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Religion erleben. Performative Praxisbeispiele mit dem Schwerpunkt der Morgenandacht

von Eva Wieser (Autor)

Seminararbeit 2015 41 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung zum Thema

2. Neue religionspädagogische Schwerpunktsetzung
2.1 Postmoderne als Herausforderung
2.2 Vom Reflexionsmodell zum Erfahrungsmodell

3. Gott und das Leben feiern - Andachten
3.1 Annäherung an den Begriff „Andacht“
3.2 Formen der Andacht
3.3 Herausforderung und Grenzen bei liturgischen Feiern
3.4 Chancen und Möglichkeiten bei liturgischen Feiern

4. Praxisbeispiel – Morgenandacht
4.1 Vorüberlegungen
4.2 Aufbau des Praxisteils
4.2.1 Diskursive Einführung
4.2.2 Performatives Erleben
4.2.3 Diskursive Reflexion

5. Reflexion des Gesamtrahmens vom Seminar - Performative Praxisbeispiele
5.1 Gott und das Leben feiern
5.1.1 Gebet (Psalm, Gebetshaltungen)
5.1.2 Segen
5.1.3 Liturgie (Morgenandacht, Taizé-Gebet, Wort-Gottes-Feier)
5.1.4 Leib (Kreuzweg, Wallfahrt)
5.1.5 Schöpfung (Exkursion zum Bibelgarten Jägerwirth)
5.2 Fremde Heimat erkunden
5.2.1 Kirchenraum
5.2.2 Gemeinde
5.2.3 Personen
5.2.4 Orte
5.2.5 Kirchenjahr
5.3 Interreligiöse Perspektiven

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Hinführung zum Thema

Die Lebenswelt heutiger Menschen hat sich in Bezug auf die religiöse Dimension enorm verändert. Dies stellt die Religionspädagogik theoretisch und praktisch vor neuen Herausforderungen. Dabei muss der Lernort Schule, sowie die anderen Lernorte des Glaubens wie Gemeinde und Familie genauer untersucht werden. Die Religionspädagogik betrachtet u.a. die wechselseitigen Beziehungen zwischen diesen Lernorten. Als Zentrum gilt das lernende Subjekt, das nur noch selten über eine ausgeprägte religiöse Praxis verfügt.

Im Religionsunterricht kann deshalb nicht mehr auf religiöse Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler zurückgegriffen werden. Die fehlenden Erfahrungen müssen gemäß einem „Performativen Religionsunterricht“ im Religionsunterricht gesammelt werden. Damit Erfahrungen gemacht werden können, muss die Religion erlebbar und damit auch verstehbar dargelegt werden.

Im Angesicht dieser Tatsache werde ich mich in dieser Seminararbeit mit konkreten Feldern der praktischen Theologie auseinandersetzen. Zunächst gebe ich den kritischen Kontext der Postmoderne klar zu verstehen, den die Religionspädagogik als Herausforderung aufgreift. Den Schwerpunkt habe ich auf die liturgische Morgenandacht gesetzt, die ich aus dem Themenbereich „Gott und das Leben feiern“ entnommen habe. Theoretisch nähere ich mich dem Begriff der Morgenandacht an, stelle Chancen und Grenzen von religiösen Feiern gegenüber und schließe das Thema mit einem ausführlichen Praxisentwurf ab. Im Anschluss daran folgt ein Überblick zu weiteren performativen Praxisbeispielen aus dem Seminar. Die praxisorientierten Vorschläge aus den Präsentationen werden kurz erläutert und daraufhin kritisch betrachtet.

2. Neue religionspädagogische Schwerpunktsetzung

2.1 Postmoderne als Herausforderung

Die Epoche der Postmoderne ist geprägt von den Prozessen der Pluralisierung, Individualisierung und Globalisierung. Religion wird dabei an den Rand des gesellschaftlichen Kontexts gedrängt und erlebt einen Wandel – ein Ende der Religion ist nicht absehbar, wie in der Säkularisierungsthese befürchtet wurde.[1] Diese These fundiert zwar auf empirische Fakten, die belegen, dass ein deutlicher Rückgang von sonntäglichen Gottesdienstbesuchen, Austrittszahlen aus den Kirchen und eine sinkende Zustimmung zu Glaubenssätzen zu beobachten sind, jedoch können Glaube und Religion nicht mit christlicher Konfession gleichgesetzt werden. Deshalb verdeutlichen die aufgezählten Phänomene, dass die Religion nicht am Ende ist, sondern vielmehr, dass Religion vielfältigen Wandlungsprozessen ausgesetzt ist.[2]

Dass die Kinder und Jugendlicher sich immer weniger von der Liturgie angesprochen fühlen bzw. den meisten von ihnen die sonntägliche Liturgie fremd ist, hat mehrere Gründe.[3] Beispielsweise deshalb, weil die „alten“ Kirchenlieder nicht dem Geschmack junger Menschen entsprechen oder die Kirchenzeiten nicht „passend“ sind. Zur Kommunion und Firmung bzw. Konfirmation und in den jeweiligen Vorbereitungsphasen wird die Kirche eifrig besucht, danach wird der Kirchengang allerdings vermieden. „Langeweile“ wird mit dem Begriff „Gottesdienst“ assoziiert und Jugendgottesdienste in der Schule werden als peinlich angesehen.[4] Viele Schülerinnen und Schüler können weder Kreuzzeichen, noch das Vaterunser.[5] Ein schwerwiegenderer Grund ist jedoch, dass eine mangelhafte religiöse Erziehung bei den Kindern und Jugendlichen vorliegt. Als Folge verändern sich die Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen im Laufe der Zeit von den religiösen Erfahrungen weg hin zu Erfahrungen mit neuen Technologien, Medien etc.[6] Laut dem Frankfurter Manifest zum Bundesgrundschulkongress 1989 verbringen die Kinder heute durchschnittlich 80 Minuten pro Tag vor dem Fernseher. Die religiöse Erziehung obliegt hauptsächlich den Eltern, jedoch findet diese heutzutage aus gesellschaftlichen Gründen kaum noch statt. Eine allgemeine Distanz zu Glaube und Kirche wird aufgebaut und die Ablehnung zur religiösen Erziehung steigt rasant. Nichtsdestotrotz gilt das religiöse Desinteresse der Eltern nicht als Begründung für die mangelnde religiöse Erziehung der Kinder. Im Gegenteil: Die Eltern sprechen dem Religionsunterricht in der Schule die Aufgabe zu, eine Begegnung der Kinder mit dem christlichen Glauben zu ermöglichen und diesen begreifbar zu offenbaren.[7]

2.2 Vom Reflexionsmodell zum Erfahrungsmodell

Die Veränderung der religiösen Situation der Schülerinnen und Schüler erfordert eine neue religionspädagogische Schwerpunktsetzung.[8] Dadurch, dass viele Schülerinnen und Schüler veränderte Erfahrungen und Erfahrungsdefizite mit gelebtem Glauben aufweisen, muss die Schule nun als Erfahrungs- und Lebensraum dienen. So bekommen die Schülerinnen und Schüler nach dem Konzept einer performativen Religionsdidaktik immerhin die Möglichkeit Erfahrungen im Lernort Schule zu sammeln und den tradierten Glauben zu verstehen.[9] Wie in der Würzburger Synode von 1974 erkannt wurde, kann man bei bestimmten Situationen und Erfahrungen, die einen Menschen bedingungslos herausfordern, den religiösen Aspekt nicht ausklammern. Gottesdienste, die Schulpastoral, spirituelle Gespräche in der Klasse etc. helfen den Schülerinnen und Schüler mit derartigen Situationen umzugehen. Mit diesen Situationen müssen nicht zwingend Todesfälle in der Schule gemeint sein, bereits der Schuleintritt bzw. Abschied von einer bestimmten Schulform ist betroffen. Anhand von den genannten Situationen und noch vielen weiteren kann die Lebensbedeutung des gelehrten Glaubens im Sinne eines korrelativen Religionsunterrichts erschlossen werden, wobei dies eine besondere Herausforderung für den Religionsunterricht darstellt.[10]

Zu den Aufgaben des katholischen Religionsunterrichts gemäß der veränderten Bedingungen zählen die Vermittlung von strukturiertem und lebensbedeutsamen Grundwissen über den Glauben und Kirche, das Vertrautmachen mit Formen gelebten Glaubens und die Förderung religiöser Dialog- und Urteilsfähigkeit.[11] Zur zentralen Aufgabe des Religionsunterrichts zählt jedoch, den Kindern bei der Kultivierung von Beten und Feiern zu helfen, also dem Erwerb der „Partizipations-Kompetenz“.[12] Als allgemeines Ziel gilt dabei, den christlichen Glauben in den verschiedenen Erfahrungshorizonten des Menschen verstehbar und somit für den Lebensvollzug relevant werden zu lassen.[13]

Die Herausforderung besteht folglich darin, eine neue religionspädagogische Schwerpunktsetzung durchzusetzen, die durch zahlreiche Grenzen eingeschränkt wird. Es wurde ein Konzept eines Religionsunterrichts in deutlicher Abgrenzung zur Katechese entwickelt, da man nicht den Eindruck eines Unterrichts erwecken wollte, der nach wie vor von einem missionarischen Ansatz geprägt ist. Das diakonische Konzept bereitet zugegeben viele Unterrichtsinhalte nur begrenzt erfahrbar auf, die als nicht ausreichend einzustufen sind. Man bemüht sich zwar um mediale Veranschaulichungen, narrative Innenansichten etc., jedoch reicht dies nicht aus, um die eigene Religion verstehen zu können. Diese Herausforderung kann nur bewältigt werden, wenn der Mehrwert performativen Vorgehens geschätzt wird.[14]

3. Gott und das Leben feiern - Andachten

3.1 Annäherung an den Begriff „Andacht“

Die Andacht kann man nicht exakt definieren, da sie sich als recht unbestimmt und vielschichtig darstellen lässt. Es gibt keine allgemein verbindliche Form, denn viele Andachten entsprechen dem Ortsbrauch.[15] Aber allgemein lässt sich die Andacht als gruppenbezogener, predigtartiger Vortrag mit knapper, frei gestaltbarer liturgischer Rahmung beschreiben.[16] Die Andacht zählt zu den gottesdienstlichen Feiern, in denen Gott angebetet und betrachtet wird. Grundsätzlich wird eine Andacht wegen besonderen Situationen innerhalb der Gemeinde gefeiert; sie kann aber auch - angeleitet durch einen Laien - von Gruppen oder im kleinen Kreis gefeiert werden. Andachten führen zur Liturgie der Kirche hin und vertiefen die in ihr gefeierten Glaubensgeheimnisse.[17] Im weitesten Sinn spricht man auch von einem Anbetungs- bzw. Meditationsgottesdienst.[18] Andachten und andere Formen von liturgischen Festen sind dafür da, neue Kräfte für den Alltag zu empfangen.[19] Für denjenigen, der eine Andacht durchführt bzw. anleitet, ist zu beachten, dass die Thematik auf die spezielle Gruppe oder den besonderen Anlass zugeschnitten sein muss. Die religiöse Stimmung des Gemüts wird in der Andacht durch ein Nachsinnen des Glaubens erreicht und erfahren.[20] In der Andacht geht man von biblischen Impulsen aus, die durch Wechselgebete und Lieder fortgesetzt werden.[21] Das betrachtende Gebet und die Anbetung Gottes folgen einer Kurzpredigt als Auslegung eines Bibelabschnitts nach.[22] Diese Art von religiöser Feier wird nicht „veranstaltet“, man spürt und erlebt sie vielmehr.[23] Lob, Dank und Bitte können auf die vielfältigen Anliegen des Lebens bezogen werden und so die menschlichen Erfahrungen und Bedürfnisse aufgreifen.[24] Der Charakter der Andacht ist durch die Tageszeit geprägt, denn es gibt Morgen- und Abendandachten. Nicht nur die Tageszeit, sondern auch der Ablauf der Woche, die Zielgruppe, das Kirchenjahr, der Raum und die Medien beeinflussen die Andacht.[25] Die Andachten begegnen uns im Alltag v.a. als Bestandteil kirchlicher Gruppenarbeit, wie beispielsweise bei Zusammenkünften von Frauen, Männern, Jugendlichen, genauso wie bei Sitzungen von Kirchenvorständen oder anderen kirchlichen Gremien. Die aufgezählten Sitzungen beginnen oder enden mit einer Andacht, wobei so die gesamte Veranstaltung eine christlich-evangelische Prägung erhält.[26]

3.2 Formen der Andacht

Es gibt strengere Formen, aber auch relativ frei gestaltungsfähige. Die strenge Form ist dem Wortgottesdienst ähnlich, jedoch nur in abgekürzter Weise. In ihrem strukturellen Aufbau spricht man aus diesem Grund oft von einem kurzen Wortgottesdienst.[27] Trotzdem ist die konkrete Gestaltung (wie bereits oben erwähnt wurde) stark von der Zusammensetzung der gemeindlichen Gruppe, vom Anlass, der Zeit und dem Raum abhängig und darf deshalb nicht immer als verkürzte und vereinfachte Form der Sonntagspredigt verstanden werden.[28] Die relativ frei gestaltungsfähige Form der Andacht begründet sich daraus, dass es keine gesamtkirchlich verbindlichen Ordnungen gibt.[29] In dem kirchlichen Gesangs- und Gebetsbuch, dem „Gotteslob“, gibt es für die diversen Diözesen und Regionen Regelungen verschiedene liturgische Andachten durchzuführen. Dabei wird augenfällig, dass der Spielraum bei der freien Gestaltung einer Andacht enorm ist.[30] Es haben sich unterschiedliche Formen der Andacht im Laufe der Geschichte entwickelt, wobei jede zu einem großen geistlichen Gewinn beigetragen hat. Die bekanntesten Andachten sind der Kreuzweg, das gemeinsame Gebet des Rosenkranzes, Andachten an Festen, Anbetungsstunden, Wallfahrten und Prozessionen.[31] Aus der Entwicklung wird ersichtlich, dass man eine „Andacht“ hält, um „andächtig“ zu werden. Gleichgültig welche Form der Andacht „durchgeführt“ wird, das Wort der Andacht wird zum Inbegriff der religiösen Innerlichkeit.[32] Das Ziel der Andacht ist die Sammlung und Konzentration auf das Wesentliche. Die Formen, unter denen die Andacht vorrangig geschieht, sind das Gebet und Lied, die Stille und das Nachdenken.[33]

Ritualisierte Handlungsvollzüge mit Symbolcharakter wie Einschulung und Zeugnisausgabe, Verabschiedung von Viertklässlern, Morgenkreis am Montag, Entlassung ins Wochenende mit einem guten Wort und vieles mehr lassen sich zu den großen und kleinen Liturgien in jeder Schule zählen. Konkret ist mit „Liturgie in der Schule“ das „erinnernde und vergegenwärtigende Feiern der geglaubten und erhofften Zuwendung Gottes zu den Menschen, das seine unüberbietbare Gestalt in Tod und Auferstehung Jesu Christi gefunden hat“[34] gemeint. Die Begegnung zu Christus ereignet sich aber auch da, wo Menschen seinem Wort in den Heiligen Schriften begegnen und sich ihm durch sein Wort zuwenden, es meditieren, singen und beten.[35]

3.3 Herausforderung und Grenzen bei liturgischen Feiern

Die Herausforderung in der Morgenandacht, aber auch in anderen Formen der Liturgie, besteht zum einen darin in der Umsetzung tatsächlich Liturgie zu sein und zum anderen sich aber vor den Zielen religionspädagogischen Handelns im Kontext Schule verantworten zu können.[36] Kritisiert wird nämlich, dass es sich v.a. um eine Inszenierung, einer „als-ob“-Handlung handelt, anstatt von authentischen Erlebnissen. Den Kritikern kann man entgegnen, dass es sich lediglich um ein Angebot eines zeitlich begrenzten Erlebens echter Handlungsformen dreht, die nicht zwingend von jedem Schüler oder jeder Schülerin angenommen werden müssen. Ob aus den jeweiligen Erlebnissen und Angebote lebensbedeutsame Erfahrungen werden, ist abhängig von dem Lernenden und didaktisch nicht steuerbar.[37]

Rudolf Englert hat vier religionspädagogische Zielsetzungen formuliert: Die Schülerinnen und Schüler sollen die Fähigkeit erwerben, mit religiösen Traditionen, mit ethischen Konfliktsituationen, mit existenziellen Krisensituationen und mit religiöser Pluralität umzugehen wissen.[38] Ziel ist es dabei nicht, dass eine „eucharistische Lebenskultur“[39] geschaffen werden soll, sondern es sollte vielmehr eine vertiefte Einsicht erfolgen.[40]

Im Religionsunterricht sind die performativen Elemente des Gebets und der Liturgie besonders vorsichtig zu behandeln, denn diese werden bzgl. ihrer konkreten Umsetzung oft in Frage gestellt. Die Liturgie wird in der öffentlichen Schule durch die Frage eingegrenzt, ob das überhaupt stattfinden darf.[41] Der erste Einwand geht gegen die Ebene der Sache: Darf Glaube vorausgesetzt werden? Der Glaube kann - unabhängig von der aktuellen inneren Einstellung des Schülers bzw. der Schülerin - durch die Teilnahme am Religionsunterricht als vorausgesetzt gelten. Aus diesem Grund, so Herr Prof. Dr. Mendl, steht es der Institution Kirche nicht zu sich gegen die Teilnahme von Schülerinnen und Schülern des Religionsunterrichts an liturgischen Akten zu äußern. Freiwillige Teilnehmer am Religionsunterricht, die nicht der christlichen Glaubensgemeinschaft angehören, sind gemäß dem Heilsangebot Jesus Christus ebenso zu ökumenischen oder interreligiösen Feiern berechtigt eingeladen.[42]

Die Zustimmung zur Teilnahme am Religionsunterricht kann zunächst als Glaubensvoraussetzung beurteilt werden. Wenn man sich aber der aktuellen inneren Einstellung zum Glauben eines Schülers oder einer Schülerin widmet, so rückt die Frage der Religionsfreiheit ins Zentrum. Grundsätzlich darf jeder Teilnehmer bei einem performativen Element im Religionsunterricht von der negativen Religionsfreiheit Gebrauch machen, folglich nicht daran teilnehmen. Jedoch sollte dieses Prinzip der negativen Freiwilligkeit vom Lehrenden keinesfalls zu Unterrichtsbeginn erwähnt und der Klasse besonders nahe gelegt werden, sondern das performative Erleben sollte als unterrichtliches Vorhaben eingestuft und präsentiert werden. Entstehen trotzdem Einwände seitens der Schülerinnen und Schüler, kann dies als Raum für eine wertvolle Diskussion genutzt werden.[43] Eine derartige Diskussion trägt durch die Plurale Situation dem Glauben gegenüber zur Identitätsbildung und Persönlichkeitsbildung junger Menschen bei.[44] Problematisch wird es in dem Jahrgang der Mittelstufe, in der es als „uncool“ gilt sich seinem persönlichen Glauben zu behaupten.

3.4 Chancen und Möglichkeiten bei liturgischen Feiern

Zu den Chancen durch liturgische Feiern wie die Morgenandacht zähle ich die religiöse Bildung. Dadurch, dass der Religionsunterricht erfahrbar gemacht wird, findet Unterricht nicht „über“ sondern „in“ Religion statt.[45] Dies geschieht, indem sich die Schülerinnen und Schüler selbst aktiv in das Unterrichtsgeschehen miteinbringen können. Sie dürfen das Wort der Religion selbst formen, in den Mund nehmen, gestalten und in Handlungen übersetzen. So kommt das lernende Subjekt an die Religion heran, bringt sich mit ein und lernt gleichzeitig. Angesichts dessen kann man von einer performativen religiösen Bildung sprechen.[46] Darunter versteht man auch, dass das Hauptaugenmerk auf den liturgischen Akt der Anverwandlung einer religiösen Form in eine individuelle „Performanz“ liegt und nicht auf der kognitiven Erschließung oder auf der diskursethischen Konfliktlösung.[47]

Die Schülerinnen und Schüler können das Gebet als einen Raum der Geborgenheit und Offenheit vor Gott erleben. In diesem Raum können sie alles äußern, was sie schon immer beschäftigt hat oder auch, was sie glücklich macht und erfüllt. Beim gemeinsamen Beten haben sie die Möglichkeit den Dank und die Freude mit ihren Mitschülerinnen und -schülern zu teilen. Nach dem Fest, bei dem sie viel Gewinnbringendes erlebt haben, können die Schülerinnen und Schüler dies aktiv zum Ausdruck bringen.[48]

Rituale (z.B. Begrüßungsrituale) und das gemeinsame Feiern an der Schule, wie beispielswiese die Morgenandacht zu bestimmten Anlässen, geben nicht nur dem gesamten Schulsystem Sicherheit, sondern auch den Schülerinnen und Schüler. In einer multikulturellen Schulwirklichkeit werden Chancen für die Begegnung mit anderen Schülerinnen und Schülern außerhalb des eigenen Religionsunterrichts geboten. Zudem gibt es durch multikulturelle Feiern die Möglichkeit zu lernen, wie man andere Konfessionen und Religionen toleriert. Abgesehen davon feiern Kinder besonders gerne, denn sie schätzen die vom Schulalltag abgesetzte Atmosphäre, und sie akzeptieren dabei die vereinbarten Verhaltensregeln etc.[49]

4. Praxisbeispiel – Morgenandacht

4.1 Vorüberlegungen

Der Schulalltag kann durch christliche Feiern unterbrochen werden, nicht nur um dem Glauben der Kirche Ausdruck zu verleihen, sondern auch um diesen Glauben zu versinnlichen.[50]

Eine Morgenandacht zu gestalten, eignet sich zu mehreren Anlässen gut, wie beispielsweise beim Erntedank, an Allerheiligen/ Allerseelen, im Advent, zur Fastenzeit etc.[51] Für mein Praxisbeispiel habe ich mich für eine Morgenandacht zum Schuljahresbeginn entschieden.

Die 1983 in Kraft getretene neue Rechtsordnung der Kirche hat geregelt, welche gottesdienstlichen Versammlungen von Laien geleitet werden dürfen. Dazu werden auch eucharistische Andachten gezählt.[52] Wenn man eine derartige Morgenandacht gestalten will, ist für den Leitenden zu beachten, dass dieser die Gruppe nicht segnet, sondern zunächst das Gebet mit dem Einführungsversikel eröffnet. Außerdem fordert man zu den Bitten bzw. zu den Fürbitten auf, evtl. trägt man diese auch selbstständig vor. Das Vaterunser einzuleiten, zählt ebenso als Aufgabe von dem Leiter der gemeinsamen Feier, sowie die Oration vorzubeten und die Feier mit der Segensbitte zu beschließen: „Der Herr segne uns, er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.“[53] Alle aufgezählten Elemente müssen allerdings nicht zwingend in eine Morgenandacht eingebaut werden. Das Gebets- und Gesangsbuch „Gotteslob“ hält für die Gestaltung einer Andacht vielfach Texte bereit.[54]

Andachten ohne Gesang von Kirchenliedern sind eher selten, denn Lieder sind nicht auszuklammern von einem derartigen Fest. Durch das gemeinsame Singen kommt zum Ausdruck, dass Andacht mit allen Sinnen, mit Kopf und Herz und auch durch Sentiment geschieht. Dies gilt ähnlich für die begleitende Musik, die passend zum Anlass gewählt werden muss.[55]

[...]


[1] Vgl. Mendl, Religionsdidaktik 14.

[2] Vgl. ebd. 16.

[3] Vgl. Domsgsen 7.

[4] Vgl. Mendl, Religion erleben 179f.

[5] Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen 13.

[6] Vgl. Arbeitskreis Grundschule, Frankfurter Manifest 12.

[7] Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen 13.

[8] Vgl. ebd. 13.

[9] Vgl. Mendl, Religionsdidaktik 66.

[10] Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen 14.

[11] Vgl. ebd. 18.

[12] Vgl. Mendl, Religion erleben 184.

[13] Vgl. Mendl, Religionsdidaktik 70.

[14] Vgl. Mendl, Religion erleben 180f.

[15] Vgl. (Erz- ) Bischöfe Deutschlands und Österreichs/ Bischof von Bozen-Brixen 877.

[16] Vgl. Merkel 926.

[17] Vgl. ebd. 923.

[18] Vgl. Schützeichel 215.

[19] Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Zum gemeinsamen Dienst berufen 20.

[20] Vgl. Merkel 925.

[21] Vgl. ebd. 923.

[22] Vgl. (Erz- ) Bischöfe Deutschlands und Österreichs/ Bischof von Bozen-Brixen 877.

[23] Vgl. Merkel 925.

[24] Vgl. (Erz- ) Bischöfe Deutschlands und Österreichs/ Bischof von Bozen-Brixen 877.

[25] Vgl. Merkel 926.

[26] Vgl. ebd. 923.

[27] Vgl. ebd. 923.

[28] Vgl. ebd. 926.

[29] Vgl. ebd. 927.

[30] Vgl. ebd. 927.

[31] Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Zum gemeinsamen Dienst berufen 20.

[32] Vgl. Merkel 925.

[33] Vgl. Merkel 923.

[34] Blum 398.

[35] Vgl. ebd. 399.

[36] Vgl. ebd. 399.

[37] Vgl. Mendl, Religionsdidaktik 181.

[38] Vgl. Blum 399.

[39] Kraml 328.

[40] Vgl. ebd. 326f.

[41] Vgl. Blum 406.

[42] Vgl. Mendl, Religion erleben 190f.

[43] Vgl. ebd. 192.

[44] Vgl. Blum 404.

[45] Vgl. Blum 403.

[46] Vgl. ebd. 404.

[47] Vgl. ebd. 404.

[48] Vgl. Waap/ Kramer 20f.

[49] Vgl. Mendl, Religion erleben 183f.

[50] Vgl. Mendl, Religion erleben 152f.

[51] Vgl. Bauer 185f.

[52] Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Zum gemeinsamen Dienst berufen 27f.

[53] Vgl. Deutsche, Berliner, Österreichische, Schweizer Bischofskonferenz u.a. 261.

[54] Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Zum gemeinsamen Dienst berufen 33.

[55] Vgl. Merkel 928.

Details

Seiten
41
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668216648
ISBN (Buch)
9783668216655
Dateigröße
2.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321029
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Schlagworte
religion performative praxisbeispiele schwerpunkt morgenandacht

Autor

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    Eva Wieser (Autor)

    13 Titel veröffentlicht

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Titel: Religion erleben. Performative Praxisbeispiele mit dem Schwerpunkt der Morgenandacht