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Hegemoniale Bestrebungen nach dem Arabischen Frühling im Vorderen Orient

Der Iran und Saudi-Arabien. Kampf der Identitäten?

Essay 2016 9 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Hegemoniale Bestrebungen nach dem Arabischen Frühling im Vorderen Orient

Der Iran und Saudi-Arabien - Kampf der Identitäten?

In kaum einer Region dieser Welt gehen Zusammenhalt und Auseinandersetzungen so Hand in Hand wie im Vorderen Orient. Der vordere Orient zeichnet sich durch ein starkes Verbundenheitsgefühl der Bewohner sowie durch eine geteilte arabische Identität aus. Man strebte gemeinsam nach Unabhängigkeit - erst vor dem Einfluss des Osmanischen Reichs und später von den britischen, französischen und italienischen Kolonialmächten. Gemeinsam erlebten die Staaten die Glanzzeit des Panarabismus unter Gamal Abdel Nasser, ägyptischer Staatspräsident von 1954-1970, bis hin zu dessen Zusammenbruch im Jahre 1967. Gleichzeitig wurde die Region immer wieder durch Auseinandersetzungen der Staaten in der Region geprägt. Hierbei ist nicht nur der bis heute anhaltende Konflikt mit Israel erwähnenswert, sondern auch eine beachtenswerte Anzahl von innerdiplomatischen Krisen, Invasionen, Grenzstreitigkeiten und den Kampf um die hegemoniale Vormachtstellung.

Durch den Ausbruch des Arabischen Frühlings, auch Arabellion genannt, im Dezember 2010, wurde die lang stagnierte Region aufgerüttelt und es kam eine Bewegung ins Rollen. Ob der Arabische Frühling die Region weitgehend verändert hat und zu einer Neustrukturierung führen kann, wird sich erst im Verlauf der Jahrzehnte zeigen und sicherlich von Land zu Land unterschiedliche Auswirkungen mit sich bringen. Was jedoch eindeutig ist, ist, dass der Arabische Frühling ein erneutes Kräftemessen im Vorderen Orient ausgelöst hat. Das Kräftemessen stellt einen religiösen Identitätskonflikt dar, welcher die Region bereits seit mehreren Jahrzehnten spaltet - der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten.

In dem schiitischen Iran und dem sunnitischen Königreich Saudi-Arabien, haben sich zwei Staaten gefunden, die zum einen eine lange Feindschaft, als auch ein langes Bestreben nach regionaler hegemonialer Vormachtstellung auszeichnet. Der Konflikt besteht bereits seit der iranischen Revolution 1979, welche Saudi-Arabien bewusst unterdrückte, als auch seit den territorialen Ansprüchen des Irans auf Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate. Dieser Konflikt setzte sich zuletzt in der Auseinandersetzung über das iranische Atomprogramm fort. Bei den internationalen Machtpositionen der Staaten wird schnell klar, dass, sollte dieser Konflikt eskalieren, nicht nur der vordere Orient die Folgen tragen wird.

In meinem Essay möchte ich diesen Konflikt analysieren sowie die Beeinflussung auf/durch den Arabischen Frühling darstellen und anschließend zu einer Schlussfolgerung kommen.

Um die verschiedenen Konfliktpunkte zwischen Saudi-Arabien und dem Iran zu verstehen, ist es sinnvoll, zunächst ein grobes Porträt der Länder zu erstellen. Saudi-Arabien ist mit einer Fläche von 2,15 Millionen km² flächenmäßig das größte Land der arabischen Halbinsel und mit knapp 30,62 Millionen Einwohnern ebenfalls das Bevölkerungsreichste. Es wird absolut monarchisch regiert. Seit 2015 ist Salman ibn Abd al-Aziz das Staatsoberhaupt und gleichzeitiger Regierungschef der Monarchie. Obwohl sich das Königreich offiziell nicht als Theokratie bezeichnet, gilt der Wahabismus, eine streng konservative Auslegung des Sunnitentums, als Staatsreligion. Saudi-Arabien stellt, trotz seiner zahlreichen Verstöße gegen die Menschenrechte, einen wichtigen Verbündeten der westlichen Staaten, allen voran der USA, im Kampf gegen den Terrorismus dar und gilt des Weiteren als beliebter Handelspartner. Das Bündnis mit dem Westen ist den anti-westlichen Staaten und Akteuren der Region, allen voran dem Iran oder der Hisbollah, ein Dorn im Auge.

Saudi-Arabien steht mit dem Iran eine islamische Republik gegenüber, welche der schiitischen Auslegung des Islams folgt. Das Land bezeichnet sein Regierungssystem offiziell als präsidiale Theokratie, wobei die Freiheit und Unverfälschtheit der Wahlen oft angezweifelt wird. Regierungschef des Landes ist der 2013 gewählte Staatspräsident Hassan Rohani, der zu den Reformern gezählt wird, wohin seit 1989 der politische und religiöse Führer Ajatollah Seyyed Ali Chamene’i als Staatsoberhaupt gilt. Das Land ist mit einer Fläche von 1.648.000 km² kleiner als Saudi-Arabien, hat jedoch mit einer Bevölkerung von 78,1 Millionen, eine beinahe drei-mal so hohe Bevölkerung. Bis zur Revolution 1979 galt der Iran als wichtiger Verbündeter des Westens. Nach Ausbruch der Revolution hat die USA schon früh erste Sanktionen verhängt. Diese wurden 1995 verschärft, da man dem Iran Vorwarf den internationalen Terrorismus zu unterstützen und den Besitz von Massenvernichtungswaffen anzustreben. Nach einer weiteren Verschärfung der Sanktionen ab 2011 hatte der Iran kaum noch Zugang zu den internationalen Märkten, was zu einer weiteren Isolierung und einem wirtschaftlichen Niedergang des Landes führte.

Identität und Religion spielen eine wichtige, wenn nicht sogar eine übergeordnete Rolle in der Region. Aus historischer Sicht spielte Identität, vor allem die Idee einer arabischen Einheit, schon immer eine wichtige Rolle. Dies sieht man zum einen in den Entwicklungen des arabischen Nationalismus bis hin zum Panarabismus. Auch die Gründung der arabischen Liga 1945, spiegelt die Rolle von arabischer Identität gut wieder, da sie sich in ihrer Mitgliederaufnahme weniger auf geographische Indikatoren, als auf das Vorhandensein einer arabischen Identität und Einheit stützt. Dies schaffte in der Vergangenheit natürlich eine große Verbundenheit zwischen den Staaten und ihren Bewohnern, sorgte jedoch auch für viel Konfliktpotenzial. Dieses Konfliktpotenzial rührt zum einen daher, dass die sogenannte „arabische Identität“ größere Bevölkerungsgruppen ausschließt wie z.B. den Iran, welcher auf Grund seines sprachlichen und kulturellen Hintergrunds als nicht-arabisch betrachtet wird oder die Kurden im Irak, welche sich ebenfalls nicht als ein Teil einer arabischen Einheit sehen. Der Identitätskonflikt ist jedoch ebenfalls eng mit einer religiösen Spaltung verbunden.

Die religiöse Spaltung betrifft zwei Glaubensrichtungen des Islams – die Sunniten und die Schiiten. Die Sunniten stellen hierbei mit knapp 90% weltweit die Mehrheit der Moslems dar. Es gibt jedoch auch in der Region Länder, in denen Schiiten die Mehrheit der Bevölkerung darstellen. Diese sind der Iran und Bahrain sowie der Irak. Jedoch sind auch große Teile der Bevölkerung im Libanon (knapp 35-50%), im Jemen (ca. 37%), in Kuwait (20-30%), in den Vereinigten Arabischen Emiraten (bis zu 20%) und in Saudi-Arabien (ca. 20%) schiitisch. Problemtisch ist die Spaltung der Glaubensrichtung, wenn es auf Grund ihrer zu Unterdrückung der jeweiligen Minderheit im Land kommt oder wenn diese auf Grund ihrer Glaubensrichtung diskriminiert werden. Besonders kritisch ist dies im Fall von Saudi-Arabien. Der Wahabismus, welcher als Staatsreligion anerkannt wird, erkennt Schiiten nicht als Muslime an, was einen gewaltigen Boden für Konflikte bietet. Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten existiert schon seit mehreren Jahrhunderten und zeigte sich bereits in zuvor geschehenen Konflikten wie im Rahmen des Irak-Kriegs. Während des Arabischen Frühlings wurde dieser Konflikt jedoch nicht nur neu entfacht, sondern wurde auch zu einem wichtigen Instrument einiger Führer.

Religiöse Identität spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bezüglich der hegemonialen Vorherrschaft in der Region, da man auch von einer kulturellen Hegemonie ausgehen kann. Schaut man sich die Region des Vorderen Orients in Bezug auf einen Hegemonen an, fällt diese besonders durch die Abwesenheit eines solchen auf. Es gab aus historischer Sicht sicherlich hegemoniale Bestrebungen einzelner Länder, welche sich jedoch nicht durchsetzen konnten. Ein Beispiel hierfür ist Ägypten, welches vor allem unter Nasser sicherlich Anspruch auf eine Vormachtstellung in der Region beanspruchte. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang der Zusammenschluss von Ägypten, Syrien und dem Königreich Jemen im März 1958 unter dem Namen “Vereinigte Arabische Staaten“ mit Nasser als Präsidenten, welcher im Dezember 1961 wieder aufgelöst worden ist. Spätestens durch die letzten Unruhen und mehrere Regimewechsel, hat Ägypten jedoch endgültig seine Stabilität und das Bestreben nach einer hegemonialen Stellung verloren. Ein weiteres Beispiel für hegemoniales Bestreben in der Region, ist der Irak unter Saddam Hussein mit dem Wunsch nach einer Vorherrschaft am Golf. Dieses Bestreben scheiterte, verursachte letztendlich mehrere Kriege und lässt das Land so instabil wie noch nie dastehen. Besonders durch die Geschehnisse des Arabischen Frühlings haben viele Länder an Stabilität eingebüßt oder befinden sich noch im Kriegszustand. An den Anspruch an eine regionale Vorherrschaft, ist da nicht zu denken. Durch den Stabilitätsverlust zuvor mächtiger regionaler Staaten wie Ägypten oder Syrien, ist Saudi-Arabien nun endgültig „die Vormacht der Sunniten, vor allem jedoch der arabischen Völker (...)“[1] geworden. Dies hängt sicherlich auch mit der engen Partnerschaft zwischen Saudi-Arabien und der USA zusammen, da die Vereinigten Staaten, seit dem Irak-Krieg, oft als Außenhegemon der Region bezeichnet wurden. Ob die religiösen Spannungen eskalieren und ob der Iran seine Ansprüche auf die regionale Vorherrschaft ausweiten möchte und ein Wettkampf über die Hegemonie im Vorderen Orient ausartet ist bislang unklar.

Auch im Arabischen Frühling spielen religiöse Spaltungen eine wichtige Rolle. Der Arabische Frühling fing im Dezember 2010 in Tunesien an und breitete sich schnell in der gesamten Region aus. In einigen Ländern brachten die Proteste neue Regierungen zustande. Hierbei sind deutliche Unterschiede zwischen dem weitgehend friedlichen Verlauf in zum Beispiel Tunesien oder der blutigen Revolution in Libyen erkennbar. Einige Regierungen, darunter die Monarchien Marokko und Jordanien, haben es trotz sozialen Protesten geschafft, ihren Sturz zu verhindern, während andere Monarchien, darunter Saudi-Arabien und die wohlhabenden Golfstaaten, Proteste gleich im Keim ersticken konnten.

[...]


[1] http://www.faz.net/aktuell/saudi-arabien-und-iran-alte-feindschaft-mit-neuer-dynamik-11490862.html

Details

Seiten
9
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668196704
ISBN (Buch)
9783668196711
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320558
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Schlagworte
hegemoniale bestrebungen arabischen frühling vorderen orient iran saudi-arabien kampf identitäten

Autor

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