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Umberto Ecos "Das Foucaultsche Pendel". Der Einfluss von Kabbala-Lehre und digitalen Texterzeugnissen auf den Aufbau

Über das unabsichtliche Erzählen einer Geschichte oder die schöpferische Kraft der Buchstaben

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Literaturwissenschaft - Moderne Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Allgemeine Bergriffe

Die zehn Sefirot

Symbolisches Verstehen von Texten

Abulaifia und die Stochastischen Texte

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung:

"Jüfttaltzt wollüftaln wir makschufl süftalhüftaln, wakschufts Akschufbu für Sakschufchüftaln makschufchüftaln kakschufnn: ich schrüftalbüftal diüftalsüftaln Sakschuftz, güftalbüftal Akschufbu sadokschufnn düftaln Büftalfüftalhl, akschufllüftal >>akschuf<< mit >>akschufkschuf<< und akschufllüftal >>üftal<< mit >>üftakschufl<< zu üftalrsüftaltzüftaln, und hüftalrakschufuskommt üftaltwakschufs quakschufsi fakschufst Türkischuüftals."

Eco, Umberto: Das Foucaultsche Pendel, dtv, München 1992, S.35.

Wahrscheinlich könnten mir die meisten Leute nicht sagen worum es in dem kurzen Textauschnitt den sie gerade gelesen haben geht. Dies könnte zum Beispiel daran liegen, dass er entweder in einer Sprache verfasst ist, die sie nicht verstehen, oder die Worte im Text eigenlich für andere Worte stehen und es ihnen lediglich am Schlüssel mangelt, um die geheime Botschaft des Textes zu entziffern. Kurz gesagt, der Text ist von einem Geheimnis umgeben. Was das für ein Geheimnis ist, werde ich nicht verraten. Denn ein Geheimnis besitzt nur solange Macht, wie sein Inhalt unbekannt bleibt. Darum und um vieles mehr geht es in Umberto Ecos Buch "Das Foucaultsche Pendel", mit welchem ich mich in dieser Arbeit auseinander setzen werde. Mir geht es dabei vorrangig darum, darzustellen, wie die Lehren der Kabbala und digitale Texterzeugnisse den Aufbau des Buches beeinflussen. Dazu werde ich zunächst die beiden eben genannten Begriffe näher eingrenzen. Danach soll es um das System der zehn Sefirot gehen. Dies wird den größten Teil der Arbeit ausmachen. Darauf folgend werde ich den Umgang mit Texten seitens der Kabbalisten und der drei Hauptfiguren im Buch betrachten und zum Schluss auf die besondere Rolle des Computers Abulafia eingehen. Dabei werde ich die Gemeinsamkeiten der Arbeitsweisen zur Textgenerieung im Buch und von Theo Lutz und Rul Gunzehäuser aufzeigen. Um ein einfacheres Lesen dieses Textes zu ermöglichen, gebe ich meine Textverweise in Fußnoten an.

Allgemeine Begriffsklärung:

Unter dem Begriff digitale Texterzeugnisse verstehe ich sämtliche Texte, die mittels eines Computers hergestellt werden. Angefangen bei einfachen Niederschriften, welche anstatt per Hand am Computer verfasst sind, wie zum Beispiel eine Einkaufsliste, bishin zu Texten, die per Zufallsprogramm aus Fragmenten anderer Texte neu genriert werden oder wie Eco es beschreibt: "[...] Trallala - Schreibexperimente ...".1 Auf letztgenanntes werde ich weiter unten im Text noch näher eingehen. Kommen wir nun zum Begriff der Kabbala.

Neben der weltlichen Verwendung, wie zum Beispiel als Kennzeichen des Empfangsschalters (Kabbala) in Hotels oder als Bezeichnung der Sprechstunde (sche'at kabbala) eines Professors2, gibt es noch einen älteren religiösen Gebrauch. Eine für uns entscheidende Verwendung des religiösen Begriffs Kabbala, findet sich im Talmudtraktat Avot, welcher wahrscheinlich im 2. Jahrhundert u.Z. verfasst wurde. In diesem wird die Überlieferungskette der religiösen Bildung und des jüdischen Rechts, welche über Genarationen weitergegeben wurden, beschrieben. Dabei ist der Ausgangspunkt Moses, der die Torah am Sinai empfing und sie weitergab. Ausgehend davon bekommt der Begriff Kabbala die Bedeutung der heiligen Überlieferung des göttlichen Ursprungs zugeschrieben. Kabbala beschreibt in diesem Zusammenhang also den Ursprung und die Weitergabe der göttlichen Wahrheit ohne dabei ein bestimmtes Thema zu betonen.

Wichtig ist es sich die Bedeutungdifferenz der beiden Begriffe Kabbala und Mystik vor Augen zu halten. So wird Mystik im jüdischen religiösen Kontext mit individuellen und originellen Visionen und Erfahrungen verknüpft, während Kabbala für eine deindividuallisierte religiöse Wahrheit, welche durch Tradition empfangen wird, steht.3 Im 13. Jahrhundert wurde der Begriff dann durch jüdische Esoteriker und Mystiker, welche vorgaben im Besitz geheimer Überlieferungen, bezüglich der Bedeutung, antiker Texte und der heiligen Schrift zu sein, erweitert. Diese Gruppen bezeichneten sich selbst u.a. als jode'e hen, was so viel bedeutet wie: "jene, die die geheime Weisheit kennen4 ". Der Begriff Kabbala bzw. Kabbalisten stand in der folgenden Zeit, besonders in den darauf folgenden Jahrzehnten, für diese Gruppen. Die alte Bedeutung ging jedoch nicht verloren, sie trat nur in den Hintergrund. Wichtig ist zu verstehen, dass diese Gruppen die göttliche Wahrheit als ewig betrachteten, d.h., die Kabbala kann nur neu entdeckt oder empfangen, nicht aber durch Kreativität erweitert werden.5 Im Laufe der Geschichte wird die Bedeutung des Begriffs dann immer weiter ausgedehnt und zunehmend aus dem explizit jüdischen Kontext gelöst. So wurden auch christliche und generell geistige Erscheinungen mit dem Begriff der Kabbala verbunden.6 Seit dem 17. Jahrundert wurde in Europa der Begriff Kabbala für alles, was mysteriös, antik und irgendwie gefährlich war, synonymhaft verwendet, ohne dabei auf eben aufgezeigten Ursprünge bezug zu nehmen. ">>Kabale<< wurde als Begriff für die Machenschaften einer geheimen Gruppe von Menschen benutzt, die etwas Böses im Schilde führen."7 Dies soll zunächst als begriffliche Grundlage reichen. Auf weitere Ausführungen zum Thema Kabbala, von denen es viele gibt, werde ich eingehen, wenn sie mir nötig erscheinen.

Was haben nun die eben genannnten Dinge mit Umberto Ecos Buch zu tun? Alles oben Beschriebene findet sich im Foucaultschen Penedel wieder und trägt wesentlich zur Struktur des Buches bei. Die digitalen Texterzeugnisse begegnen uns als sogenannte files wieder. Dabei handelt es sich um ein "Pseudo - Tagebuch"8, das Belbo (einer der drei Hauptcharaktere) an seinem Computer, welchen er Abulafia nennt, verfasst. In diesen digitalen Dokumenten vermischen sich die persönlichen Erfahrungen der Figur, zum Beispiel Kindheits- und Jugenderinnerungen9, mit Textvariationen und intertextuellen Anspielungen.10 Besonders interessant ist, dass in diesen files eine Verschiebung bzw. eine Rezentrierung der homodiegetischen Erzählinstanz, genauer gesagt des Ich-Erzählers, vollzogen wird. Der Großteil des Plots wird als Erinnerung an vergangene Geschehnisse des Protagonisten Casaubon erzählt. Dies äußert sich auf der textlichen Ebene durch die Verwendung des Tempus Präteritum, welches nur zum Ende hin gelegntlich durch Präsens (z.B. "Der Text hat Lücken, [...] Ich rekonstruiere ihn mehr, als daß ich ihn lese, ich lebe ihn nach.")11, durchbrochen wird. In den files wird nun die Figur des Casaubon zum fiktiven Leser: "Unter Abulafias files hatte ich einen Text gefunden, der von drei Fluchten erzählte."12, und die Figur des Belbo zum Ich-Erzähler: " Bin ich vor der Polizei weggelaufen, oder erneut vor der Geschichte?"13 Ich werde später im Text noch genauer auf das Verhältnis von Abulafia und Belbo eingehen.

Kommen wir nun zu den Elementen der Kabbala. Diese sind im Buch der zentrale Punkt und es würde noch einmal zu einem Buch führen, wenn man alle Kontaktpunkte beschreiben wollte. Ich werde deswegen an dieser Stelle nur einige exemplarische Beispiele nennen. Die oben erwähnte Bedeutung des Wortes Kabale, findet sich bereits im Großen Plan, welcher den drei Protagonisten Casaubon, Belbo und Diotallevi von Oberst Ardenti als Muskrikpt vorgelegt wird, wieder. Dieser berichtet ein Schriftstück entdeckt und dechiffriert zu haben, was ihm den geheimen Plan der Templer, die Erlangung der Weltherrschaft nach ihrer Auflösung 1307, enthüllt hätte.14 Hier spiegelt sich auch die Bedeutung des Empfangens wieder, da sich der Oberst nach seiner Selbstdarstellung den Plan nicht ausgedacht hat, sondern ihn entdeckt hat. Das heißt, die "Wahrheit" hatte sich ihm offenbart. Auch die drei Helden arbeiten hingebungsvoll kreativlos an der Wahrheit. "Die Göttliche Wahrheit ist ewig und steht jedem offen,[...]".15 "Nein, ehrlich, Casaubon, ich erfinde nichts, [...]. Also bitte, wann hätten wir jemals was erfunden? Wir sind immer von objektiven Fakten ausgegangen, in jedem Fall von allgemein zugänglichen Daten."16 Dies soll zunächst als Beispiel genügen. Im nächsten Kapitel wird es um die zehn Sefirot und ihren strukturellen Einfluss auf den Roman gehen.

Die zehn Sefirot:

Sieht man sich das Inhaltsverzeichnis des Romans an, so fällt auf, dass die einhundertzwanzig Kapitel nocheinmal in Zehn Oberkapitel eingeteilt sind. Diese Tragen für einen Goi (Jiddisch für Nichtjude)zunächst ungewöhnliche Namen: Kether, Chochmah, Binah, Chessed, Geburah, Tifereth, Nezach, Hod, Jessod und Malchuth. Dies sind die Namen der zehn Sefirot. Die Schreibweise für diese Begriffe variiert in der Literatur, deswegen werde ich sie wie im Roman verwenden. Was aber sind nun die Sefirot? Dies lässt sich nicht genau bestimmen, da "jeder Kabbalist dieses Thema auf seine eigene Weise versteht und akzentuiert."17 Ursprünglich bedeutete das hebräische Wort sefîrah "Zählung" bzw. "zahlenmäßige Folge", wurde dann später aber auf das griechische Wort sphaira (Sphäre) bezogen.18 Eine der einflussreicheren Darstellungen des Sefirotsystems ist von anthropomorpher Gestalt. Dabei stehen die ersten drei Sefirot (Kether, Chochmach, Binah) für den göttlichen Kopf, die vierte und fünfte (Chessed, Geburah) für die Arme, die sechste (Tiffereth) für den Körper und die Männlichkeit, die siebste und achte (Nezach, Hod) für die Beine, die neunte (Jessod) für den Phallus und die zehnte (Malchuth) für die weibliche göttliche Kraft in Form eines autonomen Körpers.19

Ein anderes System stellt die Sefirot als die Phasen der göttlichen Emanation, also als die Entstehung aus sich selbst heraus, dar. Diese legt auch Umberto Eco seinen Figuren immer wieder in den Mund. "Diotallevi hatte es gesagt, die erste Sefirah ist Kether, die Krone, der Anfang, die ursprüngliche Leere. Als erstes schuf er einen Punkt, und es ward das Denken, worin Er alle Gestalten entwarf ..."20 Die zweite Sefira (Chochmah) beschreibt wie der göttliche Wille zur göttlichen Weisheit wird. "Dieser Göttliche Wille verwandelt sich in einen Plan, ein Programm für die Zukunft - das ist göttliche Weisheit (chochma)."21 Diese Verwandlung in einen Plan greift Eco dadurch auf, dass er den großen Plan im Abschnitt Chochmah das erste Mal erwähnt.

[...]


1 Eco, Umberto: Das Foucaultsche Pendel, dtv, München 1992, S. 45.

2 Dan, Joseph: Die Kabbala. Eine kleine Einführung, Reclam, Stuttgart 2012, S. 11.

3 Ebd.: S. 11-13.

4 Ebd.: S. 14.

5 Dan: Kabbala, 2012, S.13-16.

6 Ebd.: S. 18.

7 Ebd.: S. 102.

8 Eco: Pendel, 1992, S. 71.

9 Ebd.: S.71ff.

10 Ebd.:, S. 35, S. 85ff.

11 Eco: Pendel, 1992, S.738.

12 Ebd.: S. 138.

13 Ebd.: S. 138.

14 Ebd.: S. 162-181.

15 Dan: Kabbala, 2012, S.15.

16 Eco: Pendel, 1992, S. 601.

17 Dan: Kabbala, 2012, S. 68.

18 Maier, Johann: Die Kabbala. Einführung-Klassische Texte-Erläuterung, C.H. Beck, München 1995, S. 48f.

19 Dan: Kabbala, 2012, S. 69.

20 Eco: Pendel, 1992, S. 27.

21 Dan: Kabbala, 2012, S. 70.

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668194878
ISBN (Buch)
9783668194885
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320424
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Deutsche Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Umberto Eco; Das Foucaultsche Pendel; Max Bense Kabbala; Verschwörungstheorien Sefirot; Textpermutation

Autor

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Titel: Umberto Ecos "Das Foucaultsche Pendel". Der Einfluss von Kabbala-Lehre und digitalen Texterzeugnissen auf den Aufbau