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Traumaverarbeitung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Die Möglichkeiten der Sozialen Arbeit

Hausarbeit 2015 13 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Trauma

Trauma bei UMF

Möglichkeiten der Jugendhilfeeinrichtungen

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Kriege, Menschenrechtsverletzungen, Repression in Diktaturen oder totalitären Staaten, Verfolgung von Minderheiten, Umwelt- und Naturkatastrophen, sozioökonomische Ungleichheit, Massenarmut und Perspektivlosigkeit sind nur einige Gründe für die stetig ansteigende Zahl weltweiter Zwangsmigranten (Hargasser 2014:19). Eine besonders vulnerable Gruppe, die von solchen oder ähnlich traumatisierenden Lebensbedingungen betroffen ist, sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Im Folgenden möchte ich mich mit der Frage auseinander setzen, wie man die Lebenssituation von traumatisierten, unbegleiteten und minderjährigen Flüchtlingen verbessern kann.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat den Anteil an minderjährigen Flüchtlingen im Jahr 2012 auf ca. 38% der in Deutschland angereisten Asylantragsteller geschätzt (Weeber&Gögercin 2014:27), das derzeitige politische Weltgeschehen (zum Beispiel der arabische Frühling, sowie Kriegs- und Krisengebiete wie Syrien, Afghanistan und Irak) deutet auf einen kontinuierlichen Anstieg hin. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind drei verschiedenen Dimensionen menschlicher Lebenswirklichkeit ausgesetzt: Das „Unbegleitet- Sein“ umfasst die familiäre Situation der Person. Sie hat ohne Begleitung der Eltern oder anderer Bezugspersonen ihre Heimat verlassen oder wurde im Fluchtprozess von ihnen getrennt. Die Minderjährigkeit schließt laut UN- Kinderrechtskonvention und § 2 des BGB alle Menschen unter 18 Jahren ein. Das deutsche Asylrecht hingegen erklärt bereits Personen ab dem 17. Lebensjahr als handlungs- und verfahrensfähig in asyl- und ausländerrechtlichen Verfahren. Entscheidungen, die das Asylrecht betreffen, werden also allein vom betreffenden Kind und dessen meist unvertrauten Vormund verantwortet. Die Bezeichnung „Flüchtling“ ist bei unbegleiteten Minderjährigen wider Erwarten nicht an den aktuellen Aufenthaltsstatus gebunden; die Bezeichnung „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ (kurz: UMF) beinhaltet also, ungeachtet des rechtlichen Status, dass eine minderjährige Person ohne Begleitung einer Bezugsperson nach Deutschland gekommen ist (Weeber&Gögercin 2014:27).

UMF sind oft besonders starken und vielfältigen Belastungen ausgesetzt: sie sind auf sich allein gestellt, erleiden Verluste in Bezug auf ihre Heimat und Familie, sind traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt und müssen zeitgleich neue soziale Beziehungen in einer unbekannten soziokulturellen Umgebung schaffen. Oft haben sie bewaffnete Konflikte, organisierte Gewalt, Mord, Vergewaltigungen, Folter oder Zwangsrekrutierungen erlebt und durch die meist vorhandene wirtschaftliche Not des Heimatlandes keinen regelmäßigen Schulbesuch absolvieren können (Weeber&Gögercin 2014: 9).

In den meisten Fällen sind es familiäre und soziale Strukturen, die Kinder und Jugendliche dazu bringen, sich zur Flucht zu entscheiden (Weeber&Gögercin 2014: 17). Während des Fluchtprozesses sind sie häufig Schleuserbanden und Menschenhändlern ausgesetzt, müssen sich deren Anforderungen stellen und sind körperlicher wie seelischer Gewalt und sexuellen Übergriffen hilflos ausgeliefert (Weeber&Gögercin 2014: 18).

Jugendhilfeeinrichtungen tragen als erste aufnehmende Institution große Verantwortung in Bezug auf den Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen: nach ihrer Ankunft in Deutschland ist es die Aufgabe dieser Einrichtungen, eine sicherheitsbietende Umgebung zu schaffen und nötige Hilfen zur Verfügung zu stellen.

Zielgruppenspezifische Konzepte sind bislang nicht entworfen worden, es gibt allenfalls Kurzkonzepte zur Finanzierungslösung mit Jugendhilfeträgern. Da es die Verantwortung und Funktion der Sozialen Arbeit ist, auf gesellschaftliche Prozesse und Migrationsbewegungen einzugehen, sollte die Herausforderung angenommen und verstärkt auf den diesbezüglichen Handlungsbedarf eingegangen werden. Um die Möglichkeiten der Sozialen Arbeit zu unterstreichen, besonders im Hinblick auf die Traumaverarbeitung, schreibe ich diese Seminararbeit.

Trauma

Ein Trauma (griechisch: „Wunde“) kann durch verschiedene Erlebnisse entstehen, beispielsweise durch das Miterleben von Krieg und Naturkatastrophen, durch schwere Unfälle, Krankheiten und nicht zuletzt durch erhebliche psychische oder physische Gewalterfahrungen (Deutsche Gesellschaft für Psychotraumatologie, o. J.). Im Gegensatz zu gewöhnlichen Erlebnissen, die mit Angst und Trauer verbunden sind, wie der Verlust eines Familienmitgliedes oder das Ende einer Ehe, reichen im Falle eines Traumas die natürlichen Schutzmechanismen des Menschen nicht aus, um die Erfahrung zu verarbeiten. Wenn das übliche Verarbeitungsvermögen scheitert, wird durch die Angst und Hilflosigkeit eine unbewusste Überlebensstrategie des Körpers angewandt, die körperliche Prozesse auf das Nötigste reduziert, woraus auf Dauer oft langfristige Störungen resultieren.

Das Diagnoseklassifikationssystem ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) beschreibt Traumata als „kurz- oder langanhaltende Ereignisse oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, die nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde (ICD-10; Weltgesundheitsorganisation 1994: 124, zit. n. Maercker 2013: 14). Der ICD-10 beschreibt die Symptome der Traumafolge als eigenständige Störungsbilder; die posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Wenn Menschen ihre Erinnerungen an eine traumatische Erfahrung nicht zuordnen können, bilden sich Muster, die zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen können, da das Trauma und die damit verbundene Verwirrung zum Lebensmittelpunkt des Betroffenen wird. Die persönliche Einschätzung bezüglich der Hilflosigkeit innerhalb des Erlebnisses bestimmt den Grad der Traumatisierung entscheidend. Die vom Traumatisierten selbst zugeschriebene Bedeutung ist folglich genauso bedeutend wie das Trauma an sich. Die Folgestörungen sind der treibende Faktor der Krankheit, nicht das Trauma selbst (Van der Kolk 2000: 30).

Es gibt fünf Hauptkriterien, bei deren Erfüllung man auf eine mögliche PTBS zurückschließen kann:

1.das Erlebnis eines Traumas

2.Intrusionen (unwillkürliche, belastende Erinnerungen an das Trauma)

3.Vermeidungsverhalten und ein allgemeiner emotionaler Taubheitszustand

4.anhaltendes, physiologisches Hyperarousal (Übererregung, z.B. Aufschrecken bei lauten Geräuschen)

5.die Symptome dauern länger als einen Monat (ansonsten eher Verdacht auf akute Belastungsstörung, die meist unmittelbar nach dem Ereignis auf- tritt)

(Maercker 2013: 14)

Das Erscheinungsbild der posttraumatischen Belastungsstörung lässt folglich auf drei Hauptsymptome schließen (es ist zu bedenken, dass die Symptome variieren können):

Die Intrusionen, ein unwillkürliches Wiedererleben des Traumas, kennzeichnen die Gebundenheit des Betroffenen an das traumatische Erlebnis, da ständig lebhafte Erinnerungen in ihm aufkommen. Oftmals wird dies als „Überflutungszustand“ erlebt, der ein großes Belastungsgefühl birgt und sich nicht selten in Albträumen widerspiegelt. Intrusionen werden als zentrales Leitsymptom verstanden.

Durch Vermeidung versuchen die Betroffenen ihre Gedanken an das Erlebnis zu unterdrücken, indem sie Orte oder Aktivitäten meiden, die an ihr Trauma erinnern, was nur in seltenen Fällen gelingt. Ist es doch möglich, so lässt sich ein dissoziativer Zustand als Folge der Vermeidung nicht ausschließen; es kann sogar zu Teilamnesien führen. Damit geht oft das sogenannte numbing einher, ein Gefühl der Vereinheitlichung der eigenen Emotionen, eine Entfremdung von Mitmenschen und allgemeiner sozialer Rückzug.

Beim Hyperarousal handelt es sich um Übererregungssymptome (wie Schlafstörungen, Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit) als Folge traumatischer Erfahrungen, die sich dadurch kennzeichnen, dass der Betroffene stets wachsam gegenüber äußeren Reizen ist. Dadurch, dass sich die Erregungsschwelle im autonomen Nervensystem senkt, wirken Belastungen früher und nachhaltiger (Maercker 2013: 17).

Die Verbreitung von Traumata ist abhängig von der Häufigkeit traumatischer Ereignisse. In Regionen, die oftmals von Naturkatastrophen belastet sind, in denen Krieg herrscht oder politische Gewalt ausgeübt wird, sind traumatische Störungsbilder eine offensichtliche Folge. Die pathogensten Traumata, also die, die am häufigsten Folgestörungen auslösen, sind laut Maercker Vergewaltigungen, Misshandlungen und sexueller Missbrauch in der Kindheit sowie die Teilnahme an Kriegsgeschehnissen (Maercker 2013: 29).

Trauma bei UMF

Auf Flüchtlinge bezogen beginnen traumatische Erfahrungen aufgrund von schweren Lebensbedingungen und extremen Belastungen also bereits vor der Flucht, denn sie sind in den meisten Fällen Opfer oder Zeugen direkter Gewalt. In Ländern wie Afghanistan, Irak und Somalia, wo große Bevölkerungsgruppen über mehrere Generationen hinweg aufgrund jahrzehntelanger oder wiederholter kriegerischer Auseinandersetzungen Menschenrechtsverletzungen und Armut erleben, ist eine traumatische Beeinträchtigung der Kinder bereits durch die Eltern in Form von transgenerationaler Traumata anzunehmen. Ebenso während der Fluchtphase nach Europa sind Flüchtlinge extremen Belastungen ausgesetzt, da es keine legalen Fluchtkorridore gibt. Besonders ohne elterlichen Schutz sind Kinder einem erhöhten Risiko für physische und sexuelle Ausbeutung ausgesetzt. Die geringe soziale Unterstützung von UMF wirkt sich tendenziell negativ auf Kinder in der Adoleszenzphase aus, was sich in erhöhten PTBS-Werten, Verhaltensauffälligkeiten und Depressionen zeigt (Hargasser 2014: 220,f.).

Doch auch die asylgesetzlichen Regelungen bewirken eine strukturell fortschreitende Traumatisierung. Im Aufnahmeland angekommen, bewirkt der ungeklärte Aufenthaltsstatus ebenso die Aufrechterhaltung von psychiatrischen Symptomen wie Befragungsprozeduren, Altersfestsetzungen, Einschränkungen durch Unterbringung in Erstaufnahmeeinrichtungen, unzureichender Sprach- und Bildungserwerb und die Residenzpflicht. Dies führt zu einem systematischen Ausschluss von politischer, gesellschaftlicher und soziokultureller Teilhabe, was wiederum den Ausschluss aus dem alltäglichen Leben der Mehrheitsgesellschaft bedeutet (Hargasser 2014:225).

Aufgrund dessen sollten Traumastörungen als Prozess verstanden werden, dessen gesellschaftlicher Ursprung eine Analyse der vergangenen, aber ebenso der aktuellen Situation benötigt. Bearbeitet und verstanden werden können Traumatisierungsprozesse folglich nur kontextbezogen (Hargasser 2014:221). Die Erforschung der Lebensabschnitte von UMF ist daher bedeutend für ein besseres Verständnis ihrer Lebenslage. Keilson erstellt ein „Konzept der sequentiellen Traumatisierung“ (Hargasser 2014:27), einen Rahmen, um Traumata in dem jeweilig individuellen spezifischen Kontext analysieren zu können. Er sieht Trauma in Zusammenhang mit Flucht, Zwangsmigration und UMF als eine Abfolge unterschiedlicher traumatischer Sequenzen unter Berücksichtigung des sozialen und politischen Kontextes. Traumata bei UMF sind mehr als ein medizinisches Konzept mit einem angepassten Symptomkatalog.

Die Bedingungen der Eingliederung im Aufnahmeland sind entscheidend für den weiteren Verlauf der physischen und psychischen Gesundheit der UMF. In der Arbeit mit traumatisierten, minderjährigen Flüchtlingen müssen Konzepte deshalb auf hoch-sensiblem Niveau individuell ausgearbeitet werden. Die Grundbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen, die es zu stillen gilt, bestehen aus Sicherheit, Zugehörigkeit und Bindungen, die sie in vielen Fällen vorher nicht erleben konnten. Aber auch darüber hinaus muss individueller Förderbedarf erkannt und bereitgestellt werden, alles unter Berücksichtigung der möglicherweise vorhandenen Traumafolgestörung, um eine ganzheitliche Unterstützung gewährleisten zu können. Ziel ist es folglich, einen Unterstützungs- und Orientierungsrahmen zu bilden, der aus Schutzfaktoren besteht, Risikofaktoren müssen minimiert werden. Die psychosoziale Gesundheit der Flüchtlinge soll umfassend und vor allem nachhaltig gefördert werden. Die Möglichkeit zur Traumaaufarbeitung und somit die Wiederherstellung der Handlungs- und Erfahrungsfähigkeit steht im Fokus.

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Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668192089
ISBN (Buch)
9783668192096
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319963
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Schlagworte
traumaverarbeitung flüchtlingen möglichkeiten sozialen arbeit

Autor

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Titel: Traumaverarbeitung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Die Möglichkeiten der Sozialen Arbeit