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Die Fraternisierung der verfeindeten Kriegsparteien Weihnachten 1914 vor dem Hintergrund der Kriegspropaganda

Zwischen Wahrheit und Lüge, Fiktion und Wirklichkeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Kriegsausbruch
1.1 Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts
1.2 Vielfältige Ursachen für den Kriegsausbruch
1.3 Die Juli-Krise
1.4 Der Lokale Krieg wird zum Weltenbrand

2. Die Berichterstattung
2.1 Meinungslenkung in den Zeitungen
2.2 Die Ausweitung der Bildpropaganda am Beispiel der K. u. K Regierung
2.3 Das System der Zensur im Deutschen Reich
2.4 Ein Wunder bahnt sich durch die Heilige Nacht

3. Veränderte Feindbilder trotz gezielter Propaganda

Literaturverzeichnis

1. Der Kriegsausbruch

1.1 Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Die Forschungsliteratur bezeichnet den ersten Weltkrieg heute uneingeschränkt als »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts«, an dessen Ende, ein zerstörtes Europa und was noch viel tragischer sein dürfte, fast 10 Millionen geopferte Leben stehen (Janz, Oliver: 14 Der Grosse Krieg, Frankfurt; New York: Campus Verlag, 2013, S. 10ff). Zu Beginn herrschte eine weit verbreitete Kriegseuphorie, die auch gerade im Dunstkreis der allseits betriebenen Propaganda aufblühte. Junge Männer meldeten sich in Scharen, als Freiwillige für das vermeintliche Abenteuer des Krieges. Der Schriftsteller Stefan Zweig, bekennender Pazifist konstatiert: „ (…) daß in diesem ersten Aufbruch der Massen etwas Großartiges, Hinreißendes und sogar Verführerisches lag, dem man sich nur schwer entziehen konnte (…).“ (Hamann, Brigitte: Der erste Weltkrieg. Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten, München: Piper Verlag, 2004, S. 26). Wie kam es jedoch letztlich zum Ausbruch des 1. Weltkrieges und welchen Einfluss nahm die Flut der Medien, die sich quasi selbst speisten und nach immer mehr Informationen gierten? Wurden die bestialischen Zustände überall in Europa glaubhaft dokumentiert oder gab die Propaganda der kriegstreibenden Nationen, dem Krieg nur den nötigen Zündstoff der seine Existenz auf vier lange Jahre in einem erbitterten Stellungskrieg , um wenige Meter Landgewinn, ausdehnte?: „ Keine Seite schaffte entscheidenden Landgewinn. Alle hatten sich eingegraben.“ (Jürgs, Michael: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten, München: Goldmann Verlag, 2005, S. 36). Welche Rolle spielte die Propaganda, auch im Hinblick auf die Zensur der Kriegsberichterstattung und den Veröffentlichungen in den Medien? Wieviel Wahrheit über den Frontalltag drang tatsächlich bis in die heimatlichen Reihen vor und auf welchem Wege gelangte sie dorthin? Wie konnte es trotz all der Grausamkeiten und den tief verankerten Glauben an den preußischen Militarismus , an Weihnachten 1914 und den darauffolgenden Tagen überall, an der 700 Kilometer langen Westfront zu spontanen Fraternisierungen zwischen den, sich gegenüberliegenden Kriegsgegnern England, Deutschland, Belgien und Frankreich kommen? All diese Fragen sollen hier geklärt werden. Eines darf mittlerweile unbestritten sein: Es hat den sogenannten »Weihnachtsfrieden« nur im ersten Kriegswinter in diesem Ausmaß gegeben und dieser, von der OHL nicht autorisierte Waffenstillstand, sollte in der Geschichte des Stellungskrieges beispiellos bleiben.

Spätere solidarische Zusammenkünfte von feindlichen Kriegsparteien entstanden häufig nur noch im Schatten des allseits gegenwärtigen Todes. So berichtet Oberleutnant Walther Hamann im April 1915 von der italienischen Front: „ An einem Begräbnis vor der Feuerlinie nahmen, wie die Artilleriebeobachter mit Fernrohr konstatieren, große Scharen eigener und gegnerischer Truppen teil. Austausch von Wein, Brot, Schnaps, Gespräche aller Art sind Sitte geworden.“ (Hamann, 2004, S. 169). Trotz all der seelischen Abstumpfung, die der Große Krieg mit sich brachte, schienen die Soldaten aller Parteien genau zu wissen, dass hinter jedem Kämpfer, ein menschliches Wesen, mit Familie und Freunden und einem Leben jenseits des Kriegsgeschehens stand. Die Beobachtungen der Artillerie, blieben Beobachtungen. Geschossen wurde bei Beerdigungen nicht. Der Schriftsteller Arthur Schnitzler berichtet in seinem Kriegstagebuch vom 18. April 1917, das er von einem Geschehen erfahren hatte, bei dem ein Offizier, durch einen, » (…) von ihm erschossene[n] Feind den Abschiedsbrief an die Geliebte dictirt [sic!] « bekam (Ebd.). Das Gesicht der Menschlichkeit trug im Krieg seltsame Züge.

1.2 Vielfältige Ursachen für den Kriegsausbruch

Im Vorfeld des 1. Weltkrieges gab es mehrere Faktoren, die das Spannungsfeld in Europa unter Strom setzten und schließlich zum Zerbersten brachten. Österreich-Ungarn verfolgte beispielsweise, unterstützt durch das Deutsche Reich, eine aggressive Politik auf dem Balkan. 1908 annektierte es Bosnien und Herzegowina und verschärfte so die internationalen Spannungen innerhalb Europas. Darüber hinaus trieb auch das exzessive Wettrüsten aller zukünftigen Kriegsgegner, den späteren Ausbruch des 1. Weltkrieges voran. Ein gesamteuropäischer Krieg erschien vielen Staatsmännern bereits in den Jahren vor 1914 unabwendbar. Das Wettrüsten diente auch der Abschreckung möglicher Kriegsgegner, tatsächlich aber kann man sagen, dass es eher gegenteilige Effekte produzierte.

Maßgebliches Ereignis war schließlich das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914, bei dem der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie, bei einem Staatsbesuch in Bosnien, von einem serbischen Freischärler, auf offener Straße erschossen wurden: „ (…) der neunzehnjährige (…) Gavrilo Princip (…) trat vor und feuerte aus kürzester Entfernung auf den Erzherzog und dessen Frau. Minuten später waren beide tot.“ (Strachan, Hew: Der Erste Weltkrieg. Eine illustrierte Geschichte, München: Pantheon Verlag, 2004, S. 26). Der Mord an dem Thronfolger und seiner Gattin brachte das Fass der internationalen Konflikte zum Überlaufen.

1.3 Die Juli-Krise

Deutschland stand zum damaligen Zeitpunkt im Zweibund mit Österreich-Ungarn. Das Deutsche Reich stellte seinem Bündnispartner, nach dem Attentat in Sarajevo den sogenannten »Blankoscheck« aus, der Österreich-Ungarn volle Rückendeckung und uneingeschränkten Kampfesbeistand im Falle eines drohenden Krieges zusicherte. Der deutsche Kaiser Wilhelm II zeigte sich erbost über die Morde und ermutigte Österreich-Ungarn zu einem schnellen Handeln gegen Serbien. Der Vielvölkerstaat solle »energisch gegen Serbien vorgehen« (Strachan, 2004, S. 31). Eine Beschwichtigung seitens Deutschland hätte möglicherweise das nahende Unheil abwenden können, aber zu diplomatischen Gesprächen war man überall in Europa nur halbherzig bereit. Am 23. Juli sprach Österreich-Ungarn ein Ultimatum an Serbien aus, in dem es sich verpflichten sollte, terroristische Gruppierungen im Land zu zerschlagen, die anti-österreichische Propaganda mit sofortiger Wirkung einzustellen und eine österreichisch-ungarische Kommission zur lückenlosen Aufklärung der Morde, bei den Ermittlungen in Serbien zuzulassen. Die serbische Regierung akzeptierte alle Forderungen, bis auf die Beteiligung einer Kommission, da es diese Einmischung als eine »Verletzung seiner Verfassung und seiner Strafprozessordnung« empfunden hätte. (Strachan, 2004, S. 36). Serbien stellte einen unabhängigen Staat dar und eine solche erpresserische Vorgehensweise war für die Regierung inakzeptabel. Sie wollte ihre Autorität in keinem Fall durch außerstaatliche Ermittler beschneiden lassen. Serbiens Zugeständnisse reichten Österreich-Ungarn nicht aus und so war ein baldiger Kriegsausbruch nicht mehr aufzuhalten. Am 28. Juli 1914 erklärte die Donaumonarchie, Serbien endgültig den Krieg. Einen Tag später nahm sie, ohne jegliche Vorwarnung an die Zivilbevölkerung, die Stadt Belgrad unter Beschuss und zerstört eine bis dato immer noch möglich gewesene Lösung für einen schnellen Frieden in einem noch lokalen Krieg. Der serbische Arzt Dr. Slavka Mihajlovic schildert die Bombardierung der Stadt eindrücklich: „Fensterscheiben gingen zu Bruch und überall lagen Glassplitter herum. Die Patienten schrien vor Angst. Einige sprangen, bleich vor Entsetzen, aus ihren Betten. Die nächste Explosion folgte und dann noch eine. Danach Grabesstille. Es war also wahr! Der Krieg hatte begonnen.“ (Strachan, 2004, S. 40).

1.4 Der Lokale Krieg wird zum Weltenbrand

Am 30. Juli mobilisiert Russland, das im Bund mit Serbien steht, seine Truppen. Was folgt ist eine Kriegserklärung der Deutschen an das ebenfalls mit Russland verbündete Frankreich. Am 04.August 1914 tritt schließlich auch England an der Seite seiner Bündnispartner Russland und Frankreich in den Krieg ein. Zu diesem Zeitpunkt waren die deutschen Truppen bereits widerrechtlich in Belgien einmarschiert und hatten das bestehende Neutralitätsabkommen verletzt. Diese Provokation konnte England nicht stillschweigend hinnehmen. Aus einem lokalen Konflikt entbrannte binnen weniger Tage eine internationale Katastrophe (vgl. Krumeich, Gerd: Der Erste Weltkrieg. Die 101 wichtigsten Fragen, München: Beck Verlag, 2014, S. 28).

2. Die Berichterstattung

2.1 Meinungslenkung in den Zeitungen

Bereits im 1. Weltkrieg setzten die Machthaber auf gezielte Meinungslenkung in den Medien. Die Überwachung und die Zensur der Nachrichtenmeldungen standen an erster Stelle. Zum einen sollte das Volk an der Heimatfront über Fortschritte im Kriegsverlauf unterrichtet werden, zum anderen sah man sich mit Beginn des zermürbenden Stellungskrieges gezwungen die Soldaten bei Laune zu halten und musste dafür Sorge tragen, dass sie weiterhin um einen zukünftigen Sieg kämpften. Negative Schlagzeilen, wie etwa schwere Verluste auf dem Schlachtfeld oder Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung wurden von allen beteiligten Nationen, entweder gar nicht veröffentlich, stark persifliert oder als Vorzeigebeispiel des barbarischen Feindes aufgezeigt. Die Siegesfreude über den bereits erwähnten Angriff auf Belgrad und dessen Besetzung, im Dezember 1914, war nur von kurzer Dauer. Tatsächlich drängten die kampferfahrenen Serben ihre Besatzer schnell wieder jenseits des Flusses Save zurück. Voreilig gedruckte Siegesbekundungen verschleierten die faktischen Ereignisse der Niederlage gegen Serbien. Die euphemistischen Versuche, durch die propagandistische Presse, ein positives Bild des Kampfes aufrecht zu erhalten, gelang nicht immer: „Die k.u.k. Regierung und die Presse können zwar den peinlichen Rückschlag in Serbien beschönigen, aber nicht verheimlichen. Nach all dem Siegesjubel über den Fall Belgrads ist diese Niederlage für Soldaten wie Zivilisten ein großer Schock.“ (Hamann, 2004, S. 52f). In Österreich verbreitet sich derweil ein propagandistisches Gedicht über die Save-Schlacht: „Die Save war stets Euer bester Freund, / Ihr wütenden Vaterlandshasser, / Drum haben wir gut es mit Euch gemeint / Und schickten Euch einfach ins Wasser.“ (Ebd.). Von Vaterlandshass konnte allerdings gar keine Rede sein, denn Serbien war nicht heimtückisch über die Donaumonarchie hergefallen. Es hatte nur seine Autonomie nicht aufgeben wollen.

Alle Kriegsparteien nutzten kontrolliert die Massenpresse, um die erst seit 1911 eingeführte Verbreitung von Bildmaterial, eindrucksvoll in Szene zu setzen: „Erst ab 1911 hatte man begonnen, die Tagespresse mit Fotos zu illustrieren - entsprechend glaubwürdig erschien diese Propaganda.“ (Lipp, Anne: Meinungslenkung im Krieg. Kriegserfahrungen deutscher Soldaten und ihre Deutung 1914-1918, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2003, S. 68). Eine Photographie sagt mehr aus, als das geschriebene Wort. Es untermauerte die Kriegsgeschehnisse, projizierte ein glaubhaftes, lebendiges Bild der Ereignisse und sollte einen authentischen Einblick geben, den die bis dahin gängigen Kriegszeichnungen nicht ausreichend abbilden konnten.

Die Verherrlichung des Krieges machte auch vor der Postkartenindustrie keinen Halt. In den Kriegsjahren wurden Massen an propagandistischen Kartenmotiven und Briefmarken produziert. Glorreiche Schlachten, den feindverhöhnende Darstellungen, Abbildungen von braven Frauen, die das heimatliche Feld bestellen oder idyllische Schützengrabenwohnlichkeit in gemütlicher Atmosphäre wurden überall verbreitet, um den Schein zu wahren. Ein unbekannter Soldat schrieb auf eine Weihnachtskarte, die einen gemütlich, weihnachtlich dekorierten und durch einen Kohleofen beheizten, Schützengrabenverschlag zeigt: „ Nochmals viele Busserln meinem braven Frauerl.“ (Hamann, 2004, S.90).

Das Elend der Schlachtfelder wurde dem Volk kaum gezeigt. Die Zurückgelassenen Frauen sollten ermutigt werden, den Alltag im Sinne der mutigen Soldaten an der Front weiter zu führen. Die Frauen und auch die Kinder mussten plötzlich die Lücke füllen, die ihre Ehemänner, Väter, Brüder und Söhne hinterlassen hatten. Auch die Kriegsmaschinerie brauchte Arbeitskräfte und so wurden die daheim gebliebenen Frauen rekrutiert, ihre Liebsten auf dem Felde, mit Militärbedarf und Munition zu versorgen.

Aber auch die Soldaten sollten durch gezielte Propaganda motiviert werden, um die bereits nach wenigen Monaten eingetretene, »zunehmende Friedenssehnsucht und Kriegsmüdigkeit« einzudämmen. Durch propagandistische Veröffentlichungen in der Feldpresse, auch als »vaterländischer Unterricht« bezeichnet, sollten die Soldaten im Felde gezielt in ihrer Haltung, gegenüber dem Feind manipuliert und gelenkt werden (Lipp, 2003, S. 62).

Ein weiterer Grund für die drastischer werdende, manipulative Presse: Der Krieg brauchte immer mehr Nachschub an neuen Soldaten, um die Stellungen an der Front halten zu können. Sie mussten die gefallenen Soldaten, die als mutige Helden verherrlicht wurden, wie am Fließband ersetzen. Im Felde war deshalb die Kriegseuphorie schnell verklungen, dort kannte man die schweren Verluste, dort gehörten die Leichen der Gefallenen zum Landschaftsbild: „Flandern war eine einzige Totenhalle unter freiem Himmel. Flandern produzierte Leichen. Auf denen blühte der Mohn.“ (Jürgs, 2005, S. 97).

An der »Heimatfront« hingegen war der Bevölkerung die grausamen Zustände und das Massensterben der Kämpfer kaum bewusst: Kriegsunerfahrene Patrioten meldeten sich freiwillig zum Kampf, nichtsahnend in welche Hölle sie sich begeben würden. Eine Hölle der Unmenschlichkeit aus der es in den wenigsten Fällen eine Wiederkehr geben sollte.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668192706
ISBN (Buch)
9783668192713
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320000
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Medienforschung
Note
1,3
Schlagworte
1.Weltkrieg 1914 Weihnachtswunder Weihnachtsfrieden Propaganda Kirieg und Medien

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Titel: Die Fraternisierung der verfeindeten Kriegsparteien Weihnachten 1914 vor dem Hintergrund der Kriegspropaganda