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Sprachpolitik in Europa. Ein Vergleich der multilingualen Erziehung in deutschen und belgischen Schulen

Hausarbeit 2013 19 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Gliederung

1 Einführung

2 Sprachpolitik & Sprachprestige

3 Sprachvermittlung in europäischen Schulen
3a) Die allgemeine sprachliche Bildung in deutschen Schulen

4 Die Sprachsituation in Belgien
4a) Auswertung Interviews belgischer Probanden

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

1. Einführung

Die Begriffe “Sprachpolitik” und “Sprachprestige” sind sehr umfassende Konzepte, die in vielen verschiedenen Bereichen einer mono- oder bilingualen Gesellschaft Anwendung finden. Im Duden findet sich unter dem Begriff “Sprachpolitik” folgende Definition: “die in einem Land gesprochene[n] Sprache[n], die in einem Land sich stellende Sprachenfrage o.ä. betreffende Politik ” 1. Sprachpolitik ist demnach nicht nur eine festgelegte Orthografie oder eine Regelung für die Einigung auf eine Amtsprache. Sprachpolitik beginnt auch bei der Bildungspolitik und ist Teil jeder schulischen Institution. Da Sprachpolitik ein so umfassender Begriff ist, werde ich mich in dieser Arbeit vor allem auf die Institution Schule und deren Umgang mit Sprachunterricht konzentrieren. Dabei werde ich die Begriffe “Sprachpolitik” und “Sprachprestige” klären und den Einfluss verschiedener Faktoren auf das individuelle Sprachverhalten nennen. Danach werde ich einen kurzen Überblick zum Sprachunterricht in europäischen Schulen geben. Dabei werde ich vor allem deutsche Schulen mit belgischen Schulen vergleichen und dabei auf die verschiedenen Sprachsituationen in den jeweiligen Ländern eingehen. Zur Sprachsituation in Belgien hatte ich die Möglichkeit belgische Bekannte zu ihrem eigenen Spracherwerb zu interviewen. Das Ergebnis dieses Interviews wird auch Teil meiner Arbeit sein. Vorerst werde ich grundlegende Begriffe, die Teil meiner Arbeit sind näher erläutern.

2. Sprachpolitik & Sprachprestige

Die Grundlage meiner Hausarbeit ist die Ausarbeitung von Harry van Velthofen und Else Witte (1999). Beide haben sich mit der komplexen Sprachsituation in Belgien und der Sprachgeschichte des Landes befasst. Van Velthofen und Witte stellen gleich am Anfang ihrer Arbeit fest, dass Sprache mit dem Konzept Nation und Volk unlöslich verbunden ist2. Demnach ist auch die Sprachpolitik für die Bildung einer Nation von zentraler Bedeutung.

Dabei wird noch nicht zwischen monolingualen oder mehrsprachigen Nationen unterschieden. Sprache ist zusätzlich mit sozialer Mobilität verbunden - Spracherhalt und Sprachverlust haben auf den sozialen Status eines Menschen Einfluss. Van Velthofen und Witte beschreiben die Wechselwirkung zwischen Soziolinguistik, Psycholinguistik und Sprachsoziologie als entscheidend bei der Analyse von individuellen Sprachverhalten. Weiterhin wird das Sprachverhalten als komplexes Zusammenspiel zwischen individuellen und gesellschaftlich-politischen Faktoren angesehen: Familie, Kirche, Medien, Schule - all diese Faktoren haben Einfluss auf das Sprachverhalten eines Menschen. Sprache ist Kultur - das Eingreifen in eine existierende Sprachgemeinschaft ist das Eingreifen in eine Kulturgemeinschaft. Sprachlich homogene Staaten sind nach Meinung von Van Velthofen und Witte dennoch eher die Ausnahme3. Dadurch, dass Staaten meistens sprachlich nicht homogen sind, stehen sich zwei oder mehrere Sprachen gegenüber. Diese Sprachen besitzen meist einen unterschiedlichen Status in der Gesellschaft - man spricht von Sprachprestige. Die Prestige-Sprache hat eine größere Dominanz, wenn eventuelle Mundarten beseitigt wurden und eine Standardisierung erfolgt ist4. Diese Prestigesprache wird mit intellektueller Überlegenheit und einer verfeinerten Kulturform assoziiert. Dadurch ist die Art der Dominanz ist keine linguistische-, sondern wird von einem sozioökonomischen Standpunkt aus fest gemacht. Da die Elite der industriellen Gesellschaft oftmals die Prestigesprache spricht, wird Selbige in den verstädterten Gebieten gesprochen. Gleichzeitig sind die Sprecher der Prestigesprache darum bemüht, ihre Sprache in allen Lebensbereichen als dominant durchzusetzen. Im Gegensatz dazu steht die Sprache mit weniger Prestige, sie hat eine untergeordnete Stellung durch eine fehlende Standardisierung und das teilweise Existieren von Mundarten. Dadurch wird die Sprache mit weniger Prestige mit Armut oder intellektueller Inferiorität assoziiert. Erneut ist hier von einem sozioökonomischen Standpunkt auszugehen. Für die Sprecher dieser Sprache entsteht eine soziale Barriere.

Auch von offiziellen Kommunikationsmedien wird die Sprache mit weniger Prestige meist ausgeschlossen und als “völkisch” stigmatisiert. Durch diese Unterschiede entsteht für die Sprecher beider Sprachen eine Situation, bei der sie die Gleichwertigkeit von Sprache ablehnen5.

Auch in Belgien haben wir die Situation eines nicht sprachlich-homogenen Staates. Hier stehen sich die Sprachen Niederländisch, Französisch und Deutsch gegenüber. Die genauere Sprachsituation und die damit verbundenen Konflikte werde ich in Punkt 4 genauer behandeln. Sprachsituationen wie in Belgien wurden in den letzten Jahren durch viele sprachpolitische Faktoren beeinflusst und positiv verändert. Durch Demokratisierungsprozesse und sprachliche- sowie kulturelle Mobilität der Medien konnte ein Beitrag zur Gleichberechtigung von Sprachen geschaffen werden. Auch Sprachen mit niedrigen Status bekamen in vielen Ländern den Zugang zu politischer Macht (z.B. die Walisische Sprache in Großbritannien). Dabei gehen die Forderungen für eine Gleichberechtigung größtenteils von der Sprachegruppe mit weniger Prestige aus. Beispiele für solche Forderungen sind obligatorische Zweisprachigkeiten oder eine Wettbewerbsfähigkeit durch die Statuserhöhung der Sprache6. Dabei gilt: je enger das Verhältnis von Sprache und Volk ist, umso einfacher gestaltet sich das Durchbringen der sprachpolitischen Gesetze.

3. Sprachvermittlung in europäischen Schulen

Sprache wurde im 19. Jahrhundert durch das Bildungswesen und die damit verbundene Schulpflicht vereinheitlicht und jedem zugänglich gemacht. Die Schule ist dabei eine Institution mit spezieller nationalstaatlicher Prägung. Der Grundstein dazu, wie eineoder mehrere Sprachen erlernt werden, wird größtenteils in der Schule gelegt. Die Sprache markiert dabei ethnische Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede. Eine sprachliche Pluralität findet sich in vielen europäischen Schulen: durch Migration bleibt Sprache mobil und wird auch in der Öffentlichkeitt eingesetzt, weiterentwickelt und gepflegt. Belgien ist dabei keine Ausnahme - auch in Deutschland herrscht an Schulen eine sprachliche Pluralität. Dabei bilden selbst “kleine” Sprachen mit weniger Prestige ihr eigenes Netzwerk, um das sprachliche Erbe in kleinen Gemeinschaften zu pflegen7.

In ihrem Buch “Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule” benutzt Ingrid Gogolin den Begriff der “lebensweltlichen Zweisprachigkeit”. Damit beschreibt sie die Potentiale der Sprecher in bestimmten Lebenssituationen sprachlich handlungsfähig zu sein. Dieser Begriff ist kein normativer Begriff und Gogolin geht davon aus, dass die Umwelt des “lebensweltlichen Zweisprachigen” mehrheitlich nicht über die selben sprachlichen Voraussetzungen verfügt8. Daraus ergeben sich wiederum neue Anforderungen an die Gestaltung des Sprachenunterrichts in der Schule. Viele schaffen es, ihr Leben einsprachig zu organisieren, dem gegenüber steht jedoch die sprachliche Vielfalt, die durch die Schüler in die Schule hineingetragen wird. So ergeben sich immer mehr fliessende Übergänge vom Monolingualen zum Bilingualen.

3. a) Die allgemeine sprachliche Bildung in deutschen Schulen

In Deutschland werden grundsätzliche sprachliche Aspekte beim Thema Bildungspolitik nicht behandelt. Ein schulischer Umgang mit der Mehrsprachigkeit liegt im erheblichen Maße an der Tätigkeit des Lehrenden. Gogolin schreibt in ihrer Arbeit, dass Deutschland ein grundsätzliches sprachliches Selbstverständnis hat: Deutsch ist die Sprache, in der schulisch kodiertes Wissen gelehrt wird9. Eine weitere Annahme ist die, dass Deutsch in den Grundzügen beherrscht wird und in der Schule nur verfeinert und optimiert werden muss. Deutsch wird demnach nicht als Fremdsprache gelehrt. Trotzdem kann sich Deutschland vor der Migration und der damit einhergehenden sprachlichen Pluralität nicht verschließen. Wie schon oben erwähnt, bringen verschiedene ethnische Gruppen ihre Sprachen an deutsche Schulen. Jedoch existieren meist nur additive Maßnahmen, um Migranten-Kinder im Deutschunterricht zu fördern. Integrale Kurse zur Vorbereitung für den Schulunterricht und/oder den Sprachgebrauch im deutschen Alltag sind eher die Seltenheit. Da Deutschland sich als monolinguales Land versteht, gibt es noch wenig Verbesserungen im sprachpolitischen Bereich. Gogolin bezeichnet den Umgang mit Sprachunterricht als ein Beispiel für Improvisation und Konzeptlosigkeit. Sie sieht den Umgang mit der Sprachpolitik als ähnliches Konfliktfeld wie den gesamten Bereich der Einwanderungspolitik in Deutschland.10

4. Die Sprachsituation in Belgien

In Belgien existieren per Sprachgesetzgebung 3 Nationalsprachen. Dadurch ergeben sich grundsätzliche Unterschiede in der Bildungspolitik. Im Vergleich zu Deutschland müssen drei Sprachen an den belgischen Schulen vermittelt werden. Diese theoretische Annahme ist natürlich nicht einfach im Bereich der Bildungspolitik umzusetzen. Auch variiert hier der Gebrauch der Sprachen in den unterschiedlichen Regionen des Landes. Neben Französisch und Niederländisch spielt auch Deutsch als Nationalsprache eine Rolle. Die deutsche Sprache wird jedoch nur an der westlichen Grenze des Landes gesprochen. Der Hauptkonflikt besteht seit je her zwischen den Sprachen Französisch und Niederländisch. Die beiden Konfliktparteien sind das niederländische Flandern im Norden und das französische Wallonien im Süden.

[...]


1 Bibliographisches Institut GmbH Dudenverlag: http://www.duden.de/rechtschreibung/Sprachpolitik [Letzter Zugriff: 03.05.2014)

2 vgl. Van Velthoven, Harry and Witte, Else. 1999. Sprache und Politik. Der Fall Belgien in einer historischen Perspektive. Brussels: VUB University Press (S. 8)

3 vgl. Van Velthoven, Harry and Witte, Else. 1999. Sprache und Politik. Der Fall Belgien in einer historischen Perspektive. Brussels: VUB University Press (S. 19)

4 vgl. Van Velthoven, Harry and Witte, Else. 1999. Sprache und Politik. Der Fall Belgien in einer historischen Perspektive. Brussels: VUB University Press (S. 19-20)

5 vgl. Van Velthoven, Harry and Witte, Else. 1999. Sprache und Politik. Der Fall Belgien in einer historischen Perspektive. Brussels: VUB University Press (S. 20)

6 vgl. Van Velthoven, Harry and Witte, Else. 1999. Sprache und Politik. Der Fall Belgien in einer historischen Perspektive. Brussels: VUB University Press (S. 24)

7 vgl. Gogolin, Ingrid. 1994. Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule. Münster: Waxmann Verlag. (S. 9-15)

8 vgl. Gogolin, Ingrid. 1994. Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule. Münster: Waxmann Verlag. (S. 16)

9 vgl. Gogolin, Ingrid. 1994. Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule. Münster: Waxmann Verlag. (S. 24)

10 vgl. Gogolin, Ingrid. 1994. Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule. Münster: Waxmann Verlag. (S. 26)

Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668209978
ISBN (Buch)
9783668209985
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321153
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut fuer Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
sprachkontakte Mehrsprachigkeit Linguistik

Autor

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Titel: Sprachpolitik in Europa. Ein Vergleich der multilingualen Erziehung in deutschen und belgischen Schulen