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Ist David Lynch der erste populäre Surrealist? Eine Analyse seiner filmischen Handschrift in „Eraserhead“ und „Blue Velvet“

Facharbeit (Schule) 2013 26 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ziel dieser Arbeit

2. Das Leben des David Lynch

3. Lynchs Kindheit und erster Kontakt zum Film

4. Charakter und besondere Merkmale
4.1 Die Farbe schwarz
4.2 Lynchs als Regisseur
4.3 Texturen
4.4 Einflüsse
4.5 Fabriken
4.6 Musik

5. Entstehung der Filme
5.1 Eraserhead
5.2 Blue Velvet

6. Analyse
6.1 Männliche Protagonisten
6.2 Die Rolle der Frauen
6.3 Die Welt
6.4 Fabriken
6.5 Häuser
6.6 Träume und Realität
6.7 Sexualität

7. Fazit

8. Quellenverzeichnis

1. Ziel dieser Arbeit

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die persönliche Handschrift von David Lynch in seinen Werken zu erkennen und zu analysieren. Die ausgesuchten Filme sollen hierbei nicht als einzelne Werke analysiert werden, sondern im Hinblick auf das gesamte Leben und Schaffen von David Lynch und im Zusammenhang untereinander.

Als Beispiel wurde hierfür einmal ERASERHEAD gewählt, da es sich um Lynchs ersten Kinofilm handelt. Es brauchte 5 Jahre bis der Film fertiggestellt wurde und enthält sehr viele biographische Fakten. Es ist daher wohl David Lynchs persönlichster Film und gleichzeitig auch sein persönlicher Liebling.

Das zweite Beispiel BLUE VELVET, ist Lynchs vierter Film. Er wurde nach DER ELEFANTENMENSCH und DUNE – DER WÜSTENPLANET veröffentlicht. Die Idee dazu entstand jedoch schon nach den Dreharbeiten zu ERASERHEAD. Es liegen also neun Jahre zwischen der Veröffentlichung von ERASERHEAD und BLUE VELVET und beide gelten bis heute als Kultfilme. Besonderer Wert wurde bei dieser Arbeit vor allen auf den Charakteren, wiederkehrenden Elementen und der erschaffenen Welt gelegt.

2. Das Leben des David Lynch

Um nun die Filme von Lynch auf seine besondere Handschrift untersuchen zu können, muss man zunächst einiges über den Menschen David Lynch wissen. Vieles aus seinem Leben und die Sicht auf verschiedene Dinge spielt in seinen Filmen eine wichtige Rolle.

Er ist bekannt für seine meist düsteren und surrealen Werke, die bis heute kontrovers diskutiert werden. Seine Vorstellung von Kino sind: „Gegensätze, die miteinander tanzen“[1]

Daher kam für ihn konventionelles Kino mit Happy End und einer -am besten so leicht wie möglich zu verstehenden Handlung- nie in Frage. In seiner Welt müssen Tabus gebrochen, Konventionen über den Haufen geworfen und augenscheinlich verschiedene Dinge zusammen gebracht werden.

Schöne Dinge, die bei genauerem Hinsehen hässlich werden und hässliche Dinge, die bei genauerer Betrachtung ihre wahre Schönheit offenbaren.

Dieses sind grundsätzliche Themen, die in fast allen seinen Filmen eine zentrale Rolle einnehmen. Fragt man Lynch selber nach einer Analyse seiner Filme, lehnt er dieses stets vehement ab.[2] Er will keine Gründe für seine Filme nennen und diese erst recht nicht verraten.

Er zeigt, was in seinem Kopf vorgeht und möchte seine Werke auf jede Person einzeln wirken lassen, ihr eigene Denkanstöße geben und sie nachdenken lassen, anstatt etwas zu erklären.

Die Zeit in der wir jetzt leben, wo alles eine Erklärung und am besten einen Kommentar des Regisseurs braucht, sind für Lynch ein Graus.

„Es ist wie mit einem toten Autor: Man liest sein Buch, man kann ihn nicht mehr fragen und hat trotzdem viel von dem Buch. Es spielt keine Rolle, was er sich gedacht hat.

Es wäre vielleicht ganz interessant , aber es spielt wirklich keine Rolle. Was ich Ihnen über meine Intensionen bei meinen Filmen erzählen könnte, ist irrelevant.“[3]

Auch Träume spielen eine wichtige und immer wiederkehrende Rolle für ihn. Er sieht sie als eine völlig neue Welt, die man in seinem Kopf erschaffen kann. Sie sind mysteriös und haben viel mit unterbewussten Eindrücken zu tun. Allerdings kann man sie nur schwer oder gar nicht kontrollieren.

Daher mag er lieber seine Gedanken im wachen Zustand einfach schweifen lassen, um in einen „Tagtraum“ ähnlichen Zustand zu geraten.

„Also, man kann sich in einen Sessel setzen - ich sitze furchtbar gern im Sessel und döse - und davon schweben. Manchmal, vor allem wenn ich einschlafe oder mit geschlossenen Augen dasitze … schwebe ich durch diesen speziellen Raum, in dem die Bilder von selbst auftauchen, ohne mein Zutun. Sobald ich darüber nachdenke, ist es vorbei."[4]

Keines seiner Werke entstand mit dem Gedanken an großen Profit, sondern weil er das Gefühl hatte, er müsse sie einfach machen.

Wenn Lynch ein Angebot für einen Film bekommen würde, der ihm gefällt mit Aussicht auf viel Profit, aber zu wenig Überblick auf das Ergebnis und den Final Cut hätte, würde er ihn nicht machen.

Eine Lehre, die er aus seinem zweiten Film DER ELEFANTENMENSCH und am meisten aus seinem dritten Film DUNE – DER WÜSTENPLANET zog.

Zu DUNE sagt Lynch :

„Je mehr eine Arbeit dem Ende zugeht, desto mehr projiziere ich meine Ängste hinein. Ich habe sie nicht nur zigmal gesehen, mir fallen plötzlich alle Fehler auf. (...) Ich habe keine Augen mehr für den Film. Ich sehe nur noch Angst und Schrecken. Jetzt, am Ende der Arbeit bin ich halb Wahnsinnig und gestehe mir meine Not nicht einmal ein. Ich versuche, mich mit einem mentalen Trick davon zu befreien. Deshalb habe ich den Abschluss des Films völlig verdrängt. Ich glaube, die Sache war mir schon entglitten, bevor wir das Schneiden begannen.“[5]

Er gibt an dieser Film war seine eigene private Hölle.

3. Lynchs Kindheit und erster Kontakt zum Film

Nun könnte man nach den Erkenntnissen über David Lynch und im Hinblick auf sein Filmwerk leicht vermuten, er sei ein trauriger oder gestörter Mensch. Viele Kritiker haben oft einen Zusammenhang zwischen einer schlimmen Kindheit und seinen Filmen vermutet.

Einige der Elemente die Lynch benutzt, weisen auch tatsächlich auf eine gestörte Kindheit hin. Zum Beispiel entsprechen sehr viele der Hauptfiguren dem klassischen „Außenseiter“ und es geht oft um gestörte Verhältnisse. Lynch streitet verstörende Erlebnisse in seiner Kindheit jedoch ab und beteuert, dass er in einem guten Haushalt aufgewachsen sei.[6]

Auch die Bekannten von Lynch bestätigen das. Woher er dennoch ein so gutes Einfühlungsvermögen für Situationen und Charaktere hat, kann er selber nicht beantworten.

„Übrig bleibt der unübersehbare Widerspruch, dass ein normaler Mensch derart abwegige Filme macht; dass ein humorvoller, charmanter, volksnaher Regisseur immer wieder unter den Stein schaut, um (...) Finsternis und Verfall ans Tageslicht zu befördern.“[7]

Und genau diese Widersprüche sind das, was David Lynch bis heute ausmachen.

Geboren wurde er am 20.01.1946 in Missoula, Montana.

Nach seiner Geburt zog seine Familie allerdings recht schnell nach Sandpoint, Idaho. Sein Vater war als Wissenschaftler für das Landwirtschaftsministerium tätig und wurde deshalb oft versetzt, was die Familie zu häufigen Umzügen zwang. Als David 14 Jahre ist, hat er bereits in 5 verschiedenen Staaten gelebt. In dieser Zeit entdeckt er auch eines seiner größten Hobbys: Die Kunst.

Nachdem Lynch entdeckt hat, dass man mit Kunst Geld verdienen kann und es ein richtiger Beruf ist, entschloss er sich diverse Kunsthochschulen zu besuchen, die er aber alle abbrach, weil sie ihn nicht inspirierten.

Später stellte seine Familie auch noch die finanzielle Unterstützung ein, was ihn dazu zwang sich mit kleineren Nebenjobs über Wasser zu halten.

1966 studierte Lynch erneut an einer Kunstschule in Bosten und schloss diese 2 Jahre später ab. In dieser Zeit stellte er fest, dass ihm beim Malen Bewegung und Ton fehlten und so kam er zum Film.

„Und wie ich so die Figur auf dem Bild betrachtete, höre ich plötzlich einen Atemzug und sehe eine kleine Bewegung. Da wünschte ich mir, dass sich das Bild wirklich bewegen könnte, nur ein ganz kleines bisschen. Und das war es dann.“ (S. 54)

1967 heiratete Lynch seine Frau Peggy Raevey und ein Jahr später wurde seine Tochter Jennifer geboren. Die Situation plötzlich eine Frau und ein Kind ernähren zu müssen überforderte David und warf ihn total aus der Bahn seines bisher so „leichtfüßigen“ Lebens.

Dieses Befinden wird später auch noch eine große Rolle für seinen Film ERASERHEAD spielen. Während den Dreharbeiten 1974 trennten sie sich. Seine Frau Peggy, die ihm auch bei ERASERHEAD behilflich war, sagte danach „mit David Lynch zusammen zu leben, ist ein Haufen Arbeit.“[8]

4. Charakter und besondere Merkmale

Viele schließen aufgrund der Filme, die sie von David Lynch sehen darauf, dass er ein alter, verschrobener, kranker Mann ist und setzten sich nicht weiter damit auseinander. In Wirklichkeit steht seine Außenwirkung aber im heftigen Gegensatz zu den Inhalten seiner Filme.

Menschen die ihm nahestehen beteuern immer wieder, wie sehr sie sein lautes Lachen und seine Freundlichkeit schätzen.[9] Warum er also diese ganzen Bilder in seinem Kopf hat, die ihn immer wieder dazu bringen sie verfilmen zu wollen, weiß nur er selber.

Dieses Phänomen, bei genauerer Betrachtung ganz anders auszusehen als zuvor, korrespondiert allerdings hervorragend mit seiner Weise die Welt zu sehen.

„ Ein National Geographic-Photo von einem Garten ist etwas Wunderschönes.

Eine Fichte vor einem blauen Himmel mit weißen Wölkchen geht ans Herz. Blickt man allerdings genauer hin, sieht man, was ein Baum alles durchstehen muss, um so groß zu werden. (...) Aber aus dem Kirschbaum tropft eine zähe Masse – manchmal schwarz, manchmal gelb, und Millionen Ameisen krabbeln darauf herum. Ich erkannte, das man bei genaueren hinsehen unter dieser Idylle immer rote Ameisen entdeckt. Weil ich in einer heilen Welt aufwuchs, empfand ich das Andere als Kontrast.“[10]

Dieser Kontrast der dadurch entsteht, ist bis heute eines der wichtigsten Themen in seinen Filmen.

Eine weitere Sache, die daraus hervorging und der Tatsache das Lynch früher nie lange an einem Ort gelebt hat, ist sein besonders Verhältnis gegenüber Häusern.

Schon in seinen ersten Bildern, die er malte als er noch ein Kind war, erkennt man das Häuser und Gärten eine wichtige Rolle spielten. Er malte sie im Vergleich zu anderen Dingen auf dem Bild überdurchschnittlich groß, so dass sie bedrohlich wirkten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Shadow of a Twistet Hand Across My House, von David Lynch

Lynch sagt über seine Bilder:

„Im Haus kann viel schief gehen. Als Kind empfand ich unser Haus als klaustrophobisch, aber nicht weil ich schlechte Eltern gehabt hätte. Ein Haus ist wie ein Nest – es taugt nur für gewisse Zeit.“ [11]

Auch als Lynch später mit seiner neu gegründeten Familie in ein großes Haus in Philladelphia zieht, welches sich aus finanziellen Gründen jedoch in einer schlechten Wohngegend befindet, fühlt er sich dort nicht wohl.

„Ich erzähle den Leuten immer, das Einzige, was uns vor der Außenwelt beschützte, waren die Ziegelmauern. Dabei hätten die genau so gut aus Papier sein können. Das Gefühl, dauernd in Gefahr zu sein, war extrem, wir lebten in ständiger Angst. Um uns herum gab es Gewalt, Hass und Dreck.“ [12]

Diese Ängste schlagen sich ganz deutlich in seinen Filmen nieder, in denen Häuser oder Gärten meist nicht den gesuchten Schutz bieten und oft nicht das zu sein scheinen, was sie vorgeben.

4.1 Die Farbe schwarz

Seine ersten Bilder waren alle fast komplett in Schwarz und dunklen Grautönen gehalten. Auf die Frage warum er denn keine anderen Farben benutze, antwortete er:

„Ich wüsste nichts damit anzufangen. Farbe ist für mich zu real. Sie lässt wenig Platz für Träume. Je mehr Schwarz man zu einer Farbe mischt, um so mehr Traumqualität bekommt sie. Eine Tube Kadmiumgelb auf 500 Tuben Schwarz – das wär vielleicht ´ne Möglichkeit.“[13]

Auch seine Kurzfilme mit denen er sich an Filmschulen bewarb, waren sehr dunkel gehalten. Selbst ERASERHEAD hätte, wenn Lynch es gewollte hätte, in Farbe gedreht werden können.[14] Sein erster Film, der aus dieser Kategorie ausbrach war BLUE VELVET.

Der Grund für diese Liebe zur Farbe Schwarz ist, dass sie einem nichts vorgibt und man alle seine Gedanken darauf projizieren kann.

„Schwarz hat Tiefe. Schwarz ist wie eine kleine Pforte. Man tritt ein, und vieles, was da drinnen vor sich geht, manifestiert sich. Man sieht das, wovor man Angst hat. Und das, was man liebt, wie in einem Traum.“ [15]

4.2 Lynchs als Regisseur

Auch in seiner Rolle als Regisseur setzt Lynch darauf, viel Spielraum zu haben. Für ihn ist das größte Kriterium an seinen Filmen, dass sie „stimmen“ müssen.

„(...) Genau so ist es bei einer Filmszene: Sie steht vielleicht nicht im Drehbuch, aber wenn man sie vor Augen hat, ist alles im Fluss. Wenn ein Satz beim Drehen nicht funktioniert, ändert man ihn- man merkt, wie er lauten muss. Man merkt, dass das Licht so und nicht anders sein muss, ebenso das Tempo. Die Szene spricht mit dir. (...) Man muss ganz in dieser Welt sein.“[16]

[...]


[1] Rodley, Chris (Hrsg.). Lynch über Lynch. Frankfurt 1998. S. 2

[2] http://www.davidlynch.de

[3] Rodley, Chris (Hrsg.). Lynch über Lynch. Frankfurt 1998. S.45

[4] Rodley, Chris (Hrsg.). Lynch über Lynch. Frankfurt 1998. S.30

[5] Ebd. S.149

[6] http://www.moviemaze.de/celebs/85/1.html

[7] Rodley, Chris (Hrsg.). Lynch über Lynch. Frankfurt 1998. S.11

[8] Rodley, Chris (Hrsg.). Lynch über Lynch. Frankfurt 1998. S.

[9] http://www.davidlynch.de

[10] Rodley, Chris (Hrsg.). Lynch über Lynch. Frankfurt 1998. S.27

[11] Rodley, Chris (Hrsg.). Lynch über Lynch. Frankfurt 1998. S.26

[12] Ebd. S.62

[13] Ebd. S.36

[14] Fischer, Robert. David Lynch. Die dunkle Seite der Seele. München 1997. S.46

[15] Rodley, Chris (Hrsg.). Lynch über Lynch. Frankfurt 1998. S.36

[16] Ebd. S. 44

Details

Seiten
26
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668202986
ISBN (Buch)
9783668202993
Dateigröße
855 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320452
Institution / Hochschule
SAE Institute, Hamburg
Note
1,1
Schlagworte
Facharbeit David Lynch Eraserhead blue velvet film mindfuck surreal

Autor

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