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Die Entwicklung und aktuelle Strömungen zum Thema "Geschichte der Mathematik in der Primarstufe"

Examensarbeit 2013 73 Seiten

Didaktik - Mathematik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung..1

1. Mathematikgeschichte im Mathematikunterricht ein allgemeiner Blick auf die gegenwärtige Situation..4

2. Mathematikgeschichte in Bildungsstandards/Kerncurriculum/Rahmenplan (Hessen)..7

3. Universität und Lehrerausbildung..10

4. Tagungen, Arbeitsgruppen, Förderkreis Themenrelevante Instanzen und Veranstaltungen der jüngeren Geschichte und der Gegenwart..16

5. Theoretische Perspektiven des Sujets Über den Sinn und Nutzen..22

5.1. erspektive: Mathematikgeschichte als Kultur- und Ideengeschichte..22

5.2. Perspektive: Mathematikgeschichte als didaktisch-methodische Bereicherung für den Unterricht ..26

5.2.1. Allgemeine didaktisch-methodische Bereicherungen ..27

5.2.2. Das historisch-genetische Prinzip ..31

5.2.3. Die historisch-hermeneutische Methode ..33

5.3 Mit Geschichten und Erzählungen motivieren ..35

5.4. Perspektive: Mathematikgeschichte als Herausforderung Gefahren und Probleme - Mögliche Gefahren und Probleme..38

5.5. Entwicklungspsychologische und lebensweltliche Aspekte ..40

5.6. Mögliche Ziele des Einsatzes von Mathematikgeschichte im Unterricht..45

6. Praktische Anregungen und Ansätze der jüngeren Zeit..51

6.1. Die Grundschulzeitschrift..52

6.2. WebQuests..56

Zusammenfassung und Ausblick..60

Quellenverzeichnis..63

„Necire autem quid antea quam natus sis acciderit, id est semper esse puerum."

Denn zu wissen, was vor deiner Geburt sich ereignet hat, bedeutet für immer ein Kind zu bleiben. " (Cicero, zitiert nach: Kronfellner 1998, S. 6)

Einleitung

Das Zitat, welches dieser Einleitung zugrunde liegt, entstand zu einer Zeit, als die Mathematik, unter dem Deckmantel der deduktiven Wissenschaften (Vgl. Kordos 1999, S. 53), im abendländischen Kulturkreis schon lange existent war. Es entstand jedoch auch zu einer Zeit, im ersten Jahrhundert v. Chr. nämlich, in welcher die Menschen des damals in Europa vorherrschenden römischen Kulturvolkes ein Bewusstsein für die Mathematik sowie ein historisches Bewusstsein für die Genese und Entwicklung dieser Wissenschaft eher missen ließen. Mathematik war zur Zeit Ciceros, genauer im Kulturrepertoire der Römer, nicht mehr als wissenschaftliche Disziplin in dem Maße angesehen, wie es etwa bei den alten Griechen der Fall war. Entsprechend weniger interessierten freilich damals auch die kulturhistorischen Dimensionen dieser Wissenschaft (Vgl. Kaiser/Nöbauer 2002, S. 23).

Auch heute scheint die Mathematik, die schon Platon als etwas Besonderes ansah (Kaiser/Nöbauer 2002, S.19), nicht selten losgelöst von allen historischen und kulturellen Kontexten. Für nicht wenige Menschen in unserem Kulturkreis ist die Mathematik zudem eine eigene Sphäre für manche scheinbar schwer erreichbar, für viele Ehrfurcht einflößend. So sehr, dass sich der ein oder andere bemüht, der Mathematik sein Leben lang aus dem Weg zu gehen. Jeder dürfte Beispiele aus seinem Bekanntenkreis aufzählen können.

Thema der vorliegenden Arbeit soll nun sein, eben dieser kulturhistorische Losgelöstsein der Disziplin Mathematik, vornehmlich als Grundschulfach betrachtet, entgegenzuarbeiten. Hierbei spielt primär der Gedanke eine gewichtige Rolle, dass das Integrieren von Mathematikgeschichte bereits im

Mathematikunterricht der Grundschule einen durchaus sinnvollen und schlüssigen Weg darstellt, um Schülerinnen und Schülern nachhaltig die Angst vor der Materie zu nehmen sofern bereits vorhanden oder sie vielmehr dahingehend zu ermutigen, die Mathematik als etwas "Menschliches" zu betrachten: Als etwas Geschichtliches und Entstandenes nicht als ein scheinbar schon immer bestehendes und nicht veränderbares Produkt geistiger Auseinandersetzungen, als eine rein a priorische Wissenschaft, ohne historisch-genetischen Zugang. Ziel ist es also eben jener vermeintlichen Gefahr entgegenzuwirken, die im obigen Cicero-Zitat steckt, in einer Geistes- und Denkhaltung zu verharren, welche (mathematik-)historische Aspekte außer Acht lässt und ein gewichtiges Stadium der menschlichen Reifung verwehrt. Auch wenn dies Aussage an dieser Stelle unter Umständen, bewusst, etwas überspitzt formuliert klingen mag, Ziel dieser Arbeit ist es, die historisch-kulturelle Dimension von Mathematik kenntlicher zu machen.

Um dieses Ziel zu erreichen besteht die eigentliche Aufgabe dieser Arbeit, wie bereits durch das Thema Die Entwicklung und aktuelle Strömungen zum Thema "Geschichte der Mathematik in der Primarstufe" vorweggenommen, in einer Skizze von Ideen, Thesen und Anregungen, aber vor allem auch von generellen Entwicklungen aus dem primär gegenwärtigen Stand der schulischen, didaktischen, bildungspolitischen oder wissenschaftlichen Betätigung in diesem Feld. Hierbei wurde durchaus Wert auf einen aktuellen Bezug gelegt, die Quellen reichen jedoch zum Teil auch bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Punktuell können sie auch älter sein. Doch "aktuell" sind sie allemal, auch finden sie im heutigen Diskurs auch noch Verwendung, wie sich zeigen lassen wird.

Der Fokus bei dieser Übersicht ist freilich in erster Linie auf den Mathematikunterricht der Grundschule gerichtet. Wo nicht explizit primardidaktische, sondern vielmehr allgemeindidaktische Quellen hinzugezogen wurden, hielt ich diese dennoch inhaltlich für angemessen und anwendbar, in jedem Fall aber für deduzierbar.

Strukturell beginnt die vorliegende Arbeit mit einem lakonischen Blick auf die allgemeine Situation zum Thema Mathematikgeschichte im Mathematikunterricht, um in der Folge die Rahmenbedingungen, primär im Land Hessen, sowie die Lehrerausbildung bezüglich des Sujets zu beleuchten. Zudem sollen einige staatliche sowie akademische Instanzen bzw. Veranstaltungen der Gegenwart sowie der jüngeren Vergangenheit genannt werden, die sich dem Thema verschrieben hatten oder haben.

Die allgemeine - also nicht immer originär auf die Grundschule bezogene - Betrachtung ist in diesem Fall wichtig, da meines Erachtens nach der grundschulspezifische Blick von einem allgemeindidaktischen Zugang durchaus profitieren kann.

Das Primat dieser Arbeit findet sich jedoch in der theoretischen Betrachtung der aktuelleren und grundlegenden Literatur sowie Ausgangslage zum Thema Mathematikhistorie im Mathematikunterricht. Hierbei werden vordergründig drei Perspektiven vorgestellt und analysiert werden: Die kulturgeschichtliche, die didaktisch-methodische sowie die problematisierende Perspektive in Bezug auf die untersuchte Thematik. Ferner werden die Ziele des Einsatzes von Mathematikgeschichte im Unterricht, nach dem Wiener Didaktiker Manfred Kronfellner, sowie entwicklungspsychologische und lebensweltliche Aspekte beleuchtet, um die vorigen Perspektiven weiter zu untermauern.

Abgerundet wird die Arbeit mit einigen ausgewählten sowie praktischen Handhabungen des Sujets, um abschließend noch einmal handlungsrelevante Wegweisungen für die zuvor angeführten Ideen zu bieten.

Letztendlich ist somit das Ziel dieser Arbeit, wie oben und thematisch bereits erwähnt, eine Skizze der aktuellen Entwicklungen zum Thema, sowie die, zumindest theoretische, Bestätigung der thetischen Vermutung, dass Mathematikgeschichte im Unterricht einen durchaus sinnigen Weg didaktischen Handelns darstellt.

1. Mathematikgeschichte im Mathematikunterricht ein allgemeiner Blick auf die gegenwärtige Situation

Einen allgemeinen Blick auf die gegenwärtige Situation der Mathematikgeschichte im Mathematikunterricht möchte ich gerne mit einem Zitat aus Walter Purkerts und Erhard Scholzens Denkschrift Zur Lage der Mathematikgeschichte in Deutschland (2009) eröffnen, das zunächst einmal retrospektiv die Genese von mathematik-historischen Lehr- und Denkinhalten im akademischen Kontext auf den Punkt bringt:

Das Lehr- und Forschungsgebiet 'Geschichte der Mathematik' hat in Deutschland eine lange und weltweit anerkannte Tradition. Führende Mathematiker haben sich stets für die Geschichte ihres Fachs interessiert und einige, wie Bernhard Riemann, Georg Cantor, Felix Klein, Max Dehn und Otto Toeplitz, haben selbst bedeutende historische Arbeiten verfasst. In Deutschland gab es mit Moritz Cantor den ersten Professor für Geschichte der Mathematik, und Cantors vierbändige Mathematikgeschichte war lange Zeit das Standartwerk auf diesem Gebiet (Purkert/Scholz 2009, S. 215).

Möchte man diese Aussage ernst nehmen und vor allem der Tradionsverbundenheit des Sujets der Mathematikgeschichte in der deutschen Bildungslandschaft zustimmen, so vermittelt ein Blick auf den heutigen Einsatz der Thematik im Unterricht deutscher Schulen, und eben auch Grundschulen, doch eher einen etwas traditionslosen Eindruck, was die Lehre von Mathematikgeschichte in der Lehrerausbildung betrifft. Zumindest aber kommen Fragen auf.

Denn was etwa den Einsatz von Mathematikgeschichte im Mathematikunterricht der Schulen tangiert, ist zum Entstehungszeitpunkt dieser Arbeit zu konstatieren, dass diesbezüglich zwar eine Vielzahl an publizierten Angeboten von an Hochschulen aktiver Autoren bestehen auch wird nach wie vor über das Sujet geforscht und geschrieben allerdings erscheint die Nutzung dieses Angebots, etwa von Seiten der bereits aktiven Mathematiklehrer respektive Grundschullehrer, sich eher noch zurückhaltend zu gestalten (Vgl. Richter 2011, S. 82).

So verweist Kurt Richter unter anderem auf eine Studie aus dem Raum Berlin, die belegt, dass von 500 Hospitationsstunden im Fach Mathematik lediglich etwa drei Stunden mathematik-historische Themen inkludieren (Vgl. Richter 2011., S. 81).

Auch die Lehre an den Universitäten selbst ist bezüglich der Thematik zum Teil noch sehr rudimentär, wie weiter unten noch zu sehen sein wird.

Die Ursachen hierfür sind freilich ambivalent, eine eher mangelnde Explikation in den Bildungsstandards respektive im Kerncurriculum, zumindest für Hessen, ferner im vorhergehenden Rahmenplan, könnten eine Rolle spielen. Klar ist indes jedoch, dass aktuell immerhin einige, vergleichsweise wenige, Mathematikdidaktiker zumindest auf theoretischer Ebene den Nutzen des Einsatzes von mathematik-historischen Elementen im Unterricht hervorheben und befürworten. Es wird also durchaus geforscht und gelehrt.

Eine nicht unwesentliche Rolle, vielleicht sogar eine führende, spielt hierbei in Deutschland sicherlich der Duisburger (Universitätsprofessor) Mathematikhistoriker und Mathematikdidaktiker Hans Niels Jahnke, der sich sehr explizit mit dem Sujet auseinandergesetzt hat und auseinandersetzt. Jahnkes Blick mag hierbei zwar nicht immer direkt originär grundschulspezifisch sein, seine allgemein-didaktischen Aussagen über den Einsatz von Mathematikgeschichte im Unterricht sind dennoch für den Primarbereich durchaus deduzierbar. So äußert sich Jahnke über einen solchen Einsatz etwa wie folgt:

Viele Lehrerinnen und Lehrer sind überzeugt, dass die Geschichte der Mathematik gute Möglichkeiten bietet, mathematische Inhalte für ihre Schülerinnen und Schüler bedeutungsvoll zu machen. Die mathematischen Ideen, Begriffe und Techniken sind irgendwann einmal aus konkreten Fragen, die Menschen gestellt haben, entstanden, und wenn man zu dieser Entstehung zurückgeht, sollte sich ihre Bedeutung besser erschließen. Dahinter steht die Idee der Partizipation. In der Auseinandersetzung mit einem Quellentext, einer Aufgabe, einer Anwendung oder einer bestimmten Schreibweise werden die Schülerinnen und Schüler in eine für sie zunächst fremde Umgebung hineingezogen, die sie sich nach und nach erschließen müssen (Jahnke 1998, S. 4).

Dieser überraschend positiven Auffassung über die Verwendung von mathematik-historischen Ansätzen im Mathematikunterricht analog ist die Entwicklung, dass die Literaturlage diesbezüglich wenn auch eher auf den Sekundarstufensektor bezogen - kontinuierlich zuzunehmen scheint, wie auch Manfred Kronfellner in einer didaktischen Analyse des Sujets bereits 1998 konstatierte:

Seit der Mitte der Siebzigerjahre ist ein deutliches Zunehmen an mathematikdidaktischen Publikationen mit Bezug zur Geschichte der Mathematik zu erkennen. Ein Grund dafür liegt wohl in der auf die "neue Mathematik" der Sechzigerjahre folgende Trendwende (...) (Kronfellner 1998, S. 2).

Ob diese Trendwende in der New-Math-Bewegung tatsächlich ihren Hauptimpulsgeber findet, muss an anderer Stelle besprochen werden. Fakt ist indes, dass die Potenzierung der wissenschaftlichen bzw. didaktischen Auseinandersetzung mit der Thematik auch von anderen Wissenschaftlern attestiert wird. Dies betrifft auch die generelle Transferierung von Mathematikgeschichte auf den didaktischen Sektor.

So hält Gert Schubring von der Uni Bielefeld fest:

Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zur Geschichte der Mathematik haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark gewandelt: Die Geschichte der Mathematik ist in erheblichem Umfang inzwischen bezogen auf Anwendung in der Lehre der Mathematik, insbesondere auch für schulischen Mathematikunterricht (Schubring 2008).

Schubrings Diagnose mag zunächst verwirrend klingen, wenn eben noch die Zurückhaltung der Lehrerenden bezüglich der Mathematikgeschichte im Mathematikunterricht konstatiert wurde. Jedoch sollte man Zurückhaltung nicht mit Nicht-Existenz gleichsetzen. Es existieren durchaus positive Strömungen auf dem angesprochenen Gebiet, einige sollen weiter unten skizziert werden.

2. Mathematikgeschichte in Bildungsstandards/Kerncurriculum/ Rahmenplan (Hessen)

"!n der Diskussion um Bildungsstandards und um das Verhältnis zwischen Grund- und Allgemeinbildung hat auch die Behandlung von Fragen aus der Geschichte der Mathematik ihren Stellenwert " (Richter 2011, S. 79), befindet Kurt Richter in einem Aufsatz mit dem Titel Historische Aspekte im Mathematikunterricht.

Dass jener Appell und Wunsch Richters bis dato tatsächlich bildungspolitische respektive schulische Realität geworden ist, darüber lässt sich derzeit jedoch streiten. Die Thematik hat keinen besonders einfachen Stand, zumindest in den formalen (hessischen) Bildungsvorgaben, die nun interessieren sollen.

An dieser Stelle sollen die Bildungsstandards, das Kerncurriculum (Mathematik) für Hessen sowie, da er nach wie vor noch einen gewissen Orientierungscharakter besitzt, den alten Rahmenplan für Grundschulen (Mathematik) auf Spuren hinsichtlich des Einsatzes von Mathematikgeschichte im Mathematikunterricht beleuchtet werden.

Vorab sei gesagt und gewissermaßen vorweggenommen, dass ein explizites Vorkommen des Sujets nicht oder nur kaum in den angegebenen Quellen existiert, ferner, dass dieses lediglich durch Deduktion allgemeiner oder verwandter Punkte in den genannten Bildungsvorgaben greifbar wird.

Im Kerncurriculum zum Fach Mathematik (Hessen) beginnt der erste Absatz des Unterpunkts Kompetenzorientierung und Beitrag des Faches zur Bildung mit folgender Aussage: " Das Unterrichtsfach Mathematik sieht sich in der Tradition der kulturellen Entwicklung " (Hessisches Kultusministerium 2011, S. 11).

Es gibt freilich kaum andere Punkte, neben dieser Explikation, im Kerncurriculum, welche mathematik-historischen Aspekte so konkret inkludieren. An dieser Eingangsaussage darf man allerdings dennoch anknüpfen. Mit dem zitierten Verweis auf Traditionsbewusstsein sowie der

Bewusstheit Teil kultureller Genese zu sein, wird deutlich, so kann man jedenfalls die Deutung anstellen, dass sich auch das Grundschulfach Mathematik nicht losgelöst von jeglicher historischer Verwurzelung betrachtet. Im Gegenteil man könnte annehmen, dass die zitierte Aussage, durchaus die Möglichkeit des Einsatzes mathematik-historischer Themen im Mathematikunterricht stützt.

Ansonsten sind die Bezüge zu mathematik-historischen Inhalten auf den ersten Blick eigentlich nicht weiter erkennbar. So bleibt nur der indirekten Weg zu bestreiten und Aspekte des Kerncurriculums hervorzuheben, welche sich eben auch auf den Einsatz von Mathematikgeschichte im Mathematikunterricht beziehen lassen.

So findet sich etwa im Abschnitt Kompetenzorientierung und Beitrag des Faches zur Bildung, um nur ein Beispiel zu nennen, folgendes Postulat: "!m Vordergrund steht [...] der Aufbau positiver Einstellungen und Grundhaltungen zur Mathematik " (Hessisches Kultusministerium, S. 11).

Wie im Laufe dieser Arbeit noch zu zeigen sein wird, liegt auch genau in diesem Ansinnen eine Begründung für den Einsatz von Mathematikgeschichte von thematisch arbeitenden Didaktikern, die diesen Einsatz befürworten. Doch wie erwähnt: Dieser Weg ist indirekt, ein konkreter Punkt, wie etwa "Wissen über die Genese mathematischen Denkens oder mathematischer Methoden", existiert nicht. Es bleibt also immer nur die Möglichkeit Mathematikgeschichte über Umwege wie zum Beispiel mit den überfachlichen Kompetenzen zu begründen. In den Inhaltsfeldern des Kerncurriculums lassen sich indes ebenfalls kaum Indizien auf einen mathematikgeschichtlichen Unterricht konstatieren.

Viel besser, als im Kerncurriculum, sieht die Sachlage freilich auch nicht in den relevanten Bildungsstandards (Mathematik) zum Primarbereich aus. Auch hier gibt es im Grunde keinen expliziten Bezug zur Mathematikgeschichte ein solcher Einsatz lässt sich lediglich durch den Verweis auf die allgemeinen Kompetenzziele, etwa Modellierung oder Problemlösen, legitimieren. Auch hier bleibt also im Grunde nur der indirekte Pfad offen.

So hat es also die Mathematikgeschichte in den derzeitigen Bildungsvorgaben für den Primarbereich, zumindest in Hessen, nicht leicht. Selbstverständlich wird die Mathematikgeschichte, aufgrund des kompetenzorientierten Aufbaus dieser Vorgaben auch nicht gänzlich ausgegrenzt - das Missen ihrer Explizitheit fällt im Rahmen dieser Arbeit jedoch dennoch auf.

Alles in allem muss man sagen, dass diese Nichtbeachtung von Mathematikhistorie, von Seiten der staatlichen Bildungsvorgaben, historisch gesehen nicht immer der Fall war. Ohne die Entwicklung zur Output- Orientierung staatlicher Bildungspolitik, die an dieser Stelle generell begrüßt wird, in Frage zu stellen denn auch wenn die Mathematikgeschichte in den Bildungsstandards nicht konkret impliziert wird, so wird sie doch eben auch nicht ausgegrenzt sei auch noch einmal auf die alten Rahmenpläne verwiesen, welche sporadisch durchaus, wenn auch nicht übermäßig, mathematik-historische Inhalte vorsahen (Vgl. Richter 2011, S. 79). Traditionelle Inhalte hierbei waren für die Grundschule etwa die Einführung römischer Zahlen.

In höheren Schulformen wurden zudem partiell auch noch historische Aspekte der Satzgruppe des Pythagoras oder zu Thales vorgegeben, so etwa im alten Rahmenplan für Gymnasien in Sachsen Anhalt (Vgl. Richter 2011, S. 81). Blickt man noch weiter zurück, nach Preußen um 1925 nämlich, so findet man in den dortigen Rahmenrichtlinien eine noch sehr erstaunliche Wertschätzung für Mathematikgeschichte, die in einem solchen Maße heute wohl nicht mehr erkennbar ist:

Die Geschichte der Mathematik ist grundsätzlich im Unterricht zu berücksichtigen bei der Entwicklung des Lernstoffs, wie bei der Aufgabenstellung. Der Zusammenhang mit der allgemeinen Kulturentwicklung ist dabei nach Möglichkeit hervorzuheben (Lambert 2006, zitiert nach: Richter 2011, S. 81).

Dies soll jedoch an dieser Stelle nicht überbewertet werden, wenn auch ein Kontrast zum heutigen Status quo ersichtlich wird.

3. Universität und Lehrerausbildung

Ein Blick auf die deutsche Universitätslandschaft macht zunächst einmal deutlich, dass es die Mathematikgeschichte auch dort nicht unbedingt all zu einfach hat - aber auch, dass sie keineswegs gänzlich aus der Lehre und Forschung deutscher Hochschulen verbannt worden ist.

Die universitäre Vermittlung von Mathematikgeschichte ist, so die Einschätzung der Befürworter, evidentermaßen nicht unwichtig, denn wie soll die Geschichte der Mathematik in den Grundschulen gelehrt werden, wenn die angehende oder ausgebildete Lehrerschaft in ihrer Ausbildung keine oder nur wenige Kenntnisse der Thematik erfährt oder erfahren hat, ebenso wenig, wie die didaktisch-methodischen Möglichkeiten des relevanten Themenkomplexes. Zunächst einmal zu den negativen Entwicklungen:

In den vergangenen Jahren, insbesondere auch im Zuge der Neuorganisation des Hochschulwesens im Rahmen des Bologna-Prozesses, hat die Wissenschaftsgeschichte im Allgemeinen und die Mathematikgeschichte im Besonderen starke Einbußen erlitten (Purkert/Scholz 2009, S. 215).

Purkert und Scholz verweisen an dieser Stelle vor allem auf den Niedergang traditionsreicher akademischer Zentren in Deutschland, welche die Forschung und Lehre von Mathematikgeschichte in der Vergangenheit maßgeblich vorangebracht hatten.

So wurde etwa die traditionsreiche Abteilung Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften am Karl-Sudhoff-Institut der Universität Leipzig im Jahr 2008 ebenso geschlossen (Vgl. Purkert/Scholz 2009, S. 215), wie das Hamburger !nstitut für Geschichte der Mathematik und Naturwissenschaften . Auch das !nstitut für Geschichte und Naturwissenschaften an der LMU München, an welcher der entsprechende Professoren-Lehrstuhl gestrichen wurde, ist heute nicht mehr existent (Vgl. Purkert/Scholz 2009, S. 215).

Als Grund für das Verschwinden dieser traditionellen Forschungsstätten der Mathematikgeschichte betrachten Purkert und Scholz unter anderem die zum Teil noch mangelnde Einbindung der Thematik in die Lehre, vor allem in die

Lehre der Lehramtsausbildung (Vgl. Purkert/Scholz 2009., S. 216). " Hier liegt in der Lehrerbildung in der Tat ein dringendes Erfordernis vor. Kein Mathematiklehrer sollte die Hochschule verlassen, ohne wenigstens einige Kenntnisse über die Geschichte des Faches zu besitzen " (Purkert/Scholz 2009, S. 215), befinden die beiden Mathematikprofessoren in ihrer Denkschrift. Zumindest in Teilen wird diesem Wunsch jedoch auch heute noch - oder schon - an einigen Universitäten Folge geleistet. Unter anderem sind derzeit (Stand 2013) etwa eine kleine Anzahl an mathematik-historisch arbeitenden Professoren und Dozenten an folgenden deutschen Universitäten didaktisch tätig (Vgl. Purkert/Scholz 2009, S. 216), wobei an dieser Stelle kein Anspruch auf absolute Vollständigkeit erhoben wird, die nachstehende Liste geht zu einem großen Teil auf Purkert und Scholz zurück, gewährt aber in jedem Fall einen ersten Überblick:

- Bielefeld: Dr. Gert Schubring

- Dresden: Prof. Stefan Deschauer

- Duisburg-Essen: Prof. Hans Niels Jahnke

- Koblenz-Landau: Prof. Peter Ullrich

- Wuppertal: Prof. Klaus Volkert sowie Prof. Erhard Scholz

- Leipzig: Prof. Michael Toepell (Vgl. Purkert/Scholz 2009, S. 216)

- Mainz: Prof. David E. Rowe

Bei dieser Auflistung dürfte im Rahmen dieser Arbeit vor allem - neben Jahnke, der auf dem Gebiet Mathematikgeschichte im Mathematikunterricht generell sehr aktiv ist - der Leipziger Didaktiker Michael Toepell interessieren, der eine explizite Professur für Grundschuldidaktik Mathematik inne hat und das Sujet der Mathematikhistorie auch an seinem Institut und in der Leipziger Lehrerausbildung signifikant voranbringt. So liegt der primäre Forschungsschwerpunkt seines Instituts etwa auch in der Geschichte der Elementarmathematik.

[...]

Details

Seiten
73
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668205093
ISBN (Buch)
9783668205109
Dateigröße
690 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321150
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Mathematikdidaktik
Note
1,3
Schlagworte
entwicklung strömungen thema geschichte mathematik primarstufe

Autor

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Titel: Die Entwicklung und aktuelle Strömungen zum Thema "Geschichte der Mathematik in der Primarstufe"