Lade Inhalt...

Das gute Kind ist sunao. Die frühkindliche Erziehung in Japan

Bachelorarbeit 2014 45 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis ... 4

Glossar verwendeter japanischer Begriffe ... 5

1 Einleitung ... 7

2 Die Stellung von Kindern in der japanischen Gesellschaft ... 9

3 Arrangierte Kindheit ... 12
3.1 Die japanische Erziehungsphilosophie: Shitsuke ... 12
3.2 Sozialisation innerhalb der Familie ... 14
3.2.1 Die weise Ehefrau und gute Mutter ... 15
3.2.2 Rituale und Regelmäßigkeit ... 16
3.2.3 Erziehungsmaßnahmen: Lob und Bestrafung ... 19
3.3 Vorschulische institutionelle Erziehung ... 22
3.3.1 Herausforderungen und Zielsetzungen von japanischen Kindertagesstätten und Kindergärten ... 22
3.3.2 Alltagspraktiken in einem japanischen Kindergarten ... 25
3.3.3 Zur Bedeutung der Gruppe ... 29

4 Problemfelder japanischer Erziehung ... 32
4.1 Fehlende Selbstständigkeit ... 32
4.2 Konditionierte Angst vor Fremdartigkeit ... 33
4.3 Fehlende Fähigkeit zur Unterscheidung von Übergängen ... 34

5 Zusammenfassung ... 35

6 Literaturverzeichnis ... 37

7 Endnoten ... 40

1 Einleitung

Harmonisierendes Gruppenverhalten, Anpassungsvermögen sowie Belehrbarkeit sind die wichtigsten Eigenschaften eines gut erzogenen japanischen Kinder und gelten in der japanischen Gesellschaft als Voraussetzung für ein funktionierendes Zusammenleben. Zu wichtig scheint die Formung des Kindes zu sein, als dass japanische Mütter die Entwicklung ihres Kindes dem Zufall überlassen. Deshalb widmen sie ihr Leben mit scheinbar endloser Geduld und Hingabe der systematischen, von Ritualen dominierten Erziehung. Nicht selten werden die sich wiederholenden kleinen Übungen, wie beispielsweise das richtige Halten der Essstäbchen oder das deutliche Aussprechen von wichtigen Alltagsfloskeln, durch die westliche Brille als Drill missinterpretiert. Zusätzlich wird dieses Bild durch Medienberichte über die zwei Seiten des japanischen Bildungssystems verstärkt: Die in der PISA-Studie stets sehr gut abschneidenden japanischen Schüler auf der einen1 und die erschreckend hohe Zahl an Schülerselbstmorden auf der anderen Seite.2 Inwiefern bei der frühkindlichen japanischen Erziehung von Drill oder Zwang die Rede sein kann oder ob es sich dabei um eine falsche Wahrnehmung der westlichen Welt handelt, wird innerhalb dieser Bachelor-Arbeit thematisiert.

Auffällig ist auch, dass die Methodik des Erziehens nach japanischem Vorbild nur wenig Anklang in der westlichen Welt findet, was nach TOBIN vor allem daran liegt, dass es zum einen nur spärlich wissenschaftliche Bücher über die Kerngedanken japanischer Erziehungsmethoden gibt. Zum anderen existieren keine Begründer von pädagogischen Bildungskonzepten in unserem Sinne, wie beispielweise Maria Montessori oder Jean-Jaques Rousseau, welcher mit seinem pädagogischen Werk „Emile oder über die Erziehung“ die traditionelle Pädagogik des 18. Jahrhunderts provozierte.3 Der Grund für die fehlende Popularität der Literatur ist simpel: Das höchste Ziel japanischer Erziehung ist es, japanische Kinder vor allem japanisch zu machen. 4 ELSCHENBROICH hingegen behauptet, dass sich japanische Erziehungsmethoden durchaus westlichen, besonders europäischen und amerikanischen, Vorbildern bedient und an die eigenen kulturellen Gegebenheiten und Bedürfnisse anpasst.5 Zudem dürfen kulturell-verwurzelte und gesellschaftliche Unterschiede hinsichtlich sozialer Werte, Ordnungen und Strukturen sowie die hohe Sprachbarriere nicht unterschätzt werden. Die westliche Literatur, die sich mit dem Thema auseinandersetzt, wie japanische Kinder aufwachsen und lernen, ist überschaubar und größtenteils in englischer Sprache verfasst. Wissenschaftler wie TOBIN, HENDRY oder LEWIS stützen sich bei ihren Untersuchungen überwiegend auf empirische Datenerhebungen mittels videographischer Feldforschung, Interviews und Fragebögen, um dem Westen einen Einblick in die Welt japanischer, pädagogischer Arrangements zu ermöglichen.

Ziel und Anspruch dieser Bachelor-Arbeit ist es daher, eine Komposition vorhandener Literatur zu kreieren und Antworten auf folgende vier Fragen zu finden: 1) Welchen Stellenwert hat das Kind in der japanischen Gesellschaft, 2) was stellt in den Augen japanischer Eltern eine gelungene Erziehung dar, 3) wie ist diese arrangiert und 4) welche pädagogischen Problemfelder resultieren hieraus? Es geht dabei nicht um eine Bewertung japanischer Erziehungsmethoden. Der hierfür benötigte Vergleich mit der westlichen bzw. deutschen frühkindlichen Erziehung kann aufgrund des dafür erforderlichen Umfangs im formal begrenzten Rahmen dieser Arbeit nicht betrachtet werden. Zur Klärung dieser Fragen gliedert sich die Arbeit in drei Teile. Zunächst ist es wichtig, die Lebenswelt japanischer Kinder sowie das erwünschte Produkt japanischer Erziehung näher zu beleuchten. Im zweiten Teil liegt der Fokus auf der Frage nach der praktischen Umse tzung japanischer Erziehungsvorstellungen. Bei Kleinkindern spielt, neben der institutionalisierten Erziehung, die Sozialisation innerhalb der Familie eine tragende Rolle. Insbesondere die Mutter als Schutzpatronin, Spielgefährtin und ständige Begleiterin steht bei der familiären Erziehung im Zentrum der frühkindlichen Sozialisation. Die wesentlichen Hauptelemente der Erziehung sind zum einen die Übereinstimmung zwischen ihr und dem Kind hinsichtlich ihrer Bedürfnisse sowie die Vermittlung von richtigem Verhalten mithilfe von wiederkehrenden verbalen Ritualen, zum anderen die Verwendung von Lob und Bestrafung. Komplementär zur Erziehung innerhalb der Familie ist es die Aufgabe professioneller Erzieherinnen und Erzieher den Kindern die Bedeutung von Kooperation, Gemeinschaft und Harmonie näher zu bringen. Dies bedeutet für die Kinder vor allem, sich nahtlos in eine Gruppe einzugliedern und ihre eigenen Wünsche dem Wohl der Gruppenharmonie unterzuordnen. Der tabellarische Auszug des typischen Tagesablaufes der Shinjuku Ward Kindergartens in Tokyo dient dabei als roter Faden des Kapitels. TOBINS Ergebnisse seiner Untersuchung des Madoka Yôchien, sowie wissenschaftliche Erkenntnisse von LEWIS, ROHLEN, SCHUBERT und HAASCH werden ergänzend herangezogen, um einen typischen japanischen Kindergartenalltag und dessen pädagogische Arrangements möglichst anschaulich darzustellen. Im letzten Teil sollen schließlich die Konsequenzen einer solchen Erziehung für das Individuum in Form eines abschließenden Ausblicks beleuchtet werden.

2 Die Stellung von Kindern in der japanischen Gesellschaft

Ist Japan ein Paradies für Kinder? Schon SCHUBERT fragte sich, woher erwachsene Japaner die scheinbar unerschöpfliche Geduld und Nachsicht im Umgang mit ihren Kindern nehmen und hebt in seinen Untersuchungen zur japanischen Erziehung den außerordentlich freudigen und fürsorglichen Umgang mit Kindern hervor. 6 Auch ELSCHEN- BROICH unterstreicht die außergewöhnlich florierende Kinderkultur, welche sich in Form von kinderzentrierten Volksfesten widerspiegelt.7 Dazu gehören u.a. die drei offiziellen Feiertage kodomo no hi (nationaler Kindertag)8, dashina matsuri (Puppenfest für Mädchen)9 oder das shichi-go-san-Fest (Kinderfest für sieben-, fünf- und dreijährige) 10. Kinder werden mit Freude in die Kreise Erwachsener aufgenommen, sei es bei besagten Festen oder in Gesellschaften und Clubs, auf Versammlungen, im Supermarkt oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Für den westlichen Beobachter erscheint diese Grundhaltung japanischer Erwachsener, sich immerzu den kindlichen Bedürfnissen anzupassen, befremdlich. Alles scheint sich darum zu drehen, den kleinen Mitgliedern der Gesellschaft jeglichen Wunsch von den Augen abzulesen und ihren Bedürfnissen ehrlich und ernsthaft nachzukommen.11 SCHUBERT berichtet von Eltern, die sich geduldig dem Gehtempo ihrer Kinder anpassen, während Menschenmassen in beispielsweise überfüllten U-Bahn Stationen zuvorkommend und scheinbar ohne sich gestört zu fühlen, ausweichen.12 Grundsätzlich gilt, Kinder von den Problemen der Erwachsenenwelt fernzuhalten und sie behütet, in Harmonie gebettet aufwachsen zu lassen. 13 Woher kommt diese an Verehrung grenzende Akzeptanz von Kindern?

Zum einen gelten Kinder in der konservativen japanischen Gesellschaft noch immer als ein wesentlicher Bestandteil des japanischen Ehelebens. Frauen, welche sich keine Kinder wünschen, stellen seltene Ausnahmen dar, da Kinder als der buchstäbliche Zement bilden, der die Ehe zusammenhält.14 Zum anderen wird im Volksmund japanischen Kindern eine Art göttliche Natur zugesprochen. Sie sind bis zum ihrem siebten Lebensjahr sozusagen Götter zu Besuch, die unterhalten und zufrieden gestellt werden wollen.15 Bei kleinster Unruhe, wird ihren Forderungen unverzüglich nachgekommen, sie werden getröstet und besänftigt. Haben sie Wünsche oder Bedürfnisse, so wenden sie sich an den betreffenden Erwachsenen und äußern ihr Anliegen, ohne lautstark zu werden.16 Durch die westliche Brille betrachtet, zeugt solch ein Handeln bei kleinen Kindern von Reife und Vernunft. Für japanische Kinder ist dieses Verhalten die Norm: Sie müssen nicht hartnäckig quengeln und provozierend auf sich aufmerksam machen, da sie daran gewöhnt sind, dass sie schnellst möglich umsorgt werden.17 Auf der anderen Seite reagieren Erwachsene auf die Wünsche der Kinder mit einer verständnisvollen Gelassenheit und ohne Misstrauen oder Unterstellung von böswilligen, provokanten Absichten. In ihren Augen liegt dem Überschreiten von Grenzen eine naive Neugierde zugrunde. Das Kind versucht lediglich herauszufinden, was passiert, wenn es bestimmte Verhaltensweisen ausprobiert.18


[1] Vgl. Kameda (2013)

[2] Vgl. Prideaux, (2007)

[3] Vgl. Tobin (1989), S.239

[4] Vgl. Tobin (1989), S.240

[5] Vgl. Elschenbroich (1996), S.9

[6] Vgl. Schubert (1992), S.23 ff.

[7] Vgl. Elschenbroich (1996), S.7 ff.

[8] Vgl. Phillipps (2004), S.183

[9] Vgl. Durston (1982), o.S.

[10] Vgl. Ashkenazi (1993), S.31

[11] Vgl. Schubert (1992), S.27

[12] Vgl. Schubert (1992), S.34

[13] Vgl. Elschenbroich (1996), S.21 ff.

[14] Vgl. Schubert (1992), S.29

[15] Vgl. Schubert, (1992), S.75

[16] Vgl. Schubert (1992) S.36

[17] Vgl. ebd., S.39

[18] Vgl. ebd., S.39

Details

Seiten
45
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668331426
ISBN (Buch)
9783960950325
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320810
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
kind die frühkindliche erziehung japan

Autor

Zurück

Titel: Das gute Kind ist sunao. Die frühkindliche Erziehung in Japan