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Gebrauchsanleitungen in Leichter Sprache. Fachkommunikation und auftretende Probleme

Musterübersetzung der Bedienungsanleitung für ein Hörgerät

Masterarbeit 2014 135 Seiten

Dolmetschen / Übersetzen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kommunikation fachlicher Inhalte
2.1 Definition Fachkommunikation
2.2 Experten-Laien-Kommunikation
2.3 Textsorte Gebrauchsanleitung

3 Leichte Sprache
3.1 Was ist Leichte Sprache?
3.2 Regeln für Leichte Sprache
3.3 Menschen mit Hörschädigungen als Zielgruppe für Leichte Sprache

4 Probleme der Kommunikation fachlicher Inhalte in Leichter Sprache
4.1 Verständlichkeitsforschung
4.2 Möglichkeiten der Verständlichkeitsüberprüfung durch das Programm TextLab
4.3 Verbesserung der Verständlichkeit
4.4 Leichte Sprache und Verständlichkeitsforschung

5 Projektergebnisse
5.1 Zur Kooperation mit KIND Hörgeräte
5.2 Ergebnisse der Textanalyse
5.3 Wichtigste Übersetzungsstrategien

6 Fazit

7 Bibliographie

8 Anhang
8.1 Die Regeln für Leichte Sprache gemäß Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0)
8.2 Abbildungen
8.3 Gebrauchsanleitung Original
8.4 Gebrauchsanleitung - Zieltext - Übersetzung
8. 5 Analysestatistiken TextLab
8.6 Ausgewählte Beispiele aus der Analyse des Ausgangstextes
8.7 Textanalyse nach Brinker

1 Einleitung

„Ohne eine demokratische, eine allgemein verständliche, einfache, klare Sprache, ohne einen ächten Volksstyl ist keine Volksherrschaft möglich; aber auch umgekehrt ist mit einer klaren, einfachen, aller Welt zugänglichen Schriftsprache auf die Dauer kein Absolutismus, keine Aristokratie mehr haltbar.“

(Jacob Venedey, zitiert nach STEFANOWITSCH 2014)

In der Kommunikation erfolgt ein meist unbewusstes ständiges Abschätzen des Bezugsrahmens des Kommunikationspartners1. Der Mensch versucht seine Aussagen möglichst so zu formulieren, dass ihn sein Kommunikationspartner versteht. Dies geschieht oft in Abgrenzung zum eigenen Wissenshorizont. Dieser Akt des ÄSchätzens“ ist tatsächlich immer auch ein Ratespiel, insbesondere, wenn der Kommunikationspartner nicht ein guter Bekannter ist, sondern eine Person, die man erst vor kurzem kennengelernt hat - ein durchaus schwieriges Unterfangen. Noch schwieriger wird es, wenn es zur Kommunikation mit Personen kommt, die kognitive oder sensorische Einschränkungen haben. Denn woher soll beispielsweise jemand wissen, was bei der Kommunikation mit einem blinden Menschen zu beachten ist, wenn er noch nie mit dieser Art von Behinderung konfrontiert war? Wenn es schon schwer genug ist, den Wissensstand eines unbekannten Gesprächspartners abzuschätzen, der über keinerlei kognitive Einschränkungen verfügt, so ist das Gespräch mit Menschen im Kontext von ÄBehinderung“ oft mit einer Vielzahl von Hindernissen belegt. Kommt es im Alltag zu solchen ÄKonfrontationen“, so ist das Resultat oft ein resignierter Abbruch des Gesprächs, weil sich die Kommunikationspartner einfach nicht verstehen. Was folgt nach so einer missglückten Kommunikation? Rückzug, das Vermeiden des erneuten Kontaktes, Resignation und der (unterbewusste) Entschluss, nur mit dem Personenkreis zu kommunizieren, der einen tatsächlich versteht, sind möglich.

Dass dieser Ablauf nicht zufriedenstellend ist, muss nicht weiter erläutert werden. Die Gesellschaft sollte offen und durchlässig sein und Kommunikation unter allen Menschen ermöglichen - ob mit oder ohne etwaige Einschränkungen. Kommunikation ist ein lebenswichtiger Akt im Alltag eines jeden Menschen. Kommunikation schafft Nähe, sie verbindet. Wie Paul Watzlawick sagte: ÄMan kann nicht nicht kommunizieren.“ Sprache sollte ein Hilfsmittel der Kommunikation sein und keine Barriere. Trifft ein Mensch freiwillig die Entscheidung, nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu wollen, ist das sein gutes Recht und seine persönliche Entscheidung. Wird er allerdings durch äußere Umstände dazu gezwungen, dem gesellschaftlichen Leben fernzubleiben, so ist dies ein Armutszeugnis für die Gesellschaft. Es sind oft die kleinen, subtilen Barrieren, die Menschen von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben trennen: Das lustige Video, das an die Kollegen per E-Mail versendet wird, aber für den gehörlosen Kollegen unverständlich bleibt, weil es keine Untertitel für Hörgeschädigte enthält. Das Museum, das seine Ausstellung nicht behindertengerecht aufbereitet hat, sodass der Rollstuhlfahrer die viel zu weit oben platzierten Objektbeschreibungen nicht lesen kann.

Für den Großteil der Gesellschaft bleiben diese Barrieren gänzlich unbemerkt, oft geschieht das Ausschließen aus purer Unwissenheit. Doch für den gehörlosen Mitarbeiter, der nicht mit den Kollegen mitlachen kann, oder den Rollstuhlfahrer, der auf die Hilfe Außenstehender angewiesen ist, die ihm die Beschreibungen vorlesen, sind sie immer präsent und zeigen ihnen tagtäglich die Begrenzung ihrer Lebenswelt auf.

Dennoch ist die allgemeine Lage nicht so aussichtslos: Die Ausgrenzung, der Menschen mit kognitiven und sensorischen Einschränkungen im Alltag begegnen, kann in vielen Fällen gemindert werden. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Barrieren abzubauen und eine Kommunikation Äauf Augenhöhe“ zu ermöglichen. Für Blinde gibt es die Brailleschrift, oder aber die Möglichkeit, sich Informationen von speziellen Geräten (Readern) vorlesen zu lassen. Gehörlose können mit Gebärden kommunizieren. Diese Formen der Kommunikationsunterstützung sind allgemein bekannt und auch weit - sowie über einen sehr langen zeitlichen Raum - verbreitet. Eine weitere, noch nicht so bekannte Form der Kommunikationsoptimierung für Menschen mit Einschränkungen ist die Verwendung von ÄLeichter Sprache“. Leichte Sprache ist eine Form des Deutschen, die sich unter anderem durch vereinfachte syntaktische Strukturen und einen kleinen Wortschatz auszeichnet. Das Besondere ist: Leichte Sprache ist nicht nur für einen gesonderten Adressatenkreis hilfreich, sondern kann von zahlreichen Personengruppen verwendet werden. Ursprünglich aus der Inklusionsbewegung entstanden, bietet sie Hörgeschädigten, funktionalen Analphabeten, Migranten mit geringen Deutschkenntnissen und im Prinzip jedem Menschen - inklusive derjenigen, die nach eigenen Aussagen eigentlich keine Einschränkungen haben - eine Vielzahl von Vorteilen.

Im Rahmen dieser Arbeit soll auf das Phänomen der Leichten Sprache eingegangen werden. Die Grundlage für diese Arbeit stellt ein Praktikum dar, welches die Übersetzung einer Gebrauchsanleitung für Hörgeräte der Marke KIND aus dem Standarddeutschen in Leichte Sprache zum Ziel hatte. Es soll beleuchtet werden, inwiefern das Konzept der Leichten Sprache auf den Personenkreis Menschen mit Hörschädigungen anwendbar ist und an welchen Stellen das Konzept Leichte Sprache an seine Grenzen stößt, beziehungsweise an welchen Stellen noch Optimierungsbedarf vorhanden ist. Diesbezüglich wird im ersten, theoretisch ausgerichteten Abschnitt in Kapitel 2 auf die Gebrauchsanleitung als Form der Fachkommunikation eingegangen. Die Charakteristika und kommunikativen Ziele von Gebrauchsanleitungen werden zu diesem Zweck beleuchtet. Diesbezüglich wird ein besonderes Augenmerk auf die Kommunikations- und Interaktionspartner, also die Adressaten und Rezipienten gerichtet und geschlussfolgert, was für Auswirkungen diese besondere Form der Kommunikation auf die Gebrauchsanleitung und ihre Rezeption hat.

Im 3. Kapitel wird auf Leichte Sprache, ihre Geschichte und Formgebung sowie ihre Regeln eingegangen. Hier erfolgt zudem eine Fokussierung auf Menschen mit Hörschädigungen als Zielgruppe Leichter Sprache.

Da Leichte Sprache insbesondere die Verbesserung und Erhöhung von Verständlichkeit zum Ziel hat, wird in Abschnitt vier der Bereich der Verständlichkeitsforschung behandelt, der zahlreiche Hinweise für die Verbesserung von Verständlichkeit im Rahmen von (Fach-)Kommunikation geben kann. An dieser Stelle sollen einige für diese Arbeit relevante Modelle und Schemata diskutiert werden, die sich mit der Verbesserung der Verständlichkeit von Texten befassen. Zudem wird ein Bogen von der wissenschaftlichen, theoretisch ausgerichteten Verständlichkeitsforschung zur aus der Praxis geborenen Leichten Sprache gespannt, indem Parallelen zwischen beiden Bereichen aufgezeigt werden.

Abschnitt fünf ist der praktisch ausgerichtete Teil dieser Arbeit, der die Eckpunkte des Praktikums bei KIND wiedergibt. Hier werden ausgesuchte Ergebnisse der Textanalyse vorgestellt, die dem Übersetzungsprozess vorwegging, sowie anhand konkreter Beispiele Übersetzungsstrategien vorgestellt. Zudem wird auf problematische Übersetzungsaspekte eingegangen. Im Fazit wird nochmals auf den Nutzen von, aber auch auf die Schwierigkeiten in der Verwendung von Leichter Sprache eingegangen wird.

2 Kommunikation fachlicher Inhalte

„Für den Gelehrten ist schon das Umgießen seiner Forschungen in verständliche Worte etwas seiner ursprünglichen Aufgabe Fremdes.“

Kurt Breysig (APHORISMENa 2014)

2.1 Definition Fachkommunikation

Nach Möhn / Pelka (1984) stellt Fachsprache eine Variante der Gesamtsprache dar, die der Erkenntnis und begrifflichen Bestimmung fachspezifischer Gegenstände sowie der Verständigung über sie dient und damit den spezifischen kommunikativen Bedürfnissen im Fach allgemein Rechnung trägt. Fachsprache ist primär an Fachleute gebunden, doch können an ihr auch fachlich Interessierte teilhaben. Entsprechend der Vielzahl der Fächer, die man mehr oder weniger exakt unterscheiden kann, ist die Variante ÄFachsprache“ in zahlreichen, mehr oder weniger exakt abgrenzbaren Erscheinungsformen realisiert, die als Fachsprachen bezeichnet sind. Je nach fachlich bestimmter Situation werden sie schriftlich oder mündlich gebraucht, sowohl innerhalb der Fächer (fachintern) als auch zwischen den Fächern (interfachlich) (26).

Da in den spezialisierten Bereichen die Notwendigkeit besteht, sich über die das Fach betreffenden Gegenstände und Sachverhalte verständigen zu können, sind die Entwicklung und Verwendung fachspezifischer Kommunikationsmittel unabdingbar (vgl. Fluck 1996: 27). So kann ein einheitliches Lexikon verwendet werden, das den Sachverhalten des Fachs angemessen ist und eine zielgerichtete, ergebnisorientierte Kommunikation zwischen den Kommunikationspartnern ermöglicht. Demnach kann nicht von einer Fachsprache per se ausgegangen werden. Vielmehr gibt es den Plural der Fachsprachen, die als ÄVarietäten einer Einzelsprache“ (Roelcke 2005: 18) verstanden werden sollen und sich in ihrer Formgebung voneinander unterscheiden. Nichtsdestotrotz gibt es bestimmte Charakteristika, die allen Fachsprachen gemein sind. Nach Hoffmann (1985) ist es die

Gesamtheit aller sprachlichen Mittel, die in einem fachlich begrenzbaren Kommunikationsbereich verwendet werden, um die Verständigung zwischen den in diesem Bereich tätigen Menschen zu gewährleisten (53), die die Fachsprache im Allgemeinen auszeichnet. Diese Definition von Fachsprache im Allgemeinen bringt zweierlei zu Tage: Zunächst geht es um den Einsatz von Äsprachlichen Mitteln“ und die Verständigung in einem spezifischen ÄKommunikationsbereich“. Diese beiden Aspekte bestimmen sich jeweils gegenseitig. Der Kommunikationsbereich, in dessen Rahmen Kommunikation stattfindet, legt fest, welche sprachlichen Mittel verwendet werden. Gleichzeitig macht die Verwendung bestimmter sprachlicher Mittel oft erst den Kommunikationsbereich klar abgrenzbar.

Im Rahmen von Hoffmanns Definition wird von der Kommunikation innerhalb eines Faches ausgegangen. Diese Definition schließt somit - ebenso wie die eingangs aufgeführte Definition von Möhn/Pelka - fachexterne Kommunikation als Fachkommunikation aus.

Im Rahmen dieser Arbeit und unter Einbeziehung aktueller Definitionen (Schubert 2007: 210, 215-216, vgl. Kalverkämper 1998: 32) soll jedoch auch fachexterne Kommunikation (bezeichnet als ÄExperten-Laien-Kommunikation“ oder ÄKommunikation mit Wissensgefälle“) als Fachkommunikation verstanden werden. Aus dieser Motivation heraus soll Schuberts Definition von Fachkommunikation der vorliegenden Arbeit zugrunde gelegt werden:

Die Fachkommunikation umfasst zielgerichtete, informative, mit optimierten Kommunikationsmitteln ausgeführte einsprachige und mehrsprachige mündliche und schriftliche Kommunikationshandlungen fachlichen Inhalts, die von Menschen in Ausübung ihrer beruflichen Aufgaben ausgeführt werden. (Schubert 2007: 210).

Ein besonderer Fokus in dieser Definition soll für den weiteren Verlauf dieser Arbeit auf besagte Äoptimierte Kommunikationsmittel“ gerichtet werden. Als optimiertes Kommunikationsmittel versteht die Verfasserin die Verwendung von bestimmten Begriffen im Kontext eines bestimmten Kommunikationsziels. Diese Kommunikationsmittel sind also an die Thematik angepasst, im Rahmen derer sie verwendet werden. Die Kommunikationsmittel sollen eine praktikable, klare und verständliche Kommunikation ermöglichen und den Kommunikationsfluss optimieren. Sie sollen möglichst klar den Kommunikationsgegenstand im Rahmen von schriftlicher / mündlicher Kommunikation wiederspiegeln und für den Rezipienten handhabbar machen.

Fachsprachen stellen ferner - über Schuberts Definition hinausgehend - ein ÄInstrument fachinterner, interfachlicher und fachexterner Kommunikation“ dar (Lewandowski 1990: 293). Insbesondere die zweite und dritte Form der Kommunikation, also die interfachliche und fachexterne Kommunikation, kann in Kommunikationsprobleme münden. Als Beispiel sei hier die interfachliche Kommunikation genannt. Handelt es sich um benachbarte Disziplinen, kann es zu Verständnisproblemen kommen, wenn etwa beide Disziplinen unterschiedliche Terminologien für die gleichen Fachbegriffe verwenden und somit zwar eine identische ÄFormseite“, aber unterschiedliche ÄInhaltsseiten“, also divergierende Bedeutungsseiten aufweisen (vgl. Fluck 1996: 47). Interfachliche Kommunikation kann, da es sich nicht mehr nur um die Verständigung innerhalb eines speziellen Faches handelt, schon der fachexternen Kommunikation zugeordnet werden. Zu dieser dritten Ebene zählt außerdem die Verständigung zwischen Fachleuten und der Allgemeinbevölkerung, d.h. den Laien. Sie ist aufgrund der Beteiligten charakterisiert durch eine Mischung aus Gemein- und Fachsprache und wird für den technischen Bereich auch als ÄVerbraucher“- bzw. ÄVerkäufersprache“ definiert (vgl. Fluck 1996: 38f.). Es besteht daher in jenen Fachgebieten, in welchen eine verstärkte Verständigung zwischen Fachmann und Laie stattfindet, wie beispielsweise im medizinischen Bereich zwischen Ärzten und Patienten, die Notwendigkeit, Fachbegriffe durch eine vermehrte Verwendung allgemeinsprachlicher Elemente verständlich auszudrücken. Auf dieser besonderen Form der Fachkommunikation wird der Fokus dieser Arbeit liegen.

2.2 Experten-Laien-Kommunikation

Menschen kommunizieren. Kommunikation ist ein menschliches Grundbedürfnis. Sie ist ein Prozess, in den immer mindestens zwei Personen involviert sind: die Kommunikationspartner. Kommunikation hat ein Ziel. Sie ist in den meisten Fällen mit Sprache verbunden, mit der sich die Kommunikatoren etwas auf sprachlicher Ebene mitteilen. Jeder der Kommunikationspartner verfügt über einen individuellen, ihm eigenen und somit subjektiven Bezugsrahmen über den Kommunikationsgegenstand (vgl. Bromme / Jucks / Rambow 2004: 179). Im Rahmen von Kommunikation treffen diese subjektiven Bezugsrahmen der Kommunikationspartner aufeinander. Sind sich besagte Bezugsrahmen sehr ähnlich, spricht man von einem ÄCommon Ground“, also einem Bezugsrahmen, innerhalb dessen die subjektiven Bezugsrahmen der Kommunikationspartner sich soweit decken, dass deren Schnittmenge genügt, um das Kommunikationsziel zu erreichen (vgl. Bromme/ Jucks/ Rambow 2004: 178). Je größer der Common Ground, desto wahrscheinlicher wird es, dass das Kommunikationsziel erreicht wird.

Je weniger Überschneidungen es gibt, je divergenter also der Wissensstand zwischen den Personen über einen konkreten Sachverhalt ist, desto wahrscheinlicher wird es, dass im Laufe der Kommunikation Probleme auftreten. Ein Fall, der sehr anschaulich das Problem divergenten Wissens beschreibt, findet sich in der ÄExperten-Laien-Kommunikation“. Der Experte ist der Kommunikator, also der Sender einer Botschaft, der Laie ist der Rezipient, der Empfänger2. Der Experte verfügt über eine gewisse Expertise hinsichtlich eines bestimmten Kommunikationsgegenstandes, erworben durch beispielsweise Erfahrung und Lernen. Ziel des Kommunikators ist es, mit dem Rezipienten so über den Kommunikationsgegenstand zu kommunizieren, dass dieser die Thematik versteht. Im Rahmen von Fachkommunikation kommt es sehr oft zur Konstellation ÄExperte-Laie“, da der Kommunikator sich durch Erfahrung in seinem Fachgebiet auszeichnet und versucht, dem Rezipienten, der nicht über diese Erfahrung verfügt, etwas über fachliche Inhalte mitzuteilen. Es besteht ein Wissensgefälle, der Common Ground ist also relativ klein.

2.3 Textsorte Gebrauchsanleitung

„Eigentlich ist die Gebrauchsanleitung ein Ersatz, ein manchmal ziemlich dürftiger Ersatz für einen Fachmann.“

Bertram Kösler (KÖSLER 1992: 11)

„Was ist das Ziel der Vermittlung von Informationen mit einer Gebrauchsanleitung? Es ist nicht trivial, wenn die Antwort lautet, eine Gebrauchsanleitung solle zum Gebrauch anleiten. Viele Gebrauchsanleitungen tun dies nicht!“ Bertram Kösler (KÖSLER 1992: 14f.)

Nach DIN 8418 haben Gebrauchsanleitungen die Aufgabe Ädem Verwender die einschlägigen Kenntnisse zu vermitteln, die zum sachgerechten und sicheren Gebrauchen und Betreiben technischer Erzeugnisse erforderlich sind.“ (DIN 8418, zit. nach Pelka 1982:80). Gebrauchsanleitungen sollen also, wie aus der Bezeichnung hervorgeht, zum Gebrauch anleiten. Demzufolge haben Gebrauchsanleitungen einen Vermittlungsaspekt, der sie von anderen Formen Technischer Dokumentation abgrenzt.

Nach Stadtfeld (1997) stellen Gebrauchsanleitungen eine Form von technischer Dokumentation dar. Eine technische Dokumentation ist das Ziel eines Prozesses, in dem dokumentiert wird. Eine charakteristische Eigenschaft von Dokumentationen ist, wie dem Begriff schon innewohnt, die ÄBeschreibung und Aufbewahrung aller Unterlagen, die bei der Erstellung eines technischen Geräts entstanden sind“ (Schulze 1978: 81).

Das besondere Merkmal der Gebrauchsanleitung, das sie von anderen Formen technischer Dokumentation unterscheidet, liegt in dem intendierten Lehr- und Lernprozess, den der Leser durchlaufen soll. Ziel ist es, Wissen zu vermitteln, sodass der Leser und Anwender das Gerät, über das er die Gebrauchsanleitung gelesen hat, korrekt und sachgemäß bedienen kann, sodass er es in Zukunft selbstständig und auch prinzipiell ohne die Verwendung der Gebrauchsanleitung betreiben kann (vgl. Stadtfeld 1999: 17). Durch das Lesen einer Gebrauchsanleitung soll der Rezipient also neues Wissen mit seinem Vorwissen verknüpfen und in seine kognitiven Strukturen einbauen (vgl. Lüschow 1994: 150). Besagtes Vorwissen, auf das der Rezipient zurückgreifen muss, stellt in diesem Prozess eine entscheidende Voraussetzung für den Wissenserwerb dar. Er muss Unvertrautes in Vertrautes überführen und Mehrdeutiges oder Unklares sinnvoll interpretieren (vgl. Mandl u. a. 1986: 147). Dieser Aspekt kann durchaus als kritischer Punkt der Fachkommunikation über Gebrauchsanleitungen bezeichnet werden. Immerhin befinden sich Schreiber und Leser einer Gebrauchsanleitung zeitlich und räumlich in Distanz zueinander. Der Textproduktions- und Rezeptionsprozess läuft nicht unmittelbar interaktionsbezogen ab (vgl. Ehlich 1984: 18; Sandig 1975: 116). Durch die raumzeitliche Distanz kann der Verfasser nur Vermutungen über die Leser und ihren Kenntnisstand oder ihr Erkenntnisinteresse anstellen und versuchen, voraussehbare Bedingungen auf Seiten der Leser zu berücksichtigen. Er wendet sich an ein disperses, ihm unbekanntes Massenpublikum. Ob die Voraussetzungen, die er für das Publikum konstatiert allerdings zutreffen, kann er nicht mit Sicherheit wissen (vgl. Heinemann/Viehweger 1991: 211; Sandig 1975: 115f.). Zudem besteht ein Wissensgefälle, das sich, wie im vorherigen Unterkapitel angerissen, auf der Tatsache gründet, dass eine Fachkraft (der Autor der Gebrauchsanleitung) über ein Fachthema mit einem Laien (der Leser der Gebrauchsanleitung) kommuniziert. Was für den Verfasser vielleicht selbstverständlich ist und seiner Meinung nach nicht einer weiteren Erklärung bedarf, kann für den Rezipienten völlig unverständlich sein. Der Verfasser empfindet es als verständlich, da ihm die Thematik durch jahrelange Erfahrung sehr gut bekannt ist, der Rezipient hat sich noch nie mit ebendieser Thematik beschäftigt und hat kaum Vorkenntnisse.

Nach Kösler ist es (für den Verfasser einer Gebrauchsanleitung) nötig, zu verstehen, wie der Erwerb von Fertigkeiten abläuft, die ein Mensch benötigt um einen Prozess (zum Beispiel den Ablauf einer Handlung, oder die korrekte Verwendung eines Geräts) zu verstehen. Wenn dieser Ablauf verstanden wird, kann die Gestaltung und Gliederung einer Gebrauchsanleitung erzielt werden, die für den Leser verständlich ist.

Der Erwerb von Fertigkeiten erfolgt in drei Phasen (Anderson 1983; Fitts / Posner 1967):

1. Die kognitive Phase
2. Die assoziative Phase
3. Die autonome Phase

In der ersten Phase, der kognitiven Phase, wird Ädie Beschreibung des Ablaufs gelernt“ (Kösler 1992: 14). Hier geht es darum, zu erkennen, in welcher Reihenfolge eine Tätigkeit ausgeführt werden muss und welche Einzelheiten dabei in welcher Abfolge stattfinden. Kennzeichnend für die erste Phase ist das ÄProblemlösen“ (Kösler 1992: 14). Dazu wird das ÄGesamtziel in Teile zerlegt, für deren Erreichen Operatoren angewendet werden. Welche Operatoren in welcher Reihenfolge eingesetzt werden, entscheidet der Problemlöser in der Regel mit heuristischen Methoden, die häufig, aber nicht immer zum Ziel führen“ (Kösler 1992: 14). In welcher Reihenfolge dieser Prozess abläuft, ist also ein Vorgehen nach Faustregeln, nach Bekanntem. In Phase eins kann also nicht zu 100 % garantiert werden, dass das Ziel tatsächlich erreicht werden wird. In der darauf folgenden Phase 2, der assoziativen Phase, wird eine Methode zur Durchführung der Fertigkeit erarbeitet (vgl. Kösler 1992: 14). Hierbei werden mögliche Fehler, die in der kognitiven Phasen begangen wurden, entdeckt. Es Äentwickelt sich eine erfolgreiche Prozedur, mit der diese Fertigkeit ausgeführt werden kann“ (Kösler 1992: 20). ÄDeklaratives Wissen wird in dieser Phase in eine prozedurale Form gebracht, und nur diese ermöglicht es, eine Tätigkeit fachmännisch auszuführen“ (Kösler 1992: 20).

In der dritten, der autonomen Phase, wird schließlich die Fertigkeit immer geläufiger und automatischer.

Diese Annahmen über den dreistufigen Prozess des Erwerbens von Fähigkeiten können für die Strukturierung einer Gebrauchsanleitung herangezogen werden: ÄInformation in einer Bedienungsanleitung muß so strukturiert sein, daß:

- Aufgaben und Ziele deutlich sind
- Teilziele den Weg zum Gesamtziel aufzeigen und nachvollziehbar machen und
- Anweisungen zum Handeln gegeben werden, um diese Teilziele zu erreichen“

(Kösler 1992: 29)

Ein primäres Ziel einer benutzerorientierten Gebrauchsanleitung besteht darin, dem Nutzer eines Geräts und Rezipienten der Gebrauchsanleitung einen möglichst großen Teil dieses dreistufigen Prozesses abzunehmen. Insbesondere der Weg des ÄProblemlösens“ soll dem Nutzer Äerspart bleiben“ (Kösler 1992: 14).

Formal ist eine Gebrauchsanleitung in der Regel ein schriftlich fixierter Text. Allerdings besteht sie nicht nur aus schriftsprachlichen Zeichensystemen, sondern enthält auch Symbole, Formeln, Zeichnungen, Graphiken etc. (vgl. Stadtfeld 1999: 19). Auf diese Aspekte der Gebrauchsanleitung soll im Rahmen der vorliegenden Arbeit in den folgenden Abschnitten besonders eingegangen werden.

3 Leichte Sprache

3.1 Was ist Leichte Sprache?

Die Ursprünge Leichter Sprache

Leichte Sprache ist eine vereinfachte Form des Deutschen. Sie ist im Vergleich zur Standardsprache eine deutlich vereinfachte Varietät. Leichte Sprache ist im Gegensatz zu anderen Varietäten nicht natürlich entstanden, sondern wird von den entsprechenden Akteuren bewusst gesteuert. Charakteristisch für Leichte Sprache ist eine Reduzierung der Grammatik und des Wortschatzes. Auch syntaktisch ist Leichte Sprache vereinfacht. Ihre Ursprünge finden sich in der Inklusionsbewegung. Menschen mit geistigen Behinderungen waren auf die Hilfe von Menschen ohne geistige Behinderungen angewiesen, wenn sie ihren Lebensalltag bestreiten wollten3. Vor allem das Verstehen von schriftlich fixierten, komplexen Texten (beispielsweise Justizschreiben oder Anträge) war nur durch die Zusammenarbeit mit einem Betreuer möglich. Der Wunsch nach Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit wuchs und somit wurde die Idee geboren, eine sowohl lexikalisch als auch grammatikalisch vereinfachte Form des Standarddeutschen zu entwickeln, die es Menschen mit geistigen Behinderungen erlaubt, eigenständig Texte zu lesen und zu versehen und somit auch ihr Leben selbstständiger zu gestalten.

Aus diesem Bestreben heraus entwickelten Menschen mit Lernschwierigkeiten die Grundlagen von Leichter Sprache zwischen 1997 und 2001 im Rahmen des Modelprojekts ÄWir vertreten uns selbst“. Dabei wurden zunächst Texte von den Rezipienten, also Menschen mit Lernschwierigkeiten, rezipiert und unverständliche Ausdrucksweisen symbolhaft mit dem Stoppschild ÄHalt! Leichte Sprache“ (siehe Anhang, Abbildung 1) gekennzeichnet. Daraufhin wurde gezielt nach alternativen Begriffen für die schwer verständlichen

Ausgangstextbegriffe gesucht und eine generell einfache, verständliche Ausdrucksweise gefordert, damit Menschen mit Lernschwierigkeiten in keinem Bereich ihres Lebens aufgrund von schwer verständlichen, kompliziert formulierten Texten gegenüber Menschen ohne Lernschwierigkeiten benachteiligt werden (vgl. Tjarks-Sobhani 2012). Gemeinsam mit dem ÄNetzwerk Leichte Sprache“ wurde das Konzept Leichte Sprache aus den Ergebnissen des Modellprojekts ÄWir vertreten uns selbst“ entwickelt. Das Netzwerk Leichte Sprache ist eine Interessengemeinschaft von Menschen mit Lernschwierigkeiten und Vereinen sowie Privatpersonen, die sich für die Gleichstellung von Menschen mit Lernschwierigkeiten einsetzen. Es wurde von ÄMensch zuerst - Netzwerk People First“ gegründet, einer Selbstvertretungs- Vereinigung von Menschen mit geistigen Behinderungen. Mensch zuerst ist aus dem Modellprojekt ÄWir vertreten uns selbst“ entstanden, setzt sich für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen ein und fordert Gesetze, die die Umsetzung dieser Forderungen zur Pflicht machen (vgl. Mensch zuerst 2008a). Das Netzwerk Leichte Sprache ist es auch, das sich für die Verbreitung und Bekanntmachung von Leichter Sprache einsetzt, Texte in Leichte Sprache übersetzt und Schulungen durchführt, im Rahmen derer sowohl Menschen mit Lernschwierigkeiten als auch Menschen ohne Lernschwierigkeiten die Fähigkeiten erwerben, Dokumente in Leichte Sprache zu übersetzen, sodass sie besser lesbar und verständlicher werden (vgl. Mensch zuerst 2008b: 247ff.). Das Netzwerk Leichte Sprache hat sowohl Regeln für die Verwendung von Leichter Sprache entwickelt (vgl. Mensch zuerst 2008b), als auch ein Wörterbuch angefertigt, in dem Wörter, die von Menschen mit Lernschwierigkeiten als schwierig empfunden werden, durch Leichte Sprache erklärt werden (vgl. Mensch zuerst 2008b).

Die Ursprünge von Leichter Sprache auf internationaler Ebene finden sich in der US-amerikanischen Organisation People First, die 1974 gegründet wurde und 1996 die Idee des Easy Read entwickelte. Auf europäischer Ebene wurde der Themenbereich Easy-to-Read erstmals 1968 fokussiert. 1984 erschien mit Ä8 Sidor“ in Schweden die erste Zeitung in Einfacher Sprache4. Darauf folgte 1991 die Gründung eines Verlages für Publikationen in Einfacher Sprache. Weiterhin gibt es in Schweden, aber auch in Finnland, Norwegen, Dänemark, Belgien, Estland und den Niederlanden Servicestellen der Easy-to-Read-Kommission, in denen Texte im Auftrag von Behörden, Organisationen, Verbänden und Unternehmen in Einfache Sprache übersetzt werden. Leichte Sprache wurde auf europäischer Ebene durch die 1998 veröffentlichten ÄEuropäischen Richtlinien für die Erstellung von leicht lesbaren Informationen für Menschen mit geistiger Behinderung“ (Freyhoff et al. 1998) durch die ÄFormely International League of Societies for Persons with Mental Handicap“ (ILSMH) zum ersten Mal in einem größeren Rahmen öffentlichkeitswirksam thematisiert. Die Richtlinien der ILSMH sollten vornehmlich von Regierungen und Organisationen und deren Angestellten befolgt werden und dabei helfen, Informationen und Dokumentationen so aufzubereiten, dass sie ohne Probleme von Menschen mit geistigen Behinderungen verstanden werden können (Freyhoff et al. 1998: 7). Ziel war es, allen Bürgern der Europäischen Union die Teilhabe am öffentlichen Leben und den Zugang zu Informationen zu ermöglichen. Dass Menschen mit geistigen Behinderungen zwar die primäre Zielgruppe dieser Richtlinien bilden, wird bereits durch die Titelgebung der Richtlinien deutlich, jedoch betonen die Verfasser, dass auch weitere Gruppen mit Lese-, Schreib- und Verständnisproblemen durch verständlich aufbereitete Dokumente erreicht werden können. Zu diesen weiteren Zielgruppen zählen Menschen mit körperlichen Behinderungen (z. B. Taube, Blinde, Schwerhörige), Menschen, die nur über eine begrenzte Bildung verfügen, funktionale Analphabeten, Menschen mit sozialen Problemen und Einwanderinnen und Einwanderer, die die Sprache ihres Aufenthaltslandes nicht auf muttersprachlichem Niveau beherrschen (vgl. Freyhoff et al. 1998: 5 sowie 9).

Deutschen Sprache ist syntaktisch und lexikalisch zwischen Leichter und ÄNormaler“ Standartsprache angesiedelt. Nach Aktion Mensch richtet sich Leichte Sprache vornehmlich an einen Rezipientenkreis, der Äfast gar nicht“ (Aktion Mensch, o. J.: 2) lesen kann, konkret werden Analphabeten und Menschen mit Lernschwierigkeiten genannt, deren Sprachniveau im Bereich A1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens angesiedelt ist (Vgl. Aktion Mensch o. J.: 2). Im Gegensatz dazu wird Einfache Sprache dem Sprachniveau A2 bis B1 zugeordnet und soll mit ca. 60 Prozent der Deutschen Bevölkerung ansprechen eine deutlich größere und auch homogenere Gruppe ansprechen(vgl. Aktion Mensch o. J.: 1). Beispielsweise sollte ein Satz in Einfacher Sprache sollte in der Regel aus 15 Wörtern und höchstens einem Komma bestehen. Im Gegensatz dazu ist die Satzlänge in Leichter Sprache auf ungefähr acht Wörter beschränkt (vgl. Aktion Mensch o. J.: 1f.).

Eine Weiterentwicklung der Europäischen Richtlinien hin zu Europäischen Regeln für leicht lesbare und leicht verständliche Informationen erfolgte durch Inclusion Europe im Rahmen des Projekts ÄPathways - Wege zur Erwachsenenbildung für Menschen mit Lernschwierigkeiten“ (Inclusion Europe 2009a). Inclusion Europe ist eine 1988 gegründete Vereinigung von Menschen mit geistigen Behinderungen und ihrer Familien in Europa. Ziel der Vereinigung ist es, Menschen mit geistigen Behinderungen in den Alltag einzubeziehen und denselben Zugang zu Informationen zu ermöglichen wie dem Rest der Bevölkerung. Im Rahmen dieser Bestrebungen fordert Inclusion Europe, dass Informationen so aufbereitet werden, dass sie auch für Menschen mit Behinderungen verständlich sind (vgl. Inclusion Europe 2009b). Inclusion Europe setzt sich als gemeinnützige Organisation auf europäischer Ebene für die Rechte von Menschen mit geistigen Behinderungen ein und beschäftigt sich mit der Thematik Leichte Sprache. Im Rahmen der Regeln für Leichte Sprache hat Inclusion Europe ein Symbol entwickelt, mit dem Texte in Leichter Sprache gekennzeichnet werden können (siehe Anhang, Abbildung 2). Das Symbol darf als Kennzeichnung für Leichte Sprache-Texte allerdings nur dann verwendet werden, wenn der Text von einem Menschen mit geistiger Behinderung gegengelesen und als leicht und verständlich eingestuft wurde (vgl. Inclusion Europe 2009b. S. 9).

In Deutschland gibt es im Gegensatz zu Schweden keine regelmäßig erscheinende Wochenzeitung in Leichter Sprache. Allerdings existieren mehrere Internetseiten, die in Leichter oder Einfacher Sprache geschrieben werden. So existiert seit 2011 die Seite nachrichtenleicht.de, die wöchentlich die wichtigsten Ereignisse aus den Nachrichten in Einfacher Sprache wiedergibt. Anfänglich wurde die Seite durch Studierende des Studiengangs ÄOnline-Redakteur“ der Fachhochschule Köln aufgebaut. Nun wird die Seite durch die Nachrichten- Redaktion des Deutschlandfunks betreut.

Der Verlag Spaß am Lesen vertreibt eine Reihe von Publikationen in Einfacher Sprache, zu der sowohl Literatur als auch Zeitungen gehören. Seit 2009 erscheint die Zeitung ÄKlar & Deutlich“ sechsmal im Jahr. Zudem wird mit ÄKlar & Deutlich Aktuell“ eine wöchentlich erscheinende digitale Version von ÄKlar & Deutlich“ angeboten.5

Insbesondere Mensch Zuerst setzt sich für die Ausbildung von Menschen mit geistigen Behinderungen zu Übersetzern in Leichter Sprache ein und bietet zahlreiche Übersetzungsdienste in hauseigenen Übersetzungsbüros an. Aktuell existieren in Deutschland ungefähr 20 von Mensch Zuerst betriebene Büros. Auch weitere Einrichtungen der Behindertenhilfe bieten Übersetzungen in Leichter Sprache an.

Darüber hinaus etabliert sich aktuell ein Markt, in dem private Anbieter das Texten und Übersetzen in Leichte Sprache anbieten, was durchaus Rückschlüsse auf die gestiegene Präsenz von Leichter Sprache in der Öffentlichkeit zulässt. Beispielhaft sei hier auf die Text- und Übersetzungsagenturen ÄSprachflügel - Texte ohne Hindernisse“ und ÄLeicht ist klar“ verwiesen.

Durch Gesetze bedingt finden sich auch zahlreiche Internetseiten des Bundes als Alternativversion in Leichter Sprache. An dieser Stelle sei beispielhaft auf die Internetauftritte des Bundestags (vgl. Deutscher Bundestag, o. J.) und der Bundesregierung verwiesen (vgl. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung 2014) verwiesen. Durch eine Platzierung des von Inclusion Europe entwickelten Symbols (siehe Anhang, Abbildung 2) wird auf der Standard-Startseite auf die Alternativversion in Leichter Sprache verwiesen.

Auch viele Städte haben das Marketing ihrer Internetauftritte auf Leichte Sprache ausgeweitet, allen voran die Stadt Köln, die auf stadt-koeln.de an prominenter Stelle auf Alternativversionen in Leichter Sprache verweist. Darüber hinaus haben alle großen Parteien die Bedeutung von Leichter Sprache erkannt und ihre Wahlprogramme 2009 und 2013 in Leichter Sprache beziehungsweise Einfacher Sprache zur Verfügung gestellt (vgl. Lasch 2013).

Im November 2013 wurde in Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Berlin und der Aktion Mensch in der Pablo-Neruda-Bibliothek in Berlin eine Abteilung eingerichtet, die Bücher, Audio- und Videomaterialien ausschließlich in Leichter und Einfacher Sprache zur Verfügung stellt. Daran anknüpfend werden wöchentliche Lesekreise angeboten.6

Ebenfalls im Jahr 2013 hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Leichte Sprache die durch das Netzwerk entwickelten Regeln für die Verwendung Leichter Sprache überarbeitet und auf der Internetseite gemeinsam-einfach-machen.de als Ratgeber publiziert. Auf der Internetseite werden nicht nur die Regeln für Leichte Sprache erklärt und mithilfe von Beispielen veranschaulicht, es wird auch ein Leitfaden für die Verwendung von Leichter Sprache im Internet und für die mündliche Kommunikation unter Zuhilfenahme von Leichter Sprache im Kontext von Treffen und Tagungen angeboten.

Auch im wissenschaftlichen Kontext ist Leichte Sprache allmählich angekommen. Haben sich zunächst die Sozialwissenschaften mit Leichter Sprache im Kontext von Inklusion beschäftigt, so ist aktuell auch die Linguistik an Leichter Sprache interessiert. Die Universität Hildesheim fungiert in diesem Zusammenhang als Vorreiter und hat eine Forschungsstelle zu Leichter Sprache eingerichtet. Auf theoretischer sowie didaktischer Ebene wird in Seminaren und Vorlesungen der Themenbereich Leichte Sprache behandelt. Auch wurden in der Praxis bereits mehrere Projekte und Kooperationen für die Übersetzung von Texten in Leichte Sprache unter Einbeziehung Studierender durchgeführt. In Kooperation mit dem Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte (LBZH) in Hildesheim wurden durch Studierende des Masterstudiengangs ÄMedientext und Medienübersetzung“ Teile des Internetauftritts, allen voran die Ausbildungsangebote zur beruflichen Rehabilitation, in Leichte Sprache übertragen.7 In einem weiteren Projekt übersetzten Studierende Teile des Internetauftrittes sowie ausgesuchte Formulare des Niedersächsischen Landesamts für Soziales, Jugend und Familien in Leichte Sprache8. In Zusammenarbeit mit dem Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim wurde eine Dauerausstellung mit dem Titel ÄMuseum der Sinne“ eingerichtet, die barrierefreie Zugänge zu den Exponaten anbietet und dabei neben Texten in Groß- und Brailleschrift sowie Guide-Systemen für Blinde und Monitoren mit

Informationen in Gebärdensprache auch Texte in Leichter Sprache anbietet9. In der aktuellsten Kooperation mit dem Niedersächsischen Justizministerium wurden Justiztexte in Leichte Sprache übersetzt. Diese sollen im Laufe des Sommers 2014 auf den Internetseiten des Ministeriums veröffentlicht, sowie in gedruckter Form kostenlos zur Verfügung gestellt werden.10

Um eine möglichst heterogene Gruppe für Leichte Sprache zu sensibilisieren werden zudem seit 2014 an der Universität Hildesheim Fortbildungen in Leichter Sprache angeboten. Besonders an diesen Fortbildungen ist, im Gegensatz zu den Fort- und Ausbildungen die durch Mensch Zuerst angeboten werden, dass die Verwendung von Leichter Sprache für ein disperses Publikum gelehrt wird, somit also nicht nur eine Fokussierung auf Menschen mit Lernschwierigkeiten erfolgt.

Aktuell wird durch die Forschungsstelle Leichte Sprache an einer wissenschaftlichen Publikation gearbeitet. Ziel ist das Erstellen eines Handbuchs zu Leichter Sprache, in dem das Sprachsystem wissenschaftlich beschrieben wird.

Die Forschungsstelle bietet wissenschaftliche Überprüfungen von Texten in Leichter Sprache an. Die Prüfung ist in zwei Stufen unterteilt. In Stufe 1 werden die Texte durch die Verständlichkeitssoftware TextLab des Partnerunternehmens H&H Communication Lab geprüft. Durch die Software wird eine verbal und graphisch aufbereitete Analyse der Ergebnisse erstellt und es werden konkrete Vorgaben für die Überarbeitung der Texte formuliert. In Stufe 2 werden linguistische Analysen des Textes in Leichter Sprache sowie übersetzungswissenschaftliche Analysen des Verhältnisses zwischen standardsprachlichem Ausgangstext und dem Zieltext in Leichter Sprache durchgeführt. Die Ergebnisse der Analysen werden verbal und graphisch aufbereitet. Zudem werden konkrete Vorgaben für die Überarbeitung der Texte formuliert. Angelehnt an die Ergebnisse und Vorgaben der Analysen müssen die Texte überarbeitet werden. Darauf erfolgt eine erneute Prüfung. Ist das Ergebnis positiv, erhalten die Texte das Prüfsiegel Leichte Sprache (vgl. Anhang, Abbildung 3). Anschließend an die Prüfung kann - wie durch die Forschungsstelle dringend empfohlen wird - eine Prüfung des Textes durch die Zielgruppe erfolgen. Hierfür kooperiert die Forschungsstelle mit einer Gruppe prälingual Gehörloser. Die Forschungsstelle bietet nicht nur die Anfertigung von Übersetzungen in Leichte Sprache an, sondern führt auch wissenschaftliche Prüfungen von Texten auf Verständlichkeit durch. Die Prüfung erfolgt in einem zweistufigen Prozess: In einem ersten Schritt wird mit der Verständlichkeitssoftware TextLab der Text geprüft. Durch die Software wird eine verbal und graphisch aufbereitete Analyse der Ergebnisse erstellt und es werden konkrete Vorgaben für die Überarbeitung der Texte formuliert. In einem zweiten Schritt werden linguistische Analysen des Textes auf dessen Verständlichkeit durchgeführt. Auch die hier gewonnenen Erkenntnisse werden verbal und graphisch aufbereitet. Zudem werden auch an dieser Stelle konkrete Vorgaben für die Überarbeitung und Optimierung des Textes gemacht.

Die Ausgangstexte werden nach den gemachten Vorgaben überarbeitet und erneut durch die Prüfstelle geprüft. Ist die Prüfung positiv, so erhalten die Texte das Prüfsiegel der Forschungsstelle Leichte Sprache, ÄVerständlichkeit wissenschaftlich geprüft“ (vgl. Anhang, Abbildung 4).

Rechtliche Forderungen und Gesetze

War Leichte Sprache in den Anfängen noch ein Phänomen, das nur einem relativ kleinen Kreis von Menschen zugänglich und zudem in der Öffentlichkeit kaum bekannt, so hat sich in den letzten Jahren einiges getan, was Leichte Sprache in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und einem sehr breiten Kreis von Menschen zugänglich gemacht hat. Dieser Umstand ist maßgeblich einigen rechtlichen Beschlüssen geschuldet, auf die an dieser Stelle eingegangen werden soll.

Primär handelt es sich um Gesetze und Verordnungen für die Barrierefreiheit im Internet. So wurden im Jahr 2002 deutsche Behörden auf Bundes- und Länderebene im Rahmen des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) (Bundesministerium der Justiz 2002) aufgefordert, Äakustische und visuelle

Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen“ (§4) barrierefrei zugänglich zu machen. Das BGG bezieht sich mit seinen Forderungen ausschließlich auf öffentliche Institutionen. Für privatwirtschaftliche Unternehmen wird nur die Aussage getroffen, dass anerkannte gemeinnützige Verbände der Behindertenhilfe die Berechtigung haben, Unternehmen und Unternehmensverbände über die barrierefreie Gestaltung zu informieren. Allerdings bestehen in diesem Zusammenhang für die Privatwirtschaft keinerlei Verpflichtungen (vgl. Bundesministerium der Justiz 2002 § 5, Absatz 1).

Paragraph 11 bildet die Grundlage für die Barrierefreie-Informationstechnik- Verordnung (vgl. Bundesministerium der Justiz 2002 § 11, Absatz 1), die nach der Novellierung 2011 auch explizit Leichte Sprache behandelt. Im Jahr 2006 wurde durch die Ratifizierung des Übereinkommens der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen die UN- Behindertenrechtskonvention festgelegt, die besagt, dass Äder Zugang von Menschen mit Behinderungen zu den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und -systemen, einschließlich des Internets“ (Artikel 9) zu fördern sei. Weiterhin wird die Ävolle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft und Einbeziehung in die Gesellschaft“ (BMAS 2011a: 35) gefordert. In dem Übereinkommen werden neben den Aspekten ÄSprachen, Textdarstellung, Brailleschrift, taktile[r] Kommunikation, Großdruck, leicht verständliche[m] Multimedia“ auch explizit Äschriftliche, auditive, in einfache Sprache übersetzte, durch Vorleser zugänglich gemachte sowie ergänzende und alternative Formeln, Mittel und Formate der Kommunikation einschließlich leicht zugänglicher Informations- und Kommunikationstechnologie“ gefordert (BMAS 2011a: 11). Ferner wird gefordert, dass Äin Gebäuden und anderen Einrichtungen, die der Öffentlichkeit offenstehen, Beschilderungen in Brailleschrift und in leicht lesbarer und verständlicher Form anzubringen“ (BMAS 2011a: 21) seien. Die Zugänglichkeit müsse ohne zusätzliche Kosten und in zugänglichen Formaten und Technologien gewährleistet werden (vgl. BMAS 2011 a: 32). Seit 2009 sind die Forderungen in Deutschland rechtsverbindlich.

In der UN-Konvention wird nur von leichterer und verständlicher Lesbarkeit bzw. sprachlicher Gestaltung gesprochen. Im Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Konventionen wird Leichte Sprache ganz konkret angesprochen. So heißt es, das Ziel der Bundesregierung sei, Äalle öffentlich zugänglichen Informations- und Kommunikationssysteme barrierefrei zu gestalten und insbesondere auch den Anforderungen an Leichte Sprache gerecht zu werden“ (BMAS 2011b: 87). Zudem sei ein weiteres Ziel, einen ÄLeitfaden für Leichte Sprache [zu] entwickeln“ (BMAS 2011b: 195). 2007 wurde in Niedersachsen das Behindertengleichstellungsgesetz verabschiedet, demzufolge niedersächsische Behörden dazu verpflichtet sind, ihre Internetauftritte barrierefrei zu gestalten (§9). Seit 2011 wird das Behindertengleichstellungsgesetz durch die novellierte Barrierefreie- Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) ergänzt. In dieser Verordnung werden unter anderem Details über die barrierefreie Gestaltung von Internetseiten präzisiert. Die Forderungen der Verordnung über die Informationen der Internetauftritte zu Inhalt und Navigation in Leichter Sprache sind für Bundesbehörden verpflichtend (vgl. Bundesministerium der Justiz 2011: § 3). Die BITV 2.0 behandelt insbesondere die vier Prinzipien Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit, wobei für den Punkt Verständlichkeit ausdrücklich die Verwendung von Leichter Sprache herausgehoben wird. In diesem Zusammenhang gibt die Verordnung in einem Anhang vor, wie die Gestaltung in Leichter Sprache umzusetzen ist (vgl. Bundesministerium der Justiz 2011: Anlage 2, Teil 2).

Auch der ungleiche Zugang zu Wissensvorräten ist in diesem Zusammenhang bedeutsam. Denn oftmals ist das Wissen um Institutionen, um Rechtslagen und hiermit zusammenhängende Aspekte eine Voraussetzung dafür, Diskriminierung benennen und Teilhabe einfordern zu können. Nur wenn beispielsweise Eltern wissen, welche rechtliche Handhabe ihnen zur Verfügung steht, um einen diskriminierungsfreien Zugang ihres Kindes zu einer allgemeinbildenden Schule einzufordern, auch wenn diesem Äsonderpädagogischer Förderbedarf“ attestiert wird, können sie dies durchsetzen. Daher kann schwierige Sprache eine konkrete Barriere darstellen, die Einzelnen Teilhabe an kulturell geteiltem Wissen erschwert und zugleich deren Möglichkeiten der Mitbestimmung schmälert.11

3.2 Regeln für Leichte Sprache

Betrachtet man die Regeln für Leichte Sprache, so fällt zunächst auf, dass man nicht von Äden Regeln“ per se sprechen kann. Tatsächlich existieren mehrere Regelwerke, die einander in vielen Aspekten sehr ähnlich, nichtsdestotrotz nicht miteinander gleichzusetzten sind. Als zentral lassen sich drei Regelwerke bezeichnen, die im aktuellen Diskurs besonders oft erwähnt werden.

- Die europäischen Veröffentlichungen des Projektes Pathways, ÄInformationen für alle. Europäische Regeln, wie man Informationen leicht lesbar und verständlich macht“ (Inclusion Europe 2009: a)
- Das Regelwerk ÄDie Regeln für Leichte Sprache. Das Netzwerk Leichte Sprache“ (Netzwerk Leichte Sprache 2013)
- Die Vorgaben der BITV 2.0 (Bundesministerium der Justiz 2011: 12)

Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf die Regeln und Vorschläge des Netzwerk Leichte Sprache. Die Regeln wurden 2013 in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales auf der Internetseite www.gemeinsam-einfach-machen.de in einer ergänzten und überarbeiteten Fassung in Form eines Ratgebers publiziert. Der Ratgeber inklusive aller Regeln ist in Leichter Sprache verfasst. Auf der Internetseite wird darauf hingewiesen, dass das Regelwerk vor allem von den Mitarbeitern in Ämtern und Behörden beim Schreiben von Texten in Leichter Sprache verwendet wird (vgl. Netzwerk Leichte Sprache 2013). Die Regeln sind in fünf Kategorien (ÄWörter“, ÄZahlen und Zeichen“, ÄSätze“, ÄTexte“, ÄGestaltung und Bilder“) und eine Zusatzkategorie (ÄPrüfen“) unterteilt. Es werden also die Aspekte Lexik, Morphologie, Morphosyntax, Syntax, Text und Interpunktion sowie die außersprachliche Gestaltung behandelt. In der Zusatzkategorie wird darauf hingewiesen, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten Übersetzungen in Leichter Sprache prüfen und beurteilen müssen, bevor die Texte freigegeben werden können.

Im Rahmen dieser Abriet werden die Kategorien in drei Bereiche eingeteilt. Den ersten Bereich bilden typografische Empfehlungen, die beispielsweise empfehlen, serifenlose Schriftarten zu verwenden, Texte und Überschriften linksbündig zu halten und jeden neuen Satz in einer neuen Zeile zu schreiben. Zudem wird auf die Verwendung von Bildern zur Veranschaulichung verwiesen.

Der zweite Bereich beinhaltet orthografische Empfehlungen. So sollen Zahlen etwa als Ziffern ausgeschrieben werden und Bestandteile von zusammengesetzten Wörtern durch Bindestriche voneinander abgesetzt werden. Der dritte Bereich schließlich enthält sprachstrukturelle Empfehlungen, die das Vokabular und die Grammatik betreffen.

Bezüglich des dritten Bereichs, der aus sprachwissenschaftlicher Sicht von besonderem Interesse ist, werden einige Empfehlungen formuliert, die sich von vom Standarddeutsch deutlich absetzen. Auf der lexikalischen Ebene wird Kürze propagiert (beispielsweise die Verwendung des Wortes ÄBus“ statt ÄOmnibus“), Fremdwörter sollen vermieden werden (ÄArbeits-Gruppe“ statt ÄWorkshop“). Gleiches gilt für Fachwörter, Abkürzungen sowie Redewendungen und Metaphern. Lange Wörter sollen durch Bindestriche getrennt werden (ÄBundesgleichstellungsgesetz“ wird zu ÄBundes-Gleichstellungs-Gesetz“). Genaue Zahlenangaben sollen durch ungefähre Angaben ersetzt werden (Älang“, Äviele“, Äwenige“). Auf grammatikalischer Ebene sollen Negation, Passivsätze und der Genitiv vermieden werden, Konjunktive und Modalverben (Ähätte“, Äkönnte“, Ämüsste“, Äsollte“,…) durch Wörter wie Ävielleicht“ ersetzt werden. Zudem sollen Nominalisierungen (ÄWahl“) durch Verben ersetzt werden (Äwählen“) (vgl. Stefanowitsch 2014).

Problematik der Regeln von Inclusion Europe

An dieser Stelle soll kurz auf problematische Stellen des Regelwerks hingewiesen werden. Im Rahmen dieser Arbeit wurden nicht alle Regeln detailliert aufgezählt. Stattdessen wurde eine Auswahl der Regeln getroffen, die für den Übersetzungsprozess der Gebrauchsanleitung im Rahmen des Praktikums bei KIND Hörgeräte von Bedeutung waren. In diesem Zusammenhang sind einige Punkte aufgefallen, die von dem Regelwerk nicht abgedeckt werden. Zum einen werden keine Angaben über den Umgang mit ÄGeschlechtsformen“ / gendergerechter Sprache gemacht. Da die Verwendung möglichst kurzer Sätze propagiert wird, kann es sich negativ auf das Lesen eines Textes auswirken, wenn immer beide Geschlechtsformen genannt werden (z. B. ÄKunde und Kundin“ oder ÄKunden und Kundinnen“). Gleichzeitig sollen Abkürzungen vermieden werden, da sie zu Verwirrung führen können (ÄBsp.“ anstatt ÄBeispiel“, ÄKundInnen“ anstatt ÄKunden und Kundinnen“). Die Festlegung auf nur eine Sprachform (nur ÄKunde“ oder nur ÄKundin“) kann von vielen Personen als diskriminierend empfunden werden.

Einhergehend mit dieser Problematik kann die Regel, nach der auf die Genitiv- Verwendung verzichtet werden soll, den Texter ebenfalls vor Probleme stellen. In der Regel wird gesagt, man könne den Genitiv am Wort Ädes“ erkennen. So soll statt ÄDas Haus des Lehrers. / Des Lehrers Haus.“ die Alternative ÄDas Haus von dem / vom Lehrer.“ benutzt werden. Hier könnte man allerdings schon am Beispiel ÄDas Haus der Lehrerin“ den Genitiv gar nicht mehr erkennen. Weiterhin wird geraten, anstatt des Genitivs Wörter wie Ävon“, Ävon dem“ und Ävom“ zu verwenden. Auch hier wird in keinerlei Form auf die Feminin- oder Plural-Form eingegangen.

Insgesamt bewegen sich die Regeln teilweise in sehr vagen, undifferenzierten Bereichen und können, je nach subjektivem Empfinden, sehr unterschiedlich ausgelegt werden. Was macht ein Wort zu einem Äschwierigen“ oder Äleichten“, zu einem Älangen“ oder Äkurzen“ Wort? Wann ist ein Foto im Kontext des Geschriebenen Äklar“ und Ägut verständlich“?

Die Kürze eines Satzes wird als besonders wichtig herausgestellt. Wie kurz kann ein Satz allerdings sein, ohne seine ursprüngliche Bedeutung zu verlieren? Auch hier wird die Entscheidung dem subjektiven Empfinden des Autors überlassen. Die Wichtigkeit einer Überprüfung durch die Zielgruppe wird in den Regeln besonders betont. Dadurch soll gesichert werden, dass der Text auch tatsächlich die Zielgruppe anspricht. Allerdings ist es fraglich, ob diese Methode ihren Zweck erfüllt. Zum einen ist Verständnis ein subjektiver Prozess. Auch innerhalb einer Gruppe können sich die sprachlichen Leistungen von Individuen teilweise stark unterscheiden. Zum anderen kann es bei den Prüfern durch die immerwährende Prüfung von Texten zu einem Lern- und Entwicklungsprozess kommen. Die Prüfer können beispielsweise einen Text, den sie zu Beginn ihrer Arbeit als schwierig eingestuft haben, nach einer gewissen Zeit als weniger schwierig wahrnehmen, weil sich ihre kognitiven Fähigkeiten verbessert haben, weil sie ihren Wortschatz ausgebaut haben etc.

Die Aufteilung von langen Wörtern durch Bindestriche kann ebenfalls problematisch sein. So kann ein Begriff durch das Hinzufügen der Bindestriche eine ganz andere Bedeutung erhalten als der ursprüngliche Begriff - was ist bei einer Sehnenscheidenentzündung entzündet - und was bei einer ÄSehnen- Scheiden-Entzündung“?

3.3 Menschen mit Hörschädigungen als Zielgruppe für Leichte Sprache

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

(Ludwig Wittgenstein 2003: 118)

Zur Sprachverständnis von Gehörlosen und Menschen mit Hörschädigungen

Befasst man sich mit der Position von Menschen mit Hörschädigungen in der Gesellschaft, so stößt man unmittelbar auf den Begriff ÄBehinderung“. Menschen mit Hörschädigungen werden in der Gesellschaft als Personen wahrgenommen, die ein Defizit haben und demnach von der Norm abweichen. Sie werden durch ihre Einschränkung daran gehindert, so am Alltag teilzunehmen, wie es ein Großteil der Menschen tut.

Für den Großteil der Menschen ist Sprache das Kommunikationsmittel schlechthin. Sei es gesprochene, oder geschriebene Sprache, wir benötigen Sprache, um miteinander zu kommunizieren. Genau an dieser Stelle setzt die ÄBehinderung“ Hörgeschädigter an: Sie verfügen nicht - oder zumindest nicht im gleichen Umfang - über dieses Kommunikationsmittel. Sprache erfüllt vielerlei Aufgaben. Sie dient nicht nur der Kommunikation über einen bestimmten Sachverhalt. Sie hat beispielsweise auch einen Ägemeinschaftsbildenden Faktor, der zugleich die sozialen Interaktionen zu steuern hilft und im Konfliktfall eine rationale Klärung ermöglicht.“ (Prillwitz 1982: 271). Durch Sprache wird das Zusammenleben gesteuert, soziale Beziehungen aufgebaut und aufrechterhalten. Sprache ist demnach ein wichtiger Grundpfeiler der Sozialisation eines Menschen.

Hörgeschädigte sind Änicht in erster Linie aufgrund ihres Hörverlustes Behinderte, denn sie sind weder darin behindert, ‚Sprache‘ zu erlernen, noch sie zu gebrauchen. Hörgeschädigte gelten deshalb als Behinderte, weil sie nicht über das Kommunikationsmittel der Hörenden, die Lautsprache, voll verfügen können.“ (Prillwitz 1982: 285, eig. Hervorheb.). Befinden sich Menschen mit Hörschädigungen untereinander, also in ihrer Gemeinschaft, sind sie nicht darauf angewiesen, in der Sprache und mit den sprachlichen Mitteln von Menschen ohne Hörschädigungen zu kommunizieren. Untereinander sind sie nicht mehr Äbehindert“. Demnach wird eine Hörschädigung im Grunde genommen erst zu einer Behinderung, wenn Hörgeschädigte in Kontakt mit Hörenden treten. Ein Hörgeschädigter wird von der Gesellschaft als nicht der Norm entsprechend wahrgenommen, da er nicht ausreichend und mit denselben Mitteln an der Kommunikation teilhaben kann.

Eine Pauschalisierung von Hörschädigung kann nicht gemacht werden. Peltzer- Karpf (1994) betont, dass die Sprachfähigkeit von Hörgeschädigten von vielen Faktoren beeinflusst wird, wie etwa Grad und Dauer der Hörschädigung, eventuelle Mehrfachschäden, Zeitpunkt des Einsatzes von Frühfördermaßnahmen und individuellen Faktoren wie etwa den Erfahrungen, Erlebnissen oder kognitiven Leistungsfähigkeiten der hörgeschädigten Person (Peltzer-Karpf 1994: 27). Nach Probst, Grevers und Iro (2004a) werden Menschen als gehörlos bezeichnet, wenn ihr Gehörsinn nicht ausgebildet ist und folglich die Hörfähigkeit fehlt. Auch wenn technische Hörhilfen eingesetzt werden, sind bei diesen Personen keine oder nur sehr begrenzte Höreindrücke vorhanden. Probst, Grevers und Iro unterschieden zudem nach angeborener und erworbener Gehörlosigkeit. Tritt die erworbene Hörschädigung vor der Sprachentwicklung ein, so ist von prälingualen gehörlosen die Rede. Tritt die Gehörlosigkeit nach erfolgter Sprachentwicklung ein. So spricht man von postlingual Gehörlosen (vgl. MEDICINE WORLDWIDE 2004).

Durch audiometrische Untersuchungen können Hörschädigungen in verschiedene Schweregrade eingeteilt werden. Bei einem Hörverlust von mehr als 110 dB (Dezibel) wird die betroffene Person als gehörlos eingestuft (vgl. Probst / Grevers / Iro 2004).

Für Deutschland liegen keine gesicherten Angaben über die Prävalenz zu angeborenen Hörstörungen vor. Im Jahr 2004 ging man von circa 60.999

Gehörlosen in Deutschland aus, dies entspricht ungefähr 0,1 % der Bevölkerung (vgl. Henke / Huber 1998). Allgemein liegt die Wahrscheinlichkeit für eine angeborene Hörstörung bei einem von Tausend Neugeborenen pro Jahr. In den ersten Lebensjahren steigt die Anzahl der hörgeschädigten Kinder um 30 bis 50 %. Nach Probst, Grevers und Iro (2004) werden in Deutschland jährlich etwa 600 gehörlose Kinder mit vollständigem Hörverlust geboren.

In einer umfassenden Studie hat sich Peltzer-Karpf (1994) mit den Unterschieden hinsichtlich des Spracherwerbs von hörenden und hörgeschädigten (sowie blinden) Kindern befasst. Die Ergebnisse der Studie sind für die vorliegende Arbeit von besonderer Relevanz, da sie Rückschlüsse auf die sprachlichen Fähigkeiten von Menschen mit Hörschädigungen jeden Alters erlauben und sollen aus diesem Grund in ihren zentralen Ergebnissen hier wiedergegeben werden.

Der Spracherwerb von hörgeschädigten Kindern nach Peltzer-Karpf

Deutliche Unterschiede hinsichtlich des Spracherwerbs von hörenden und hörgeschädigten Kindern finden sich im Syntaxerwerb. Hörgeschädigte Kinder erwerben andere syntaktische Strukturen als hörende Kinder und ihr Erwerbstempo ist im Vergleich verlangsamt, was insbesondere im teilweisen Wegfall des auditiven Kanals begründet liegt. Laut Peltzer-Karpf (1994: 28) lassen sich demnach syntaktisch-morphologische Defizite im Spracherwerb Hörgeschädigter auf kommunikativ-sprachlich bedingte Erfahrungsdefizite zurückführen. Steigt die syntaktisch-morphologische Kompetenz von Hörgeschädigten, so könne auch eine Steigerung der allgemeinen sprachlichen Fähigkeit beobachtet werden (vgl. Peltzer-Karpf 1994: 28).

Neben der Syntax unterscheiden sich auch Wortschatz, Artikulation und der Ädynamische Akzent der Sprache“ (Peltzer-Karpf 1994: 28) bei Hörgeschädigten von Menschen ohne Hörschädigungen.

[...]


1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Text verallgemeinernd das generische Maskulinum verwendet. Diese Formulierungen umfassen gleichermaßen weibliche und männliche Personen; alle sind damit selbstverständlich gleichberechtigt angesprochen.

2 Hervorzuheben ist, dass die Bezeichnungen ÄRezipient“ und ÄKommunikator“ immer im Zusammenhang mit einem konkreten Kommunikationsgegenstand bestimmt werden. Ändert sich der Kommunikationsgegenstand, so können sich, je nach Wissensstand der Kommunikationspartner, auch die Rollenverteilungen von Kommunikator und Rezipient verlagern. Auch das Rezipientenmodell, dass der Kommunikator hat, also das Bewusstsein über seinen Kommunikationspartner und vice versa das Kommunikatormodell beim Rezipienten, also die Vorstellungen des Rezipienten über den Kommunikator, wirken sich auf die Kommunikationssituation aus. Durch diese Vorüberlegungen ergibt sich, dass die Begriffe Kommunikator und Rezipient variabel verwendet werden und immer mit dem Kommunikationskontext beziehungsweise der vermittelten Botschaft zusammenhängen (vgl. Kercher 2012: 58 sowie Bromme/ Jucks/ Rambow 2004: 180).

3 Im weiteren Verlauf werden die Begriffe ÄMenschen mit geistigen Behinderungen“ und ÄMenschen mit Lernschwierigkeiten“ synonym verwendet. Die Personengruppe selbst bevorzugt die zweite Bezeichnung, allerdings gibt es auch hierzu eine große Grundlagendiskussion, die insbesondere in den Sozialwissenschaften geführt wird. Im Rahmen dieser Arbeit soll auf dieses Thema nicht eingegangen werden, wobei der Autorin durchaus bewusst ist, dass die beiden Begriffe umstritten sind.

44 Einfache Sprache ist nicht mit Leichter Sprache gleichzusetzen. Diese Form der vereinfachten

5 http://www.spassamlesenverlag.de/cms/website.php?id=/einfachezeitung.htm

6 http://www.berlin.de/ba-friedrichshain- kreuzberg/aktuelles/pressemitteilungen/archiv/20131104.1350.391173.html

7 http://www.lbzh-hi.de/berufsfelder.html

8 http://www.soziales.niedersachsen.de/startseite/behinderte_menschen/nachteilsausgleiche/11513 8.html

9 http://www.rpmuseum.de/ausstellungen/dauerausstellungen/museum-der-sinne.html

10 http://www.mj.niedersachsen.de/portal/live.php?navigation_id=3745&article_id=121779&_p smand=13

11 http://www.bpb.de/apuz/179339/leichte-sprache-keine-einfache-sache#footnode3-3

Details

Seiten
135
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668212947
ISBN (Buch)
9783668212954
Dateigröße
4.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320866
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Institut für Übersetzungswissenschaften und Fachkommunikation
Note
2,0
Schlagworte
Leichte Sprache Übersetzung Gebrauchsanleitung Fachkommunikation Einfache Sprache Barrierefreiheit Teilhabe Barrierefreie Kommunikation Kommunikation Verständlichkeitsforschung

Autor

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Titel: Gebrauchsanleitungen in Leichter Sprache. Fachkommunikation und auftretende Probleme