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Vom eigenen Tagebuch überführt. Der Wiener NS-Täter Felix Landau

Bachelorarbeit 2016 44 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abstract

2. Einleitung

3. Biografie des Felix Landau

4. Ostgalizien

5. Ereignisse in Drohobycz

6. Das Tagebuch

7. Verfolgung nach 1945

8. Tätertypologie

9. Quellen und Archivalien

10. Conclusio

11. Quellen- und Literaturverzeichnis
11.1. Veröffentlichte Quellen
11.2. Unveröffentlichte Quellen
11.3. Weiterführende Quellen
11.4. Sekundärliteratur
11.5. Sonstige Quellen

12. Abkürzungsverzeichnis

1. Abstract

Spät begann die historische Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Ostgalizien. Diese Region war seit dem Ende der Habsburgermonarchie zwischen den politischen Einflussbereichen hin- und hergerissen. 1941 kehrten die Deutschen als Besatzer zurück, um den „Osten“ zu erobern. Sie hatten es auf die landwirtschaftlichen Ressourcen und die kriegswichtige Erdölindustrie abgesehen. Arbeitskräfte wurden ausgebeutet und die jüdische Minderheit verfolgt. Bei der Judenvernichtung spielte Ostgalizien eine „Vorreiterrolle“, nirgends kamen so viele Jüdinnen und Juden bei Massenerschießungen ums Leben, früher als andernorts wurde hier die „Endlösung“ praktiziert bevor diese offiziell anlief. Viele Österreicher waren in Ostgalizien im Einsatz. Der Wiener Polizist und SS-Mann Felix Landau war einer davon. Er galt als einer der gefürchtetsten Verbrecher und Massenmörder an seinen Einsatzorten. Früh radikalisiert und der NSDAP zugewandt beteiligte er sich 1934 aktiv am Juliputsch in Wien. Nach mehrjähriger Haft verließ er Österreich und geriet immer mehr in die Verbrechensmaschinerie der Nationalsozialisten hinein. In den polizeilichen Dienst aufgenommen, führte ihn 1938 sein Weg von Berlin zurück nach Wien von wo er in den „Osten“ versetzt wurde. Immer brutaler ging er gegen die jüdische Bevölkerung vor, genoss seine immer größer werdende Macht über Leben und Tod. 1941 meldete er sich freiwillig zu einem Einsatzkommando, wo er an Massenexekutionen beteiligt war. In Drohobycz war der selbst ernannte „Judengeneral“ für den Arbeitseinsatz der Juden zuständig und beteiligte sich aktiv an deren Vernichtung. Landau schrieb seine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle in einem Tagebuch nieder, das er für seine Geliebte führte. Es enthält all jene schrecklichen Details seiner Verbrechen, für die er erst viele Jahre nach Kriegsende zur Rechenschaft gezogen wurde. Dieses einzigartige Egodokument steht im Zentrum dieser Arbeit.

It took many decades until the Nazi crimes in Eastern Galicia have been recognized in historical science. Since the end of the Habsburg Monarchy, this region was subject to an in-between situation amongst the political spheres of influence. In 1941, the Germans returned as occupying force with the aim to conquer the “East”. They were targeting agricultural resources and the strategic oil industry. Workforce was exploited und the Jewish minority pursued. Eastern Galicia played a “pioneering” role in the genocide of the Jews, nowhere else so many of them were killed in mass executions, earlier than anywhere else the “Final Solution” was put in place even before its official kick-off. Many Austrians were on duty in Eastern Galicia. The Viennese SS- and policeman Felix Landau was amongst them. He was known as one of the most frightening criminals and mass murders in his places of service. Early radicalized and attracted by the NSDAP, he played an active role in the July coup of 1934 in Vienna. After several years of imprisonment, he left Austria and became a cog in the murdering machinery of the National Socialists. As member of the police he returned 1938 from Berlin to Vienna from where he made his way towards the “East”. With increasing brutality he proceeded with the Jewish community, enjoying his growing power over life and death. In 1941, he volunteered for an “Einsatzkommando” and participated in mass executions. In Drohobycz he called himself “General of the Jews”, organized their forced work and finally killed them. Landau reports on his experiences, thoughts and feelings in his diary which he kept for his mistress. It contains all horrible details of his crimes for which he was convicted only many years after war-end. This unique ego document is in the spotlight of this paper.

2. Einleitung

Klee/Dreßen/Rieß leiten ihren mit Fotos, authentischen persönlichen Texten und Verfahrensprotokollen angereicherten Dokumentenband mit der Feststellung ein, dass die gezeigten Mörder, Mittäter und Gaffer der nationalsozialistischen Verbrechensherrschaft ganz und gar nicht wie Exzeßtäter oder Bestien aussehen und den Betrachter auf den ersten Blick nicht abstoßen. Gezeigt werden „normale Menschen“ die ihre „Arbeit“ verrichten, wie sie danach erschöpft aber zufrieden ihren Feierabend genießen. Diesen Menschen sieht man nicht an, dass sie aktiv in der Mordmaschinerie mitwirkten und diese einsatzbereit und willig in Gang hielten. Taucht man jedoch in die Dokumente ein, zeigt sich aber mit gnadenloser Deutlichkeit, wie sicher die „Weltanschauung“ des Nationalsozialismus verankert und als gängiges Denken in das selbstverständliche Empfinden eingebettet war.[1]

Diesen Eindruck erlangt man auch, wenn man sich mit der Biografie und den Taten Felix Landaus auseinandersetzt. Insbesondere sein Tagebuch, das den Krieg überdauerte und den Kriminalbeamten und SS-Mann anhand der darin dokumentierten unglaublichen Taten schlussendlich hinter Gitter brachte, zeigt auf der einen Seite einen Mann, der bei seiner “schweren Arbeit“ zum gefürchteten Massenmörder wird und sich andererseits als gefühlsbetonter, liebesbedürftiger Mensch gibt. Gerade dieser Antagonismus ist zugleich überraschend, erschütternd und schwer fassbar. Felix Landau hat mit diesem Egodokument auch eine wertvolle historische Quelle hinterlassen, mit welcher sich die historischen Ereignisse und die Lage im besetzen Galizien rekonstruieren lassen. Aber gerade die detaillierten Schilderungen der Gräueltaten machen die Geschehnisse nicht leichter erklärbar und schon gar nicht begreifbar. Als juristisches Beweisstück überführte dieses Tagebuch, das bis zum Prozess nicht auffindbar war, den „Judengeneral“, wie sich Landau während seiner Tätigkeit in Drohobycz bezeichnete. Neben den zahlreichen belastenden Zeugenaussagen reichte dies aus, um ihn zu verurteilen, obwohl er wie die meisten Täter versuchte, die eigene Beteiligung an den Morden abzuleugnen und zu verharmlosen und sich mit seinen Zeugen zu entlasten. Auch in diesem Fall tritt vor die Flucht-, Versteck- und Verschleierungsversuche die unerträgliche, grausige Wahrheit.

Wie bei allen nationalsozialistischen Gewaltverbrechern stellt sich die Frage: Was waren das für Männer, die Mord als Alltagsarbeit billigten? Ja, es waren „normale“ Männer. Nur: Sie konnten sich als „Herrenmenschen“ verhalten, sie entschieden selbst über Leben und Tod, sie hatten Macht. Karrieremöglichkeiten, guter und sicherer Verdienst, Urlaub, Vergünstigungen und die Möglichkeit, sich selbst an den Opfern zu bereichern, waren für viele die ausschlaggebenden Faktoren das Morden zum Beruf zu machen. Sie bekamen ein Machtgefühl, der Staat nahm ihnen die persönliche Verantwortung für ihre Taten gerne ab.[2]

Das hier untersuchte einzigartige Dokument kann dazu dienen, Antworten auf solche Fragen zu geben. Es schildert eindringlich was in einem Mann vorging, der für die nationalsozialitische Ideologie alles gab, sich kompromisslos und bereitwillig dafür einsetzte, vor nichts zurückschrak und mit großer Eigeninitiative und intrinsischer Motivation seinen eigenen verbrecherischen Beitrag zum Massenmord leistete. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht das Tagebuch des Felix Landau. Es gibt Antworten auf die allzu oft gestellte Frage: „What were they thinking?“. Das Tagebuch ist Liebesbrief, Tatsachen- und „Leistungsbericht“, zeitgeschichtliches Dokument und Beweisstück zugleich. Es gibt Antworten, wirft aber zugleich unzählige weitere Fragen auf. Es entstammt aus einer realen Welt, die aus heutiger Perspektive irreal zu sein scheint. War es zum Erstellungszeitpunkt eine Art „Jagdbuch“, das Felix Landau diente, stolz darüber zu berichten, wie viele Jüdinnen und Juden er auf seinem blutbefleckten Konto verbuchen konnte, war es wenige Jahre später, nachdem die TäterInnenverfolgung einsetzte, ein detailliert angefertigtes Verbrechensprotokoll eines Mörders, das wegen seiner Deutlichkeit die Notwendigkeit weiterer Beweise oder Untersuchungen zu einer rechtskräftigen Verurteilung ausschließen zu scheinen vermochte. Dass es dennoch anders kam, soll in dieser Arbeit dargestellt werden. Insbesondere soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit das Tagebuch zu einer Verfolgung und Verurteilung des Wiener NS-Täters beitrug? Zusammen mit den vorliegenden Gerichtsakten, die weitere Zeugenaussagen und Beweiswürdigungen liefern, soll die Bedeutung des Tagebuchs als Beweismittel kontextualisiert werden. Schließlich kommt es nicht sehr häufig vor, dass ein Beschuldigter selbst den entscheidenden Beweis für seine eigene Verurteilung erbringt.

Am Beginn der Arbeit steht eine ausführliche Biografie von Felix Landau, die einen Überblick über seine nationalsozialistisch geprägten Lebensstationen, die weniger einer karrieristischen Laufbahn entsprachen, sondern vielmehr von zunehmender Radikalisierung bzw. Brutalisierung und einer sich immer stärker steigernden fanatischen Mordlust geprägt waren. Charakteristisch sind weiters die verschiedenen Orte, an denen sich diese Entwicklung manifestierte und die eine wesentliche Rolle im Leben des Felix Landau spielten. Dies alles kulminierte im ostgalizischen Kreis Drohobycz, wo die Verbrechen ihren Höhepunkt erreichten. Bevor auf die konkreten Ereignisse in Drohobycz eingegangen wird, dient ein überblicksmäßig angelegter Exkurs zu Politik und Geschichte Ostgaliziens einer besseren Orientierung und Einfügung in größere Zusammenhänge. Wie bereits erwähnt, steht das Tagebuch im Zentrum der Untersuchungen. Neben einer quellenkritischen und inhaltlichen Analyse wird auf die aufgeworfenen Fragen eingegangen. Im nachfolgenden Kapitel über die Verfolgung nach 1945 werden einerseits die polizeilichen und judikativen Untersuchungen aufgearbeitet, andererseits die Erkenntnisse in Bezug auf die Bedeutung des Tagebuchs für die Strafverfolgung behandelt. Abgerundet wird die Arbeit mit dem Versuch einer Einordnung der Person Landaus in Tätertypologien und einer kurzen Würdigung des Quellen- und Archivmaterials. Die Conclusio bringt die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst auf den Punkt.

Die in dieser Arbeit verwendeten Quellen weisen in den seltensten Fällen eine genderkonforme Terminologie auf. Soweit möglich, wurde versucht, weibliche und männliche Formen darzustellen. Sofern nicht explizit angeführt, verstehen sich alle Aussagen geschlechtsneutral. Bei den direkten Zitaten aus den Quellen wurde, soweit möglich, aus Gründen der besseren Lesbarkeit die aktuelle Rechtschreibung angewandt.

3. Biografie des Felix Landau

Felix Richard Landau wurde am 21.5.1910 als uneheliches Kind (Vater: Paul Stipkowich, Mutter: Maria Maier[3] ) geboren. 1911 heiratete seine Mutter den in Wien lebenden jüdischen Privatmann Jakob Landau, der dem Kind 1916 seinen Namen gab. Landau besuchte fünf Volks- und drei Bürgerschulklassen.[4] Nach dem Tod des Stiefvaters 1919 kam Felix in das Internat eines katholischen Laienordens. Das daran anschließende Lehrlingsinternat musste er wegen aktiver Werbetätigkeit für die NS-Jugend verlassen. Er trat am 21.5.1925 in die „Nationalsozialistische Arbeiterjugend“ in Rudolfsheim-Fünfhaus ein.[5] Ab August 1924 erlernte er bei der Firma Riesner & Hölzel das Kunsttischlerhandwerk. 1927 trat er in die Parteiorganisation über. 1927 legte er seine Gesellenprüfung als Tischler ab und besuchte vom Oktober 1927 bis April 1928 einen Abendkurs für Meister, Werkführer und Fachzeichner. Anfang 1929 wurde Landau von seinem Betrieb entlassen, war einige Monate arbeitslos und nahm in dieser Zeit jede Form von Arbeit an. Kurze Zeit war er Anfang 1930 wieder als Tischler tätig.[6] 1930 ging er zum österreichischen Bundesheer, trat 1931 in die NSDAP ein und war ab Mai 1931 politischer Leiter des NS-Heeressprengels in Lainz-Speising.[7] Aufgrund seiner nationalsozialistischen Betätigung wurde er aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen am 29.6.1933 aus dem 2. Dragonerschwadron des Österreichischen Bundesheeres entlassen. Er hatte daraufhin eine Beschäftigung als Maschinenarbeiter, war aber auch zeitweise arbeitslos. Während der Verbotszeit war er weiterhin aktiv für die NSDAP tätig.[8] Von Juni 1933 bis April 1934 war er Mitglied der SA, dann trat er in die SS über.[9]

Landau drang am 25.7.1934 mit weiteren Angehörigen der 89. SS-Standarte in das Bundeskanzleramt in Wien ein. Bundeskanzler Dollfuß wurde tödlich verletzt, der Putsch jedoch scheiterte. Zu den Verhafteten gehörte auch der Tischler Felix Landau, der mit seiner Maschinenpistole das Personal in Schach gehalten hatte. Er kam als Minderbeteiligter in das Anhaltelager Wöllersdorf, wurde aber nach mehrjähriger Internierung am 17.2.1937 bedingt entlassen.[10] Wegen der für ihn aussichtslosen politischen und wirtschaftlichen Lage flüchtete er am 2.4.1937 über Salzburg nach Deutschland, wo er sich vom 6.4.1937 bis 18.5.1937 im SS-Lager Ranis in Thüringen aufhielt.[11] Als Grund für seinen Übertritt nach Deutschland gibt er an, dass er in Österreich keine Existenzmöglichkeit mehr sah und der Verfolgung ausgesetzt war. In einem seiner Lebensläufe heißt es: „Am 17. Februar wurde ich bedingt entlassen. Amnestierter. Musste mich täglich melden, durfte nach 8 Uhr abends das Haus nicht mehr verlassen, kein Telefon und kein Verkehrsmittel benützen. Ferner bekam ich keine Arbeitslosenunterstützung und durfte auch keine Arbeit annehmen. Es wurde mir jede Lebensmöglichkeit genommen.“[12] Vom Lager Ranis wurde er zu einer Kriminal-Schulung überstellt und trat am 1.6.1937 den Dienst als Kriminalgehilfe im Polizeipräsidium (Revier 294) in Berlin an. Im September wurde er zum Kriminal-Assistentanwärter ernannt, bereits ab 10.6.1937 führte er den Rang eines SS-Hauptscharführers. Landau ließ sich in Deutschland einbürgern.[13]

Als am 12.3.1938 deutsche Truppen in Österreich einmarschierten, gehörte er als SS-Hauptscharführer einem Einsatzkommando der Sicherheitspolizei und des SD an. Landau wurde bei der Gestapo-Leitstelle Wien mit der „Sicherstellung“ jüdischen Vermögens beauftragt. Er heiratete Marianne Grzonka mit der er zwei Kinder hatte.[14] Landau bezog eine Wohnung auf dem Fabrikgelände der Firma Bernhard Altmann Ges.m.b.H. An dieser Adresse wurde er nicht gut beleumundet. In seiner Eigenschaft als Gestapobeamter hatte er die Aufsicht über den Fabrikbetrieb und führte „Amtshandlungen“ in Zivil und Uniform durch. Bei Arbeitern und Angestellten war er sehr gefürchtet, er galt als roh und brutal. Er soll mit zahlreichen „Judenverschickungen“, u.a. der Firmeninhaber zu tun gehabt haben und sich bei der Versteigerung des Altmann-Vermögens persönlich, u.a. an Schmuckstücken bereichert haben.[15]

Im April 1940 kam er zum Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD nach Radom (Generalgouvernement) und war dort für verschiedene Tätigkeiten eingesetzt. Am 31.8.1940 erhielt er für die Beteiligung am Juliputsch und seine Haftzeit in Österreich den Blutorden der NSDAP verliehen. Auf der Dienststelle in Radom lernte er die Stenotypistin Gertrude Segel kennen. Sie war mit einem Soldaten aus Wien verlobt, wollte die Verlobung aber lösen. Als der verheiratete Landau erfuhr, dass sich Gertrude weiterhin mit ihrem Verlobten traf, entschloss er sich, das Verhältnis abzubrechen. Er meldete sich am 20.6.1941 freiwillig zu einem Einsatzkommando. Hier beginnen seine Tagebucheintragungen.[16] Landau leitete bis Mai 1943 den Arbeitseinsatz der Juden und lebte ab 1941 mit der von Radom zu ihm nach Drohobycz versetzten Geliebten in einer feudalen Villa, von deren Balkon Landau und seine spätere Frau Schießübungen auf arbeitende Juden unternahmen. Dabei kam es auch zu mindestens einem Todesfall.[17] 1942 wurde seine erste Ehe geschieden, im Mai 1943 heiratete er Gertrude, mit der er einen Sohn Teja-Udo hatte. 1946 ließ er sich wieder scheiden.[18] Landau war bis 1943 in Drohobycz, wurde dann nach Lemberg und später zur Stapoleitstelle nach Wien zurückversetzt. Kurz vor Kriegsende war er noch im Militäreinsatz.[19] Landau soll sich nach seiner Rückkehr nach Wien 1945/46 um die Wiederaufnahme in die Polizei bemüht haben, was aber abgelehnt wurde.[20] Im selben Jahr wurde er von einem ehemaligen „Arbeitsjuden“ aus Galizien in Linz erkannt, von den Amerikanern verhaftet und im Internierungslager Glasenbach inhaftiert, von wo er aber am 2.8.1947 entfliehen konnte. Bis 1958 lebte er unter dem Decknamen „Rudolf Jaschke“ in Süddeutschland und betätigte sich wieder als Architekt und Tischler. Erst 1962 wurde er vom LG Stuttgart zu lebenslanger Haft verurteilt.[21] Seine Revision beim Bundesgerichtshof wurde 1963 abgelehnt. 1973 wurde Felix Landau begnadigt. Er starb am 20.4.1983 72jährig in Wien und wurde am 28.4.1983 am Hernalser Friedhof beerdigt.[22]

Der Gauakt[23] zu Felix Landau im WStLA gibt Auskunft über die Eckpunkte seiner NS-Karriere: Am Tag seines fünfzehnten Geburtstages (21.5.1925) wurde er Mitglied der Hitlerjugend. Sechs Jahre später trat er als 20jähriger am 27.3.1931 in die NSDAP ein (spätere Mitglieds-Nr. 442.571) und war im Heeressprengel der Ortsgruppe Lainz-Speising politisch aktiv. Wenige Wochen später, am 1.5.1931 wurde er Blockleiter, danach Stützpunktleiter und bis 2.4.1937 war er Ortsgruppenamtsleiter (obwohl inhaftiert). Am 2.4.1934 trat er der SS (Mitglieds-Nr. 281.037) als Hauptscharführer der SS-Standarte 89 bei und war SS-Rottenmann. Diesen Rang behielt Landau während der gesamten NS-Zeit. Als Mitglied dieser Einheit war er auch am Juliputsch 1934 im Bundeskanzleramt beteiligt. Aus diesem Grund wurde er wegen Hochverrats zu schwerer Zwangsarbeit in Wöllersdorf verurteilt. Nach seiner Entlassung und Flucht nach Deutschland war er kurzzeitig im SS-Lager Ranis und in der Folge ab Juni 1937 in Berlin Hermsdorf als Kriminal-Gehilfe tätig.[24] Seit 13.3.1938 wurde er als SS-Hauptscharführer im SD, als „Alter Kämpfer“ und Angehöriger der „Alten Garde“ geführt. Landau dürfte auch sehr nach diversen Auszeichnungen gestrebt haben. In einer Eidesstattlichen Erklärung vom 27.6.1937 trägt er bspw. im Formularfeld „Träger des Goldenen Ehrenzeichens der Partei“ die Worte „noch nicht“ ein.[25] Auch die Verleihung des Blutordens konnte Landau kaum erwarten, was aus einem Brief an die Gauleitung Wien vom 16.9.1940 hervorgeht, in dem er darauf hinweist, dass andere Kameraden bereits ausgezeichnet wurden und er sich nach den Gründen für die Verzögerungen erkundigt.[26] Bereits am 31.8.1940 wurde ihm vom Führer der Blutorden zugesprochen[27], die Verleihung fand jedoch erst später statt. Am 12.12.1938 wurden ihm RM 1.000 als Wiedergutmachung zuerkannt.[28] Weiters war er Ehrenwinkelträger.[29] Landau dürfte aus diesen „Auszeichnungen“ immenses Selbstvertrauen und ein gewaltiges Machtgefühl entwickelt haben, das er zu seinen Gunsten aber auch gegenüber anderen effektiv einsetzte. Er sah sich aufgrund seiner „Leistungen“ anderen gleichrangigen Kameraden und auch höher stehenden Funktionären überlegen und nahm für sich mehr heraus, als ihm ob seinem Dienstrang zustand.

Nachstehend wird auf die Charakterisierung der Person Felix Landaus in der Literatur und den Quellen eingegangen.

T. Friedmann leitet seine Tagebuchveröffentlichung von 1963 folgendermaßen ein: „Im Sommer 1947 erschien eine Nachricht in den Wiener Tageszeitungen, dass der Schwerverbrecher, ehemaliger SS-Hauptscharführer der Gestapo, Felix Landau, vom amerikanischen Gefängnislager Glasenbach entflohen ist. Das war eine traurige Nachricht für die wenigen überlegenden Zeugen aus dem Ghetto Drohobycz, wo Landau seine Schandtaten auf die jüdische und christliche Bevölkerung ausübte. Sie werden in seinem Tagebuch von den vielen Morden und Erschießungen lesen, die er mit sadistischer Freude durchführte.“[30]

In der polizeilichen Anzeige wird Felix Landau als fanatischer Nationalsozialist bezeichnet.[31]

In den Volksgerichts-Akten ist ein Bericht über den politischen Leumund des Felix Landau der Polizeidirektion Wien, Polizeikommissariat Margareten vom 11.4.1947 enthalten. Hier wird berichtet, dass Landau nach dem „Anschluss“ in die Privatwohnung des Fabrikgebäudes der Firma Bernhard Altmann in der Siebenbrunnengasse 21 eingezogen ist, nachdem er die Mutter des jüdischen Besitzers zum Ausziehen zwang. Hiernach begann Landau mit der Verfolgung der Wollfabrikanten Gebrüder Bernhard und Max Altmann. Angeblich nahm Landau ihnen die Reisepässe ab. Dennoch konnten diese über die Schweiz in die USA flüchten. Landau wird in diesem Bericht von den Arbeitern der Wollwerke als sehr gefürchtet bezeichnet, sie schildern Landau als einen rohen und herrschsüchtigen Menschen. Interessant ist dieser Bericht auch insofern, als dass hier festgehalten wird, dass in der Zentralevidenz der Polizeidirektion Wien, Abt. I das Tagebuch von Felix Landau aufliegt.[32]

Wie Landau von den von ihm Gepeinigten gesehen wird, findet sich in Kap. 5, wo die Augen-zeugen zu Wort kommen.

In der Anklageschrift des LG Stuttgart wird Landau als von den Juden am meisten gefürchtetster SS-Mann bezeichnet, wenngleich er auch bei den Deutschen keinen guten Ruf hatte. Er behandelte die Jüdinnen und Juden willkürlich und brutal, schlug sie mit der Faust oder der Reitpeitsche. Einige wenige Juden bevorzugte er, u.a. den Maler Bruno Schulz, andere bewahrte er vor „Aussiedlung“, um sie in seinem Arbeitskommando zu erhalten und damit seine eigene Position abzusichern.[33] Im Urteil des LG Stuttgart wird festgehalten, dass Landau auf Grund der von ihm voll aufgenommenen nationalsozialistischen judenfeindlichen Weltanschauung die Juden als eine minderwertige, nichtswürdige Menschenrasse betrachtete. Nach seiner Vorstellung mussten die Juden froh sein, als Sklaven am Leben bleiben zu dürfen. Landau wird als selbstherrlich beschrieben. Von den Bewohnern in Drohobycz wurde er „Judengeneral“ genannt. Als Blutordensträger konnte er sich mehr erlauben als seinem Dienstgrad entsprach. Er handelte gerne eigenmächtig und tat was er wollte. Vorgesetzte durften gegen ihn als Blutordensträger nicht ohne weiteres einschreiten und er konnte sich über dienstliche Instanzen hinwegsetzen. Landau hatte auch gute Beziehungen nach Lemberg. Für seinen großen Einfluss spricht auch, dass er es schaffte, als verheirateter Familienvater seine Geliebte zur Dienststelle nach Drohobycz zu holen.[34]

4. Ostgalizien

Als lange in der Forschung vernachlässigtes Randgebiet des „Dritten Reiches“ geriet der Distrikt Galizien ab den 1990ern insbesondere durch die Arbeiten von Dieter Pohl[35] und Thomas Sandkühler[36] in den Fokus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Diese Region im Südosten Polens wurde nach dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion dem Generalgouvernement unter Hans Frank einverleibt. Der „Endlösung“ fielen im Distrikt Galizien mehr als eine halbe Million Juden zum Opfer, die ab Mitte 1941 durch Massenerschießungen, später in den Gaskammern des Vernichtungslagers Belzec, ermordet wurden.[37] In keinem anderen Distrikt des Generalgouvernements fanden derart viele Erschießungen statt, in keinem anderen Gebiet wurde der Massenmord in Form von Exekutionen exzessiver als in Galizien betrieben.[38] Die Region Ostgalizien mit der Hauptstadt Lemberg gehörte von den polnischen Teilungen an bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zu Österreich-Ungarn und kam anschließend zur polnischen Republik. Die ländliche Bevölkerung setzte sich Großteils aus Ukrainern, gefolgt von Polen und Juden, zusammen. Seit den 1920ern wurde ein ukrainisch-polnischer Konflikt ausgetragen, der vom polnischen Antisemitismus und pogromartigen Ausschreitungen gekennzeichnet war. Die nationalistische ukrainische Bewegung (OUN) war für die Deutschen wichtig, da diese eine antikapitalistische, antibolschewistische und offen antisemitische Ideologie vertrat. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen 1939 gelangte das Gebiet in Folge des Hitler-Stalin Paktes unter sowjetische Okkupation. Bis zum Einmarsch der Roten Armee in der Ukraine war diese von keiner per se antisemitischen Zielsetzung geprägt. Durch die deutsche Besetzung West- und Zentralpolens flüchteten von dort viele Polen und Juden nach Ostgalizien, sowie wiederum Ukrainer und Juden aus dem sowjetisch besetzten Distrikt ins Generalgouvernement. Der NKWD, die sowjetische Geheimpolizei, deportierte Gegner, darunter auch zahlreiche aus dem Generalgouvernement vor den Deutschen geflüchtete Juden, aus Ostgalizien zur Zwangsarbeit nach Sibirien. Auch in der UdSSR gab es Massendeportationen. Die vom NKWD Verschleppten waren jedoch nicht dem sicheren Tod geweiht. Der gegen Russland vorrückenden Wehrmacht saß die Einsatzgruppe C von Sicherheitspolizei und SD im Nacken, die nach Heydrichs Auftrag die „Sicherheit“ hinter der Front herzustellen und die Führungsschicht der Bolschewisten zu liquidieren hatte. Da diese Region stark mit Juden besetzt war, richteten sich die Maßnahmen in besonderer Weise gegen diese. Die Einsatzgruppen sollten unauffällig Pogrome lokaler Antisemiten inszenieren.[39] Kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen ließ der angeblich jüdisch dominierte NKWD in Ostgalizien Tausende politische Gegner aber auch deutsche Kriegsgefangene in den Gefängnissen foltern und erschießen.[40] Die Rache der Ukrainer am „jüdischen Bolschewismus“ für die NKWD-Opfer spielte den Deutschen in die Hände. Die Einsatzgruppen aber auch die Wehrmacht billigten diese Pogrome und schritten im Rahmen von „Vergeltungsaktionen“ für die Toten in den Gefängnissen bei öffentlichen Exekutionen zur Tat. Rund 10.000 Juden fielen im Juli 1941 den Mördern zum Opfer.[41] Die Einsatzgruppe C zog zwar weiter nach Osten, aber SS-Kommandos aus dem Generalgouvernement, die der dortige Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD zusammengestellt hatte, wurden nach Ostgalizien abbeordert, um dort mit der Tötung der jüdischen und Teilen der polnischen Intelligenz fortzufahren. Diese Männer stellten später den Apparat von Sicherheitspolizei und SD und führten ab Oktober 1941 einen Großteil der Vernichtungsaktionen durch. Auch Felix Landau gehörte zu dieser Gruppe an Sicherheitskräften.[42] Für alle Dienststellen der Sicherheitspolizei im Distrikt Galizien galt das gleiche Muster. Die ersten Opfer wurden willkürlich gewählt, um die Zahl der Juden zu reduzieren. In der Folge bildeten sich aber Selektionsmuster heraus, wobei die Schwachen ermordet und die Arbeitsfähigen geschont wurden. Parallel dazu liefen die Transporte nach Belzec an. Nach und nach wurden die Ghettos geleert, auch bis dahin „sichere“ Arbeitsverhältnisse bei der Wehrmacht oder in der Rüstungsindustrie boten keinen Schutz mehr.[43] Die Massenmorde verliefen ebenfalls im ganzen Distrikt nach dem gleichen Schema. Die ortsansässige Miliz wurde beauftragt, bestimmte Personen festzunehmen, manchmal sogar aus eigenem Antrieb. Vereinzelt wurden die Opfer auch unter dem Vorwand von Registrierungsmaßnahmen getäuscht oder kamen sogar freiwillig. Oft wurde erst an Ort und Stelle über die jeweiligen Schicksale entschieden. Die Exekutionen wurden zumeist in abgelegenen Waldstücken vollzogen. Diese waren wie Hinrichtungen organisiert, wobei zumeist ein Exekutionskommando mit Karabinern auf Befehl auf die Opfergruppe feuerte.[44]

Rückblickend lässt dich feststellen, dass die Deutschen den Judenmord in den besetzten sowjetischen Gebieten in zwei Schritten ausweiteten. In den ersten Wochen initiierten die Mordkommandos Pogrome örtlicher Milizen und erschossen gleichzeitig immer weiter gefasste Gruppen jüdischer Männer im wehrfähigen Alter. Obwohl die NKWD-Männer auch Juden ermordet hatten, wurden diese von den Einheimischen wie von vielen Deutschen als Haupttäter oder zumindest Hintermänner der Verbrechen bezichtigt. In vielen Gegenden wurden die jüdischen Einwohner von örtlichen Milizionären erschlagen und erschossen, ohne dass es dort Hinweise auf NKWD-Verbrechen gegeben hätte. Zudem waren die Pogrome keinesfalls so spontan, wie es den Anschein haben sollte und es gibt Hinweise auf die federführende Rolle deutscher Einheiten. Hoppe/Glass (2011) legen dar, dass die Deutschen schon Wochen vor dem Überfall Pogrome geplant hatten, also einige Zeit bevor der NKWD die Massenmorde durchführte. Je weiter die deutschen Truppen nach Osten vordrangen, desto schwieriger war es, örtliche Pogrome verdeckt zu inszenieren, obwohl die Deutschen weiterhin antijüdische Aufrufe und Flugblätter veröffentlichen, die zum Judenmord aufforderten. Dennoch blieben die Opferzahlen der Pogrome von Anfang an weit hinter jenen der parallel anlaufenden Mordaktionen zurück. In der zweiten Phase, die ab August 1941 einsetzte, wurden auch jüdische Frauen und Kinder ermordet bzw. bei großen Massenerschießungen ganze Gemeinden ausgelöscht. Somit war die Schwelle vom Terror zum Massenmord überschritten. Obwohl die „Aktionen“ zeitweise immer wieder gestoppt wurden, um einen Teil der Juden weiterhin als Arbeitskräfte zu erhalten, hatten die SS- und Polizeieinheiten in den unter Militärverwaltung stehenden Gebieten den klaren Auftrag, das Territorium vollständig „judenfrei“ zu machen. Hoppe/Glass (2011) richten den Blick auf Hinweise, die darauf hindeuten, dass die mündlichen Anordnungen Heydrichs im Juni 1941 weit über seine schriftlichen Befehle vom 27. Juni und 2. Juli hinausgingen. Da diese Anordnungen nicht dokumentiert sind, lässt sich deren Inhalt nur aus den Taten der Einsatzkommandos ableiten. Dies lässt sich unter anderem daran erkennen, dass bereits kurz nach dem Überfall nicht nur Angehörige der Führungsschicht, sondern alle wehrfähigen Juden erschossen wurden. Himmler und Heydrich genügte es demnach nicht, den sowjetischen Staat zu enthaupten, sondern mit einer möglichst großen Gruppe jüdischer Männer auch das vermeintliche soziale Reservoir des Bolschewismus zu vernichten. Hinzu kam der spezifische Blickwinkel der Sicherheitspolizei, die den Auftrag hatte, die besetzten Gebiete mit knappen Ressourcen zu befrieden. Die radikalen mündlichen Anweisungen Heydrichs waren jedoch keine strikt auszuführenden Befehle für einen umfassenden Mord. Sie ließen den jeweiligen Kommandeuren einen sehr großen Handlungsspielraum, was sich zB im zeitlich versetzten Beginn der Ermordung jüdischer Männer zeigt. Bei Heydrichs Anweisungen handelte es sich also vielmehr um Leitlinien, die flexibel den jeweiligen Situationen angepasst werden sollten. Diese Flexibilität war auch in Hinblick auf die Wehrmacht nötig, denn der Mord an allen jüdischen Männern ging über die getroffenen Vereinbarungen eindeutig hinaus. Himmler nahm seine Reisen in die besetzten Gebiete zum Anlass, Wehrmacht und Polizei auf die Juden als vermeintliche Feinde einzuschwören.[45] Auch Pohl (1996) diskutiert die erteilten Befugnisse der Höheren SS- und Polizeiführer (HSSPF) und der Einsatzgruppen. Auch er geht von keinem generellen Befehl zur Ermordung aller sowjetischen Juden aus. Vermutet wird aber eine Art Generalermächtigung im Vorhinein, alle Maßnahmen zu treffen, die zur Sicherung der besetzten Gebiete dienten, was im nationalsozialistischen Sinne auch die Ermordung der Juden miteinschließen konnte. Pohl sieht in den schriftlichen Weisungen Heydrichs eine Art Minimalliste der möglichen Opfer. Da die Einsatzgruppe C rasch weiterzog, waren die anderen Sicherheitspolizei- und SD-Einheiten für die weitere Entwicklung Ostgaliziens bedeutsamer.[46]

Mit 1.8.1941 wurde Galizien auf Befehl Hitlers als fünfter Distrikt in das Generalgouvernement eingegliedert, vor allem um die Bildung eines ukrainischen Nationalstaates zu verhindern. Zu diesem Zeitpunkt lebten in Generalgouverneur Franks Machtbereich eine halbe Million Jüdinnen und Juden. Dennoch waren die politische Zukunft und die Vorgehensweise gegenüber der jüdischen Bevölkerung in dieser Region noch ungewiss. Der Beginn von Ghettobildungen und die Ausweitung der antijüdischen Verordnungen auf Galizien zogen sich noch einige Monate hin. In dieser Zeit herrschten in Galizien unklare Zuständigkeiten, geringe personelle Ressourcen der Besatzer, neofeudale Verhältnisse und Korruption. Das Schicksal der Juden lag in den Händen und weitgehend im eigenen Ermessen der schlecht qualifizierten Besatzungsfunktionäre, die aber im „Umgang“ mit den Juden ihre Erfahrung aus dem alten Generalgouvernement mitbrachten. Diese Umstände und das Fehlen einer einheitlichen Politik aus Krakau und Lemberg resultierten in einer rapide einsetzenden Radikalisierung in der Vorgehensweise gegenüber den Juden, insbesondere auf den unteren Ebenen. Viele Mitglieder der jüdischen Bevölkerung nützten dies, um aus der Region zu fliehen, was teilweise auch offiziell über die Ausstellung von Passierscheinen von noch judenfreundlich besetzten Verwaltungseinheiten erfolgte. Somit konnte der Anteil an Juden auch verringert werden. Aufgrund der Untersagung von Ghettos bildeten sich rasch Zwangsarbeitslager, primär initiiert von den SS- und Polizeiführern (SSPF) Friedrich Katzmann und Odilo Globocnik, unterstützt von der Zivilverwaltung. Es entstand ein regelrechtes Netz solcher Arbeitslager. Ab 20.9.1941 galt offiziell im ganzen Distrikt ein jüdischer Arbeitszwang. Ab September 1941 begann das Projekt der Durchgangsstraße IV (auch: Rollbahn Süd), wo jüdische Zwangsarbeiter massenweise eingesetzt wurden. Für die Wehrmacht wurde dadurch eine wichtige Nachschublinie zur Ostfront geschaffen. Himmler unterstützte Globocnik ebenfalls bei diesem Vorhaben, da es sich gut in den „Generalplan Ost“ einfügte. SS, Zivilverwaltung und Militär zogen hier an einem Strang. Die Funktionäre rechneten noch mit einer nächsten Erweiterung des Generalgouvernements in den Osten und somit mit einer Umsiedlung der Juden in die Ukraine, auch wenn diese dann bereits durch Zwangsarbeit stark dezimiert waren. Der Oktober 1941 stellte aber aufgrund der gescheiterten militärischen Entwicklung eine Zäsur da, und die „Judenprobleme“ mussten im Generalgouvernement selbst „gelöst“ werden. Sandkühler (1998) sieht im Galizien in der Zeit zwischen den Sommern 1941 und 1942 eine Schanierfunktion des Distriktes. Ab Mitte Oktober 1941 begannen hier bereits die Massenerschießungen, wenn auch noch mit diversen Verwaltungsmaßnahmen begründet. In Stanislau wurde zu dieser Zeit ein Ghetto errichtet. Als sich dieses als zu klein erwies, befahlen der SSPF Katzmann und der Kommandeur des SD Tanzmann, die „überflüssigen“ Juden zu erschießen. Am sog. „Blutsonntag“ von Stanislau wurden am 12.10.1941 etwa 10.000 Jüdinnen und Juden von SD-Beamten erschossen. Gouverneur Lasch ließ auch in Lemberg ein „provisorisches“ Wohngebiet für Juden errichten.[47] Die hygienischen Zustände resultierten in Epidemien und der Platzmangel veranlasste SS und Polizei, Alte und Kranke, nicht Arbeitsfähige, Frauen und Kinder in den umliegenden Wäldern zu erschießen. Mindestens 20.000 Juden ließen im Herbst/Winter 1941 auf diese Art ihr Leben. Da all diese Maßnahmen in aller Öffentlichkeit stattfanden, drangen diese Nachrichten auch in die Heimat. Mit dieser Kritik konfrontiert, beauftragte Himmler Globocnik damit, andere Formen der „Bereinigung“ zu finden, um dem „Dilemma“ zu entkommen. Mit dem Bau von Belzec begann die Errichtung der drei Vernichtungslager der späteren „Aktion Reinhard“. Rasch verdeutlichte sich die Judenpolitik für diese Region. Arbeitsfähige sollten im Straßenbau eingesetzt werden, wer dazu nicht im Stande war wurde nach Belzec zur Vergasung geschickt. Somit konkretisierte sich die Politik konsequent auf die Ermordung der Juden. Dennoch tat sich dadurch ein weiteres „Dilemma“, insbesondere der Zivilverwaltung, auf. Durch Zwangsarbeit und Erschießungen standen nicht mehr genügend Facharbeiter und Handwerker bereit. Diese wurden von deutschen Firmen und Rüstungsbetrieben stark nachgefragt. Dies führte ab Dezember 1941 zu Registrierungsaktionen und Einteilung der Menschen anhand ihrer Arbeitsfähigkeit. Für all jene ohne entsprechende Arbeitsausweise war die Zukunft aber dennoch besiegelt. Da es nach wie vor keine klaren Weisungen über die konkreten Methoden der „Judenliquidierungen“ gab, und es dauerte bis die Registrierungen flächendeckend durchgeführt wurden, differenzierten sich die Vorgehensweisen zwischen Arbeit und Vernichtung von Ort zu Ort. Es bot sich für die Besatzungsbehörden aber geradezu an, den Judenmord mittels bürokratischer Aufteilung zu abstrahieren. Die Akteure konnten sich darauf berufen, spätere Massendeportationen anzubahnen und „nützliche“ Arbeitskräfte zu schützen und der Kriegswirtschaft zuzuführen. Eben dieser Versuch, die Massenerschießungen mit ökonomischen Prinzipien zu verbinden, trug aber zu einer schnellen Bildung eines systematischen Vernichtungsprogramms bei, weil gerade die Arbeitsämter die bis dato nicht bestehende Verbindung zwischen Arbeitseinsatz und Mord zuallererst herstellen konnten. Die Klassifizierung der jüdischen Bevölkerung war daher eine notwendige Voraussetzung für jene Umsetzung von Massenmord in Verwaltungshandeln, die im Distrikt Galizien praktiziert wurde, und das noch bevor die „Endlösung“ im gesamten Generalgouvernement startete. Mit der Beauftragung Katzmanns durch Himmler mit der „Endlösung“ im Distrikt und der Übernahme der Zivilverwaltung durch den SS-General Otto Wächter, der den wegen Korruption verhafteten und kurz darauf unter nicht ganz geklärten Umständen erschossenen Lasch ersetzte, wurden die Weichen endgültig gestellt. Mit Jänner 1942 begannen Massendeportationen, geschlossene Ghettos wurden errichtet und die Todesstrafe auf flüchtende Juden verhängt. Es wurden Richtlinien für die „Aussiedlung der Juden aus Lemberg“ erlassen. Es gab ein Ghetto für Facharbeiter und eines für „Unproduktive“. Es entstand das berüchtigte Zwangsarbeitslager an der Janowska-Straße. Der Rest sollte „ausgesiedelt“ werden, was einen Hinweis auf den Transport nach Belzec darstellte. Die von Heydrich auf der „Wannsee-Konferenz“ verwendeten Ausführungen dürften an das Beispiel Galizien angelehnt gewesen sein. Denn dort wurden die Juden tatsächlich „straßenbauend in den Osten geführt“ und der „Restbestand entsprechend behandelt“ – zunächst durch Massenerschießungen, später mit Gas aus Dieselmotoren in Belzec. Damit war auch klar, dass die „Endlösung“ nicht an entlegenen Teilen der Erde (Eismeer oder Madagaskar), sondern in den Gaskammern Polens stattfinden würde. In Galizien wurde indessen mit dem eingeschlagenen Kurs fortgefahren. Ab 1.4.1942 galten neue Arbeitsausweise, welche die administrativen Schritte für die „ABC-Registrierung“ darstellten und sich bis zur Ghettogestaltung durchzogen. Mitte März wurde mit der Räumung der Ghettos in Lublin und Lemberg begonnen und ein Vorbild für alle weiteren Vernichtungstransporte nach Belzec gesetzt, das wegen der Brutalität von SS und Polizei bekannt wurde. In den kleineren Städten führten die Außendienststellen der Sicherheitspolizei, Ordnungspolizei und Kreisverwaltungen ebenfalls Massendeportationen durch. Das ländliche Judentum sollte erst später vernichtet werden. Im April lebten im Distrikt noch ca. 430.000 Juden. Aufgrund des hohen Bedarfs an jüdischen Arbeitskräften wurden viel mehr Arbeitsausweise ausgestellt, als ursprünglich angenommen. Dies hing vor allem mit einer stärkeren administrativen Integration von Galizien in das Generalgouvernement und einem vermehrten Einbezug in die Kriegswirtschaft zusammen. Die Transporte nach Belzec waren zwischen April und Juli eingestellt, was in der jüdischen Bevölkerung, die über die Massenmorde bereits in Kenntnis war, Hoffnung auf Entspannung der Situation schürte. Jedoch wurde im Mai 1942 im Zuge der „Aktion Reinhard“ die endgültige Entscheidung getroffen, alle Juden zu vernichten. Im Juni trat Gouverneur Frank alle Befugnisse in der Siedlungs- und Judenpolitik an den HSSPF Friedrich-Wilhelm Krüger ab. Im Sommer 1942 war somit die einjährige Phase abgeschlossen, die den Schlusspunkt unter die Ingangsetzung des Genozids setzte. Für den Mord waren keinerlei Vorwände mehr zu suchen, die Güterwagons, die bis Jahresende ununterbrochen nach Belzec rollten, machten vor nichts mehr Halt. Direkt oder indirekt mitbeteiligt waren neben den deutschen Funktionären die ukrainische Polizei und Kommunalverwaltung. Da die Abtransporte öffentlich vor sich gingen, sahen viele Ukrainer und Deutsche dem Massenmord zu. Sandkühler (1998) sieht die Begründung für die Ermordung der Juden allein auf den Judenhass oder den spezifischen, deutschen Antisemitismus zurückzuführen als zu kurz gegriffen, weil dadurch die beträchtliche funktionale Bandbreite des Antisemitismus verdeckt wird. Funktionäre wie Katzmann oder einzelne Sicherheitspolizisten auf Kreisebene waren gewiss antisemitische Fanatiker, auf andere Besatzungsfunktionäre trifft dies aber nicht unbedingt zu. Insbesondere das Verhalten der Zivilverwaltung war von vorgeschobenen Nützlichkeitserwägungen und spezifischen Sprachregelungen bestimmt. Die Logik der sekundären Rationalisierung gereifte immer dann, wenn sich die Beteiligten sich selbst und anderen vormachen konnten, dass die Morde, auch unter Kriegseinfluss, eine harte Notwendigkeit seien, die man im Interesse eines größeren Zieles zur Not auch hinzunehmen habe. So blieb dieser Mechanismus, der immer wieder Ausnahmezustände schuf, die ebenso außerordentliche Maßnahmen veranlasste, bis zuletzt in Kraft.[48] Am 27.7.1944 wurde Lemberg von der Roten Armee eingenommen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden von den Nazis mehr als 525.000 Menschen ermordet, unter ihnen 97-98% aller dort lebenden Juden.[49]

[...]


[1] Klee/Dreßen/Rieß (1988) 1.

[2] Klee/Dreßen/Rieß (1988) 7.

[3] DÖW, Akt 22.906, OZ 21, Lebenslauf v. 2.7.1937.

[4] WStLA, VgVr 654/55, 359-365, Bericht der Polizeidirektion Wien v. 12.11.1955.

[5] DÖW, Akt 22.906, OZ 21, Lebenslauf v. 2.7.1937.

[6] WStLA, VgVr 654/55, 359-365, Bericht der Polizeidirektion Wien v. 12.11.1955.

[7] Klee/Dreßen/Rieß (1988) 262.

[8] WStLA, VgVr 654/55, 359-365, Bericht der Polizeidirektion Wien v. 12.11.1955.

[9] Klee/Dreßen/Rieß (1988) 262.

[10] Klee/Dreßen/Rieß (1988) 88; WStLA, VgVr 654/55, 359-365, Bericht der Polizeidirektion Wien v. 12.11.1955.

[11] WStLA, VgVr 654/55, 359-365, Bericht der Polizeidirektion Wien v. 12.11.1955.

[12] DÖW, Akt 22.906, OZ 21, Personalblatt, Lebenslauf v. 2.7.1937.

[13] Klee/Dreßen/Rieß (1988) 88.

[14] Klee/Dreßen/Rieß (1988) 88.

[15] WStLA, VgVr 654/55, 359-365, Bericht der Polizeidirektion Wien v. 12.11.1955.

[16] Klee/Dreßen/Rieß (1988) 88.

[17] DÖW, Akt 19.487/1, OZ 65, Beschuldigtenvernehmung Gertrude Landau v. 17.6.1947.

[18] Klee/Dreßen/Rieß (1988) 262-3.

[19] Friedmann (1989) Anklageschrift LG Stuttgart v. 20.4.1961, 13.

[20] DÖW, Akt 7.117.

[21] Klee/Dreßen/Rieß (1988) 262-3.

[22] Friedhöfe Wien (2016).

[23] WStLA, Akt K1/162, Felix Landau.

[24] DÖW, Akt 22.906, OZ 21, Personalblatt.

[25] DÖW, Akt 22.906, OZ 59, Eidesstattliche Erklärung v. 27.6.1937.

[26] DÖW, Akt 22.906, OZ 30, Schreiben Felix Landaus an die Gauleitung Wien v. 16.09.1940.

[27] DÖW, Akt 22.906, OZ 36.

[28] DÖW, Akt 22.906, OZ 69, 70.

[29] WStLA, VgVr 654/55, 359-365, Bericht der Polizeidirektion Wien v. 12.11.1955.

[30] Friedmann (1963).

[31] WStLA, VgVr 654/55, OZ 61, Anzeige der Polizeidirektion Wien v. 27.3.1947.

[32] WStLA, Vg3b Vr734/47, Bericht Polizeidirektion Wien, Polizeikommissariat Margareten v. 11.4.1947.

[33] Friedmann (1989) Anklageschrift LG Stuttgart v. 20.4.1961, 26; Friedmann (1989) Urteil des LG Stuttgart v. 16.3.1962, 15.

[34] Friedmann (1989) Urteil des LG Stuttgart v. 16.3.1962, 15-6, 31.

[35] Pohl (1996).

[36] Sandkühler (1996).

[37] Sandkühler (1998) 122.

[38] Schenk (2007) 12, 66.

[39] Die Pogrome in Ostgalizien werden insbes. bei Pohl (1996) 54ff. detailliert behandelt.

[40] Nähere Ausführungen zu den Massakern des sowjetischen NKWD finden sich bspw. bei Schenk (2007) 76-8.

[41] Siehe auch hierzu weiterführend: Schenk (2007) 78-84.

[42] Sandkühler (1998) 122-128.

[43] Schenk (2007) 196.

[44] Pohl (1996) 71.

[45] Hoppe/Glass (2011) 29-33.

[46] Pohl (1996) 52-3.

[47] Einen kompakten Überblick über die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Lemberg findet sich bei Held (1995).

[48] Sandkühler (1998) 122-146.

[49] Schenk (2007) 13.

Details

Seiten
44
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668192263
ISBN (Buch)
9783668192270
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320058
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Zeitgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Nationalsozialismus Ostgalizien Wiener Polizei Felix Landau TäterInnenforschung NS-TäterInnen

Autor

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Titel: Vom eigenen Tagebuch überführt. Der Wiener NS-Täter Felix Landau