Serie

1. Transmediales Erzählen

Medien zu nutzen, ist im Alltag Jugendlicher selbstverständlich. Die heute 12- bis 19- Jährigen sind bereits mit einem enorm breiten Medienrepertoire aufgewachsen und kennen kein Leben ohne Internet oder Handys. Im Hinblick auf die tägliche Nutzung steht das Handy (89%) klar an erster Stelle, gefolgt vom Internet (80%) und dem Fernsehen (52%). Ein Viertel der deutschen Jugendlichen spielt täglich Computerspiele und knapp ein Fünftel (19%) liest ein Buch. (vgl. Jim-Studie 2015) Medienproduzenten haben auf den Trend zur vielseitigen Mediennutzung reagiert und berücksichtigen bei der Produktion neuer Medieninhalte vermehrt ihren medienübergreifenden Charakter. Ein Phänomen, das das Erzählen von Geschichten auf ein neues Level bringt, etabliert sich in der Medienindustrie - Transmedia Storytelling.

Transmedia Storytelling heißt, die Teile einer Geschichte sinnvoll auf verschiedene Medien zu verteilen, wobei jedes Medium seine spezielle Stärke beiträgt und als eigener Teil funktioniert. In der Vorstellung der Nutzer oder Konsumenten wird eine Welt geschaffen, denn durch die Beiträge aus verschiedenen Medien entsteht eine „ Dreidimensionalität “ der Geschichte. (vgl. Jenkins 2007)

Jenkins beschreibt Transmedia Storytelling als einen Prozess, bei dem zentrale Elemente einer Geschichte systematisch über verschiedene Medien bzw. Distributionswege verteilt werden, um ein ganzheitliches und strukturiertes Unterhaltungserlebnis zu schaffen. Eine Geschichte transmedial zu erzählen bedeutet also, sie in kleine Puzzleteile - die einzelnen Medien - zu zerlegen, die letztlich das große Ganze, das transmediale Universum ergeben. Jedes kleine Medienstück - sei es ein Comic, Film oder Videospiel - trägt zu einer größeren Erzählung bei und füllt diese mit weiteren Informationen und Details. (vgl. Rutledge 2011) Ob es sich dabei um eine fiktionale oder reale Geschichte, oder gar Mischformen handelt, bleibt dem Produzenten überlassen. Auch wenn die Texte auf verschiedenen Medien abgespielt werden, sind sie aneinander gekoppelt, sodass die einzelnen Segmente zu einem Universum zusammengefügt werden können. Es findet seinen Ursprung im sogenannten Core-Text, dessen Darstellung von Welt von anderen Medienkanälen adaptiert werden kann.

Die Menschen heutzutage wollen unterhalten werden. Zu diesem Entschluss kam schon Neil Postman in seinem Werk Wir amüsieren uns zu Tode, indem er das Verlangen der Menschen nach „totalem Entertainment“ kritisiert (Postman 1991: 11).

Dieses Streben nach Unterhaltung befriedigt Transmedia Storytelling, denn die Aufbereitung der Inhalte durch verschiedene Darstellungsformen und die Einbeziehung mehrerer Medienkanäle sorgt für Abwechslung und Unterhaltung beim Rezipienten. (vgl. Moloney 2013)

Medienproduzenten erreichen gezielt ein bestimmtes, relevantes Publikum und die verschiedenen Einstiegspunkte in die Geschichte ermöglichen einer Vielzahl von Rezipienten Zugang zu den Inhalten - meist durch ihr Lieblingsmedium. „Das Ziel transmedialer Geschichten ist es nun aber, das Publikum auch mit anderen Medien, die ebenfalls einen Teil der Geschichte erzählen, vertraut zu machen“ (ebd.). Durch den zeitunabhängigen Konsum des Contents und die intendierte Interaktivität, können Rezipienten selbst bestimmen, welche Informationen sie wann rezipieren.

Ein Beispiel für ein transmediales Universum in der heutigen Zeit stellt die Geschichte von Sherlock Holmes dar. Dieser ist eine von Sir Arthur Conan Doyle geschaffene Kunstfigur, die in seinen, Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen, Romanen als Detektiv tätigt ist (Core Text). Mittlerweile wurde das Universum Sherlock Holmes um Verfilmungen, Computerspiele, Apps oder Spielzeugfiguren erweitert und spricht eine breite Zielgruppe an.

Wie die meisten transmedialen Projekte war Sherlock Holmes nicht als solches geplant. Die Romane Doyles waren jedoch so beliebt, dass sie eine Kettenreaktion auslösten und vor allem Filmemachern eine optimale Basis für erfolgreiche Produktionen boten (Schneeballeffekt). In den seltensten Fällen transmedialer Projekte ist die Narration der verschiedenen Texte identisch. Vielmehr übernehmen neue Distributionskanäle die Darstellung von Welt des Core-Textes, ändern jedoch einzelne Merkmale und Elemente ab. So präsentieren die einzelnen Texte zwar eigene dargestellte Welten, die ihrerseits jedoch auf die Hyperdiegese abstrahiert werden können.

Im Falle von Sherlock Holmes postulieren Medien oft, dass sich die Folge der BBCSerie Ein Fall in Pink stark an der literarischen Vorlage Eine Studie in Scharlachrot orientiert und sich deren narrativer Struktur bedient. Da das Buch im viktorianischen Zeitalter, die BBC-Serie aber in der Neuzeit spielt, ist es interessant, diese Behauptung genauer zu analysieren.

In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, ob Ein Fall in Pink die narrative Struktur von Eine Studie in Scharlachrot übernommen hat. Als Literaturquellen der Arbeit dienen dabei primär die Bücher Medien und Kommunikation - eine interdisziplinäre Einführung von Hans Krah und Michael Titzmann sowie Die Struktur literarischer Texte von Juri Lotman.

Der Inhalt beider Texte wird zunächst zusammengefasst, bevor die Arbeit auf die narrative Struktur und verschiedene Paradigmen genauer eingeht. Abschließend setzt sie das Untersuchte mit dem Begriff Transficionality in Verbindung, bevor in einem Schluss die Ergebnisse präsentiert werden. Alle Seitengaben von Eine Studie in Scharlachrot beziehen sich auf die 2013 erschienene gebundene Ausgabe des Anaconda Verlags Köln.

2. Kurzzusammenfassung beider Texte

Bevor die Arbeit die narrative Struktur vergleicht, wird der Inhalt beider Texte knapp zusammengefasst. Dabei beschränkt sich die Arbeit in diesem Kapitel auf die grobe Histoire, die sich im Gegensatz zu dem Discours, nicht auf das wie einer Erzählung sondern auf das was, also die chronologische Abfolge der Geschehnisse konzentriert. (vgl. Krah/Titzmann 2011: 22)

Beide Texte beginnen mit dem Treffen von Sherlock und Dr. Watson, einem ehemaligen Militärarzt. Sie lernen sich kennen und ziehen in eine gemeinsame Wohnung in der Baker Street 221B in London. Wenig später bittet die Polizei Sherlock um Mithilfe bei der Aufklärung eines mysteriösen Mordfalls. Watson erfährt kurz darauf, dass Sherlock als Detektiv tätig ist und stets als helfende Hand der Polizei agiert, wenn diese einen Fall nicht lösen kann. Für Watson ist Sherlock eine merkwürdige, zugleich aber auch eine faszinierende Person. Um Fälle zu lösen bedient er sich der Methode der Deduktion, die es ihm ermöglicht, seine außergewöhnlich gute Beobachtungsgabe mit angesammeltem Wissen zu kombinieren und daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Zwischen Watson und Sherlock entwickelt sich eine innige Freundschaft und gemeinsam arbeiten sie an der Aufklärung des Falls. Obwohl Sherlock schon relativ schnell auf die Spur des Täters kommt, der sein Opfer mit Pillen vergiftet, lässt er Watson und die Polizei längere Zeit im Dunkeln tappen, bis er sich des Mörders sicher ist. Sowohl im Film, als auch im Buch kommt Sherlock durch das Transportmittel des Mörders auf dessen Spur und kann ihn schließlich überführen.

In Eine Studie in Scharlachrot gibt es innerhalb der Erzählung eine weitere Geschichte, die zusätzliche Hintergrundinformationen zu Opfer und Täter liefert. Wie und wo haben sich beide kennengelernt? Was war das Mordmotiv? Dieser Einschub wird in der Serie ausgelassen.

3. Definition: Narrative Struktur

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die narrative Struktur beider Texte miteinander zu vergleichen und die Frage, ob Ein Fall in Pink jener von Eine Studie in Scharlachrot übernehme, zu untersuchen. Um eine treffende Analyse durchzuführen, muss der Terminus narrative Struktur zunächst definiert werden.

Um die Struktur von Texten zu untersuchen, entwickelte Lotman einen neuen erzähltheoretischen Ansatz, bei dem nicht die zeitliche Struktur der Erzählung im Vordergrund steht, sondern die räumliche Organisation des Textes. Laut Lotman wird die Struktur eines Textes zum Modell der Struktur des Raumes der dargestellten Welt, und die interne Syntagmatik zur Sprache der räumlichem Modellierung. (vgl. Lotman 1972: 312) Jeder Teilraum besitzt demnach eigene Ausprägungen und Merkmale, die ihn von anderen Teilräumen unterscheidet. Eine Grenze, deren prägnanteste Eigenschaft ihre Unüberschreitbarkeit darstellt, unterteilt diese Teilräume voneinander .

„ Die Art, wie ein Text durch eine solche Grenze aufgeteilt wird, ist eines seiner wesentlichsten Charakteristika. Ob es sich dabei um eine Aufteilung in Freunde und Feinde, Lebende und Tote, Arme und Reiche oder andere handelt, ist an sich gleich. Wichtig ist etwas anderes: die Grenze, die den Raum teilt, muss unüberwindlich sein und die innere Struktur der beiden Teile verschieden “ (ebd.: 327 ).

Bei Lotman kommt dem Begriff Ereignis, der auf jenem der Grenze aufbaut, eine tragende Rolle zu. Denn ein Ereignis im Text wird durch das Überschreiten dieser Grenze durch eine Figur beschrieben. (ebd.: 332)

Zudem lassen sich weitere essentielle Voraussetzungen für narrative Strukturen zusammenfassen, z.B. ihr temporärer Verlauf. (Krah/Titzmann a.a.O.: 115) Eine Narration ist nur dann vorhanden, wenn in ihr verschiedene Zeiträume gegeben sind. Dementsprechend ist ein Bild nicht narrativ, da es keinen Zeitstrang aufweist. Eine Erzählung von Sherlock und Dr. Watson hingegen, die sich kennenlernen und eine innige Freundschaft aufbauen, ist eine Narration. Diese muss mindestens drei Zeitpunkte/-räume enthalten. Einen Ausgangspunkt (Sherlock und Dr. Watson kennen sich nicht), einen Transformationsprozess, der eine Veränderung des Zustands bewirkt (sie entwickeln eine freundschaftliche Beziehung) und einen Endzustand (sie sind befreundet). Diese Zustandsveränderung verleiht der Narration ihren ereignishaften Charakter. Ein Geschehen ist jedoch nur dann ein Ereignis, wenn die Handlung von den Regularitäten der dargestellten Welt abweicht und statt seiner etwas anderes hätte stattfinden können - wenn es also eine Alternativmöglichkeit gegeben hätte. (ebd.: 115)

Eine weitere Bedingung ist die Konstanz der Referenzgröße, die besagt, dass „die Aussagen über die unterschiedenen Zeitpunkte/-räume sich auf dieselbe Größe beziehen müssen“ (ebd.: 114). Sowohl die Serie, als auch ihre literarische Vorlage, erfüllen diese Bedingung, wie folgendes Beispiel zeigt.

Holmes war ein Mensch, mit dem es sich leicht leben ließ[...]. Selten blieb er abends nach zehn auf (t1), und wenn ich morgens zum Vorschein kam (t2), hatte er immer schon gefrühstückt und war ausgegangen. Den Tagüber (t3) war er meist im chemischen Laboratorium [...] “ (Doyle 2013: 15f).

Für die Analyse und den Vergleich der narrativen Struktur von Ein Fall in Pink mit Eine Studie in Scharlachrot dient dieser Arbeit das raumbildende Modell von Lotman als Vorbild. Auch wenn sich seine Überlegungen durchweg auf literarische Texte beziehen, ist seine Theorie auch auf Serien und Filme übertragbar.

4. Analyse der narrativen Struktur

4.1. Vergleich der semantischen Räume

4.1.1 Fall vs. Kein Fall

Im folgenden Kapitel vergleicht die Arbeit die narrative Struktur beider Texte, wobei sie zunächst sowohl Buch als auch Serie in zwei Räume unterteilt, die in beiden Medien zu erkennen sind: Fall vs. Kein Fall. Die nachstehenden Erläuterungen sind folglich für beide Texte gültig.

Beide Räume beziehen sich auf die Referenzgröße Sherlock Holmes, dessen Verhalten sich bei keinem Fall (t1) von dem während eines Falls (t2) unterscheidet. Beide disjunkte Teilräume sind durch eine Grenze voneinander getrennt. Um von zwei disjunkten Teilräumen sprechen zu können, müssen deren Ausprägungen verschieden sein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668204478
ISBN (Buch)
9783668204485
Dateigröße
746 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321199
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Schlagworte
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