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Die Völkermorde an den Armeniern im der Türkei und den Herero in Namibia. Parallelen und Unterschiede innerhalb der Geschichte und im Umgang mit Erinnerungsritualen

Hausarbeit 2015 14 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Geschichte
2.1.Der Krieg zwischen den Deutschen und den Herero in Südwest Afrika
2.2 Der Krieg zwischen Armeniern und Türken in der Türkei

3.Politische Stellungnahmen zum Genozidbegriff & Forderungen der Opfer
3.1 Herero
3.2 Armenier

4.Erinnerungsrituale
4.1. Erinnerungsrituale der Herero
4.2. Erinnerungsrituale der armenischen Bevölkerung

5.Fazit

6.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit möchte ich mich mit den Massenmorden an den Armeniern durch das jungtürkische Regime sowie den Herero in Namibia durch deutsche Kolonialisten befassen und auf Parallelen und Unterschiede im Umgang mit Erinnerung hinweisen. Im Folgenden möchte ich die Frage „Inwiefern lassen sich Parallelen und Unterschiede innerhalb der Geschichte, Politik im Umgang mit Erinnerungsritualen im Hinblick auf die Schicksale von Armeniern und Herero aufweisen?“, beantworten und auf den Völkermorddiskurs der jeweiligen Regierungen hinweisen.

2. Geschichte

2.1. Der Krieg zwischen den Deutschen und den Herero in Südwest Afrika

Namibia war von 1884 bis 1915 unter deutscher Kolonialherrschaft. Landkonflikte, die Ungleichbehandlung von Herero und Weißen, die Reservatspläne der Deutschen Kolonie sowie Gewalthandlungen gegenüber den Herero sind die Beweggründe dafür, dass sie, die Herero, im Januar 1904 deutsche Kolonisten überfielen. Sie verübten Anschläge auf deutsche Farmen, Geschäfte, Eisenbahnlinien und Telegraphenverbindungen, die sich bis Zentralnamibia ausweiteten.

Im August 1904 begann der Krieg zwischen Deutschen und Herero, die „Kesselschlacht am Waterberg“. Die Deutschen verfolgten die Wiederherstellung von „Ruhe und Ordnung“ (Förster 2010: 45), sowie die politische Entmächtigung der Hererobevölkerung. Die Herero leisteten keinen Widerstand und zogen sich in die Wüste Omaheke zurück. Deutsche Kolonialisten hingegen verfolgten sie weiterhin, erschossen sie, besetzten systematisch die lebensnotwendigen Wasserstellen der Herero und sperrten Fluchtwege. General Leutnant Lothar von Trotha erließ im Oktober 1904 einen Vernichtungsbefehl:

„Das Volk der Herero muß jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr (!) dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewähr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen“

(Bundesarchiv Berlin, Reichskolonialamt, Bd. 2089,7)

Diesen Befehl hat von Trotha sechs Wochen später zurückgezogen und wurde im November 1905 seitens der deutschen Regierung abberufen. Die überlebenden Herero wurden anschließend in Konzentrationslagern zur Zwangsarbeit herangezogen.

1906 wurde zusätzlich das „Gesetz der Enteignung“ erlassen, nach dem jeglicher Vieh- und Landbesitz von den Kolonisten konfisziert und in deutschen Besitz überführt wurde. Darauf folgte 1907 die „Eingeborenenverordnung“, die durch Passpflicht die Herero einer strengen Mobilitätskontrolle unterzogen. Binnen dieser Zeit starben tausende Herero an den Folgen von Hunger, Krankheiten und Erschöpfung.

Die Bevölkerungsgruppe der Nama, die 1904 ebenfalls einen „Schutzvertrag“ mit den Deutschen abschlossen, leistete Widerstand im Süden Namibias, was zu offenen Feldschlachten bis zum Kriegsende 1907/08 führte.

Von ursprünglich 60.000- 80.000 Herero haben ca. 16.000 überlebt. Ebenso fiel die Hälfte der damals 20.000 Nama dem Krieg zum Opfer. Diskriminierungen und Unterdrückung dauerten bis zum ersten Weltkrieg an. Die Kolonialherrschaft endete 1915 mit der Kapitulation der Schutztruppen vor den südafrikanischen Truppen des britischen Empire.

2.2 Der Krieg zwischen Armeniern und Türken in der Türkei

Das Verbrechen an den Armeniern 1915/16, zehn Jahre nach dem Massenmord an den Herero in Namibia, wird oftmals als „der erste Genozid des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Ob er der erste war, ist unter Betrachtung des Schicksals der Herero fragwürdig, mit Sicherheit war er aber einer der größten. Unter der Verantwortung der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Reiches wurden während des Ersten Weltkrieges verheerende Massaker und Todesmärsche an Armeniern verübt, die 300.000-1,5 Mio. Tote mit sich brachten.

Nach der Machtübernahme des Osmanischen Reiches durch die Jungtürken 1908 haben diese die Vision eines „homogenen“ Nationalstaates entwickelt. Minderheiten, wie die nicht-muslimischen Armenier, denen darüber hinaus eine Kollaboration mit dem christlichen Kriegsgegner Russland nachgesagt wurde, sollten aus ihrem Land verbannt werden. Die Deportation rechtfertigten sie mit einem Aufstand einiger Armenier in der östlichen Provinz Van, die eine Widerstandsbewegung gegen die Ungleichbehandlung von Nicht-Muslimen seitens der türkischen Regierung war (tagesschau, 2015). Bereits 1895 wurden 200.000 Armenier getötet, weil sie sich gegen Steuerlasten aufgrund ihrer Religion aussprachen. An dieser Stelle möchte ich auf eine Parallele zur Geschichte der Herero verweisen, deren Aufstand ebenso als Begründung für den Massenmord genutzt wurde. Am 24.4.1915 hat die jungtürkische Regierung daraufhin 200 armenische Intellektuelle in Konstantinopel deportiert und umgebracht- der Beginn von Vertreibung und Massakern an der armenischen Bevölkerung. Unter dem Beschluss der „ethno-religiösen Homogenisierung“ wurden Männer und Frauen voneinander getrennt, entführt und exekutiert; Überlebende wurden unter dem Vorwand der Umsiedlung auf Todesmärsche in Richtung nordsyrische Wüste geschickt, wie auch die Herero in die Omaheke getrieben wurden. Als 1918 die Alliierten in Konstantinopel eintrafen, wurde das Jungtürkische Regime entmachtet. Seither ist der 24.4. offizieller Gedenktag der Armenier, die das Verbrechen selbst als „Aghet“ (Katastrophe) bezeichnen (Bayraktar 2010: 23ff.).

3. Politische Stellungnahmen zum Genozidbegriff & Forderungen der Opfer

3.1 Herero

Bei einer Gesamtbevölkerung von 2 Millionen leben heute Schätzungen zufolge wieder 150.000 Herero in Namibia. Ihr geraubtes Land haben sie bis heute nicht zurück erhalten. Im Jahr 2003 klagte die „Herero Peoples Reparations Corporation“ (HPRC) Deutschland in den USA an und forderte 2 Milliarden US-Dollar Reparationszahlung. Die Klageschrift begründen sie mit Rassenkrieg, Versklavung, systematische Anwendung von Zwangsarbeit, der systematischen Zerstörung der Hererokultur sowie der Erniedrigung von Hererofrauen. Die US-Gerichte wiesen die Klage aufgrund von Staatsimmunität ab.

Die deutsche Bundesregierung lehnt die offizielle Wertung des Krieges als Völkermord ab und erkennt keine Schadensersatzforderungen an. Sie bedauern das Verbrechen, übernehmen aber, angelehnt an die UN-Völkermordkonvention von 1948, die nicht nachwirkend gelte, keine Verantwortung dafür. Seit 1990 habe Deutschland 500 Mio. Euro Entwicklungshilfe für Namibia geleistet; so viel wie für kein anderes Land. Die Regierung möchte darüber hinaus keine separaten Zahlungen an die Herero leisten, um eine ethnische Spaltung zu verhindern. Man denkt über einen verstärkten Einsatz im Bereich Landreform nach, um die Gesamtbevölkerung zu unterstützen.

Namibia feiert jährlich die „Ohmakari Battle Commemoration“ (Förster 2010: 278), eine nationale Gedenkfeier. Nachdem Deutschland 100 Jahre lang keine Schuld an dem Verbrechen anerkannt hatte, führte Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, als erste offizielle Vertreterin der deutschen Regierung, die an der Gedenkfeier teilnahm, den Programmhöhepunkt an; sie gedachte den Opfern des Krieges, verurteilte die kolonialen Verbrechen als Völkermord, gestand die Schuld und Verantwortung Deutschlands ein und bat um Vergebung: „Wir Deutschen bekennen uns zu unserer historisch-ethnischen Verantwortung und zu der Schuld, die Deutsche damals auf sich geladen haben. Ich bitte Sie im Sinne des gemeinsamen „Vater unser“ um Vergebung unserer Schuld.“

Wieczorek-Zeul wollte das Schweigen beenden und somit die Basis für ein besseres Verständnis schaffen. Ihr Schuldeingeständnis wurde allgemein als Entschuldigung interpretiert und angenommen. Anschließend an ihre Rede folgten politische Auseinandersetzungen in Deutschland; Politiker kritisierten ihre Entschuldigung und sprachen sich gegen Schadensersatzforderungen aus.

Eine einflussreiche Gruppe der Herero um den selbsternannten „Paramount Chief“, Kuaima Riruako, forderte ein klares Schuldbekenntnis seitens der deutschen Regierung, eine öffentliche Entschuldigung sowie eine materielle Wiedergutmachung. Letztere, da die Entwicklungshilfen nicht direkt an die Herero geleitet oder speziell für sie eingesetzt werden, da die Regierungsleitung (die SWAPO) über die Zahlungen verfügt. Riruako selbst nahm die Entschuldigung von Wieczorek-Zeul an, betonte aber weiterhin seine Forderung auf Schadensersatz, der für ihn die Basis des Versöhnungsprozesses darstellt. Durch die Reparationsfrage hat Riruako zunehmend Anerkennung als Chief gewonnen.

Laut Förster enthält die Völkermorddebatte einen zynischen Beigeschmack, da vergangenes Unrecht an damaligen Maßstäben gemessen wird, die zum Nachteil der Bevölkerung durch die Kolonialisten gestaltet wurden. Herero konnten die Regelungen nicht beeinflussen, da es an Interessenvertretung durch andere Staaten mangelte.

Die Vertreibungspolitik des deutschen Kolonialmilitär sowie seine Internierungs- und Lagerpolitik sind ausschlaggebende Gründe, die für die heutige Bezeichnung als Völkermord stehen, da man auf die kulturelle, soziale und physische Vernichtung der lokalen Bevölkerung abzielte.

„Auf diese Weise schuf die deutsche Kolonialverwaltung langfristig ein afrikanisches Lohnarbeiterproletariat, trieb die ethnische Segregation voran und etablierte eine Gesellschaftsordnung, die Weiße privilegierte, Afrikanern dagegen nur ein Minimum von Rechten zugestand. Sie zielte darauf ab, >Ruhe und Ordnung< sowie ein preiswertes Funktionieren der kolonialen Wirtschaft und Gesellschaft zu garantieren.“

(Förster 2010: 45)

3.2 Armenier

Auch die türkische Regierung verweigert die Anerkennung des Verbrechens als Genozid bis heute, denn eine vorsätzliche und systematische Vernichtung der Armenier habe nicht stattgefunden, es war allenfalls eine „kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahme“ (Bayraktar 2010: 14). Ahmet Davutoğlu, Ministerpräsident der Türkei vermeidet den Völkermordbegriff, da „alles auf ein Wort zu reduzieren und die Verantwortung pauschal auf die türkische Nation abzuwälzen, sei rechtlich und moralisch problematisch“. Anlässlich des 100. Jahrestags des aghet hat Papst Franziskus vom „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ gesprochen. Präsident Recep Tayyip Erdogan äußerte sich folgendermaßen: „Wenn Politiker und religiöse Führer versuchen, die Arbeit von Historikern zu machen, führt das nicht zur Wahrheit, sondern zu Täuschung. Ich möchte den Papst davor warnen, diesen Fehler zu wiederholen, und ich verurteile ihn dafür“ (tagesschau, 2015).

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Details

Seiten
14
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668192201
ISBN (Buch)
9783668192218
Dateigröße
12.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319966
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,3
Schlagworte
völkermorde armeniern herero türkei namibia parallelen unterschiede geschichte umgang erinnerungsritualen

Autor

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Titel: Die Völkermorde an den Armeniern im der Türkei und den Herero in Namibia. Parallelen und Unterschiede innerhalb der Geschichte und im Umgang mit Erinnerungsritualen