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Die entgleiste Suche nach dem Rausch. Erklärungsversuche für Drogensucht bei Jugendlichen

Essay 2016 9 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

„Sag Ja zur Zukunft, sag ja zum Leben. Aber warum sollte ich das machen? Ich hab zum Ja- Sagen nein gesagt. Ich hab zu was anderem Ja gesagt. Und der Grund dafür? Es gibt keinen Grund dafür. Wer braucht Gründe, wenn er Heroin hat.“ (Aus dem Film „Trainspotting“)

Sucht verschlingt Menschen, besetzt und besitzt sie. Insbesondere Jugendliche können sich, einmal im Abhängigkeitskreislauf gefangen, oft ohne Unterstützung nicht mehr von ihr lösen. Drogensucht bei Jugendlichen ist als missglücktes Ergebnis einer Auseinandersetzung eines Individuums mit sich selbst und seinen individuellen Lebensumständen zu betrachten. Denn sie sollte meines Erachtens verstanden werden als Konsequenz einer aus den Fugen geratenen, entgleisten Suche nach Rauscherfahrungen und damit nach den eigenen Grenzen, nach Autonomie und der eigenen Identität. Das Jugendalter ist von dieser Suche durchzogen und, radikal formuliert, kann ohne sie keine Ablösung vom Elternhaus, keine Weiterentwicklung geschehen und somit wäre kein selbstständiges Leben denkbar. Es stellt sich jedoch die Frage, welche Faktoren dazu führen können, dass sich aus gelegentlichem Drogenkonsum eine Abhängigkeit entwickelt und wie mit jugendlichem Konsum umgegangen werden sollte, um das Abrutschen in die Sucht zu verhindern.

Wenn ich von Drogen spreche, beziehe ich mich in diesen Ausführungen in Anlehnung an Hurrelmann & Unverzagt (2000) auf „alle Arten von Rauschmitteln – Stoffe, die Menschen zu sich nehmen, um ihr zentrales Nervensystem zu beeinflussen“ (S.42). Es sind Stoffe, die zu Wahrnehmungsveränderungen führen sowie Stimmungen und Gefühlslagen verändern und sich dadurch auf Handlungen auswirken. Eine Unterscheidung zwischen legal erhältlichen und im rechtlichen Sinne illegalen Substanzen soll hier nicht getroffen werden, wobei ich eine kleine Einschränkung hinsichtlich der legalen Stoffe Nikotin und Koffein treffen möchte, da diese im Vergleich zu anderen Substanzen eher zu schwächeren Bewusstseinsveränderungen beziehungsweise Veränderungen der Wahrnehmung führen. Dies ist eine subjektive Einteilung und soll keinesfalls mit einer Klassifizierung hinsichtlich des physischen oder psychischen Schaden- oder Suchtpotentials in Verbindung gebracht werden oder mit den Richtlinien bezüglich des Betäubungsmittelgesetzes. Der Fokus soll hier lediglich auf psychoaktiven Substanzen liegen, daher die Ausklammerung von Nikotin und Koffein.

Da ich Sucht als entgleiste Suche nach Rauscherfahrungen bezeichne, ist zunächst eine Auseinandersetzung mit den Begriffen Rausch, Kick, Flow und Sucht unumgänglich.

Die Sehnsucht nach außeralltäglichen Erfahrungen ist allen Menschen auf der gesamten Welt bekannt. Ob es sich um heilige, reinigende Trancerituale indigener Völker handelt, die Lust an Extremsportarten oder aber auch den Kick in der Achterbahn und das Flow-Erlebnis bei einer bestimmten Tätigkeit: Es handelt sich um Erfahrungen im Kontext eines veränderten Bewusstseinszustandes. Rausch ist gekennzeichnet durch die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen und Normen. Laut Gerald Koller (1999) stellt er eine Kompensationsstrategie oder Flucht dar oder aber einen Aufbruchsversuch, ein Wagnis. Den Kick würde ich hingegen als einen plötzlich einsetzenden Mini-Rausch bezeichnen, als ein Herausschleudern aus dem bisherigen Bewusstseinszustand und der alltäglichen Wahrnehmungsebene. Im Gegensatz zum Rausch hält der Kick im Rahmen meiner Definition kürzer an und endet so abrupter, als ein sich graduell, prozesshaft entwickelnder Rausch. Der Flow fließt demgegenüber gleichmäßiger. Csikszentmihalyi (2010) beschreibt den Flow als Hingabe, als ein vollkommendes Aufgehen in einer Tätigkeit, auf die sich konzentriert wird. Flow wirkt im Vergleich zum Rausch und Kick außerdem meiner Meinung nach etwas weniger intensiv, was die Bewusstseinsveränderung betrifft.

Rausch, Kick und Flow können Glücksgefühle bewirken und – meist im Fall von Rausch und Kick – Menschen an physische und/oder psychische Grenzen bringen. Von größter Bedeutung ist allerdings eine, wie Kamper (2002) es nennt, „Rauschfähigkeit“. Weiter schreibt er: „Man denke eher an einen riskanten Hochseilakt als an eine austarierte Waage“ (S.177). Das Risiko ist demnach im Rauscherleben allgegenwärtig. Um rauschfähig zu sein, muss das Absturzrisiko unter den jeweils gegebenen Umständen abgewogen werden, damit Entscheidungen verantwortungsbewusst getroffen werden können. Bezüglich des Drogenkonsums lässt sich wie folgt übersetzen: Der Konsument sollte vor Einnahme der Droge Ort beziehungsweise Umgebung, Zeit, eigene psychische und physische Verfassung sowie Wirkung/Dosierung der Substanz im Blick haben und abschätzen. Insbesondere jugendliche Konsumenten können diese Aufgabe gegebenenfalls nicht wahrnehmen, sei es aufgrund von einer sich spontan ergebenden Situation, in der impulsiv gehandelt wird, fehlender Reflexionsfähigkeit(-oder bereitschaft) oder mangelnden Wissens. Rauschfähigkeit ist komplex und darf nicht unterschätzt werden. Die wiederholte Auseinandersetzung mit allen Komponenten der jeweiligen Situation, in der ein Konsum stattfinden kann, ist Voraussetzung für den verantwortungsvollen Umgang mit rauschinduzierenden Substanzen und die Prävention von Sucht.

Denn Sucht ist die pure Kontrolllosigkeit. Wer süchtig ist, kann nicht frei entscheiden, reflektiert und hinterfragt nicht, sondern fühlt sich gezwungen. Das Suchtmittel ist kein

Genussmittel mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit und eine Lösung. Hurrelmann & Unverzagt (2000) beschreiben Sucht als „[…] die Verengung aller mannigfaltigen Möglichkeiten, die Menschen zur Verfügung stehen, um unerträgliche Belastungen, Herausforderungen und Mühsal zu lindern […]“ (S.57). Somit erklärt sich auch, warum Sucht als alltägliches Drängen nichts mehr mit einer besonderen, außeralltäglichen, euphorisierenden Rauscherfahrung zu tun haben kann und warum Rausch und Sucht in einem

„Drehtürverhältnis“ stehen und „gegeneinander exklusiv“ sind, wie Kamper (2002) betont. Sucht ist gekennzeichnet durch Abhängigkeit, eine Rauscherfahrung durch Freiwilligkeit.

Hurrelmann & Unverzagt (2000) benennt die Umstände, die Abhängigkeit charakterisieren wie folgt: die Dosis steigt fortwährend, die Kontrolle über den Konsum ist entglitten, körperliche Entzugserscheinungen sind bereits aufgetreten (wobei ich hinzufügen möchte, dass nicht jede Substanz zu einer körperlichen Abhängigkeit führt), alle Handlungen sind darauf ausgerichtet, den Stoff zu organisieren, Beziehungen und Interessen werden vernachlässigt (S.59).

Es wurde oben bereits angedeutet, dass Überforderung bei der Entwicklung einer Abhängigkeit und damit einer Sucht, bei Jugendlichen eine bedeutende Rolle spielt. Auf diesen Punkt werde ich näher eingehen. Um aber die Funktionen und die Attraktivität des Drogenkonsums speziell im Jugendalter nachvollziehen zu können, möchte ich mich zuerst den Prozessen sowie den Herausforderungen der jugendlichen Entwicklung und dem Erleben von Jugendlichen zuwenden. So wird auch verständlich werden, wie leicht es zumindest bei einigen jungen Menschen zu einer Überforderung und unreflektiertem Umgang mit Drogen kommen kann.

Das Jugendalter ist geprägt durch eine Reihe von Entwicklungsaufgaben. Bühler (2004) nennt in Anlehnung an Havighurst (1982) beispielsweise die Suche nach der eigenen Identität, den Aufbau von Freundschaften und Beziehungen, die Ablösung vom Elternhaus, die Entwicklung eines eigenen Wertesystems und die damit einhergehende individuelle Lebensgestaltung sowie Lebensplanung. Bühler (2004) betont, dass Substanzkonsum bezüglich der Bewältigung dieser Aufgaben einen instrumentellen Wert, eine spezifische Funktion haben könne. Durch den Konsum von Drogen würden Jugendliche beispielsweise versuchen ihre Unabhängigkeit zu beweisen, in einem gelockerten, hemmungsloseren Zustand Freundschaften zu knüpfen oder Drogen als Ausdruck eines Lebensstils zu nutzen. Es wird im besten Falle experimentiert und Grenzen werden ausgelotet. Hier sehe ich eine Parallele zu Kindern, die ebenfalls durch Explorationsverhalten ihre Umwelt sowie sich selbst testen und entdecken. Denn eine Weiterentwicklung und lernen wird erst durch neue Erfahrungen möglich.

Kritisch wird es erst, sobald die oben genannte „Rauschfähigkeit“ nicht oder noch nicht gegeben ist und die Balance nicht gehalten werden kann, insbesondere dann, wenn die Substanz eine rettende, stabilisierende Funktion haben soll bei bestehenden Entwicklungsschwierigkeiten, wie auch Bühler (2004) beschreibt. Interessanterweise betonen Scheithauer et al. (2008), dass die im Jugendalter stattfindende Phase des Prunings, in der ungenutzte synaptische Verbindungen zurückgebildet und aktive Verbindungen gestärkt würden, auf viele Umwelteinflüsse angewiesen sei, damit komplexe Situationen in Zukunft bewältigt werden könnten (S.17). Doch mir scheint, als würde es im Zuge dieses Prozesses zu einer neuronalen Überforderung kommen. Insbesondere könnte das der Fall sein, wenn Anforderungen und Probleme sich in unterschiedlichen Lebensbereichen häufen oder in der (in)direkten Folge ergeben, wenn also beispielsweise die Eltern zerstritten und für Problemschilderungen ihres Kindes nicht ansprechbar sind, der/die Jugendliche außerdem in der Schule gemobbt wird, daher wenig Freunde hat und ggf. durch mangelndes Konzentrationsvermögen schlechte schulische Leistungen erbringt. Drogen als Form der Selbstmedikation können zu Anfang Sicherheit vermitteln und hilfreich sein um abzuschalten und den Druck zu vergessen. Da sich jedoch kein Problem dadurch in Luft auflösen wird, kann Selbstmedikation auf Dauer nicht gewinnbringend sein und es findet lediglich eine Flucht statt.

Der Protagonist aus dem Film Trainspotting drückt es meines Erachtens treffend aus: „Ich hab zum Ja-Sagen nein gesagt“. Manchmal ist das Nein-Sagen um einiges leichter, als sich mit einer schwierigen Situation auseinanderzusetzen und die Konfrontation als Herausforderung zu sehen, mit anderen Worten: Es ist schwieriger sich dem Leben zu stellen und sich mit den vielen Fragen auseinanderzusetzen, die sich immer wieder und ganz besonders im Jugendalter ergeben. Stattdessen wird zur scheinbar rettenden Droge ja gesagt. Das „Verharren im Ausweichmanöver“, muss allerdings unterschieden werden von einem kurzfristigen Rückzug, einer Besinnungszeit, die dazu dienen kann Kraft zu schöpfen und nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Dies kann durch aus sinnvoll, vollkommen angebracht und nützlich sein, um sich anschließend dem Problem gestärkt widmen zu können, so beschreiben es auch Hurrelmann & Unverzagt (2000, S.68).

Hier stell sich jedoch die Frage, ob Jugendliche, die wenig Unterstützung durch die Eltern oder andere erwachsene Vertrauenspersonen erhalten und vielleicht kognitiv (noch) nicht in der Lage sind Gefahren einzuschätzen, Drogen als kurzfristig funktionales Entspannungsmittel nutzen können oder ob es hier nicht wiederum zu einer Unterschätzung kommen kann und immer häufiger zu bestimmten Substanzen gegriffen wird, bis sich schließlich doch eine selbstverständliche Bewältigungsstrategie und in der Folge eine Sucht entwickelt. Daher bin ich der Meinung, dass Drogen nie der Lebensbewältigung dienen dürfen, sondern ein Genussmittel sein und bleiben sollten (auch wenn der Übergang vom Genusskonsum zum Entspannungsritual und anders herum zugegebenermaßen fließend ist). Denn wenn bereits Gewöhnung eingesetzt hat und eine psychische und/oder physische Abhängigkeit besteht, ist ein Loskommen ein steiniger, langwieriger Weg.

Ein cannabisabhängiger Jugendlicher, den ich als Praktikantin in einer Einrichtung für obdachlose oder in Not geratene junge Menschen betreute, ist für mich das beste Beispiel, wie viel Energie es kosten kann, ein funktionierendes Leben aufzubauen, jenseits des täglichen Kampfes um genug Geld für die ersehnte Substanz. Nach mehrmaligen Entzügen und Therapien, die er nie durchgehalten hatte und nach mehrfachen Delikten im Rahmen von Beschaffungskriminalität, lernte ich ihn vor zwei Jahren an einem Tiefpunkt kennen. Obwohl er bestimmte Mechanismen und Muster durchschaute, wie aus seinen Nachrichten an mich ersichtlich wurde („Ja der Konsum hängt viel mit der Vergangenheit zusammen (…) Bin ja dabei meine Vergangenheit anders zu verarbeiten.“), hat er den Absprung bis heute nicht ganz geschafft. So geht es vielen Besuchern dieser Beratungsstelle. Zwar werden sie an therapeutische Einrichtungen weitergereicht, doch nach Abschluss der Behandlung verfallen sie oft in denselben Trott und in alte Handlungs- beziehungsweise Konsummuster und die Beratungsstelle fungiert lediglich wie ein Auffanglager. Für Prävention und auch Interventionsversuche ist es zu spät. Die Jugendlichen werden respektvoll begleitet, doch Maßnahmen dienen meist der Schadensbegrenzung.

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Details

Seiten
9
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668196599
ISBN (Buch)
9783668196605
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320547
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Psychologie und Erziehungswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
suche rausch erklärungsversuche drogensucht jugendlichen

Autor

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Titel: Die entgleiste Suche nach dem Rausch. Erklärungsversuche für Drogensucht bei Jugendlichen