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Fallanalyse einer Frau aus Eritrea. Systemische Beratung in einer Aufnahmestelle für Flüchtlinge

Ausarbeitung 2016 20 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Darstellung des Kontexts

2. Überblick über den Beratungsprozess
2.1 Angaben zur Klientin
2.2 Dauer der Beratungen

3. Anamnese/ Hintergrund der Klientin
3.1 Visualisierung der familiären Strukturen/Genogrammzeichen
3.2 Hypothesen zu Beginn der Beratung

4. Überweisungskontext
4.1 Erstkontakt

5. Ziele und Auftrag der Klientin

6. Kontrakt

7. Darstellung des Beratungsverlaufes
7.1 Hypothesen während des Beratungsverlaufes
7.2 Interventionen/ Wirkung der Interventionen
7.3 Veränderungen zwischen den Beratungen
Begleitung zum Bundesasylamt für Flüchtlinge und Asylwerber
7.4. Rückfälle
7.5. Abschluss

8. Abschluss mit Einschätzung des Prozesses
8.1. Eigene Einschätzung
8.2. Rückmeldungen der Klientin zu ihrer Entwicklung
8.3. Wirkung der Supervision, kollegialer Supervision auf den Prozess

9. Eventuelle Nachbetreuung

10. Resümee

1. Darstellung des Kontexts

Ich arbeitete in einer Eerstaufnahmestelle für Flüchtlinge (EA) in X als Verfahrens- und Sozialberaterin und hatte ständigen Kontakt mit Flüchtlingen.

Dieser Fall kommt aus der Arbeit im Flüchtlingsbereich.

Zielgruppen

In der EA X leben 3297 Flüchtlinge (Stand 12.11.2015) aus Syrien, Irak, Iran, Afghanistan, Serbien, Kosovo, Eritrea und Somalia. Die meisten Flüchtlinge sind aufgrund von Krieg, Terror und Verfolgung gezwungen ihr Heimatland zu verlassen. Andere fliehen vor Armut, Unterdrückung und Perspektivenlosigkeit.

Zum Teil reisen die Menschen illegal nach Deutschland ein, auf eigene Faust oder die Flucht wurde von Schleppern organisiert.

Aufgaben

Die Beratung wahrt die Würde und Selbstachtung der Betroffenen. Dafür sind Unabhängigkeit und Vertraulichkeit wesentliche Voraussetzungen. Neben Gruppenangeboten mit allgemeinen Informationen über das Asylverfahren findet die Beratung immer ausgehend von der Besonderheit des Einzelfalls statt. Die meisten Gespräche finden auf Englisch oder mit einem oder mehreren Dolmetschern in der Herkunftssprache statt. So kann es vorkommen, dass wir auf Englisch beraten, was dann von einem Syrer auf Arabisch übersetzt wird. Ein Iraker übersetzt dann weiter aus dem arabischen auf kurdisch für seinen Landsmann.

Hierbei geht es dann darum die Abläufe und Institutionen rund um das Asylverfahren transparent darzustellen und die Flüchtlinge teilweise auch aktiv auf spezielle Termine vorzubereiten. Hier müssen die Asylwerber sehr häufig anwaltschaftlich vor den Behörden vertreten werden, damit aus der Person keine Nummer wird.

Neben der rein rechtlich-politischen Verfahrensberatung nimmt die Sozialberatung eine große Rolle ein.

Viele Menschen sind von der Flucht und den Erlebnissen im Heimatland traumatisiert. Oft begleitet von der Trauer um den Verlust von Familienangehörigen. Ohnmächtig ob der fehlenden Zukunftsperspektive gehören psychosoziale Beratungsgespräche zum Alltag. Viele haben ihre Firma und ihr Haus verkauft, um sich die Flucht nach Europa leisten zu können. Ca. 6000€ kosten die Schlepper nach Deutschland pro Person, Tendenz stark steigend.

Daneben gilt immer wieder Achtsamkeit gegenüber besonders schutzbedürftigen Personen wie Schwangeren, Alleinerziehenden, Kranken und Menschen mit Behinderung. Aber auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge landen immer wieder in X. Eine sehr enge Kooperation mit vielen Behörden und kirchlichen Institutionen ist unabdingbar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Überblick über den Beratungsprozess

2.1 Angaben zur Klientin

Frau R. ist 29 Jahre alt und hat einen langen, beschwerlichen Weg aus Eritrea bis nach Deutschland zurückgelegt. Sie war insgesamt zwei Jahre auf der Flucht. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Sie in Asmara, der Hauptstadt Eritreas.

Sie ist zur Schule gegangen und hatte mit einem mittleren Abschluss beendet. Ihr Vater ist im Äthiopienkrieg umgekommen als sie drei Jahre alt war. Ihre Mutter hat vier Kinder großgezogen. Die Mutter war streng, jedoch hat es den Kindern an nichts gefehlt. Alle haben Englisch gelernt, da es der Mutter sehr wichtig war.

2.2 Dauer der Beratungen

Vom 6.Mai 2015 bis zum 6.Juni 2015 war die Klientin in der EA-X. Die Klientin wollte in Deutschland Asyl stellen. Während des Aufenthalts hatten wir zehn intensive Gespräche im Büro. Die Beratungen dauerten durchschnittlich eine Stunde. Zusätzlich habe ich Frau R. zum Bundesasylamt für Migration und Flüchtlinge und zum Gesundheitsamt begleitet.

3. Anamnese/ Hintergrund der Klientin

3.1 Visualisierung der familiären Strukturen/Genogrammzeichen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit 18 Jahren muss jeder Bürger in den lebenslangen Militärdienst. Frau R. auch. Am Anfang des Wehrdienstes hat sie die Grundausbildung absolviert, dazu gehörten Umgang mit dem Gewehr, das Gewehr zerlegen, durch die Wüste stundenlang im Lauftempo marschieren. Aussagen von Frau R.: „ du musst barfuß durch die Wüste marschieren, kriegst kein Wasser, wirst behandelt wie ein Tier. Wenn du sie fragst, warum sie das tun, binden sie deine Hände und Füße zusammen und legen dich in den Wüstensand“. Nach einem Jahr konnte Sie als Sekretärin und Dienstmädchen für das Militär im allgemeinen Bürogebäude in der Hauptstadt Eritreas, Asmara, arbeiten, jedoch zuhause übernachten.

Als Sie eines Sonntags bei ihrem Onkel nach einer protestantisch-christlichen Sonntagsmesse ausgeholfen hatte, stürmten Rebellen in das Gebäude ein und haben alle Gottesdienstbesucher in große LKWs geschleppt und weggebracht.

Frau R. wurde entführt, grundlos von einem Tag auf den anderen, sie wurde in eine Zelle, kaum größer als ihr Körper in die Erde gesteckt, in Hand- und Fußfesseln gefangen gehalten, teilweise am Baum, Kopfunter hängend – als Strafe für eine nicht gleich ausgeführte Tätigkeit. „Sie fesseln dich, schlagen dich von beiden Seiten ins Gesicht, dass es in deinen Ohren klingelt, du keine Luft mehr bekommst, du vergisst, wo du bist und möchtest nur noch sterben…“

Dann ein Jahr in Gefangenheit gehalten – auf dem nackten Boden geschlafen, egal ob heiß oder kalt – abwechselnd in einem tiefen Erdloch oder in einem Metallcontainer.

Regelmäßig wurde sie von verschiedenen Männern vergewaltigt. Mitten in der Nacht, manchmal auch tagsüber wurde sie rausgeholt und vergewaltigt.

Zeitweise war R. zusammen mit zwei anderen Frauen im selben Container, die viel länger inhaftiert waren, wahrscheinlich 3-5Jahre. Diese Frauen haben nichts mehr gesprochen, sie waren verstummt, sie sind verrückt geworden.

R. wollte sich das Leben nehmen, jedoch fand sie keine geeignete Stelle und keinen Gegenstand (ein Strick…) sie hat auf den Feldern der Gegend schwer arbeiten müssen und eines Tages in der Winterzeit, als es plötzlich zu regnen begonnen hatte und keine Aufsichtsperson in ihrer unmittelbaren Nähe zu sehen war, hat sie allen ihren Mut zusammengefasst und rannte los. Immer weiter und schneller, einfach weg, es war ihr egal ob sie erschossen wird, sie wünschte sich sogar den Tod, dass man ihr in den Rücken schießt, sie dachte an den Tod – als eine willkommene Erlösung.

Irgendwann, sie kann nicht mehr sagen ob es Minuten oder Stunden waren, ist sie auf einen Baum geklettert und hat gewartet. Sie hörte Stimmen, hörte ihren Namen rufen, jedoch war sie wie versteinert, sie rührte sich nicht, sie harrte aus.

In der Nacht ist sie in ein benachbartes Dorf gelaufen und hat sich bei ihrer Tante versteckt – niemand durfte es wissen, sonst wären alle Familienmitglieder in großer Gefahr. Von dort aus organisierte ihre Tante die Planung ihrer Flucht.

Sie musste in den Sudan, dort hatte sie Kontakt mit ihrem Onkel, der als Flüchtling in Israel lebt, aufgenommen. Ihr Onkel half ihr Kontakt mit verschiedenen Personen und Schleppern aufzunehmen. Ebenso die Beschaffung von Dokumenten, einem Visum über Saudi-Arabien, Ägypten über Frankreich und Schweiz. Die Flucht dauerte zwei Jahre. Erst hier in Deutschland wurde ihr gestattet einen Asylantrag zu stellen.

3.2 Hypothesen zu Beginn der Beratung

Frau R., eine 29jährige Frau aus Eritrea, eine sehr unstabile Persönlichkeit, sehr in sich zurückgezogen, schaut nicht in die Augen, vermeidet jeden Augenkontakt, trägt weite Kleidung in schwarz, kam unsicher in mein Büro. Sie war ungeschminkt, kein Schmuck, keine Ohrringe. Später ist mir ein schlichtes Kreuz als Halskette aufgefallen. Ihre Mutter hat es ihr in den Sudan geschickt, als sie dort im Versteck gelebt hatte. Das Kreuz stammt aus Lalibela, Äthiopien und ist von großer Bedeutung für sie. Ihre Haare sind schlicht zusammengebunden

R. hatte kein Basisvertrauen in unsere Welt, ich nahm extremes Misstrauen wahr und kam nur schwer an sie ran. Sie hatte keine Selbstachtung, Verlust der eigenen weiblichen Identität. Sie schämte sich für ihre Geschichte, sie war hilflos und orientierungslos. Sie wirkte sehr traurig auf mich. Beim Erstkontakt wurde Sie von ihrer Cousine K. begleitet.

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Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668201927
ISBN (Buch)
9783668201934
Dateigröße
717 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320845
Note
1
Schlagworte
systemische Beratung; Flüchtlinge; Fallanalyse

Autor

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Titel: Fallanalyse einer Frau aus Eritrea. Systemische Beratung in einer Aufnahmestelle für Flüchtlinge