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Der "Willehalm" Wolframs von Eschenbach. Entstehung und Bedeutung im historischen Kontext

Hausarbeit 2015 25 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Gliederung

0. Einleitung

1. Der ‚Willehalm‘
1.1. Inhalt
1.2. Historische Grundlage

2. Historischer Kontext der Entstehung
2.1. Die Kreuzzüge
2.2. Die Welfen und die Staufer
2.3. Entstehung des Werkes

3. Der Vergleich mit der altfranzösischen Vorlage
3.1. Begründung des Vorgehens
3.2. Die Änderungen zur Vorlage
3.3. Giburgs ‚Toleranzrede‘

4. Auswertung der Beobachtungen

5. Schluss

6. Bibliographie
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

Der ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach -

Im Licht der historischen Ereignisse

1 Einleitung

ÄDas sollte es auch möglich machen, klar zu sehen, daß der ‚Willehalm‘ in der Tat in eine Geschichte der ‚Humanität‘ gehört, die sich um eingebildete Epochengrenzen nicht schert.“1

Um Fragen zur Entstehung oder Absicht eines mittelalterlichen Textes zu beantworten, reicht eine rein textorientierte Erarbeitung häufig nicht aus. Es ist meiner Ansicht nach unerlässlich die historischen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Mit diesem Wissen erweitert sich die Perspektive auf den Text und es können neue Antworten generiert werden.

Im Willehalm werden u.a. der Umgang mit Heiden und der Kreuzzugsgedanke behandelt. Wie dabei die genaue Bewertung aussieht, ist umstritten. Die Forschung ist sich allerdings einig, dass der ‚Willehalm‘ inhumane Positionen durchaus in Frage stellt. Daraus ergibt sich die Frage, welches Ziel Wolfram damit bezweckte. War dies eine Einzelmeinung des Dichters Wolfram, war er politisch gesteuert oder gab es andere Gründe, die die Ansichten innerhalb des Textes begründen. Um diese Frage zu beantworten, muss interdisziplinär auf Texte von Geschichtswissenschaftlern zurückgegriffen werden. Denn die Bedeutung des Textes erschließt sich dem Leser meiner Ansicht nach nur, wenn man auch den historischen Kontext, der der Produktion zugrunde lag, betrachtet.

Zu diesem Zweck wird nach der Vorstellung des Werkes, die politische Situation der damaligen Zeit vorgestellt und es wird eine mögliche Ursache für die Entstehung des Werkes gegeben. Danach wird der ‚Willehalm‘ mit der altfranzösischen Vorlage verglichen. Denn es ist problematisch fiktive Motive des Werkes auf reale Ereignisse umzudeuten. Dies führt häufig zu simplen Analogieschlüssen. Es ist entscheidend herauszuarbeiten, welche Änderungen Wolfram vornahm. Um im nächsten Schritt diese Änderungen zu begründen und in einen historischen Kontext einzubetten.

Als Textgrundlage für die Analyse des ‚Willehalm‘ dient die Ausgabe von Werner Schröder (2003). Auch Texte von anderen mittelalterlichen Dichtern mit einer ähnlichen Thematik werden im Rahmen dieser Forschungsarbeit behandelt; die jeweilige Edition wird in den Fußnoten angegeben.

1. Der ‚Willehalm‘

1.1. Inhalt

Willehalm, ein enterbter Fürst, erobert die südfranzösische Stadt Oransche von Tybalt, einem heidnischen Fürsten. Dabei entführt er die Frau Tybalts Arabel. Sie konvertiert daraufhin zum Christentum, heiratet Willehalm und ändert ihren Namen von Arabel in Giburg um. Ein heidnisches (muslimisches) Heer unter Führung des Großkönigs Terramer fällt in Folge dieser Ereignisse in den Süden Frankreichs ein, um Giburg zu befreien.

In der ersten Schlacht von Alischanz erleidet das christliche Heer gegen die muslimische Übermacht eine vernichtende Niederlage; dabei wird der Neffe Willehalms Vivianz getötet. Willehalm schlägt sich danach bis nach Munleun zum Hof des französischen Königs Ludwig durch. Willehalm erbittet bzw. fordert Unterstützung für den Kampf gegen die Heiden. Diese Unterstützung wird ihm nach einigen Widerständen zugebilligt. Auch der heidnische Küchenjunge Rennewart, der von muslimisch-adliger Abstammung ist, wird Teil des christlichen Heeres. In der Folge kommt es zur zweiten Schlacht von Alischanz. Anfänglich sieht es so aus, als würden die Heiden abermals triumphieren; jedoch können die Christen das Blatt mithilfe Rennewarts noch wenden. Als die Heiden fliehen, verschwindet Rennewart spurlos vom Schlachtfeld. Willehalm lässt nach der Schlacht Milde walten und übergibt die Leichen der getöteten heidnischen Könige den Verwandten zur Überführung in die Heimat, damit sie nach heidnischem Brauch bestattet werden können. Willehalm will sich nun auf die Suche nach dem verschwundenen Rennewart machen. An dieser Stelle bricht die Dichtung Wolframs ab.

1.2. Historische Grundlage

Thematisch handelt das Werk von den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen während der islamischen Expansion im 8. Jahrhundert. Der historische Kern des Werkes basiert auf Wilhelm, einem Vetter Karls des Großen. Dieser wurde 789 von Karl zum neuen Grafen von Toulouse ernannt. In den nächsten Jahren war Wilhelm mit der Verteidigung Südfrankreichs beschäftigt. Zudem war er an den Spanienfeldzügen beteiligt. Dabei eroberte er 803 Barcelona und weitere Teile des Nordosten Spaniens. Nach diesem Erfolg wandte sich Wilhelm vom weltlichen Leben ab und ging ins Benedektinerkloster von Aniane. 804 gründete er selbst das Kloster Gellone und zog in sein neugegründetes Kloster, wo er 812 starb. Im Jahr 1066 wurde er heiliggesprochen.2

Die Quelle ist Bestandteil der ‚Chanson de geste‘. Sie wurde vor allem im 12. Jahrhundert niedergeschrieben im Kontext der Kreuzzüge. Die Fertigstellung des ‚Willehalm‘ wird grob auf das zweite Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts datiert. Diese Datierung ist nicht unumstritten, einige Forscher gehen von einem späteren Datum aus. Jedoch gilt die Produktion des Werkes von 1209 bis 1217 als der wahrscheinlichste Zeitraum.3

2. Historischer Kontext der Entstehung

2.1. Die Kreuzzüge

Das Werk entstand vor dem Hintergrund der Kreuzzüge. In der höfischen Epik des deutschen Mittelalters gibt es bloß zwei Werke, die sich thematisch mit den Kriegen gegen die Heiden auseinandersetzen, zum einen der Willehalm und zum anderen das Rolandslied des Pfaffen Konrad.4

Der ursprüngliche Kreuzzugsgedanke entstand 1095. Papst Urban II. rief in der Synode von Clermont zum ersten Kreuzzug auf und begründete damit die Kreuzzugsideologie5. Diese beinhaltet die Idee von einem ‚gerechten Krieg‘ (bellum iustum). Da das Christentum auf Gewaltlosigkeit beruht, war eine Rechtfertigung des Krieges notwendig. Drei Kriterien mussten erfüllt sein, damit es ein ‚Gerechter Krieg‘ war. Zum einen musste ein gerechter Kriegsgrund vorliegen, beispielsweise die Verteidigung vor feindlichen Aggressoren. Des Weiteren mussten gute Absichten mit dem Krieg verbunden sein, z.B. durch die Wiederherstellung von Stabilität und Frieden. Und zuletzt musste eine Autorität (Papst oder Kaiser) den Krieg legitimieren. Im Fall der Kreuzzüge waren diese Kriterien für die Christen erfüllt, da sie das christliche Byzanz von den Muslimen bedroht sahen und die Eroberung Jerusalems als gottgefälliges Ziel ansahen.6

Im Sommer 1096 begann der erste Kreuzzug. Im Juli 1099 konnten die europäischen Kreuzfahrer unter Gottfried von Bouillon Jerusalem erobern und richteten unter der ansässigen Bevölkerung ein Massaker an. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten etablierten sich Kreuzfahrerstaaten entlang der Levante.7

Im Jahre 1144 gab der Fall der Stadt Edessa Anlass, um einen erneuten Kreuzzug zu starten. Papst Eugen III. (1145-1153) rief zur Unterstützung der bedrohten Kreuzfahrerstaaten auf. Diese Schlacht war aus Sicht der Christen ein großer Misserfolg. Sie wurden militärisch besiegt. In der folgenden Zeit verschärfte sich die Situation für die Kreuzfahrerstaaten.8

Die nächste große Schlacht im Heiligen Land war die Schlacht von Hattin (1187). Die schwergepanzerten europäischen Ritter wurden von den beweglicheren leichtgepanzerten Muslimen besiegt. In Folge dieser Schlacht ging Jerusalem für die Christen verloren. Der Verlust der heiligen Stadt und auch der wichtigsten Reliquie der Christen, das Heilige Kreuz, war ein schwerer Schlag für die europäischen Christen. Daraufhin rief Papst Gregor VIII. zum dritten Kreuzzug auf. Ein großes Heeresaufgebot kam zu diesem Kreuzzug zusammen. Die wichtigsten Mächte Europas beteiligten sich an diesem Kreuzzug zur Rückeroberung Jerusalems - König Philip II. Augustus von Frankreich, König Richard I. Löwenherz von England und Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Trotz des großen Heeresaufgebots konnten die Kreuzfahrer Jerusalem nicht zurückerobern. Zumal der Kaiser Friedrich Barbarossa bereits auf der Anreise ins Heilige Land überraschend starb. Zudem gab es interne Streitigkeiten zwischen den beiden verbliebenen Herrschern von Frankreich und England. Richard gelang zwar ein Achtungserfolg mit der Schlacht von Akkon. Letztlich wurde jedoch ein Friedensvertrag zwischen Saladin und Richard geschlossen, der die Pilgerwege nach Jerusalem für Christen für drei Jahre sicherte. In den kommenden Jahren nach dem dritten Kreuzzug kam es immer wieder zu kleineren Kreuzzügen. Der ursprüngliche Kreuzzugsgedanke, der die Rückeroberung der Heiligen Stätten zum Ziel hatte, rückte immer weiter in den Hintergrund und machtpolitische Erwägungen wurden zunehmend bedeutsamer. Besonders drastisch zeigt sich dies an dem 4. Kreuzzug (1202-1204). Anstatt das muslimische Ägypten anzugreifen, wurde trotz Kritik des Papstes das christliche Konstantinopel belagert und geplündert.9

2.2. Die Welfen und die Staufer

Die konkrete Situation innerhalb des Heiligen Römischen Reiches zur Zeit der Entstehung des Willehalms war politisch bestimmt von dem Konflikt zwischen den Staufern und Welfen. Nachdem Heinrich VI. im Jahr 1197 überraschend starb, entstand ein Machtvakuum. Der alte Konflikt zwischen den beiden Adelshäusern der Welfen und der Staufer brach erneut aus. Die Welfen krönten Otto von Braunschweig zum römisch-deutschen König. Die Staufer ließen Philipp von Schwaben den jüngeren Bruder von Heinrich VI. als dessen Nachfolger auf den römisch-deutschen Thron krönen. Der einzige legitime Sohn Heinrichs Friedrich war zu diesem Zeitpunkt erst zwei Jahre alt und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Süditalien, wo er zum König von Sizilien gekrönt wurde. Der Papst der damaligen Zeit war Innozenz III. Er konnte den frühen Tod Heinrichs VI. und die damit verbundene Schwächung der Krone ausnutzen, um die Machtstellung der Kurie ausbauen. Zudem war der Papst ein Unterstützer der Kreuzzugsideologie. Er rief nach dem Tod des Kaisers und gleich zu Beginn seiner Amtszeit zu einem neuen Kreuzzug auf. Dieses Anliegen wiederholte er in den Folgejahren immer wieder.10

Im Streit um die Krone fiel dem Papst naturgemäß eine Schlüsselstellung zu und die beiden Könige auf dem Thron mussten auf die Unterstützung des Papstes hoffen. Zunächst unterstützte der Papst die Welfen mit Otto IV, da dieser ihm die Erfüllung aller Forderungen der Kurie zugestand. Jedoch stieg die Gunst Philipps im Reich in den kommenden Jahren und so sah sich Innozenz gezwungen, 1208 einen Frieden mit Philipp auszuhandeln und zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln. Allerdings wurde Philipp noch im selben Jahr ermordet. Damit war die Krise vorerst beendet, da die staufische Partei keinen Anführer mehr besaß. Und Otto wurde nur ein Jahr später zum Kaiser gekrönt. Die Versprechungen, die Otto der Kurie gemacht hatte, wollte er nach seiner Krönung allerdings nicht einhalten. Dadurch erzürnte er den Papst und nach dem Versuch einer Invasion in Unteritalien, das unter päpstlichem Einfluss stand, exkommunizierte Innozenz den frisch gekrönten Kaiser im Jahr 1210. 1208 war Friedrich zudem nach damaligem Recht volljährig geworden und durfte fortan selbstständig regieren.11 Zuvor regierte seine Mutter Konstanze und nach ihrem Tod der Papst über das Königreich des noch unmündigen Kindes. Nachdem Otto in Ungnade gefallen war, unterstützte der Papst die Bemühungen Friedrichs gegen die Welfen. Dank der Unterstützungen der Kurie und der Frankreichs besiegte Friedrich seinen Konkurrenten Otto. Doch auch Friedrich machte Versprechungen an den Papst, von denen er nach seinem Sieg nichts mehr wissen wollte. Sizilien sollte Besitz der römischen Kurie sein. Allerdings erwies sich Sizilien in den folgenden Jahrzehnten als der Zankapfel zwischen der geistlichen und der weltlichen Macht. 1213 rief Innozenz zu einem erneuten Kreuzzug auf. Im November 1215 wurde das 4. Laterankonzil abgehalten, wo der Aufruf erneuert wurde und Friedrich ein Kreuzzugsversprechen abgab. Innozenz befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Auf dem Konzil wurde zudem Friedrich offiziell bestätigt und Otto angeklagt und verurteilt. Ein Jahr nach dem Konzil starb Innozenz, im Jahr 1216.12

Innozenz‘ Anliegen war es einen Kreuzzug in das Heilige Land zu starten und Jerusalem zurückzuerobern. Er reagierte anders als seine Vorgänger nicht auf neue ÄUntaten“ der Muslime, wie es bei den großen Kreuzzügen zuvor der Fall gewesen war. Vielmehr sah er die Bekämpfung des Islams als zentrale Aufgabe der Christenheit an.13 Die Kreuzzugsideologie veränderte sich in seiner Amtszeit; der Kampf gegen den Islam war kein Angebot mehr für Christen, womit Sünden vergeben werden konnten. Sondern es war die Pflicht eines jeden Christen.14

[...]


1 S. Heinzle, Heiden, 308.

2 Vgl. Greenfield, Willehalm, 31ff; Bumke, Wolfram, 375ff.

3 Vgl. Greenfield, Willehalm, 19ff.

4 Vgl. Bumke, Wolfram, 329.

5 Vgl. Jaspert, Kreuzzüge, 22ff.

6 Vgl. Ebenda 12ff.

7 Vgl. Ebenda 38ff.

8 Vgl. Ebenda 45ff.

9 Vgl. Ebenda 47ff.

10 Vgl. Houben, Kaiser, 28ff.

11 Vgl. Houben, Kaiser, 30ff.; Stürner, Kaiser, 14ff.

12 Vgl. Goez, Innocenz, 549ff.; Houben, Kaiser, 28ff.

13 Vgl. Menzel, Kreuzzugsideologie, 52ff.

14 Vgl. Ebenda 57ff.

Details

Seiten
25
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668195448
ISBN (Buch)
9783668195455
Dateigröße
834 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320351
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
Schlagworte
willehalm wolframs eschenbach entstehung bedeutung kontext

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