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Der Seewandel des Petrus. Zur Petrus-Episode in der Seewandelperikope Mt 14,22-34

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 23 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Textsicherung
2.1 Abgrenzung der Perikope
2.2 Textkritik
2.2.1 Das textkritsehe Problem in V. 22
2.2.2 Das textkritsehe Problem in V. 24
2.2.3 Das textkrtisehe Problem in V. 30
2.3 Übersetzung

3 Synchrone Analyse
3.1 Sozialgesehiehtlielie Analyse
3.2 Textlinguistische Analyse
3.3 Gliederung der Perikope
3.4 Pragmatische Analyse
3.δ Kompositionsanalyse

4 Diachrone Analyse
4.1 Gattungs- und Formanalyse
4.2 Motivanalyse
4.2.1 Das Gehen auf dem Wasser
4.2.2 Boot und Insassen
4.2.3 Kleinglaube
4.3 Personenanalyse

5 Interpretation

1 Einleitung

Der Evangeliumstext Mt 14,22-34 ist ausgesprochen vielschichtig und behandelt eine Vielzahl von theologischen Fragestellungen. Aus diesem Grund ist es nicht möglich, dem Text mit all seinen Aspekten im Rahmen einer einzigen Seminar­arbeit gerecht zu werden. Es bleibt nur die Option, Teilbereiche zu fokussieren und diese dafür umso detaillierter auszulegen. Für die vorliegende Arbeit wird dies der Seewandel des Petrus und seine Rettung durch Christus sein, da es sich bei diesen Textanteilen um matthäisches Sondergut handelt, die dem markini- schen Ursprungstext (Alk 6,45-52) hinzugefügt wurden.1 Es besteht daher die Hoffnung, aus diesen Anteilen besonders effizient matthäische Theologie heraus destillieren zu können.

Grundsätzlich muss die Interpretation aber im Kontext der gesamten Periko- pe erfolgen, womit sich als erster Arbeitsschritt die Sicherung des Textbestandes ergibt. Hierzu erscheint es pragmatisch zunächst Anfang und Ende des Textzu­sammenhangs zu bestimmen, bevor die Authentizität der einzelnen Lesarten hinterfragt wird. Es schließt sich die Übersetzung an, in der bereits die ersten Weichen für die spätere Interpretation gestellt werden.

Im zweiten Arbeitsschritt folgt die synchrone Analyse, die bestrebt ist den Text in seiner Zeit zu begreifen. Daher gehört die sozialgeschichtliche Analyse, die den Leser mit der Sozialstruktur der Zeit vertraut machen will und ihm so ermöglicht den Text aus der Perspektive der Entstehungszeit zu betrachten, in diesen Arbeitsschritt. Noch wichtiger sind allerdings die Arbeiten, die direkt am Text vorgenommen werden. Dazu zählt die textlinguistische Analyse, die an­hand sprachlicher Alerkmale die Kohäsion und Kohärenz des Textes untersucht. Darauf aufbauend wird es möglich, den Text nochmals in sich zu Gliedern, um einen besseren Überblick zu gewinnen. Es schließen sich pragmatische Analyse und Kompositionsanalyse an, um die Wirkungsabsicht des Autor zur Zeit der Abfassung zu beleuchten. Grundsätzlich gehört in diesem Abschnitt auch ein synoptischer Vergleich, der sich jedoch in diesem Fall erübrigt, da es sich bei dem Seewandel des Petrus um matthäisches Sondergut handelt.2

Bei der diachronen Analyse steht die sukzessive Entstehung des Textes und seine Tradition im Alittelpunkt. Daher fällt auch die Frage nach seiner aktuellen Form, die für die Zuordnung in eine spezielle Gattung entscheidend ist, in diesen Arbeitsabschnitt. Das Gleiche gilt für die religionsgeschichtlichen Alotive, die im

Text verwendet werden und deren Kenntnis ein vollständiges Verständnis erst ermöglichen. Abschließend werden die Ergebnisse der einzelnen Arbeitsschrit­te zusammen getragen, um eine umfassende Interpretation der untersuchten Aspekte liefern zu können. Dabei sollen auch Rückschlüsse auf die Intention und das Weltbild des Verfassers möglich werden.

2 Textsicherung

2.1 Abgrenzung der Perikope

Die erste Aufgabe der Textsicherung muss es sein, den zu untersuchenden Text nach vorne und hinten abzugrenzen, da der sich ergebene Textumfang die Basis aller weiteren Methodenschritte ist.

Der Perikope ging die Speisung der Fünftausend (Alt 14,13-21) voraus, von der sie sich deutlich abgrenzt. Dies wird an V. 21: οί οέ έσθίοντες ήσαν avö- ρες ώσεί πεντακισχίλιοι χωρίς γυναικών καί παιδιών deutlich. Diese Aussage fasst die Ereignisse des Speisewunders zusammen und markiert somit dessen Ende. Darüber hinaus sprechen auch sprachliche Argumente dafür V. 21 als Abschluss­bericht aufzufassen. So wird auch durch das verwendete Imperfekt deutlich, dass bereits eine zeitliche Distanz zu den Ereignissen eingetreten ist, zumal der Impe­tus der Handlung an dieser Stehe bereits deutlich abbricht. In V. 22 muss daher eine neue Handlung aufgenommen werden. Dass dies tatsächlich der Fall ist, wird an dem ευθέως und dem Wechsel in den Aorist in V. 22 deutlich.3 V. 22f. bereitet also eine neue Szene vor, obwohl sie zugleich enge Bezüge zur vorange­henden Erzählung aufweisen. Des Weiteren ist kein Ortswechsel zu verzeichnen. Aus den genannten Gründen lassen sich also die V. 22f. klar als Überleitung beschreiben, die den Beginn einer neuen Perikope markieren.4

Das Ende der Perikope ist hingegen deutlich schwieriger festzulegen. Dies wird schon daran deutlich, dass sich die Vielzahl der Exegeten uneinig ist. Die Alehrheit lässt die Perikope gemäß der Tradition mit V. 33 enden. Konradt, Grundmann und Luck hingegen lassen die Perikope erst mit V. 36 enden.5 V. 36 erscheint als Endpunkt der Perikope jedoch deutlich zu spät, zumal nach Konradts eigener Argumentation gelten sollte, dass jene Versen, die ein neues

Geschehen vorbereiten, bereits den Anfang der Perikope bilden, die dieses Ge­schehen weiter verfolgt.6 Dieses Kriterium ist jedoch bei den Versen 35 und 36 unzweifelhaft erfüllt, da dort ein weiteres Sammarium7 des heiligen Handelns Christi berichtet wird, das die Perikope von der äußeren und inneren Reinheit und Unreinheit motiviert.

Folglich stellt sich nur die Frage, ob die Perikope mit V. 33 oder 34 endet. Gewiss lassen sich Argumente für beide Varianten finden, jedoch sollen an dieser Stelle zwei hervorgehoben werden. Zum einen handelt es sich bei der Perikope auf der Sachebene um den Bericht einer Seeüberquerung. Dieser kann schlech­terdings nicht vor dem Erreichen des anderen Ufer enden. Auf der anderen Seite findet erst in V. 35 mit οί δίνδρες ein Personenwechsel statt. Dies spricht beides dafür, den V. 34 noch zur Perikope des Seewandels zu zählen. Dem entgegen steht, dass in V. 34 schon ein neuer Ort (Genezareth) genannt wird. Dieser Orts­wechsel ist jedoch der Natur der erzählten Seeüberquerung geschuldet, sodass dem, in diesem Fall objektiverem, Kriterium des Personenwechsels zur Abgren­zung der Perikope Vorrang zu gewähren ist. Somit markiert V. 34 das Ende der untersuchten Perikope.8

2.2 Textkritik

2.2.1 Das textkritsche Problem in V. 22

Für V. 22 gibt es die Variante, das Adverb ευθέως auszulassen, also einfach xd ήνάγκασεν τους μαθητάς zu lesen. Sie wird bezeugt vom Codex Sinaiticus (4. Jahrhundert), Codex Ephraemi (5. Jahrhundert), den Minuskeln 892 (ständiger Zeuge), 844, 2211, sowie den Sinai-Syrern und den Cureton-Syrern. Aus dieser Reihe sind die Codices Sinaiticus und Ephraemi hervorzuheben, da sie zwei der wichtigsten Textzeugen für das NT darstellen. Der Variante entgegen stehen jedoch die ebenfalls wichtigen Codices Alexandrinus (5. Jahrhundert), Vaticanus (4. Jahrhundert), Bezae Catabrigiensis (5./6. Jahrhundert), sowie die Papyri und die übrigen Zeugen. Somit sprechen die äußeren Kriterien eindeutig gegen die Variante und für die bevorzugte Lesart von Nestle-Aland.

Die inneren Kriterien stützen die Authentizität der Variante. Zum einen gilt lectio brevior est probabilior, zum anderen könnte mit Blick auf die Parallelstelle Alk 6,45, die das sinnverwandte ευθύς liest, so etwas ähnliches wie eine Paral­lelstellenangleichung stattgefunden haben. Einen theologischen Grund ευθέως hinzuzufügen oder zu streichen, gibt es hingegen nicht.

Insgesamt ist allerdings der Lesart von Nestle-Aland Vorzug zu gewähren, da sie deutlich besser bezeugt ist und eine tatsächliche stattgefundene Angleichung an Alk 6,45 ευθύς statt ευθέως erwarten lassen würde.

2.2.2 Das textkritsche Problem in V. 24

V. 24 stellt das größte textkritische Problem der Perikope dar. Anstelle der Les­art σταοίους πολλούς άπό της γης άπέίχεν, die vom Codex Vaticanus und der Alinuskelgruppe 13 belegt wird, steht im Codex Koridethi (9 Jh.), der Alinuskel 700, bei den Cureton-Syrer sowie in der Peschiti a die Variante άπέίχεν άπό της σταοίους ίκανοϋς. Im Codex Sinaiticus, Codex Ephraemi u.a., sowie mit klei­nen Abweichungen auch im Codex Bezae Cantabrigiensis, der Alinuskelfamilie 33, den Alinuskeln 892, 844 u.a., und auch im Alehrheitstext findet sich die Variante μέσον τής θάλασσας ήν. Zwar bezeugt der besonders wichtige Codex Vaticanus die von Nestle-Aland bevorzugte Lesart, jedoch ist die Variante μέσον τής θάλασσας ήν ebenfalls so gut bezeugt, dass eine Entscheidung allein anhand der äußeren Kriterien unmöglich ist.

Auch die wichtigen Grundsätze der inneren Textkritik führen hier nicht zu einem Ergebnis, da keine Variante sich besonders durch Kürze oder Komplexität auszeichnet. Lediglich die Angabe bezüglich der Entfernung vom Ufer schwankt zwischen den verschiedenen Lesarten. Dies begründet jedoch keinen starken in­haltlichen Unterschied. Ob sich das Boot in der Alitte des Sees Genezareth befindet oder viele Stadien vom Ufer entfernt ist spielt bei der Größe des Sees eine untergeordnete Rolle. In jedem Fall ist das Boot noch eine gute Strecke von seinem Ziel entfernt und wird während seiner Fahrt von keinem schützendem Festland begleitet. Auch hier scheidet also ein theologisches Alotiv zur Erklä­rung der Variante aus. Alit Blick auf Alk 6,47, wo die Position des Bootes mit ήν το πλοΐον εν μέσω τής θάλασσης beschrieben wird, scheint es sich bei der vom Codex Sinaiticus u. a. bezeugten Variante um einen Harmonisierungsversuch zu handeln. Aus diesem Grund ist zusammenfassend der Lesart des Textus Vorzug zu geben, da sie frei von Angleiehungsversuehen ist.

2.2.3 Das textkrtische Problem in V. 30

Innerhalb des V. 30 lassen die Codices Sinaitieus und Vatieanus, gefolgt von einigen Minuskeln, das ισχυρόν aus. In den Codices Ephraemi, Leningradensis und Bezae hingegen findet es sich. Der Codex Washingtonianus ergänzt sogar noch zusätzlich σφοδρά.9

In diesem Fall führt der Grundsatz lectio brevior est probabilio in die richtige Richtung. Die kürzere Variante ist nicht nur gemäß der äußeren Kriterien besser bezeugt ist, sondern erklärt auch die Entstehung der anderen Lesarten anhand der inneren Kriterien. Sehr wahrscheinlich sind diese nämlich dem Bemühen, die Furcht des Petrus plausibel erscheinen zulassen, entsprungen. Da in der ursprünglichen Variante lediglich τον άνεμον als Erklärung für die Furcht des Petrus angegeben wird, mussten zur Rechtfertigung seiner Reaktion dem Wind weitere augmentierende Attribute gegeben werden.

2.3 Übersetzung

Auf Grundlage der Textsicherung in den Abschnitten 2.1-2, folgt nun die Über­setzung der Perikope:

22Kd ευθέως ήνάγκασεν τους μαθητάς έμβήναι εις το πλοΐον xd προάγειν αυτόν εις το πέραν, έως ου απόλυση τους όχλους. 28κα! άπολύσας τους όχλους άνέβη εις το όρος κατ’ ιδίαν προσεύξασθαι. όψίας δε γενομένης μόνος ήν εκεί.

24τό δε πλόϊον ήδη σταδίους πολλούς άπό τής γης άπέϊχεν, βασανιζόμενον υπό των κυμάτων, ήν γάρ ενάντιος ό άνεμος. 25τετάρτη δε φυλακή τής νυκτός ήλθεν προς αυτούς περίπατων επί τήν θάλασσαν. 26οί δε μαθηταί ίδόντες αυτόν επί τής θαλάσσης περιπατουντα έταράχθησαν λέγοντες ότι Φάντασμά έστιν, καί άπό του φόβου έκραξαν. 27εύθύς δε έλάλησεν ό Ιησούς αύτόϊς λέγων, Θαρσέϊτε, εγώ είμι: μή φοβέϊσθε.

28άποκριθείς δε αύτω ό Πέτρος έίπεν, Κύριε, εί σύ έί, κέλευσόν με έλθέϊν προς σέ επί τα υδατα: 29ό δέ έίπεν, Έλΐ)έ. καί καταβας από του πλοίου ό Πέ­τρος περιεπάτησεν επί τα υοατα καί ηλΐ)εν προς τον Ίησουν. 8()βλέπων οέ τον άνεμον έφοβήθη, καί άρξάμενος καταποντίζεσ·θαι έκραξεν λέγων, Κύριε, σώσόν με. 81 ευθέως οέ ό Ιησούς έκτείνας την χέϊρα έπελάβετο αυτού καί λέγει αυτω, "Ολιγόπιστε, εις τί έοίστασας; 82καί άναβάντων αυτών εις τό πλοΐον έκόπασεν ό άνεμος.

88οί οέ έν τω πλοίω προσεκύνησαν αυτω λέγοντες, Αληθώς ιί)εου υιός έί.

84Καί οιαπεράσαντες ήλί)ον έπί την γην εις Γεννησαρέτ.

22Und sofort veranlasste er die Jünger das Boot zu besteigen und ihm an das andere Ufer vorauszufahren, während er die Volksmengen entlässt. 28Und nachdem er die Volksmengen entlassen hatte, stieg er für sich selbst auf einen Berg, um zu beten. Nachdem es aber Abend geworden war, war er allein dort.

24Das Boot aber war bereits viele Stadien vom Land entfernt, als es von Wellen bedrängt wurde, denn der Wind war [ihm] entgegen. 25In der vierten Nachtwache aber kam er auf sie zu, indem er über den See wandelte. 26Als die Jünger ihn auf dem See wandeln sahen, wurden sie aufgewühlt und sagten: “Es ist ein Gespenst!” und sie schrien vor Furcht. 27Sofort aber redete Jesus zu ihnen, indem er sagte: “Habt Vertrauen! Ich bin es. Fürchtet euch nicht!”

28Petrus aber antwortete ihm und sagte: “Herr, wenn du es bist, befiehl mir auf dem Wasser zu dir zu kommen!” 29Dieser aber sprach: “Komm!” Und Petrus stieg aus dem Boot und wandelte über das Wasser und kam auf Jesus zu. 80 Als er aber den Wand sah, fürchtete er sich und als er anfing zu sinken, schrie er und sagte: “Herr, rette mich!” 81 Sofort streckte Jesus die Hand aus und ergriff ihn und sagt ihm: “Kleingläubiger, weswegen zweifelst du?” 82Und während sie ins Boot stiegen legte sich der Wand.

88Die aber in dem Boot waren, warfen sich vor ihm nieder und sagten: “W'ahr- haftig, du bist Gottes Sohn!”

84Und als sie hinübergefahren waren, kamen sie in Genezareth an Land.

[...]


1 Cf. Gnilka(1988), S. 11.

2 Cf. Luz(2007), S. 405.

3 Cf. Sand(1986), S. 307.

4 Cf. Konradt(2015), S. 236.

5 Cf. Luck(1993), S. 174; Cf. Grundmann(1981), S. 366.

6 Cf. Konradt(2015), S. 236.

7 Summarien werden häufig eingesetzt, um Lücken der erzählten Zeit zwischen den Szenen des Wirkens Jesu zu füllen. Somit lässt sich auch an dem Auftreten eines Summariums ablesen, dass eine neue Perikope beginnt.

8 Nichtsdestoweniger bleibt eine gewisse Unschärfe bei der Abgrenzung nach hinten beste­hen, sodass die Mehrheitsmeinung, die Perikope mit V. 33 enden zu lassen, nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist.

9 Cf. Iniiiger(2008), S. 3.

Details

Seiten
23
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668216051
ISBN (Buch)
9783668216068
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319974
Note
Schlagworte
seewandel petrus petrus-episode seewandelperikope

Autor

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