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Das Massenphänomen der Hexenverfolgungen. Ursachen und Auslöser

Hausarbeit 2016 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das Massenphänomen der Hexenverfolgungen: Ursachen und Auslöser
1. Forschungshistorie: Angstkonjunktionen als Ursache für Hexenverfolgung
2. Aktuelle Forschung: Multidimensionale Ursachenklärung der Hexenverfolgung
2.1. Agrarkrise und kleine Eiszeit
2.2. Politische Bedingung
2.3. Gesellschaftlicher Kontext: Hexenprozesse als Katalysator

III. Konklusion

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die europäische Hexenverfolgung, die sich ausgehend von Frankreich über die Schweiz, Deutschland und das gesamte Zentraleuropa verbreitete, gehört sowohl zu den prominentesten, als auch zu den unrühmlichsten Kapiteln der Geschichte.[1] Es handelt sich hierbei um ein komplexes soziales Phänomen, das zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert, mit einem Höhepunkt zwischen 1560 und 1630, anzusiedeln ist.[2] Simple Erklärungen und monokausale Interpretationen sind in der heutigen Forschung nicht mehr Teil des dominanten Diskurses.[3] Neuere Forschungen betonen, dass die Hexenverfolgung nicht als Folge von Angst vor Magie in einer säkularisierten Welt anzusehen sind, sondern als Glauben an Magie, den Religion, Wissenschaft, Politik und Alltagskultur weitestgehend teilten.[4] Deshalb werden in der vorliegenden Arbeit die zentralen zeitgenössischen Ideen, Haltungen und Weltbilder des kulturhistorischen Kontextes aufgegriffen und zueinander in Bezug gesetzt, wobei der Fokus auf Elemente agrarischer, politischer, administrativer und gesellschaftlicher Art gelegt wird. Die Analyse der Kontextbedingungen wird helfen, die Frage zu erörtern, welche Faktoren dazu beigetragen haben, dass die Hexenverfolgung zu einem Massenphänomen ausarten konnte. Die Arbeit gliedert sich in fünf Teile. Zunächst wird die in der älteren Forschung vertretene These, die zeitgenössischen Krisen und die daraus resultierende Angst in der Bevölkerung sei die Ursache für die Verfolgungen, auf ihren historischen Gehalt geprüft. Anschließend wird untersucht, wie die Agrarkrise und die Kleine Eiszeit in Zusammenhang zu den Verfolgungswellen standen. Schwerpunkt dieser Arbeit ist es, zu untersuchen, wie die zeitgenössische politische Situation mit den Verfolgungen verknüpft war. Dabei wird der Fokus auf die staatlichen und administrativen Zusammenhänge gelegt. Hieran anschließend wird dargelegt, wie sich die gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Hexenjagden auswirkten.

Auffallend bei der Auseinandersetzung mit den Hexenverfolgungen ist die einseitig überlieferte Quellenlage, die wenig gesicherte Aussagen aus der Sicht der Verfolgten treffen lässt, sodass diese Arbeit ausschließlich auf einer Auswertung von Sekundärliteratur basiert.[5]

II. Das Massenphänomen der Hexenverfolgungen: Ursachen und Auslöser

1. Forschungshistorie: Angstkonjunktionen als Ursache für Hexenverfolgung

In der älteren Forschung werden Gefühle von Angst und Unsicherheit als die Ursachen von Verfolgungswellen präsentiert, indem behauptet wird, Gesellschaften seien Konjunkturen von Angst unterworfen gewesen.[6] Es gilt als weitestgehend unumstritten, dass das 14. Jahrhundert Europa in große Unsicherheit stürzte, wobei die von den zeitgenössischen Menschen erlittene Not in direktem Bezug zu den Hexen gesehen wurde.[7] Im Folgenden sollen die wesentlichen Elemente erörtert werden, die diese um sich greifende Verunsicherung ausgelöst haben sollen.

Die Pest, die epidemieartig immer wieder aufflammte und mit verheerendem Massensterben in Europa einherging, bekräftigte die Angst vor Verschwörungen, deren Ziel es angeblich war, die Seuchen gezielt zu verbreiten.[8] Hinzu kamen militärische Niederlagen in Russland und dem östlichen Mittelmeerraum, die Europa seine Verwundbarkeit vor Augen führte. Auch das große Schisma (1378-1417), bei dem zwei bis drei Prädenten um die Papstwürde konkurrierten, galt der Forschung als Auslöser von Verunsicherung.[9] Während Muchembled diese Krisenerscheinungen direkt mit den Hexenverfolgungen als Reaktion aus erstere in Verbindung bringt, weißt Dillinger darauf hin, dass es fraglich sei, ob der gemeinen Bevölkerung oder selbst den Gerichtsherren die militärischen und kirchlichen Krisen überhaupt bewusst waren.[10] Zudem variierte die Intensität der Hexenverfolgungen sowohl zeitlich, als auch räumlich stark, sodass ein genereller Verweis auf Angstkonjunktionen keine umfassende Erklärung für Verfolgungswellen bietet.[11] Die Krisen sollten folglich allenfalls als Ursachen der Verunsicherung betrachtet werden, die zur Bereitschaft, Hexen zu verfolgen, beigetragen haben könnte. Die Angstkonjunktionen als einzige Ursache der Verfolgungen darzustellen, ist jedoch eine fragliche Kausalkette.

Als ein weiterer Verunsicherungsfaktor wird auch die im 14. Jahrhundert einsetzende Klimaentwicklung gezählt, die im Folgenden näher betrachtet wird.

2. Aktuelle Forschung: Multidimensionale Ursachenklärung der Hexenverfolgung

2.1. Agrarkrise und kleine Eiszeit

Wolfgang Behringer weist darauf hin, dass sich zur Zeit der Hexenprozesse Agrarkrisen häuften: Ernteausfälle lösten akute Notsituationen aus, die im Hintergrund jeder großen Verfolgungswelle zu identifizieren sind.[12] Missernten hatten in vormodernen Gesellschaften einen Lebensmittelmangel zur Folge, der aufgrund der unzureichenden Infrastruktur nicht durch Lieferungen aus Gebieten mit besserer Ertragsbilanz ausgeglichen werden konnte. Der Mangel an Nahrungsmitteln führte zu einer Inflation, woraus Hungernöte entstanden, die selbst Todesopfer forderten. Außerdem waren die Menschen in Folge von Hungerkrisen anfälliger für Krankheiten, was die Ausbreitung von Seuchen begünstigte.[13] Eine weitere Folge der Verknappung von Ressourcen waren soziale Spannungen, die im Verlauf der Arbeit gesondert untersucht werden. Die Häufigkeit der folgenschweren Agrarkrisen resultierte aus der Klimaentwicklung, welche die Zeitspanne zwischen dem frühen 14. und dem späten 19. Jahrhundert prägte. Die Klimaveränderung zeigte sich als eine Kombination aus sehr kalten Wintern und verregneten Sommern und Herbsten, in denen das Korn verfaulte. Der Höhepunkt dieser als ‚Kleinen Eiszeit‘ benannten Kälteperiode ist zwischen 1560 und 1630 zu datieren.[14] Wie zahlreichen Quellen zu entnehmen ist, wurde Hexen konkret vorgeworfen, das Wetter magisch zu beeinflussen, sie sollten gezielt zur Vernichtung der Ernten Unwetter und Frost heraufbeschworen haben. Die resultierenden Hungerkrisen und Krankheiten, die von der Mehrheit der Bevölkerung als akute Bedrohung von Leben, Besitz und Gesundheit empfunden wurde, wurden demnach ebenfalls den Hexen angelastet, sodass die Agrarkrisen und der Hexenglaube in unmittelbarer Beziehung zueinander zu sehen sind. [15] Dieser Zusammenhang wird noch deutlicher, wenn die räumliche Ausbreitung der Hexenverfolgung in diesem Rahmen näher betrachtete wird: Für den deutschsprachigen Kernraum der Hexenverfolgungen lässt sich beobachten, dass die intensivsten Verfolgungen in denjenigen Regionen stattfanden, in denen die krisenanfälligsten Pflanzen angebaut wurden: in den Weinregionen. Die dortigen Monostrukturen waren äußerst witterungsanfällig und die Winzer verarmt. Komplementär dazu blieben Räume mit robusteren Anbauformen in der Regel von schweren Verfolgungsexzessen verschont.[16] Der Konnex zwischen Hexenglaube und Agrarkrise zeigt sich auch am Beispiel des schweren Hagelsturms, der im Sommer 1562 die Ernte in unterschiedlichen Gebieten des deutschen Südwestens bedeutend geschädigt hatte, worauf eine Vielzahl von Hexenprozessen folgte.[17] Folglich stärkten Missernten und die darauf folgenden Existenzängste die Bereitwilligkeit, Hexen zu verfolgen. Dennoch lässt sich auch diesbezüglich nicht die monokausale Gleichung aufstellen, dass hohe Ernteverluste zu einer eruptiven Hexenverfolgung führen.[18] Damit sich vor diesem Hintergrund Verfolgung oder sogar Massenverfolgung entwickeln konnte, mussten weitere Faktoren politischer, administrativer und gesellschaftlicher Art zusammenwirken. Erstgenannte werden im Folgenden näher beleuchtet.

2.2. Politische Bedingung

2.2.1. staatliche Strukturen

Um die Frage nach der Organisation und der institutionellen Struktur der Hexenverfolgungen zu erörtern, sind im weitesten Sinne staatliche Strukturen zu untersuchen, sodass der Fokus in diesem Abschnitt auf die politischen Rahmenbedingungen gelegt wird.[19] In der Forschung wird zwischen der Hexenverfolgung ‚von oben‘ und ‚von unten‘ differenziert. Erstgenannte ist dadurch gekennzeichnet, dass die Herrschaft Sondergerichte bzw. Administrationen zur Bekämpfung von Hexerei einsetzt. Die Hexenprozesse unterstehen somit nicht der Kontrolle der allgemeinen Justiz oder des Exekutivapparates, sondern unmittelbar dem Fürsten. Sie werden folglich aus der üblichen Justizverwaltung ausgeklammert und es gibt entsprechend keine übergeordnete Behörde, die sie hätte beaufsichtigen oder kritisieren können. Die Hexenprozesse wurden folglich durch die Autorität des Landesherrn vor Kontrolle oder Kritik anderer Herrschaftsträger abgeschirmt.[20]

Bei der Hexenverfolgung ‚von unten‘ sind die Untertanen als treibende Kraft zu charakterisieren. Hexenanschuldigungen können von Bürgern und Bauern in Form von Privatklagen vor Gericht gebracht werden, wobei die Klagen aufgrund drohender Kosten und anderweitiger Strafen für den Kläger im Falle eines Freispruchs der Angeklagten, nicht ungefährlich waren. Doch Privatklagen ließen sich durch verschiedene Möglichkeiten in vielen Territorien umgehen: Zum einen wurden dörfliche Hexenausschüsse zum Aufspüren von Hexen gebildet. Ihre Tätigkeit bestand darin, belastendes Material gegen Verdächtige zu sammeln; sie übernahmen Ermittlungs- und Bewachungsaufgaben, für die sie sich entlohnen ließen.[21] In den meisten Fällen waren Mitglieder der Ausschüsse gut situiert, sie akkumulierten persönliche Profilierung und materiellen Gewinn, sodass sie in den Kreis der dörflichen ‚Spitzenfamilien‘ aufsteigen konnten.[22] Wie die Autorität des Landesherren die Hexenverfolgung ‚von oben‘ vor Kritik abschirmte, lässt sich an dieser Stelle festhalten, dass die Einsetzung des Ausschusses durch das Dorf und seine Besetzung mit angesehenen Personen die Kritik an den Verfolgungen gleichermaßen erschwerte und somit die Instrumentalisierbarkeit von Hexereiverdacht förderte.[23] Auch Walter Rummel spricht von einer „massive[n] Nutzung der Verfolgungen für soziale Interessen“[24].

Trotz ihrer Autorität waren die dörflichen Hexenausschüsse auf die Kooperation mit den Lokalbeamten der jeweiligen Herrschaft angewiesen. Diese identifizierten sich mehr mit den dörflichen Aktivisten als mit den Landesherrschaften, denen sie zu Gehorsam verpflichtet waren. Dillinger nennt hierfür folgende Gründe: Die Kooperation mit den Ausschüssen brachte für die Beamten eine verwaltungstechnische Entlastung mit sich. Da diese die Kosten für die Prozesse trugen, war für die Beamten kein finanzielles Risiko zu befürchten.[25] Außerdem war es für die Lokalbeamten ratsam, aufgrund der häufig schwachen Landesherrschaften, Auseinandersetzungen mit den Bürgern und Bauern vor Ort zu vermeiden.[26] Es kommt hinzu, dass einige Ortsbeamte aufgrund der weiten Verbreitung der dämonologischen Lehre sowohl die Hexenangst als auch die konkreten Verdächtigungen der Dorfbevölkerung geteilt haben dürften.[27] In Mikroherrschaften kam es auffallend oft zu schweren Hexenjagden, da sich dort aufgrund der Abwesenheit einer zentralen Aufsicht hermetisch abgegrenzte Koalitionen solcher Verfolgungsbefürworter bilden konnten.[28]

Während die Ortsbeamten aus den oben genannten Gründen mit den dörflichen Ausschüssen kooperierten, kamen die Juristen ihrem Dienst nach, beispielsweise Anklagen zu verfassen und Korrespondenz mit den Gerichten zu führen. Es lassen sich demnach nicht nur bei den dörflichen Aktivisten und den Lokalbeamten Motive sozialer und finanzieller Art erkennen, sondern auch bei den Juristen: „Sowohl im Hinblick auf ihr Einkommen, als auch im Hinblick auf ihre Karriere hatten die juristischen Fachleute aus den Städten ein attraktives Betätigungsfeld in der von den Ausschüssen eingeleiteten Hexenverfolgungen entdeckt.“[29]

Eine weitere Möglichkeit der Realisierung von Verfolgungswünschen war die Lynchjustiz. Diese oder die Androhung dieser kam zum Tragen, wenn die Herrschaft sich weigerte, gemäß dem Wunsch der Untertanen, gegen die Hexen vorzugehen.[30] Es lässt sich also festhalten, dass die Wortführer der verfolgungsbereiten Bevölkerungsgruppe das Ziel verfolgten, die Einrichtungen des herrschaftlichen Justizwesens so zu beeinflussen, dass dieses in ihrem Sinn aktiv wurde sowie im Verfolgungsgeschehen die Initiative zu ergreifen. Eine weitere Möglichkeit, Verfolgungswünsche zu realisieren, bot sich in der geradezu emphatischen Anerkennung der Autorität der jeweiligen Obrigkeit, woraus naturgemäß bestimmte Handlungsverpflichtungen für die Herrschaft abgeleitet wurden. Wenn sich diese weigerte, der Forderung der Bevölkerung nachzugehen, konnte die Herrschaft selbst zur Zielscheibe von Unwillen und Druck und sogar Hexereiverdacht werden.[31] Hieraus wird deutlich, dass die Hexenverfolgungen das Potenzial zur Sicherung von Herrschaft hatten, was als wichtige begünstigende Ursache für die Prozesswellen anzusehen ist. Johannes Dillinger findet hierfür eine passende Formulierung: „Die Solidarität der Bevölkerung mit einem Herrschaftsträger konnte um den Preis von Hexenprozessen erkauft werden.“[32]

Wo es keine dörflichen Ausschüsse in der politischen Kultur der Kommunen gab, konnte man auch anhand von Supplikationen seine Verfolgungswünsche artikulieren, so beispielsweise in der Grafschaft Werthheim. Dort wurden die Hexenverfolgungen durch Supplikationen ausgelöst, in denen die Untertanen ihre Herrschaften nachdrücklich baten, sie von den Hexen zu befreien.[33] Eine weitere Möglichkeit, die Verfolgungswünsche zu artikulieren, fand sich in anderen traditionellen Selbstverwaltungseinrichtungen der Bauern und Bürger, wie die Räte von Ackerbürgerstädten, die oft die treibende Kraft hinter den Hexenverfolgungen war.[34] In der außerordentlich verfolgungsintensiven Grafschaft Hohenberg konnten sich im Zuge der Hexenprozesse die Räte zeitweilig und weitgehend von der Herrschaft emanzipieren.[35] Generell ist ein hohes Ausmaß lokaler Autonomie und dörflicher Eigeninitiative zu beobachten.[36] Dillinger weist darauf hin, dass die Abkopplung einer Region von einem juristischen Kontrollsystem katastrophale Folgen mit sich bringen konnte und belegt seine Aussage mit folgendem Ereignis: Als 1652 das Prättgau aus der habsburgischen Herrschaft ausschied und sich der Schweiz anschloss, zeigte sich die neu gewonnene Freiheit der Dörfer in einer eruptiven Hexenverfolgung.[37] Aus der Vielfalt der Artikulierungsmöglichkeiten von Prozesswünschen lässt sich das Ausmaß der erreichten Popularisierung der Hexenverfolgung erkennen.[38] Die ‚kleinen Leute‘ waren also nicht nur Zeugen beziehungsweise Opfer der Geschichte, sondern trugen ihrerseits effektiv dazu bei, strukturelle Gegebenheiten ihrer Zeit zu ihren Gunsten auszunutzen.[39]

2.2.2. Administration

Im Folgenden referiere ich die Forschungsergebnisse von Johannes Dillinger, der die staatliche Administration als Faktor für die Hexenverfolgung betont. Zentral für das Ausmaß der Verfolgungen waren laut Dillinger Systeme geringer Distanz. Ein einfach aufgebautes Justizsystem bietet nur wenige Möglichkeiten zur kritischen Überprüfung eines Verfahrens und desto einfacher umsetzbar waren intensive Hexenverfolgungen. Dementsprechend lässt sich in Gebieten hoch komplex strukturierter Justizsysteme eine geringere Anfälligkeit für Hexenverfolgungen beobachten, was sich damit begründen lässt, dass eine strukturierte Justizstruktur mehrere Instanzen involvierte, bevor ein Urteil gesprochen wurde, sodass die Wahrscheinlichkeit eines unrechtmäßigen Schuldspruches abnahm.[40] Die kritische Auseinandersetzung mit den Verdachtsmomenten schuf eine Distanz zwischen dem Ursprung der Hexereiverdächtigung und der Urteilsfindung. Solche Systeme großer Distanz waren im 16. und frühen 17. Jahrhundert noch die Ausnahme, dennoch ist belegt, dass in solchen Gebieten schwere Verfolgungen ausblieben. Systeme geringer Distanzen in Dörfern sind also ein signifikant begünstigender Rahmen für die Hexenverfolgungen. Diese These stützend blieben Städte, die man größtenteils als Systeme großer Distanz bezeichnen kann, von intensiven Verfolgungen weitgehend frei. Stadtratseliten reagierten auf die in der einfachen Bevölkerung kursierenden Gerüchte mit kritischer Distanz, sodass Hexereibeschuldigungen eine geringe Chance hatten, sich in Verfolgungen und Prozessen zu manifestieren.[41]

2.3. Gesellschaftlicher Kontext: Hexenprozesse als Katalysator

Im Hintergrund der Verdächtigungen lassen sich häufig Konflikte und Spannungen scheinbar geringfügiger Art feststellen.[42] In den Quellen begegnet man etwa oft Denunziationen zwischen verfeindeten Nachbarn.[43] Diese Konflikte stehen in vielen Fällen im Zusammenhang mit der oben erläuterten Kleinen Eiszeit und ihren sozioökomischen Folgen. Aus der Knappheit an Gütern und Land resultierte eine wirtschaftliche Konkurrenz zwischen den bäuerlichen Haushalten.[44] Dillinger sieht in diesen Spannungen eine direkte Verbindung zur Verurteilung ganzer ‚Hexenfamilien‘, da er betont, dass diese Spannungen leicht den Charakter einer Auseinandersetzung mit bestimmten Familien annehmen konnten.[45] Die Ressourcenverknappung, die sich durch den starken Bevölkerungszuwachs im 16. Jahrhundert zugespitzt hatte, trug wesentlich zu innergesellschaftlichen und politischen Konflikten bei.[46] Auch Streitigkeiten innerhalb einer Familie in Form von Erbauseinandersetzungen, Streitigkeiten zwischen Ehepartnern und innerfamiliären Machtkämpfen konnten Hexereianschuldigungen auslösen.[47] Hexereianklagen konnten grundsätzlich mit jedem Konflikt in Verbindung gebracht werden. Alle Personen, die in ihrem sozialen Umfeld negativ erlebt wurden, hatten mit einer moralischen Verurteilung durch die gesamte kommunale Gemeinschaft zu rechnen.[48] Die erlebte Negativität wurde als einen Beweis für die wesenhafte Schlechtigkeit des jeweiligen Gegners gedeutet, dem man einen Pakt mit dem Teufel zutrauen konnte.[49] Hier liegt eine wesentliche Ursache dafür, dass Hexenprozesse zu einem Massenphänomen ausarten konnten.[50] Außerdem nahmen die Hexenjagden Gestalt von Selbstläuferprozessen an, da Verfolgungen durch ähnliches Handeln in benachbarten Gemeinden als legitimiert galten.[51]

[...]


[1] Ruhl, Martina: Das Phänomen der Hexenverfolgung. Verdeutlicht am Fall der Barbara C. aus Friedberg, Münster 1990, S. 1.

[2] Honegger, Claudia: Die Hexen der Neuzeit. Studien zur Sozialgeschichte eines kulturellen Deutungsmusters, Frankfurt 1978, S. 107.

[3] Hierzu gehört z.B. der funktionalistische Ansatz, der die These vertritt, die Massentötungen von Frauen sollten vornehmlich dazu dienen, das Verhütungswissen der Hexen und Hebammen auszurotten und somit einen Bevölkerungszuwachs zu produzieren, mit dem Ziel, den wachsenden Bedarf an Soldaten und Arbeitskräften zu decken. Siehe hierzu: Ruhl: Das Phänomen der Hexenverfolgung, S.2.

[4] Dillinger, Johannes: Hexen und Magie. Eine historische Einführung, Frankfurt 2007, S.76.

[5] Rummel, Walter/Voltmer, Rita: Hexen und Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit. Darmstadt 2008, S.17.

[6] Dillinger: Hexen und Magie, S. 76.

[7] Walz, Rainer: Die Relevanz der Ethnologie für die Erforschung der europäischen Hexenverfolgungen. In: Ahrend-Schulte, Ingrid/Lorenz, Sönke (Hrsg.): Geschlecht, Magie und Hexenverfolgung, Bielefeld 2002, S. 60.

[8] Schorman, Gerhard: Der Krieg gegen die Hexen. Das Ausrottungsprogramm des Kurfürsten von Köln, Göttingen 1991, S.11.

[9] Dillinger: Hexen und Magie, S. 77.

[10] Muchembled, Robert: Kultur des Volkes – Kultur der Eliten, Stuttgart 1982, S. 36. Dillinger: Hexen und Magie, S. 76

[11] Schieder, Wolfgang: Hexenverfolgungen als Gegenstand der Sozialgeschichte. In: Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft 1 (1990), S. 6. Levack, Brian P.: The Witch-Hunt in Early Modern Europe. New York 1987, S. 176-180.

[12] Behringer, Wolfgang: Hexen. Glaube, Verfolgung, Vermarktung, München 1998, S. 47-49.

[13] Ruhl: Das Phänomen der Hexenverfolgung, S. 34.

[14] Roper, Lyndal: Hexenwahn. Geschichte einer Verfolgung, München 2007, S.37.

[15] Behringer: Hexen, S. 51.

[16] Dillinger: Hexen und Magie, S. 79.

[17] Raith, Anita: Herzogtum Württemberg, in: Sönke Lorenz/Jürgen Michael Schmidt (Hrsg.): Wider alle Hexerei und Teufelswerk. Die europäische Hexenverfolgung und ihre Auswirkungen auf Südwestdeutschland, Ostfildern 2004, S. 228-229.

[18] Dillinger: Hexen und Magie, S. 79.

[19] Dillinger: Hexen und Magie, S.98.

[20] Dillinger: Hexen und Magie, S. 98.

[21] Rummel, Walter: Vom Umgang mit Hexen und Hexerei. Das Wirken des Alltags in Hexenprozessen und die alltägliche Bedeutung des Hexenthemas, in: Gunther Franz, Franz Irsigler (Hrsg.): Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung, Trier 1998, S. 87.

[22] Rummel, Walter: Soziale Dynamik und herrschaftliche Problematik der kurtrierischen Hexenverfolgungen. Das Beispiel der Stadt Cochem, in: Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft 1 (1990), S. 27.

[23] Voltmer, Rita: Hexenverfolgung und Herrschaftspraxis. Einführung und Ergebnisse, in: Voltmer, Rita (Hrsg.): Hexenverfolgung und Herrschaftspraxis, Trier 2005, S. 5.

[24] Dillinger: Hexen und Magie, S.102. Rummel, Walter: Bauern, Herren und Hexen. Studien zur Sozialgeschichte sponheimischer und kurtrierischer Hexenprozesse 1574-1664, Göttingen 1991, S. 317.

[25] Rummel, Walter: Bauern, Herren und Hexen. Göttingen 1991, S.32.

[26] Dillinger: Hexen und Magie: S. 102.

[27] Dillinger: Hexen und Magie: S.102.

[28] Voltmer: Hexenverfolgung und Herrschaftspraxis, S. 5. Irsigler, Franz: Hexenverfolgungen vom 15. bis 17. Jahrhundert. In: Gunther Franz/ Franz Irsigler (Hrsg.): Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung, Trier 1998, S. 10.

[29] Rummel: Soziale Dynamik und herrschaftliche Problematik der kurtrierischen Hexenverfolgungen, S. 33. Dillinger: Hexen und Magie, S. 102.

[30] Monter, William: Witch Trials in Continental Europe, in: Bengt Ankarloo/Stuart Clark (Hrsg.): Witchcraft and Magic in Europe: The Period of the Witch Trials, London 2002, S. 43. Behringer, Wolfgang: Geschichte der Hexenverfolgung, in: Sönke Lorenz/Jürgen Michael Schmidt (Hrsg.): Wider alle Hexerei und Teufelswerk. Die europäische Hexenverfolgung und ihre Auswirkungen auf Südwestdeutschland, Ostfildern 2004, S. 79, 100, 163 164.

[31] Rummel, Walter: Bauern, Herren und Hexen, Göttingen 1991, S. 39.

[32] Dillinger: Hexen und Magie, S. 105. Rummel: Bauern, Herren und Hexen, S. 127-133. Dillinger, Johannes: „Böse Leute“. Hexenverfolgungen in Schwäbisch-Österreich und Kurtrier im Vergleich, Trier 1999, S. 430-438.

[33] Weiß, Elmar: Grafschaft Werthheim, in: Sönke Lorenz/Jürgen Michael Schmidt (Hrsg.): Wider aller Hexerei und Teufelswerk. Die europäische Hexenverfolgung und ihre Auswirkungen auf Südwestdeutschland, Ostfildern 2004, S. 328.

[34] Dillinger: Hexen und Magie, S. 104.

[35] Dillinger: „Böse Leute“, S. 44f.

[36] Rummel: Soziale Dynamik und herrschaftliche Problematik, S. 34.

[37] Dillinger: Hexen und Magie, S. 104.

[38] Rummel, Walter: So möge auch eine darzu kommen, so mich belädiget. Zur sozialen Motivation und Nutzung von Hexereianklagen. In: Voltmer, Rita (Hrsg.): Hexenverfolgung und Herrschaftspraxis, Trier 2005, S.205.

[39] Rummel: Vom Umgang mit Hexen und Hexerei, S. 86.

[40] Behringer: Hexen, S. 59-61.

[41] Dillinger, Johannes: Hexenverfolgungen in Städten, in: Gunther Franz/Franz Irsigler (Hrsg.): Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung, Trier 1998, S. 132f.

[42] Behringer: Hexen, S. 19.

[43] Rummel: Soziale Dynamik und herrschaftliche Problematik der kurtrierischen Hexenverfolgungen, S.27.

[44] Rowlands, Alison: Witchcraft and Narratives in Germany. Manchester 2003, S. 40.

[45] Dillinger: Hexen und Magie, S. 134.

[46] Tschaikner, Manfred: Damit das Böse ausgerottet werde. Hexenverfolgungen in Vorarlberg im 16. und 17. Jahrhundert, Bregenz 1992, S. 35.

[47] Dillinger: „Böse Leute“, S. 196-199. Walz, Rainer: Hexenglaube und magische Kommunikation im Dorf der frühen Neuzeit, Paderborn 1993, S. 291-294.

[48] Behringer: Hexen, S.99.

[49] Rummel: Vom Umgang mit Hexen und Hexerei, S. 95.

[50] Dillinger: „Böse Leute“, S. 229-233.

[51] Rummel: Vom Umgang mit Hexen und Hexerei, S. 88.

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668193086
ISBN (Buch)
9783668193093
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320104
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Abteilung für Neue Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Hexe Hexen Hexenverfolgung

Autor

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