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American Dream und Counterculture in Hunter S. Thompsons "Fear and Loathing in Las Vegas"

Bachelorarbeit 2010 51 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Über Fear and Loathing in Las Vegas
2.1 Der Autor Hunter S. Thompson
2.2 Zur Entstehung von Fear and Loathing
2.3 Zum Inhalt von Fear and Loathing

3 Historische und kulturelle Hintergründe
3.1 Horatio Alger
3.2 Der American Dream
3.3 Der Vietnamkrieg
3.4 Counterculture

4 Der American Dream in Fear and Loathing in Las Vegas
4.1 Einleitung
4.2 Der Traum des Journalisten
4.3 Der Traum von Erfolg und Wohlstand
4.4 Der Traum von Freiheit und Gleichheit
4.5 Die Krise des American Dream
4.6 Zusammenfassung

5 Counterculture in Fear and Loathing in Las Vegas
5.1 Einleitung
5.2 Das Verhältnis der Protagonisten zur Counterculture
5.3 Die Bedeutung von Las Vegas
5.4 Eine Gegenkultur der Drogen
5.5 Zusammenfassung

6 Zusammenfassung und Fazit

7 Bibliografie

1 Einleitung

We had two bags of grass, seventy-five pellets of mescaline, five sheets of high-powered blotter acid, a salt shaker half full of cocaine, and a whole galaxy of multi-colored uppers, downers, screamers, laughers … and also a quart of tequila, a quart of rum, a case of Budweiser, a pint of raw ether and two dozen amyls. […] Not that we needed all that for the trip, but once you get locked into a serious drug collection, the tendency is to push it as far as you can.

— Hunter S. Thompson, Fear and Loathing in Las Vegas

Wie schon das obige Zitat unmissverständlich klar macht, handelt es sich bei Hunter S. Thompsons Fear and Loathing in Las Vegas 1 keineswegs um ein gewöhnliches literarisches Werk, sondern vielmehr um die humorvolle Darstellung einer von Drogenexzessen und anderen Extremen geprägten Reise nach Las Vegas. Die Rahmenhandlung bilden dabei das Motorradrennen Mint 400 und eine Konferenz von Staatsanwälten zur Drogenproblematik in den USA. Über beide Ereignisse berichtet der promovierte Journalist Raoul Duke,2 der sich in Begleitung seines samoanischen Anwalts Dr. Gonzo3 befindet und nebenbei den American Dream zu finden hofft. Diese beiden Charaktere stellen somit auch die Protagonisten des Buches dar.

Da die Suche nach dem American Dream im Buch eine wichtige Rolle spielt, soll die Darstellung dieses Traums im Rahmen dieser Bachelorarbeit genauer untersucht werden. Zudem soll sich die vorliegende Arbeit detailliert mit der Counterculture4 beschäftigen, die das zweite - wenn auch weniger offensichtliche - zentrale Thema in Fear and Loathing darstellt und die gewisse Überschneidungen mit dem Thema American Dream aufweist. Zu diesem Zweck wird zunächst kurz auf den Autor Hunter S. Thompson und das Buch selbst eingegangen, um wichtige Detailinformationen zur Analyse zu liefern. Danach folgt ein Überblick über die historisch-kulturellen Hintergründe des Buches. Hierbei werden der Autor Horatio Alger als mehrfach erwähntes Vorbild Thompsons in Fear and Loathing und Mitbegründer des späteren American Dream sowie der Versuch einer allgemeinen Definition des American Dream als wichtige Aspekte behandelt. Hinzu kommt eine Zusammenfassung des Vietnamkrieges und der damit verbundenen gegenkulturellen Bewegung in den Vereinigten Staaten,5 denen insbesondere bei der Darstellung der Counterculture im Buch eine besondere Bedeutung zukommt. An diesen theoretischen Überblick schließt sich die eigentliche Analyse von Fear and Loathing an, die sich wiederum aus jeweils einem Kapitel über die Themen American Dream und Counterculture zusammensetzt. Die beiden Kapitel sind zusätzlich in mehrere Unterthemen gegliedert, die zu Anfang des jeweiligen Kapitels näher erläutert werden. Auf diese Weise soll das Ziel der Arbeit, eine möglichst präzise Untersuchung von American Dream und Counterculture in Fear and Loathing in Las Vegas zu liefern, erfüllt werden.6

2 Über Fear and Loathing in Las Vegas

2.1 Der Autor Hunter S. Thompson

Hunter Stockton Thompson war - nicht zuletzt durch seine stark von Alkohol und Drogen beeinflussten Werke sowie den von ihm geprägten Gonzo-Journalismus 7 - sicherlich einer der ungewöhnlichsten Autoren8 des 20. Jahrhunderts. Dennoch oder gerade wegen Thompsons ungewöhnlichem literarischen Stil fanden seine Werke wie Hell ’ s Angels oder Fear and Loathing in Las Vegas großen Anklang bei Kritikern der New York Times und anderen prominenten Autoren wie Tom Wolfe (McKeen 111-112, 176-177).

Thompson wurde 1937 in Louisville (Kentucky) geboren und machte bereits in seiner Jugend erste Erfahrungen im journalistischen Bereich. 1955 wurde er jedoch zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, die später durch seine Verpflichtung zum Militärdienst bei der U.S. Air Force verkürzt wurde (Torrey und Simonson xvii). Nach seiner Entlassung vom Militärdienst war er zunächst in New York als Hilfskraft beim renommierten Time Magazine tätig, später unter anderem als Karibik-Korrespondent für die New York Herald Tribune und als Sportreporter in Puerto Rico (McKeen 40; Torrey und Simonson xvii). 1963 zog er nach San Francisco, wo er laut Kindlers Literatur Lexikon Mitglied der Hippie-Szene wurde. Diese Szenezugehörigkeit zweifelt allerdings MacFarlane in seiner Abhandlung über Fear and Loathing an („Thompson, Hunter S.“; MacFarlane 176).9 Thompsons literarischer Durchbruch gelang ihm schließlich 1967 mit Hell ’ s Angels („Thompson, Hunter S.“). Später folgten mit Fear and Loathing in Las Vegas (1971) und Fear and Loathing: On the Campaign Trail ’ 72 (1973), einem Bericht über Richard Nixons Wahlkampf, weitere bekannte Werke (Torrey und Simonson xviii). Darüber hinaus machte Thompson durch seine Berichterstattung bei wichtigen Ereignissen wie dem Fall von Saigon im Jahr 1975 auf sich aufmerksam (McKeen 236-243). In den folgenden Jahrzehnten setzte er seine Tätigkeit als Autor mit zahlreichen Büchern und Zeitschriftenartikeln fort. Im Laufe von Thompsons gesamter Karriere spielten Drogen, insbesondere Amphetamine, eine wichtige Rolle. Der Konsum dieser Drogen lässt sich auch an seinem Schreibstil ablesen (MacFarlane 188-189). Thompsons Karriere fand mit dessen Suizid im Jahr 2005 ein jähes Ende (McKeen 349-352). Ganz im Sinne des Autors war die nachfolgende „Trauerfeier“, die dieser schon zu Lebzeiten als Party für seine alten Freunde inklusive alkoholischer Getränke geplant hatte (363-365).

Als Thompsons Vermächtnis an zukünftige Generationen können seine Werke, gewissermaßen Berichte eines Zeitzeugen, sowie der bereits erwähnte Gonzo-Journalismus gesehen werden. Nicht umsonst scheint er nach wie vor ein wichtiges Vorbild für angehende Journalisten zu sein (McKeen xviii).

2.2 Zur Entstehung von Fear and Loathing

Fear and Loathing in Las Vegas gilt als Meisterwerk Hunter S. Thompsons und wurde 1971 erstmals als Serie in der Zeitschrift Rolling Stone veröffentlicht, bevor es 1972 in Buchform erschien (Rosenhagen). Das Werk ist durch Thompsons außergewöhnlichen Schreibstil geprägt, den dieser als Gonzo-Journalismus bezeichnete und der eine extreme Unterform des amerikanischen New Journalism der sechziger Jahre darstellt (Hirst 2-3). Charakteristisch für Thompsons Form des Journalismus sind die Rolle des Journalisten als Erzähler und Protagonist sowie die Verknüpfung von Fakten und Fiktion, wodurch sich das Buch literarisch schwer in eine Kategorie einordnen lässt (DeKoven 91; MacFarlane 187-188). Diese Vermischung von Fakt und Fiktion wird beispielsweise dadurch deutlich, dass in Wirklichkeit zwischen dem Mint 400 und der Konferenz der Staatsanwälte in Las Vegas etwa ein Monat lag, der Zeitraum im Buch jedoch auf wenige Tage verkürzt wurde (McKeen 165). Thompson selbst nannte Fear and Loathing in Las Vegas in einem Interview jedoch ein missglücktes Experiment im Gonzo-Stil, da dieser idealerweise ohne Überarbeitungen auskommen müsse. Bei Fear and Loathing war dies nicht der Fall. Nach seiner Definition handele es sich daher vielmehr um eine „nonfiction novel“, deren Inhalt zum größten Teil der Wahrheit entspreche (Thompson, „Exclusive Interview“ 101).

Nicht minder unkonventionell als Thompsons Stil in Fear and Loathing in Las Vegas ist die Entstehungsgeschichte des Buches. Sie begann mit einer Reise Thompsons und Oscar Zeta Acostas nach Las Vegas, um dort ein Gespräch für ein anderes Projekt zu führen und gleichzeitig über das Mint 400 zu berichten. Der fertige Bericht über das Rennen, der zusätzlich auf die Geschichte des Glücksspiels in Las Vegas einging und zu diesem Zeitpunkt weder Acosta noch den Drogenkonsum erwähnte, wurde jedoch aufgrund seines zu großen Umfangs von der Zeitschrift Sports Illustrated abgelehnt (McKeen 164-165; Thompson, Interview mit O’Rourke 210). Während der Überarbeitung eines anderen Werkes begann Thompson schließlich zu seinem privaten Vergnügen die

Arbeit an der eigentlichen Version von Fear and Loathing, deren Manuskript in der Redaktion des Rolling Stone für Aufsehen sorgte. In diesem Magazin wurde das fertige Werk dann auch 1971 in zwei Teilen mit Illustrationen von Ralph Steadman erstmals veröffentlicht (McKeen 165-169). Während der Entstehung ergaben sich durch Thompsons hohe Ausgaben für Alkohol und Drogen bzw. seine Darstellung Acostas als Samoaner allerdings auch finanzielle und rechtliche Schwierigkeiten (169, 175-176). Als Fear and Loathing in Las Vegas jedoch letztendlich von Random House als Buch publiziert wurde, erhielt es viel Lob von Kritikern und wurde sogar mit dem Klassiker The Great Gatsby verglichen (176-177). 1998 wurde das Buch zudem von Terry Gilliam mit Johnny Depp und Benicio del Toro in den Hauptrollen verfilmt.10

2.3 Zum Inhalt von Fear and Loathing

Die in Fear and Loathing in Las Vegas beschriebene Reise beginnt damit, dass der promovierte Journalist Raoul Duke den Auftrag erhält, über das Motorradrennen Mint 400 in der Wüste nahe Las Vegas zu berichten. Duke macht sich daraufhin mit seinem samoanischen Anwalt Dr. Gonzo sowie einem umfangreichen Drogenarsenal auf den Weg nach Las Vegas. Bereits auf der Fahrt dorthin verschrecken die beiden durch ihr skurriles Rauschverhalten einen Anhalter. Bei der Ankunft im Hotel in Las Vegas gelingt es den Protagonisten gerade noch, ihr Zimmer zu beziehen, ohne dass es durch Dukes LSD- Halluzinationen zu einem negativen Zwischenfall kommt. Abends begeben sich Duke und Gonzo dann zur Anmeldung der Fahrer für das Mint 400 im Mint Gun Club, verlassen den Ort jedoch bald wieder, da sie dort offenbar nicht willkommen sind. Am nächsten Morgen versucht Duke, seinen Auftrag zur Berichterstattung beim Motorradrennen zu erfüllen, muss sich allerdings den Bedingungen vor Ort geschlagen geben, da ein Sandsturm eine Beobachtung des Rennens nahezu unmöglich macht. Später begeben sie sich auf eine Fahrt durch das abendliche Las Vegas und finden sich schließlich im Kasino Circus-Circus wieder, dass sie aber im drogenbedingten Verfolgungswahn nach einer kurzen Zeit wieder verlassen. In der Folge kommt es zu einem extremen LSD-Rausch Gonzos in der Badewanne des Hotelzimmers, durch den sich Duke vorübergehend bedroht fühlt. Als Gonzo einige Zeit später die Stadt verlassen hat, plant auch Duke die Flucht, erhält jedoch ein Telegramm Gonzos mit einem Folgeauftrag und kehrt deshalb nach Las Vegas zurück. Dieser neue Auftrag beinhaltet die Berichterstattung über eine Konferenz von Staatsanwälten zum Thema Drogen. Von der Konferenz gelangweilt begeben sich die Protagonisten allerdings lieber auf die Suche nach dem American Dream, die sie unter anderem nach North Las Vegas führt. Am Ende verlassen beide letztlich die Stadt, jedoch auf getrennten Wegen.

3 Historische und kulturelle Hintergründe

3.1 Horatio Alger

Bereits im 19. Jahrhundert, lange bevor James Truslow Adams den Ausdruck American Dream in seinem Werk The Epic of America (1931) prägen oder diesem zumindest zu deutlicher Popularität verhelfen sollte (Cullen 4), war ein Aspekt dieses Traums bereits durch den amerikanischen Schriftsteller Horatio Alger Jr. formuliert worden. In seinen Romanen prägte Alger das berühmte Motto „from rags to riches“, das im Deutschen am treffendsten mit „vom Tellerwäscher zu Millionär“ übersetzt wird und bereits zur damaligen Zeit den wirtschaftlichen Erfolg und den damit verbundenen gesellschaftlichen Aufstieg als erstrebenswertes und erreichbares Ziel darstellte (Hebel 327). Dieses Ziel sollte später eine wichtige Komponente des American Dream werden.

Alger wurde 1832 in Chelsea (Massachusetts) geboren und studierte von 1848 bis 1852 in Harvard. Von 1857 bis 1860 folgten ein Religionsstudium an der Harvard Divinity School und eine Nebentätigkeit als Lehrer und Magazinautor. Nach seinem Religionsstudium war er von 1864 bis 1866 als Pfarrer tätig, wurde jedoch wegen des Verdachts auf Pädophilie aus diesem Amt entlassen. Daraufhin begann Algers Karriere als Schriftsteller, in der er über 100 Romane und Erzählungen veröffentlichte. Diese erfreuten sich durchaus großer Beliebtheit und waren durch die Figur des Selfmademan gekennzeichnet („Alger Jr., Horatio“). Darüber hinaus thematisierte Alger in seinen Werken die Situation der Großstadtjugend und spiegelte die für die Zeit seines literarischen Schaffens typische Aufbruchs- und Krisenstimmung wider (Rosenblatt und Starre). 1899 starb Alger in Natick (Massachusetts) im Alter von 67 Jahren („Alger Jr., Horatio“). Trotz der großen Zustimmung zu dem von ihm geprägten Mythos des gesellschaftlichen Aufstiegs zu jener Zeit gab es auch Kritik daran. So warf beispielsweise Mark Twain der Öffentlichkeit in einem Essay von 1871 Naivität wegen ihres Glaubens an derartige Mythen vor (Boyer et al. 523). Auch von Kritikern des 20. Jahrhunderts wurden Algers Bücher durchaus negativ gesehen, da man sie als „naiv, langweilig und klischeeüberladen“ betrachtete. Bedeutende sozialkritische Autoren wie Theodore Dreiser oder Arthur Miller wandten sich in ihren Werken Sister Carrie (1900) bzw. Death of a Salesman (1949) ebenso gegen Algers Erfolgsmythos, indem sie dem Leser dessen Umkehrung vor Augen führten (Rosenblatt und Starre).

Aufgrund seiner Verbreitung des Konzepts „from rags to riches“ kann Horatio Alger Jr. also als Mitbegründer des American Dream gesehen werden. Obgleich der American Dream natürlich über viele unterschiedliche Facetten verfügt,11 hat Alger zumindest jene nachhaltig geprägt, die den wirtschaftlichen Erfolg sowie den sozialen Aufstieg betreffen.

3.2 Der American Dream

Bereits seit den Anfängen der USA hat der American Dream12 die Gesellschaft nachhaltig geprägt, da er, wie Hebel es formuliert, „als eine Art übergeordnete nationale Identitätskonstruktion“ (332) funktioniert. Trotz dieser immensen Bedeutung des American Dream für die amerikanische Kultur und Gesellschaft existiert jedoch bis heute keine präzise Definition des Begriffs (Freese, American Dream 4). Zudem ist nicht abschließend geklärt, ob der Begriff, wie in vielen Quellen angegeben, von James Truslow Adams in dessen Werk The Epic of America geprägt wurde oder lediglich durch dieses Werk seine heutige Popularität erlangte (Cullen 4). Zumindest aber liefert Adams eine frühe Definition der Idee, die er explizit als „American dream“ bezeichnet:

But there has been also the American dream, that dream of a land in which life should be better and richer and fuller for every man, with opportunity for each according to his ability or achievement (374).

Wie dieses Zitat belegt, war Adams der Ansicht, dass jeder Mensch in den USA das mit seinen Fähigkeiten maximal Mögliche auch erreichen könne. Dies könnte zwar den Eindruck erwecken, es ginge wie bei Horatio Alger primär um materiellen Wohlstand, jedoch erwähnt Adams in diesem Zusammenhang auch ausdrücklich gesellschaftliche Aspekte. Beispielsweise sollen Männer und Frauen nicht nach ihrem sozialen Status beurteilt werden, sondern vielmehr nach dem von ihnen Erreichten. Dennoch, konstatiert er, sei materiellen Aspekten eine entscheidende Rolle bei der Anziehung von Immigranten aus aller Welt zugefallen (374). Ferner stellt er den American Dream als gemeinsame Vision vieler unterschiedlicher Menschen dar, die nicht zuletzt auch durch die Immigranten selbst geprägt wurde (385). Letztlich sieht Adams diesen amerikanischen Traum zwar eher in den USA als in anderen Ländern als verwirklicht an, muss jedoch eingestehen, dass auch die amerikanische Umsetzung noch weit von der Perfektion entfernt ist (375).

Ein weiterer Versuch einer Definition des American Dream unter besonderer Berücksichtigung dessen unterschiedlichster Ausprägungen findet sich in Cullens The American Dream aus dem Jahr 2003. Der Autor unterscheidet darin im Wesentlichen zwischen sechs Facetten des Traums, denen jeweils ein separates Kapitel gewidmet ist. Laut Cullen begann die Geschichte des American Dream bereits mit den Puritanern, deren Glaube an gesellschaftliche Reformen ein wesentliches Element dieses Traums wurde (15- 16). Tatsächlich findet sich dieser Glaube auch in John Winthrops A Modell of Christian Charity wieder, da Winthrop dort die bekannte „city upon a hill“ erwähnt, die als Vorbild für die ganze Welt geschaffen werden müsse (47). Von diesem Vorbild ausgehend gründeten verschiedenste Gruppen wie Mormonen oder Hippies im Verlauf der amerikanischen Geschichte eigene Städte oder Kommunen, in denen sie ihre persönlichen Träume verwirklichen wollten (Cullen 34). Weiterhin bezeichnet Cullen die amerikanische Unabhängigkeitserklärung als eine Art Charta des American Dream (58), weil die in ihr enthaltene Entscheidungsfreiheit des Einzelnen („pursuit of happiness“) den Alltag in den USA bis ins kleinste Detail beeinflusse (38). Somit kann auch die Unabhängigkeitserklärung als frühes Dokument des American Dream bewertet werden.13 Als Drittes erscheint auch bei Cullen der Traum des wirtschaftlichen Erfolgs und des gesellschaftlichen Aufstiegs, der inhaltlich an die zuvor erwähnten Werke Horatio Algers anknüpft (Cullen 59-60). Das nachfolgende Kapitel ist dem Traum der Gleichheit aller Bevölkerungsgruppen in den USA gewidmet, der insbesondere mit dem Namen Martin Luther King verbunden ist.14 Der American Dream sei auf diese Gleichheit angewiesen, da sonst seine Erreichbarkeit für jeden einzelnen Menschen unglaubwürdig werde (108). King sei jedoch beim Erreichen dieses Traums gescheitert (131). Als Letztes erwähnt Cullen den wohl selbsterklärenden Traum vom Eigenheim (133-157) sowie Glücksspiel als Element zum Erreichen des Traums vom Wohlstand. Laut Cullen machte dieses Glücksspiel nicht nur Las Vegas einst zu jenem Anziehungspunkt für viele Menschen, der es heute noch ist; es erzeugte auch eine neue, gegensätzliche Sichtweise des American Dream, die eher auf glücklichen Zufällen als auf eigener Leistung beruht (162-167). Am Ende seines Werkes kommt Cullen zu dem Schluss, dass der American Dream gerade unter Immigranten nach wie vor präsent sei. Gleichzeitig warnt er vor dessen Missbrauch, um gesellschaftliche Spaltungen zu ignorieren. Der amerikanische Traum müsse vielmehr als Motivation für weitere Reformen dienen (188-190).

Neben den Definitionen Adams’ und Cullens sei hier als Letztes die Definition von Peter Freese genannt, die folgende Bestandteile als Kernelemente des American Dream sieht:

— Den Glauben an Fortschritt
— Den Glauben an die Erreichbarkeit des Erfolgs — Den Glauben an Manifest Destiny 15 — Den Glauben an die Theorie der Frontier 16
— Den Glauben an Freiheit und Gleichheit, die nur durch die amerikanische Staatsform garantiert werden könnten
— Den Glauben an die Theorie des Melting Pot 17 bzw. an Multikulturalismus

Diese Kernelemente werden laut Freese noch durch weitere Faktoren wie den Glauben an uneingeschränkte Mobilität oder die jederzeitige Chance eines Neubeginns erweitert. Diese Faktoren seien jedoch als Teil der Kernelemente zu sehen (Dream and Nightmare 107- 108).

Da sich diese Definition nicht wesentlich von den zuvor genannten unterscheidet, soll an dieser Stelle verstärkt auf Freeses Darstellung der Kehrseite des American Dream eingegangen werden, die er analog dazu als „American Nightmare“ (162) bezeichnet. Diese Kehrseite werde vor allem an den Unterschieden zwischen Traum und Realität in den USA sowie an dem hohen Preis deutlich, den die Verwirklichung des Traums habe (162). So habe etwa der Glaube an stetigen Fortschritt zur Zerstörung der Natur geführt und der Westen habe nach dem Ende der Frontier seine Anziehungskraft eingebüßt (163- 166). Auch der Traum vom wirtschaftlichen Erfolg werde in der Literatur vielfach kritisch gesehen, da er als gefährlich und unmenschlich eingestuft werde (166-167). Ein anschauliches Beispiel hierfür ist Theodore Dreisers Roman An American Tragedy.18 In diesem Werk endet das Erfolgsstreben des Protagonisten aus einfachen Verhältnissen letztlich damit, dass dieser einen Mord begeht und zum Tode verurteilt wird, wodurch die teilweise dramatischen Auswirkungen einer solchen Denk- und Handlungsweise betont werden. Neben dieser literarischen Warnung Dreisers zeigt auch die aktuelle globale

Finanzkrise, wozu der Traum des Erfolgs um jeden Preis - nicht nur in den Vereinigten Staaten - führen kann.

Auch sieht Freese in Dream and Nightmare die Theorie der Manifest Destiny durchaus kritisch und führt deren Missbrauch aus machtpolitischen und wirtschaftlichen Beweggründen als häufig genannten Kritikpunkt an (167). Dies war auch in der jüngeren Vergangenheit nicht anders, als George W. Bush die amerikanische Invasion im Irak befahl und in der Folge vielfach dafür kritisiert wurde, dort lediglich wirtschaftliche Interessen zu verfolgen.

Der letzte wichtige Aspekt in Freeses Beschreibung des „American Nightmare“ ist die Feststellung, dass der Traum von Freiheit und Gleichheit sich nicht für alle Einwohner der USA erfüllt habe, da etwa Ureinwohner, Farbige oder Menschen lateinamerikanischer Herkunft davon ausgeschlossen seien. Dies stelle auch die Theorie des Melting Pot infrage (167-169). Dennoch gelangt er zu dem Fazit, der American Dream sei nach wie vor sowohl in den Reden verschiedener US-Präsidenten als auch in den Köpfen zahlloser Immigranten präsent und somit noch immer aktuell (175). Es werde sich jedoch zeigen, ob der Traum in der Zukunft neu belebt oder ein Ende finden werde. In ersterem Fall müsse der American Dream neu definiert werden (177-178).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der American Dream ein komplexes gedankliches Gebilde ist, dessen Inhalt sich im Laufe der Zeit stetig gewandelt hat, das, wie die oben genannten Quellen deutlich machen, individuell verschieden interpretiert wird und das die amerikanische Gesellschaft bis heute nachhaltig beeinflusst hat. Die signifikanteste Schattenseite des Traums ist jedoch, dass er nicht für alle Menschen gleichermaßen erreichbar ist. Aus diesem Grund wird der amerikanische Traum oft kritisiert und es wird versucht, dessen mögliche Verkehrung in einen Albtraum ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Gerade in neueren Abhandlungen zum Thema ist diese kritische Sichtweise vermehrt anzutreffen.19

3.3 Der Vietnamkrieg

Der Vietnamkrieg in den fünfziger bis siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts war ein Krieg, in dem die USA mit moderner Technologie gegen verhältnismäßig einfach ausgestattete Vietnamesen antraten, aber diesen am Ende unterlagen. Im Verlauf des Krieges formierte sich zudem die bisher größte Antikriegsbewegung in der Geschichte der Vereinigten Staaten (Zinn 469).

Die amerikanische Intervention in Vietnam begann damit, dass Präsident Eisenhower aufgrund des Kalten Krieges in Indochina strategische Interessen verfolgte. Wie er in seiner „Domino-Theorie“ erläuterte, sei es sehr wahrscheinlich, dass ein Sieg des Kommunismus in Indochina zu dessen Verbreitung in den anderen Ländern der Region führen werde. Einen solchen Verlust von Menschen und Ressourcen an die Gegenseite müssten die USA daher unterbinden (Eisenhower 591). Er lehnte jedoch eine militärische Beteiligung der USA in Vietnam ab. Stattdessen wurde Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht Vietnams, bei seinem Kampf um das Land finanziell unterstützt (Boyer et al. 819-820). Obwohl Frankreich 1954 in Dien Bien Phu kapituliert hatte und ein Friedensvertrag geschlossen war, ignorierte Eisenhower diesen und ließ Ngo Dinh Diem als Präsidenten Südvietnams installieren, ohne dass die im Friedensvertrag vorgesehene Wahl stattgefunden hatte. Auch half man Diem, die politische Opposition im südlichen Landesteil auszuschalten (Boyer et al. 820). Als Reaktion auf die Regierung Diem gründete sich die Nationale Befreiungsfront (NLF) in Südvietnam, die von Nordvietnam unterstützt wurde und den Sturz der von den USA eingesetzten südvietnamesischen Regierung erwirken sollte (Heideking 383). Mit der Zeit wurde Diem zunehmend unpopulärer und es kam zu immer mehr Demonstrationen gegen seine Regierung. Auch die USA, nun unter Kennedys Führung, bemerkten Diems zunehmende Führungsschwäche und unterstützten schließlich einen Putsch vietnamesischer Generäle, der zu Diems Hinrichtung führte. Unter Kennedy wurde ferner die Zahl amerikanischer Militärangehöriger in Vietnam auf 16.000 erhöht. Diese waren immer häufiger auch an Kampfeinsätzen beteiligt (Zinn 474-475).

Trotz der Absetzung Diems und der umfassenderen militärischen Beteiligung der USA konnten jedoch keine bedeutenden Erfolge gegen die NLF erzielt werden. Dies führte dazu, dass US-Präsident Johnson im August 1964 einen angeblichen Angriff Vietnams auf amerikanische Patrouilleschiffe im Golf von Tonkin als Begründung für den Beginn eines tatsächlichen Krieges gegen Vietnam nutzte.20 Er erhielt daraufhin vom US-Kongress die Zustimmung zu einer Resolution, die die von ihm als notwendig erachteten militärischen Schritte in Südostasien legitimierte, ohne dass Vietnam formell der Krieg erklärt wurde (Zinn 475-476).

[...]


1 In dieser Arbeit wird für den Titel des Werkes die Kurzform Fear and Loathing verwendet.

2 Hierbei handelt es sich um ein Pseudonym Thompsons (siehe 2.2), daher ist Duke im Buch als Stimme des Autors zu interpretieren und es kann zwischen beiden nicht klar differenziert werden.

3 Dr. Gonzo war in Wirklichkeit kein Samoaner, sondern der Chicano-Aktivist und Rechtsanwalt Oscar Zeta Acosta (MacFarlane 177; siehe auch 2.2).

4 In dieser Arbeit werden die Begriffe „Counterculture“, „Gegenkultur“ und „gegenkulturelle Bewegung“ synonym verwendet.

5 Die Bezeichnungen „Vereinigte Staaten“, „USA“ und „Amerika“ werden in der Arbeit synonym verwendet.

6 Diese Bachelorarbeit folgt den formalen Konventionen der 7. Auflage des MLA Handbook (siehe Bibliografie), die aufgrund der Abfassung der Arbeit in der deutschen Sprache geringfügig angepasst werden mussten.

7 Siehe 2.2.

8 Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit durchgängig das generische Maskulinum stellvertretend für die maskuline und feminine Form verwendet.

9 Grund hierfür könnte die Tatsache sein, dass es in der Bewegung keine Mitgliedschaft im traditionellen Sinne gab (siehe Kapitel 3.4).

10 Siehe Bibliografie.

11 Der American Dream wird in Kapitel 3.2 ausführlich betrachtet.

12 Die Begriffe „American Dream“ und „amerikanischer Traum“ werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

13 Ein Verweis auf die Online-Version des Dokuments findet sich in der Bibliografie am Ende dieser Arbeit.

14 Kings bekannte „I have a dream“-Rede ist in der Bibliografie dieser Arbeit enthalten.

15 Der Glaube, die USA seien von Gott auserwählt und müssten daher ihre Form der Demokratie weltweit verbreiten (Freese, Dream and Nightmare 108).

16 Die Überschreitung immer neuer Grenzen auf dem Weg der Zivilisation Richtung Westen (Freese, Dream and Nightmare 108).

17 Die Annahme, in den USA würde aus Einwanderern verschiedener Nationalitäten und Ethnien ein neues Volk entstehen (Freese, Dream and Nightmare 108).

18 Siehe Bibliografie.

19 Beispielsweise im zitierten Werk Freeses sowie teilweise bei Cullen.

20 Eine Stellungnahme Johnsons gegenüber dem amerikanischen Volk zur Notwendigkeit des Vietnamkriegs findet sich in der Bibliografie.

Details

Seiten
51
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668202603
ISBN (Buch)
9783668202610
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320912
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Schlagworte
Fear and Loathing in Las Vegas Hunter S. Thompson Las Vegas American Dream Counterculture Gegenkultur

Autor

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Titel: American Dream und Counterculture in Hunter S. Thompsons "Fear and Loathing in Las Vegas"