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Zwischen Idyll und Heimatfront. Die Darstellung von Frauen in Dokumentationen über den Ersten Weltkrieg

Eine exemplarische Untersuchung der ARD-Dokumentation "Der Erste Weltkrieg"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 23 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Rahmeninformationen zur Dokumentation „Der Erste Weltkrieg“

3. Kurzbiografie Käthe Buchler

4. Forschungsüberblick 2004

5. Die Darstellung Buchlers in der Dokumentation
5.1. Frauen in Männerberufen
5.2. Lazarette
5.3. Sammlungen
5.4. Die letzten Fotos Buchlers

6. Fazit

7. Quellen

1. Einleitung

Fotografie zwischen Idyll und Heimatfront, so heißt der Titel des Buches, welches anlässlich einer Ausstellung von Werken der Fotografin Käthe Buchler erschien. Fotografien, die zwischen 1913 und 1918 entstanden und vor allem Menschen im Kontext des Ersten Weltkrieges in der Heimat Buchlers – Braunschweig – zeigen.1

Im Jahr 2004 strahlte die ARD eine fünfteilige Dokumentationsserie über den Ersten Weltkrieg aus. Anlässlich des neunzigsten Jahrestages macht sie sich Erinnerungsorte dieser Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zum Thema. Die vierte Folge heißt „Schlachtfeld Heimat“ und rückt eben diese Heimat und die Auswirkungen des Krieges auf die Gesellschaft im Innern des Deutschen Reiches – ganz im Sinne der aktuellen Forschung von 2004 – in den Vordergrund. Als eine von drei Frauen, suchten die Verantwortlichen Käthe Buchler und ihre Fotos als zentrale Person dieses Films aus.

Gegenstand dieser Arbeit wird es sein zu untersuchen wieso gerade Käthe Buchler ausgesucht wurde und welche Rolle ihre historische Person in der Dokumentation spielt. Was sagt die Auswahl und Vorstellung ihrer Person aus? Welche Art Frauenbild verkörpert sie exemplarisch und ist es repräsentativ für den Geschlechterdiskurs ihrer Zeit? Entspricht die Auswahl ihrer Person dem aktuellen Forschungsstand von 2004? Ist Käthe Buchler historisch wirklich so aussagekräftig oder ist sie lediglich für einen Fernsehfilm gut präsentierbar? Und wo ordnet die Dokumentation sie zwischen Idyll und Heimatfront ein?

Die Beantwortung dieser Fragen erfordert eine Annäherung auf verschiedenen Ebenen. So wird in der historischen Herangehensweise auch auf kultur- und filmwissenschaftliche Aspekte eingegangen werden. Zu Beginn wird die Dokumentationsserie „Der Erste Weltkrieg“ und die historische Person Käthe Buchler vorgestellt. Anschließend folgt ein Überblick über den Stand der Forschung 2004, um die Produktion der Dokumentation zeitgemäß einordnen zu können. Dabei wird der Fokus auf den Geschlechterdiskursen und den neusten Erkenntnissen zur Heimatfront liegen. Im Hauptteil der Arbeit wird dann die Darstellung Käthe Buchlers in der Dokumentation untersucht, wobei die drei Untertitel „Frauen in Männerberufen“, „Sammlungen“ und „Lazarette“ die Bereiche kennzeichnen, in denen Buchler tätig war und wie diese in der Doku dargestellt werden. Das letzte Unterkapitel „Die letzten Fotos Buchlers“ wird sich mit eben diesen beschäftigen und die Gründe für den Abbruch ihrer Tätigkeit als (Kriges-)Fotografin – so wie sie dargestellt werden – beleuchten.

2. Rahmeninformationen zur Dokumentation „Der Erste Weltkrieg“

Die Dokumentationsreihe „Der Erste Weltkrieg“ gliedert sich in fünf jeweils 45-minütige Folgen und wurde in Kooperation vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) und dem Südwestrundfunk (SWR) produziert. Dabei fungierte der SWR für die ersten beiden Folgen – „Mythos Tannenberg“ und „Gashölle Ypern“ – als Auftraggeber und der WDR für die drei weiteren Folgen – „Alptraum Verdun“, „Schlachtfeld Heimat“ und „Trauma Versailles“. Alle Filme waren Eigenproduktionen und wurden demnach mit Kamerateams und Cuttern der eigenen Sender realisiert. Die Erstausstrahlung der Serie fiel in den Sommer 2004 und erreichte Zuschauerzahlen zwischen 2,1 und 3,5 Millionen. Die Produktionskosten beliefen sich auf ca. 100.000€ pro Folge.2

Parallel zur Fernsehserie erschien 2004 das gleichnamige und begleitende Buch, indem Jürgen Büschenfeld zur Intention zur Produktion der Filme schreibt, sie sollen „den Alltag im Ersten Weltkrieg anschaulich machen“, worum „sich die Wissenschaft lange Zeit nicht gekümmert“ hat.3 Die Auswahl von „ungewöhnlichen Perspektiven“ begründet er folgendermaßen:

„[Es werden] ‚Erinnerungsorte‘ [betrachtet], die mit dem Ersten Weltkrieg untrennbar verbunden sind. Tannenberg, Ypern, Verdun und die ‚Heimatfront‘ mit ihren vielen Orten der individuellen Weltkriegserfahrung, aber auch Versailles sind bis heute in der europäischen Erinnerungskultur fest verankert.“4

Im Falle der Folge „Schlachtfeld Heimat“ soll dieser Erinnerungsort

„für die Stimmungen und Empfindungen der Zivilbevölkerung zwischen Kriegsbegeisterung und Verzweiflung, zwischen Durchhaltewillen und Resignation in den Wochen des Zusammenbruchs im Oktober und November 1918 [stehen].“5

Das Drehbuch zur Folge schrieb Anne Roerkohl, die auch Regie führte. Beate Schlanstein und Gudrun Wolter waren die zuständigen Redakteure und die wissenschaftliche Beratung übernahm Dr. Prof. Gerd Krumeich.

Die Folge beginnt mit einem Überblick über die Inhalte, die behandelt werden sollen und erklärt, dass der Hunger, die Luftangriffe und Vertreibung ganzer Familien auch die Heimat zum Schlachtfeld werden lässt.6 Auch die Zivilisten, das „Heimatheer“ wird gebraucht; nicht nur um Waffen herzustellen, sondern auch um für die moralische und finanzielle Unterstützung zu sorgen, so die Vorstellung der Folge weiterhin. Doch Tod, Hunger und Entbehrung zehren an den Kräften der Menschen und so wird die Frage gestellt: „ Welche Register werden gezogen, um die Heimat zum Durchhalten zu bewegen?“

Anhand dieser Themen und der Frage, setzt dann eine chronologische Betrachtung und Darstellung des Geschehens an der Heimatfront ein. Die Folge beinhaltet sehr viele Fotos und zeitgenössische Filmsequenzen, die ohne Quellenangaben dargestellt werden. Sie wird mit Zeitzeugenberichten, Wortbeiträgen von Nachkommen oder ‚Spezialisten‘ unterstützt und zeigt viele Originalgegenstände und –orte. Charakteristisch für die ganze Serie ist das Zeigen dieser Gegenstände und Orte zum aktuellen Zeitpunkt7 und nicht ihre Inszenierung durch Spielszenen. Sie werden lediglich durch den Sprecher, Musik oder Hintergrundgeräusche ‚belebt‘.

3. Kurzbiografie Käthe Buchler

Katharina, genannt Käthe, wird 1876 als Tochter des Braunschweiger Landsyndikus8 Albert von Rhamm in Braunschweig geboren. 1895 heiratet sie den Sohn des Inhabers der Chininfabrik Braunschweig Buchler & Co, Walther Friedrich Theodor Buchler. Aus der Ehe gehen zwei Kinder hervor: Ellen (1896) und Walther (1900).

Bereits in ihrer Jugend ist Käthe künstlerisch interessiert und beweist ihr Geschick beispielsweise in der Ölmalerei. Durch ihren Schwager Friedrich Ritter von Voigtländer wird außerdem ihr Interesse an der Fotografie geweckt. Voigtländer leitet das gleichnamige und führende, fotografische Unternehmen. Nach anfänglich eigenen Versuchen, nimmt sie in Berlin an Kursen für Fotografie des Lette-Vereins teil. „Dieser [1866 gegründete] ‚Verein zur Förderung der Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts‘ bot seit 1890 eine völlig neue, die Frauenberufe revolutionierende Ausbildung an: die der Fotografin.“9 Zunächst porträtiert Buchler nur ihre Familie. Als sie jedoch ab 1910 mit dem neuartigen Verfahren der Brüder Lumière Farbfotografien herstellt, findet sie schnell öffentliche Anerkennung und ihre Fotos werden auf Projektionsabenden vorgeführt und besprochen. 1913 entsteht so eine Serie von Fotografien über die Arbeit und Freizeit der Kinder des Braunschweiger Rettungshauses, einer Erziehungsanstalt für sozial benachteiligte Jungen und Mädchen. Diese werden auf Wohltätigkeitsveranstaltungen gezeigt und zeigen Käthe Buchlers soziales Engagement. Während des Ersten Weltkrieges entstehen weitere Serien, die den Einsatz des Braunschweiger Bürgertums an der Heimatfront und in den Lazaretten zeigen.

„Viele dieser Fotografien lassen die klar definierten Aufgabenbereiche der unterschiedlichen sozialen Schichten erkennen, insbesondere das von der Gesellschaft erwartete Engagement der bürgerlichen Frau in der Kriegswirtschaft. […] Das wilhelminische Ideal der fürsorglich-mütterlichen und dienenden Frau in der blütenreinen Kittelschürze, erscheint aus heutiger Sicht als zentraler Bestandteil der Bildkonzeption.“10

Eine Serie widmet sich Frauen in Männerberufen und zeigt Frauen bei Tätigkeiten, die bis dahin männlich konnotiert waren, während der Abwesenheit der Männer jedoch von Frauen übernommen werden mussten. Außerdem porträtierte Buchler Kinder, ganze Schulklassen und Mitglieder der AVG, der Abfall-Verwertungs-Gesellschaft, bei Rohstoffsammlungen. Die in den Fabriken arbeitenden Frauen, deren Anzahl sich während des Krieges verdoppelte, lassen sich auf Buchlers Fotografien jedoch nicht finden und auch der beschränke Personenkreis, den ihre Bilder zeigen, offenbart ihren starken Fokus auf das bürgerliche Leben. Florian Ebner bezeichnet Buchlers Vorgehen als „sozialdokumentarisches Fotografieren von oben“, da ihm zwar soziales und fürsorgliches Engagement zugrunde liegt, die Sichtweise jedoch immer die des Bügertums bleibt und dadurch kein für alle Schichten realitätsabbildendes Zeugnis gibt.11

4. Forschungsüberblick 2004

Im folgenden Forschungsüberblick gilt es nun den Stand der Forschung von 2004 kurz zu umschreiben, um die Doku einordnen zu können. Führend in der deutschen Forschung zum Ersten Weltkrieg waren 2004 vor allem Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich und Wolfgang J. Mommsen12, im Hinblick auf die Frauen im Ersten Weltkrieg ist hier außerdem Ute Daniel13 herauszuheben.

Allgemein hat sich die Forschung 2004 bereits aus dem anfänglichen Dokumentieren und Sammeln von Kriegszeugnissen und Erfahrungen, über die lange Zeit dominierende Kriegsschuldfrage hinaus, hin zu einer kulturgeschichtlichen Betrachtung des Krieges gewandelt. So schreibt Mommsen 2004, es würde nun „die Frage nach den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf die europäischen Gesellschaften im Vordergrund [stehen].“14 Dieser Wandel lässt sich auch in europäischen Dimensionen erkennen: 1996 veröffentlicht Jay Winter sein viel beachtetes Werk Sites of Memory, Sites of Mourning. The Great War in European Cultural History.15 Es besteht demnach bereits ein internationalerer Blick auf das Kriegsgeschehen, was sich auch bei Ute Daniel bestätigt, wenn sie beispielsweise in ihrem Aufsatz Frauen (2003) neben deutschen Frauen im Krieg auch französische, belgische, britische und italienische Frauen in den Fokus rückt.16,17 Daniel zeichnet mit ihrer Arbeit vor allem ein Bild von Frauen, die in der Heimat mit der neuen, männerlosen Situation fertig werden müssen.18

Den schwankenden Wandel des Geschlechterdiskurses vom ausgehenden 19. Jahrhundert hin zum Kriegsverlauf, schildert Daniel folgendermaßen:

„Die überkommene Zuordnung der öffentlichen Sphäre als ‚männlich‘ und der sogenannten Privatsphäre als ‚weiblich‘ war bis zu einem gewissen Grad als kulturell-gesellschaftlich geprägt – und damit als Gegenstand von Diskussionen, als etwas, was auszuhandeln ist – statt als quasi natürliche Tatsache erkennbar geworden. In den Kriegsjahren verwandelte sich diese aufbrechende Vielfalt und Gestaltungsmöglichkeit wieder in ein dichotomisches Wahrnehmungsmuster: Es hieß jetzt allerdings nicht mehr öffentlich/männlich versus privat/weiblich, sondern Front versus Heimat.“19,20

Lange Zeit war der Krieg als ‚Vater der Frauenemanzipation‘ gesehen worden. Die nun neue Perspektive auf den Geschlechterdiskurswandel gelang erst in den achtziger Jahren.21

„1981 verwiesen James McMillan für Frankreich und Gail Braybon für Großbritanien auf die anhaltende Dominanz konservativer Überzeugungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Position von Frauen und bestritten die These von der emanzipationsfördernden Wirkung des Krieges.“22

In der deutschen Forschung bestritt hauptsächlich Ute Daniel diese These. Das von ihr beschriebene gesellschaftsprägende Muster „Front [männlich] versus Heimat [weiblich]“ lässt sich besonders auch in der Propaganda finden. Hier wurden Frauen vermehrt als fürsorgende und beschützende Mütter dargestellt. Die Mutterschaft wird dabei oft „zur natürlichen Erfüllung und gleichzeitig zur nationalen Pflicht der Frau stilisiert, als Pendant zur männlichen Aufgabe der ‚Vaterlandsverteidigung‘.“23 Natürlich standen diese Plakate „im krassen Widerspruch zur tatsächlichen Realität und hatten mit den konkreten Erfahrungen der Frauen in der Kriegsgesellschaft wenig gemein.“24

Den oftmals – auch bereits von Zeitgenossen – beschriebenen Aufschwung der Frauenbewegung und Emanzipation durch den Krieg25 muss man demnach differenziert betrachten. Denn obwohl Frauen im Kriegsverlauf vermehrt eingesetzt wurden, geschah dies meist aus der Not heraus und brachte keinerlei gesetzlich anerkannte Regelungen für Frauenarbeit mit sich.26 Vielmehr stand gerade der „Beginn einer aktiven Einbeziehung der Frau in das Geschehen des Kriegs […] ganz unter nationalen und patriotischen Vorstellungen. […] ‚Dem Vaterland dienen‘, ‚nationale Verantwortung übernehmen‘, sich einsetzen ‚für das wirklich Große‘, solche Impulse waren es, die Frauen antrieben, fortan Arbeiten und Entscheidungen auf sich zu nehmen, die für die meisten weitab von ihrem bisherigen Lebensweg gestanden hatten.“27,28

Auch relativ neu in der Forschung ist 2004 die differenzierte Betrachtung der Kriegsbegeisterung der Massen. Eine „überwältigende Zustimmung namentlich der bürgerlichen Schichten und Intellektuellen“29 wird zwar 2004 nicht bestritten, jedoch werden seit den 1970er Jahren die „herkömmlichen Deutungen des ‚August 1914‘ […] radikal in Zweifel gezogen und stattdessen gleichsam die flächendeckende der mentalen Dispositionen der deutschen Gesellschaft in allen ihren Schichten und Gruppen eingefordert.“30

Außerdem sei ein Blick auf die „geschickte Manipulation der öffentlichen Meinung“ durch die Reichsleitung wichtig, die die allgemeine Überzeugung weckte, „das Deutsche Reich sei durch die hinterhältigen Machenschaften der anderen Großmächte […] überfallen worden und führe einen aufgezwungenen Verteidigungskrieg.“31 Der Mythisierung der Euphorie des „Augusterlebnisses“ widerspricht Mommsen, obwohl unterschiedlich intensive Reaktionen vorhanden waren und die Menschen sie „durchweg mit tiefer Sorge und Beklommenheit, vor dem was noch kommen werde“32 verbanden.

„Doch [so Mommsen weiter] handelte es sich um einen Mythos in dem Sinne, daß zahlreiche Gruppen der Gesellschaft, die solchen Stimmungen ferngestanden hatten, von der Idee der nationalen Einheit mitgerissen wurden. […] Die Parole der nationalen Geschlossenheit in der Stunde der Gefahr wurde unter solchen Umständen weitgehend befolgt.“33

5. Die Darstellung Buchlers in der Dokumentation

Im folgenden Kapitel wird die Darstellung Käthe Buchlers in der Folge „Schlachtfeld Heimat“ untersucht werden. Dabei liegt das Hauptaugenmerk nicht auf der historischen Person, sondern auf der Rolle, die ihre Person in der Dokumentation erfüllen soll.

Die Dokumentation stellt neben Käthe Buchler noch zwei weitere Frauen in den Vordergrund: Anna Pöhland und Anna Nemitz. Anna Pöhland nimmt – in Verbindung mit ihrem Mann – die exemplarische Rolle der Arbeiterfrau ein, die von Anfang an pazifistisch eingestellt ist und einen regen Briefkontakt zur Front aufrechterhält. Außerdem muss sie hart arbeiten, um für ihre Familie sorgen zu können, erhält öffentliche Unterstützung und scheut keine Tat um dies auch zu erreichen, sei es durch die Ausübung zusätzlicher Berufe, Demonstrationen, Hungeraufständen oder die Plünderungen eines Güterwagons.

Anna Nemitz verkörpert exemplarisch die Frauen, deren Söhne im Krieg gefallen sind und die sich auch infolgedessen politisch für ein Ende des Krieges einsetzen. Dass sie von der Polizei verfolgt wird, untertauchen muss und nur durch die Novemberrevolution von einem Verfahren wegen Hochverrats verschont bleibt, zeigt sie außerdem als politisch Verfolgte und macht ihre Geschichte zum Exempel für das harte Durchgreifen der Regierung gegen vermeintliche Feinde im Innern des Kaiserreichs, die der Front in den Rücken fallen würden.

Käthe Buchlers Rolle soll nun ein wenig genauer untersucht werden. Die drei Unterkapitel vertiefen dabei die Bereiche, in denen Käthe Buchler sich engagierte und mit denen sie in der Doku vorgestellt wird.

5.1. Frauen in Männerberufen

Eingeführt werden ihre Fotos der Reihe „Frauen in Männerberufen“ als „beliebte Propagandafotos der pflichtbewusst dienenden Frau, die genau weiß, wo im Krieg ihr Platz ist.“34 Auch das vorhergehende Zitat eines nicht näher belegten öffentlichen Propaganda-Flugblattes35 macht die Position Buchlers in der Dokumentation direkt klar: Sie sieht ihre Fotos als den ihr möglichen und nötigen Beitrag zum Krieg und erfüllt dementsprechend die Erwartungen der Propaganda. „Mit patriotischem Blick setzt sie den Opfer- und Durchhaltewillen des Bürgertums ins Bild“, so der Sprecher.36

Der als Fotohistoriker ausgewiesene Bodo von Dewitz bestätigt diesen Eindruck, indem er erklärt, sie habe die Inszenierung aller Aufgaben, die nun anfielen und die diese Opferbereitschaft zeigen sollte, als ihren Beitrag angesehen.37 Als Person „der Braunschweiger gehobenen Gesellschaft“38 vorgestellt, repräsentiert Käthe Buchler die bürgerliche Frau ihrer Zeit, die es sich in ihren Verhältnissen leisten kann das Hobby der Fotografie zu betreiben, sich darin sogar ausbilden zu lassen und die zu Kriegsbeginn nun ihre freiwillige Hilfe und patriotisch motivierte Pflicht erfüllen möchte.

An dieser Einführung wird bereits deutlich, dass Käthe Buchler zwar mit ihrer individuellen Biografie vorgestellt wird, jedoch ganz klar die repräsentative Rolle einer bürgerlichen Frau und auch die allgemeine bürgerliche Sicht zu Beginn des Krieges darstellt.

Die gezeigten Fotos von Buchler werden wie eine Diashow präsentiert, die den Sprecher in seinen Ausführungen unterstützen. Ohne dass es in dem Film erwähnt wird, knüpft diese Form der Darstellung an die Biografie Buchlers an, da sie ihre Bilder an Diaabenden öffentlich und meist für karitative Zwecke in Braunschweig zeigte. Ihre Bilder zeigen „eine inszenierende Bildauffassung, die den Menschen in typischer Umgebung mit berufsspezifischen Attributen abbildet und gleichzeitig ein individuelles Porträt darstellt.“39 Die berufsspezifischen Attribute zeigen in diesem Fall bis zu diesem Zeitpunkt immer männlich konnotierte Berufe, die die Frauen nur zeitweise übernommen haben.

Die Erklärung, die Frauen der Fotoserie von Helferinnen stammten oft aus ihrem Freundeskreis, lässt Buchler subjektiv wirken und sehr auf ihren bürgerlichen Blickwinkel beschränkt, vielleicht sogar ein wenig realitätsfremd. Die aus der wirklichen Not heraus hart arbeitende Frau wird in der Doku von Anna Pöhland verkörpert. Sie muss den Haushalt mit fünf Kindern organisieren, ist zum ersten Mal auf öffentliche Unterstützung angewiesen und trägt zusätzlich Zeitungen aus, um etwas mehr Geld für die Familie zu haben.40 Buchlers Fotoserien „Frauen in Männerberufen“ wirkt in dem Film demgegenüber eher wie ein netter und freiwilliger Zeitvertreib der bürgerlichen Frauen, um etwas zum Krieg beizutragen und hat nichts mit der lebensnotwendigen Existenzsicherung Anna Pöhlands zu tun.

[...]


1 Ebner, Florian / Meinold, Jasmin (Hrsg.): Käthe Buchler. Fotografie zwischen Idyll und Heimatfront, Museum für Photographie Braunschweig, Braunschweig 2012.

2 Bei den Informationen zur Produktion (Zuschauerzahlen, Auftraggeber, Kosten) der Serie beziehe ich mich auf Informationen, die Frau Schlanstein während des Seminars zur Verfügung stellte. (Email vom 05.06.2014).

3 Büschenfeld, Jürgen: "Ein Krieg aller gegen alle …". In: Das Erste (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Das Buch zur ARD-Fernsehserie. Berlin 2004, S. 8.

4 Büschenfeld, S. 8.

5 Ebd., S. 9.

6 Roerkohl, Anne: Schlachtfeld Heimat. WDR 2004, Min 00:42 – 01:54 (Im Folgenden lediglich mit der Minutenangabe belegt).

7 Der aktuelle Zeitpunkt bezeichnet in diesem Fall den Zeitpunkt des Entstehens der Serie, demnach das Jahr 2004.

8 „hoher landständischer Beamter“ vgl. Deutsches Rechtswörterbuch unter: http://drw-www.adw.uni-heidelberg.de/drw/ (13.09.14).

9 Roerkohl, Anne: Schlachtfeld Heimat. In: Das Erste (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Das Buch zur ARD-Fernsehserie, Berlin 2004, S. 174.

10 Meinold, Jasmin: Der geteilte Blick. Käthe Buchler, eine bürgerliche Fotografin. In: Ebner, Florian / Meinold, Jasmin (Hrsg.): Käthe Buchler. Fotografie zwischen Idyll und Heimatfront, Museum für Photographie Braunschweig. Braunschweig 2012, S. 138 f.

11 Ebner, Florian: Der Mantel und die Fotografie. Überlegungen zum Dokumentarisch-en in Käthe Buchlers Fotografie. In: Ebner, Florian / Meinold, Jasmin (Hrsg.): Käthe Buchler. Fotografie zwischen Idyll und Heimatfront, Museum für Photographie Braunschweig. Braunschweig 2012, S. 153 ff.

12 Mommsen, Wolfgang J.: Der große Krieg und die Historiker. Neue Wege der Geschichtsschreibung über den Ersten Weltkrieg. Essen 2002. (Stuttgarter Vorträge zur Zeitgeschichte, Bd. 6); Hirschfeld, Gerhard / Krumeich, Gerd / Renz, Irina (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2003; Hirschfeld, Gerhard: Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs. Essen 1997. (Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte, Bd. 5).

13 Daniel, Ute: Arbeiterfrauen in der Krigesgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg. In: Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 85. Göttingen 1989; Daniel, Ute: Frauen. In: Hirschfeld, Gerhard / Krumeich, Gerd / Renz, Irina (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2003, S. 116-134.

14 Mommsen, Wolfgang J.: Der Erste Weltkrieg. Anfang vom Ende des bürgerlichen Zeitalters. Frankfurt am Main 2004, S. 137.

15 Winter, J. M.: Sites of memory, sites of mourning. The Great War in European cultural history. New York 1998.

16 Vgl. Daniel (2003), S. 116-134.

17 Zum europäischen Blick auf Geschlechterdiskurse in der Erinnerungskultur im 19. Und 20. Jahrhundert siehe auch weiterführend Paletschek, Sylvia / Schraut, Sylvia (Hrsg.): The Gender of Memory. Cultures of Remembrance in Nineteenth- and Twenthieth-Century Europe. Frankfurt am Main/New York 2008.

18 Aber auch Frauen als Opfer feindlicher Übergriffe und Soldatinnen nimmt Daniel in ihren Blick auf. Vgl. Daniel: Frauen (2003).

19 Daniel (2003), S. 116.

20 Zum Wandel von Geschlechterdiskursen um 1900 siehe auch Becker-Cantario, Barbara: Genderforschung und Germanistik. Perspektiven von der Frühen Neuzeit bis zur Moderne. Berlin 2010 und Schößler, Franziska: Einführung in die Gender-Studies. Berlin 2008.

21 Zur Entstehung und zum Wandel von Geschlecht in der historischen Erinnerungskultur siehe auch Grever, Maria / Ribbens, Kees: The Dynamics of Memories and the Process of Canonization. In: Paletschek, Sylvia / Schraut, Sylvia (Hrsg.): The Gender of Memory. Cultures of Remembrance in Nineteenth- and Twenthieth-Century Europe. Frankfurt am Main/New York 2008, S. 253-266 und Grever, Maria: Die relative Geschichtslosigkeit der Frauen. Geschlecht und Geschichtswissenschaft. In: Küttler, Wolfgang / Rüsen, Jörn / Schulin, Ernst (Hrsg.): Geschitsdiskurs 4: Krisenbewusstsein, Katastrophenerfahrungen und Innovationen 1880-1945. Bielefeld 1997, S. 108-123.

22 Rouette, Susanne: IV. Frauenarbeit, Geschlechterverhältnisse und staatliche Politik. In: Kruse, Wolfgang (Hrsg.): Eine Welt von Feinden. Der Große Krieg 1914-1918. Frankfurt am Main 1997. S. 93.

23 Schmidt, Anne: „Kämpfende Männer – Liebende Frauen“. Geschlechterstereotype auf deutschen Propagandaplakaten des Ersten Weltkrieges. In: Kemlein, Sophia (Hrsg.): Geschlecht und Nationalismus in Mittel- und Osteuropa 1848-1919. Osnabrück 2000, S. 233.

24 Schmidt (2000), S. 235.

25 Vgl. Rouette (1997), S. 92; Lüders, Marie Elisabeth: Das unbekannte Heer. Frauen kämpfen für Deutschland 1914-1918. Berlin 1936; Fawcett, Millicent Garret: The Women’s Victory and After. Personal Reminiscences 1911-1918. London 1920.

26 Vgl. Gersdorff, Ursula von: Frauen im Kriegsdienst 1914-1945. In: Beiträge zur Militär- und Kriegsgeschichte, herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Bd. 11. Stuttgart 1969, S. 15 ff.

27 Gersdorff (1969), S. 15.

28 Vgl. hierzu auch Rouette (1997), S. 96 ff.

29 Mommsen, Wolfgang J: Deutschland. In: Hirschfeld, Gerhard / Krumeich, Gerd / Renz, Irina (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2003, S. 16.

30 Mommsen (2004), S. 138;

siehe auch Verhey, Jeffrey: The spirit of 1914. Militarism, myth and mobilization in Germany. In: Studies in the social and cultural history of modern warfare, Bd. 10. Cambridge 2000 und Kruse, Wolfgang: Zur Erfahrungs- und Kulturgeschichte des Ersten Weltkiegs. In: Ders. (Hrsg.): Eine Welt von Feinden. Der Große Krieg 1914-1918. Frankfurt am Main 1997, S. 159-195.

31 Mommsen (2003), S. 16.

32 Ebd.

33 Mommsen (2003), S. 16 f.

34 05:04 – 05:12 Min.

35 „Die führenden Behörden müssen in den einzelnen Bürgern und Hausfrauen ihre tapferen, opferwilligen Soldaten finden, die, ein jeder auf seinem Posten, leisten, was die schwere Zeit bitter verlangt!“ („öffentliches Flugblatt“ zitiert ohne weitere Angaben 04:47 – 04:59 Min.).

36 05:18 – 05:24 Min.

37 Ab 05:25 Min.

38 06:04 Min.

39 Meinold (2012), S. 140.

40 Vgl. Roerkohl (2004), S. 172.

Details

Seiten
23
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668203754
ISBN (Buch)
9783668203761
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321149
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Historisches Insitut
Note
1,0
Schlagworte
Erster Weltkrieg Gender Frauenbilder Rollenbilder TV-Dokumentation Geschichtsdokumentation Heimatfront

Autor

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