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Ethnologie als koloniale Wissenschaft? Der Einfluss der Völkerkunde auf die Kolonialpolitik des Kaiserreichs um die Jahrhundertwende 1880-1905

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Koloniale Situation im Kaiserreich der Jahrhundertwende

2. Ethnologie der Jahrhundertwende – Theorien und Strömungen
2.1 Evolutionismus
2.2 Diffusionismus

3. Das Verhältnis der deutschen Völkerkunde zum Kolonialismus

4. Ideologischer Beitrag

5. Handlungspraktischer Beitrag
5.1 Der deutsche Kolonialverein
5.2 Das Hamburger Kolonialinstitut
5.3 Die Hamburger Südsee-Expedition

Abschließende Bemerkungen

Quellen und Literaturverzeichnis

Einleitung

Konsolidierung kolonialer Herrschaft, sowie Institutionalisierung der Völkerkunde verlangen nicht zufällig der gleichen historischen Einordnung. So lassen sich im deutschen Kaiserreich die beginnende Professionalisierung der Disziplin, sowie der verstärkte Ruf nach kolonialer Betätigung jeweils auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts datieren[1]. Da die zeitliche Einordnung gegenseitige Beeinflussung, Wechselwirkungen und Schnittstellen vermuten lässt, sollen im Folgenden die Verbindungen der Wissenschaft zum gesamtgesellschaftlichen Umfeld herausgearbeitet und dabei die wirtschaftlich- politischen Rahmenbedingungen angemessen mit einbezogen werden. Im Zentrum meiner Betrachtung stehen die Beziehungen zwischen Ethnographie und Kolonialpolitik des kaiserlichen Deutschlands im Zeitraum von 1880 bis 1905.

Zum besseren Verständnis werde ich einleitend die koloniale Situation im Kaiserreich skizzieren, die theoretischen Grundlagen ethnologischer Denktradition um die Jahrhundertwende vorstellen und dabei die entscheidenden Theoreme der Zeit, Evolutionismus und Diffusionismus, mit einbeziehen. Anschließend soll das Verhältnis der Völkerkunde zum Kolonialismus herausgearbeitet werden, wo mir eine Unterscheidung zwischen deren ideologischem, sowie handlungspraktischem Beitrag sinnvoll erscheint. Auch werde ich versuchen, die wechselseitige Beeinflussung von der theoretischen Ebene zu abstrahieren und durch Fallbeispiele für Veranschaulichung und Nachvollziehbarkeit sorgen.

So soll der mögliche Widerspruch zwischen ethnologischem Erkenntnisgewinn und der Forschung im Zeichen kolonialer Belange aufgezeigt, sowie die Frage nach wissenschaftlicher Objektivität und interessensgeleiteter Forschung gestellt werden. Ob sich der Wirkungskreis der Ethnologie auf koloniale Belange und deren Legitimation reduzieren lässt oder wissenschaftliche Zielsetzungen ebenfalls eine Rolle gespielt haben, bedarf in jedem Fall einer kritischen Einordnung.

1. Koloniale Situation im Kaiserreich der Jahrhundertwende

Überseeische Expansion und koloniale Betätigung begannen im Kaiserreich vergleichs-weise spät. Noch bis in die 1860er Jahre, Träger eines informellen Wirtschafts-kolonialismus, wandelte sich das Selbstverständnis nun beständig in das einer Weltmacht[2]. Da im Laufe der 1880er Jahre zunehmend mehr Stimmen eine aktive Expansion forderten, begann jetzt eine Phase der aktiven Kolonialisierung[3]. Neben der Erschließung außereuropäischer Absatzmärkte, war der Kolonialenthusiasmus ebenfalls dem Abbau interner gesellschaftlicher Spannungen dienlich[4].

In Folge der Berliner Westafrika-Konferenz 1884/85 wird innerhalb weniger Jahre die vollständige Aufteilung des Kontinents vorgenommen und 100 Millionen Afrikaner gelangten unter europäische Herrschaft[5]. Diese, auf Vermittlung Bismarcks einberufene Konferenz, an welcher die Vertreter dreizehn europäischer Staaten, die USA und das osmanische Reich teilnahmen, sollte für alle den Zugang zu Handel und Mission vertraglich festlegen. Gleichzeitig wurden Kriterien zur völkerrechtlichen Anerkennung von Kolonialbesitz und Rahmenbedingungen für die Ausübung kolonialer Herrschaft fixiert[6], in Folge dessen der Wettlauf auf die bisher nicht besetzten Gebiete begann[7]. Übergeordnet sollte, durch die Annahme eines Zivilisierungsauftrages, die Verbesserung der Lebensbedingungen kolonialisierter Völker im Vordergrund stehen. Die beanspruchten Gebiete galten dabei als herrenloses Land, welches nun an Kolonialgesellschaften, Konzessionäre und Siedler vergeben werden konnte[8].

Auch dem Kaiserreich gelang es innerhalb der Jahre 1884-1890 Gebietsansprüche geltend zu machen und die folgenden Schutzgebiete wurden eingerichtet: Deutsch-Südwestafrika, Togo, Kamerun, Deutsch-Ost Afrika, sowie ein Teil Neuguineas[9]. Die dauerhafte Inbesitznahme der Erwerbungen gestaltete sich höchst konfliktreich und einer flächendeckenden Kontrolle ging meist die schrittweise und langsame Ausweitung der Herrschaft ins Landesinnere voraus[10].

2. Ethnologie der Jahrhundertwende – Theorien und Strömungen

Ethnologie und Völkerkunde, zur Jahrhundertwende noch relativ junge Wissenschaften, traten erst im ausgehenden Jahrhundert als selbstständige Disziplinen auf[11]. Schnell griffen die Ethnologen jedoch die Dominanz der Historiker in der deutschen akademischen Landschaft an und setzten deren textbasierter Vorgehensweise die naturwissenschaftliche Erforschung von Gesellschaften ohne Geschichte, sowie die Untersuchung materieller Erzeugnisse und Artefakte entgegen[12].

Aufschwung und eigentlicher Beginn sind jedoch auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zu datieren[13]. So wurden zwischen 1860 und 1880 die Grundlagen der vorklassischen Anthropologie überholt und evolutionistische Denkmodelle machten Schule. Im Zentrum der neuen Humanwissenschaft stand das Studium von Völkern, deren Erfassung und Analyse[14]. Zu den zentralen Schriften hier zählen das 1871 erschienene Werk Primitve Culture des britischen Anthropologen Edward Tylor, sowie Lewis Henry Morgans Ancient Society aus dem Jahre 1877[15]. Der Evolutionismus lieferte die Basis für die generelle Unterscheidung zwischen Natur- und Kulturvölkern, aufgrund unterschiedlicher Abhängigkeit von der physikalischen Umgebung, welche bis Anfang des 20. Jahrhunderts vorherrschte[16]. Als unangefochtenes Theorem der Zeit stand auch im Kaiserreich die völkerkundliche Auseinandersetzung im Zeichen evolutionistischer Denktraditionen.

Weitgehend einig waren sich die Ethnologen in der Ablehnung des Sozialdarwinismus[17], so spielten biologistische Annahmen bei ihnen keine entscheidende Rolle. Die Unterlegenheit kolonialer Völker liege vielmehr im Mangel an Kultur begründet und war somit keineswegs ein Produkt inhärenter biologischer Unterschiede. Nichtsdestotrotz dienten phänotypische Merkmale, wie die Schädelform eines Menschen, vielen Ethnologen zur Unterscheidung humaner Gruppierungen[18].

2.1 Evolutionismus

Evolutionisten postulierten das unilineare Fortschreiten menschlicher Gesellschaften entlang bestimmter technisch-ökonomischer Entwicklungsstufen. Nach dem US-amerikanischen Ethnologen Lewis Henry Morgan werden dabei Wildheit und Barbarei durch Wachstum und Fortschritt in allen Lebensbereichen[19], von der Zivilisation abgelöst. Alle Kulturen durchlaufen die gleichen Entwicklungsstufen von einfachen bis hin zu komplexen Gesellschaften[20]. In der evolutionistischen Denktradition entwickeln Kulturen unter bestimmten Bedingungen und den daraus resultierenden Praktiken ganz bestimmte kulturelle Merkmale und sind somit anhand der Hochwertigkeit materieller Güter und der Komplexität sozialer Verhältnisse mess- und klassifizierbar[21]. „ Die evolutionäre Ethnologie [ordnete dabei] die westliche Welt dem zivilisierten Pol eines historischen Kontinuums zu, während andere rezente Gesellschaften als Beispiele früherer Entwicklungsphasen der Wildheit oder Barbarei betrachtet wurden“[22], so Nash.

2.2 Diffusionismus

Für den untersuchten Zeitraum ebenfalls von Bedeutung sind die Arbeiten im Bereich der Ursprungs, Verbreitungs- und Entlehnungsforschung und ihre wichtigsten Vertreter Bernhard Ankermann, Fritz Gräbner, sowie Pater Wilhelm Schmidt[23]. Evolutionisten überschätzen, so der deutsche Ethnologe Leo Frobenius, die menschliche Erfindungsgabe und so steht bei den Diffusionisten die Verbreitung kultureller Elemente durch Diffusionsprozesse im Zentrum des Interesses[24]. Vertreter dieser Kulturkreislehre verbinden Höherentwicklung und zivilisatorischen Fortschritt mit der externen Zuwanderung kultureller Elemente und sehen diese als Folge von Migration und Kulturkontakt[25]. Kolonisation steht hier für die Ausbreitung höherwertiger Kulturelemente infolge interkultureller Begegnungen[26].

3. Das Verhältnis der deutschen Völkerkunde zum Kolonialismus

Die frühe deutsche Völkerkunde war gekennzeichnet durch die Ambivalenz zwischen kolonialpolitischer Vereinnahmung und wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn. So stand sie, in Folge der Reichsgründung 1871, welche die Voraussetzung für die kolonialistische Expansion schuf, zunehmend im Dienste herrschender Schichten und ihrer Interessen[27].

Die Institutionalisierung des Faches und die außereuropäische Expansion fallen dabei nicht zufällig übereinander, so Leclerc, sondern stehen für eine Beziehung der gegenseitigen Beeinflussung[28]. Schuf nicht erst die Notwendigkeit völkerkundlicher Untersuchungen zur Konsolidierung kolonialer Herrschaft die Voraussetzung für die wissenschaftliche Institutionalisierung der Disziplin und deren damit verbundenen Bedeutungsgewinn?

Da erst die koloniale Expansion den Zugang zu völkerkundlichen Studienobjekten ermöglichte[29], der Forschungsgegenstand der Zeit beschränkte sich auf Wilde, Primitive und Urgesellschaften[30], wurde die auf Feldforschung basierende Ethnologie erst im Rahmen der wissenschaftlichen Kolonisation sinnvoll, so Leclerc[31]. Schupp betont hier die Verdinglichung der Untersuchungsobjekte als eine Folge des Kolonialismus, welche dem ethnologischen Erkenntnisgewinn die optimalen Voraussetzungen liefere[32]. Auch Zimmermann sieht im Austausch zwischen Peripherie und Zentrum die entscheidende Voraussetzung für die Etablierung einer auf transnationalen Beziehungen beruhenden Disziplin[33]. Somit stehe diese von Anfang an in enger Wechselwirkung mit der Außenpolitik des Kaiserreichs[34]. Folglich sind imperialistische Kolonisation und die Konsolidierung des Fachs in ihrer historischen Dimension gleich einzuordnen, so Leclerc[35].

Darüber hinaus hebt Winkelmann die zunehmende Unterstützung und Förderung ethnographischer Forschung mit dem Anwachsen kolonialistischer Bestrebungen hervor, so wurde 1871 der erste Lehrstuhl für Ethnographie in Deutschland an der Universität Berlin eingerichtet. Außerdem entstand eine Vielzahl von Gesellschaften und Vereinigungen an der Schnittstelle zwischen Kolonialismus und Ethnologie, welche Winkelmann ebenfalls als Ausdruck zeitgenössischer Interessen ansieht. Beispielhaft kann hier die Deutsche Gesellschaft zur Erforschung Äquatorialafrikas angeführt werden, die auf Initiative des deutschen Ethnologen Adolf Bastian ins Leben gerufen wurde[36]. Auch Gothsch betont den Zusammenhang zwischen Völkerkunde und den politischen Realitäten der Zeit, wonach sich die Wertschätzung kolonialisierter Völker oft genug mit den realpolitischen Interessen europäischer Großmächte verband[37]. Die 1883 gegründete Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte stehe ebenfalls für diese enge Verzahnung. Da sich 180 der 500 Gründungsmitglieder aus Kaufleuten, Industriellen und Militärs zusammensetzten, lässt sich hier, nach Winkelmann, das intentiöse Arbeiten im Zeichen politischer und wirtschaftlicher Interessen kaum vermeiden[38].

[...]


[1] Vgl. Leclerc 1973: 8.

[2] Vgl. El-Tayeb 2001: 60 f.

[3] Vgl. Winkelmann 1966: 7.

[4] Vgl. Ebd.: 60 ff.

[5] Vgl. Gründer 2002: 19.

[6] Vgl. Ebd.: 22.

[7] Vgl. Gall 2004: 96.

[8] Vgl. Gründer 2002: 21 ff.

[9] Vgl. Gall 2004: 95.

[10] Vgl. Winkelmann 1966: 12.

[11] Vgl. Winkelmann 1966: 5

[12] Vgl. Zimmermann 2004: 193 f.

[13] Vgl. Leclerc 1973: 16.

[14] Vgl. Ebd.: 10.

[15] Vgl. Ebd.: 16.

[16] Vgl. Gothsch 1983: 218.

[17] Vgl. Zimmermann 2004: 195.

[18] Vgl. Ebd.: 204 f.

[19] Vgl. Leclerc 1973: 19.

[20] Vgl. Gothsch 1983: 219.

[21] Vgl. Leclerc 1973: 18.

[22] Nash 1975: 226.

[23] Vgl. Gothsch 1983: 240.

[24] Vgl. Ebd.: 222.

[25] Vgl. Winkelmann 1966: 95.

[26] Vgl. Ebd.: 89.

[27] Vgl. Winkelmann 1966: 5 ff.

[28] Vgl. Leclerc 1973: 19.

[29] Vgl. Zimmermann 2004: 197.

[30] Vgl. Leclerc 1973: 7.

[31] Vgl. Ebd.: 24.

[32] Vgl. Schupp 2002: 13.

[33] Vgl. Zimmermann 2004: 212.

[34] Vgl. Ebd.: 191.

[35] Vgl. Leclerc 1973: 16.

[36] Vgl. Winkelmann 1966: 7 f.

[37] Vgl. Gothsch 1983: 226.

[38] Vgl. Winkelmann 1966: 9.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668194540
ISBN (Buch)
9783668194557
Dateigröße
718 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320208
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
ethnologie wissenschaft einfluss völkerkunde kolonialpolitik kaiserreichs jahrhundertwende
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Titel: Ethnologie als koloniale Wissenschaft? Der Einfluss der Völkerkunde auf die Kolonialpolitik des Kaiserreichs um die Jahrhundertwende 1880-1905