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Adorno und die Musikpädagogik. Sein ästhetisches Ideal und seine Kritik an der Jugendmusikbewegung

Hausarbeit 2016 16 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Die Rückbesinnung auf die Kindheit

3.Die Frankfurter Schule

4.Erziehung nach Auschwitz und Halbbildung

5.Adornos Kunstbegriff
5.1 Adornos Musikbegriff

6.Die Jugendbewegung und die Musische Bildung nach dem Zweiten Weltkrieg

7.Adornos Kritik an der musischen Bildungs

8.Musikpädagogik nach Adorno

9.Fazit

10.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Theodor Wiesengrund Adorno ist den meisten mehr bekannt als Vertreter und Mitbegründer der Kritischen Theorie, auch bekannt als Frankfurter Schule. Seine Werke Minima Moralia und Dialektik der Aufklärung sind der Allgemeinheit weitaus bekannter als seine Werke im Bereich der Musikwissenschaft. Dabei befassen sich etwa die Hälfte seiner gesammelten Schriften befassten sich mit dem Bereich des Ästhetischen, darunter vor allem die Auseinandersetzung mit der Musik. (vgl. Fahlbusch 2003, S. 37) Auch zur Diskussion über die Musikpädagogik nach 1945 hat Adorno mit seiner scharfen radikalen Kritik beigetragen. Sein 195 gehaltener Vortrag auf der Tagung des „Instituts für Neue Musik und Musikerziehung“ mit dem Titel Thesen gegen die musikpädagogische Musik sorgten für gewaltigen Zündstoff. (vgl. Gruhn 1993, S. 289)

Im Folgenden soll aufbauend auf Adornos biographischen sowie philosophisch gesellschaftskritischen Hintergrund, inklusive seinem Erziehungs- und Bildungsbild und seiner Vorstellung von Ästhetik, die Kritik an der an der Jugendbewegung orientierten Musikpädagogik nach 1945 sowie seinen Kernaussagen zu einer nach ihm idealen Musikpädagogik dargestellt werden.

2. Die Rückbesinnung auf die Kindheit

Theodor W. Adorno wurde 1903 in Frankfurt geboren. Sein Vater Oskar Wiesengrund war ein jüdischer Weinhändler, seine Mutter Maria Calvelli-Adorno eine Sängerin. Er wuchs auf in einem Elternhaus, welches sehr theoretisch, politisch, künstlerisch und vor allem sehr musikalisch geprägt war. Adornos Eltern lehrten schon dem jungen Adorno theoretische Weltsicht und führten ihn an bestimmte Themen, darunter Politik und Kunst, vor allem Musik, heran. (vgl. Schweppenhäuser 2007, S. 7)

Die Auseinandersetzung mit Adornos Schriften verlangt stets den Einbezug Adornos Rückbesinnung auf seine Kindheit. Diese Rückbesinnung ist nie nur eine persönliche, sondern deutet diese auch als objektivierbare, auf die Gesellschaft anwendbare Ereignisse. (vgl. Fahlbusch 2003, S. 38f) Adornos Kindheit bezeichnete er selbst als glücklich. Als Antwort auf die Frage, wieso Adorno nach 1945 und nach seiner Emigration in die USA nach Deutschland zurück kehrte, schrieb Adorno: „Ich wollte einfach dorthin zurück, wo ich meine Kindheit hatte, am Ende aus dem Gefühl, daß, was man im Leben realisiert, wenig anderes ist, als der Versuch, die Kindheit verwandelnd einzuholen.“ (Tiedemann 1986, S. 394F, zit. n. Kohlstruck, 2013, S. 55) Über den Familienurlaub im kleinen, idyllischen Amorbach nahe Frankfurt schrieb Adorno später ein Essay: Kindheit in Amorbach. Der Psychoanalyse folgend, lassen sich laut Adorno die prägenden Erfahrungen nur in der Kindheit machen. Spätere Erfahrungen sind alle Abbilder dieser frühen Erfahrungen. „Dennoch lässt einzig an einem bestimmten Ort die Erfahrung des Glücks sich machen, die des nicht Austauschbaren, selbst wenn nachträglich sich erweist, daß es nicht einzig war. Zu Unrecht und zu Recht ist mir Amorbach das Urbild aller Städtchen geblieben, die anderen nichts als seine Imitation.“ (Adorno 1977, S. 305 zit. n. Dufft 2008, S. 29) Eine musikalische Erinnerung an seine Kindheit besteht in den Musizierstunden seiner Mutter und seiner Tante. Die beiden spielten vierhändig, während der junge Adorno die Seiten umblätterte. Diese Kindheitserfahrungen prägen Adornos geschichtsphilosophischen Gedanken genau so wie seinen Kunstbegriff. Das Primat seiner Kindheit ist auch Primat der Musik und sind mit den Motiven des Glückes, der Erlösung und der Wahrheit konnotiert. (vgl. Fahlbusch 2003, S. 37)

3. Die Frankfurter Schule

Adorno repräsentierte zusammen mit Horkheimer die Kritischen Theorie, auch bekannt als Frankfurter Schule. Das Institut für Sozialforschung, dessen ursprünglicher Zweck es war, Theorie und Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung zu erforschen, erfuhr durch die Übernahme Max Horkheimers im Jahr 1930 einen Wandel hin zur Kritischen Theorie. Die Gesellschaft sollte nun nicht mehr aus einem vorwiegend ökonomischen Blickwinkel betrachtet werden (vgl. IfS, Geschichte) „In enger Verschränkung von Philosophie und einzelwissenschaftlicher Forschung sollte der Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Leben der Gesellschaft, dem technologischen Fortschritt, der psychischen Entwicklung der Individuen und den Veränderungen in den Bereichen von Recht, Wissenschaft, Kultur und Kunst untersucht werden.“ (IfS, Geschichte) Das Hauptwerk der Kritischen Theorie ist die Dialektik der Aufklärung. Kerngedanke ist der, dass die moderne Gesellschaft trotz des immensen Fortschritts einen Rationalitätsverlust erleidet. „Im Siegeszug der Aufklärung gewahren Horkheimer und Adorno deren Gegenteil. Vernunft wird zum Herrschaftsmittel. Wissenschaftliche Rationalität wird zum starren, geschlossenen System, dem alles subsumiert werden werden soll, ob es hineinpasst oder nicht. Der höchste entwickelte Stand der modernen Produktivkräfte dient dem höchsten vorstellbaren Maß an Destruktivität, dem Krieg und der industriell organisierten massenhaften Vernichtung von Menschen. Aufklärung ist insofern nicht verwirklicht worden“ (Schweppenhäuser 2007, S. 42) Die Aufklärung brachte den Menschen einerseits eine davor nicht gekannte Freiheit und der Fähigkeit, die Natur zu beherrschen und zu ihren Zwecken zu gebrauchen. Diese Naturbeherrschung jedoch schlägt auf die Menschen selbst zurück und führt zu Entfremdung und neuen Macht- und Herrschaftsstrukturen unter den Menschen selbst.

In der ersten Ausgabe der Zeitschrift des Instituts für Sozialforschung, der Zeitschrift für Sozialforschung, verfasste Adorno den Aufsatz Zur gesellschaftlichen Lage der Musik. „Adornos im ersten Jahrgang der Zeitschrift erschienener Aufsatz Zur gesellschaftlichen Lage der Musik war seine erste große musiksoziologische und -philosophische Abhandlung und enthielt eine Geschichtsphilosophie und eine Typologie der zeitgenössischen Musik, an denen er zeitlebens festhielt.“ (vgl. Wiggerhaus 1987, S. 18f) Entscheidend ist Adornos gleichzeitige soziologische, philosophische und musikologische Herangehensweise an die Musik. Musik ist Philosophie und Abbild aktueller und vergangener philosophischer Selbstbilder einer Gesellschaft. (vgl. Fahlbusch 2003, S. 40)

Neben Negative Dialektik und einem nie geschriebenen Buch über Moralphilosophie war die Ästhetische Theorie, welche Adorno 1961, sechs Jahre vor seinem Tod, anfing zu schreiben, jedoch nie vollendete, als eines der Hauptwerke geplant. (vgl. Jungheinrich 1987, S. 46) Ausgehend von der Kritischen Theorie ist die Ästhetik verwoben mit den ökonomischen Produktionsverhältnissen der Zeit und durchdrungen von materialistisch - dialektischem Denken. Adornos Ästhetik stellt sich gegen reaktionäre Beschwörer der Kultur, den banausenhaften Umgang mit Musik in der breiten Masse, wie er vor allem in seiner Kritik zur Kulturindustrie darlegt, aber auch gegen marxistische Idealisierung von Musik. (vgl. ebd., S. 52)

4. Erziehung nach Auschwitz und Halbbildung

Um Adornos radikale Kritik an der Musikpädagogik nach 1945 zu verstehen, muss sein pädagogischer Hintergrund mit einbezogen werden. Adornos Bildungs- und Erziehungsbegriff gründet in den Erfahrungen des Nationalsozialismus. Mit der „Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voraus, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen.“ (Adorno 1998 (1966), S. 674, zit. n. Graf 2011, S. 173), stellt sich Adorno gegen die kantsche Erziehungstradition, welche Erziehung als den Weg ansieht, den Menschen zu vervollkommnen. Dieser Gedanke des „neuen Menschen“ findet sich stark in der Jugend- und Singbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts wieder, wie später noch gezeigt werden wird. Adorno entwickelt hier einen Begriff der Pädagogik, welcher nicht auf einer zeitlosen Idee der Erziehung aufbaut, sondern auf die Erfahrungen, welche in der Geschichte gemacht wurden. Ziel ist es, zu verhindern, dass so etwas wie Auschwitz noch einmal passiert.

Damit liefert Adorno eine negative Pädagogik, keine positive, die Konzepte und Methoden einer neuen Pädagogik vorlegt. (vgl. Vogt) Die Negation von allem Bestehenden ist ein wesentliches Charakteristikum Adornos Philosophie. Auch seine Gedanken zu Erziehung sind bestimmt von der Dialektik. Ausgehend von seiner These in „Dialektik der Aufklärung“, welche besagt, dass Aufklärung durch fehlgeleiteten Einsatz der Vernunft in ihr Gegenteil verkehrt, wird auf die Pädagogik angewandt und führt zu der Frage, wie Erziehung überhaupt einen Beitrag gegen die Entfremdung in der modernen Zivilisation leisten kann. Die einzige Hoffnung sieht Adorno in der Erziehung in der frühen Kindheit, welche eine Basis zu kritischer Reflexion schaffen kann. Jedoch wird dies von ihm nicht als Allheilmittel betrachtet. „Erziehung nach Auschwitz bleibt daher ein fragiles Vorhaben: Ihre Grundlage ist keine Vernunftidee, sondern eine historische Erfahrung, und die Frage, was aus dieser Erfahrung pädagogisch folgt, kann nicht anders als negativ beantwortet werden. Adorno hält folglich an der Idee der Pädagogik fest, weil allein durch sie der Kampf gegen die Barbarei überhaupt begründbar ist; zugleich entzieht er ihr den scheinbar sicheren Boden, von dem aus positive Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden könnten.“ (Vogt)

In seinem Aufsatz „Theorie der Halbbildung“ setzt sich Adorno mit dem Begriff der Halbbildung auseinander. Adorno konstatiert, dass Bildung längst zu sozialisierter Halbbildung geworden ist, welche sich in der allgegenwärtigen Entfremdung der modernen Gesellschaft konstituiert. Die Halbbildung macht auf ein Problem aufmerksam, welches tiefgreifender ist, als dass es nur im pädagogischen Kontext ausgehandelt werden könnte, sondern in tiefgreifenden gesamtgesellschaftlichen Veränderungen wurzelt. Die Halbbildung zeichnet sich aus durch den Verlust des selbstbestimmten Lernens (vgl. Brüdigam 2014, S. 35) sowie durch Konformismus der Lernenden. Die Konformität verweigert den Lernenden jegliche Art von wirklicher, subjektiver Erfahrung. Konformität und das Aufgeben eines kritischen Denkens machen die Halbbildung zum Antagonisten der Bildung. Erziehung hat in diesem Kontext der Erziehung nach Auschwitz und der Halbbildung ihren Sinn in der Erziehung zur kritischen Selbstreflexion.

5. Adornos Kunstbegriff

Das Kunstwerk ist für Adorno kein Spiegelbild der (sozial konstruierten) Wirklichkeit. Im Gegensatz zu klassischer Kunst offenbaren sich in in der modernen Kunst Individualität und Reflexion, welche in klassischen Kunstwerken durch ihre Vorbestimmtheit nicht zu finden sind. Durch ihre offensichtliche Konstruktion erheben sie gar nicht erst den Anspruch, affirmativ die Wirklichkeit abzubilden. Durch Kunst lassen sich Verborgenes und das Leiden abbilden. (Scholze 2000, S. 116) In seinem nie vollendeten Werk „Ästhetische Theorie“ schreibt Adorno, dass Kunst stets eine Utopie von einer freien Gesellschaft mit mündigen Menschen sei, welche die Fähigkeit besitzt, sich den bestehenden Sachzwängen der Gesellschaft zu entziehen. Würde sich diese Utopie erfüllen, wäre die Kunst obsolet. (vgl. Schweppenhäuser 2007, S. 111)

Damit stellt sich Adorno in die marxistische Tradition eines kritischen Nachdenkens über Musik. Dem Marxismus folgend sei Musik nicht zwingend erforderlich, besitzt Klassencharakter, ist abhängig von anderen Faktoren wie der Ökonomie, Politik und der Kultur einer Gesellschaft und würde in einer klassenlosen Gesellschaft nicht mehr notwendig sein. (vgl. Stroh) In den 40er Jahren noch ist Adorno fest davon überzeugt, dass sich Kunst in einer Gesellschaft ohne Widersprüche auflösen würde, wie er in seiner Schrift „Philosophie zur neuen Musik“ schreibt. Später beschwichtigt er seine These und fasst die Überlegung mit ein, ob Kunst in einer utopischen Gesellschaft nicht erst richtig beginnen könne. Jedoch wirft er die Frage auf, ob nicht Kunst stets Erinnerungen an eine alte Ordnung der Gesellschaft impliziert, deren Logik dann ja überwunden worden wäre. Ein Nachdenken über die vergangene Kunst und die darin enthaltene Unzufriedenheit würde bedeuten, die alte Unfreiheit nicht zu vergessen. Somit würde die neue Kunst ebenfalls den Charakter ihrer totalen Freiheit einbüßen. Auch maßt sich Adorno nicht an, zu mutmaßen, wie diese neue Kunst aussehen könnte würde (vgl. Schweppenhäuser 2007, S. 113) Der Verlust tradierter Funktionen eines Kunstwerkes stellt auch schon in zeitgenössischer Kunst einen Zugewinn für Adorno dar, da gerade der Verlust alter Konnotationen aufgebrochen wird. Dies stellt für ihn den Gehalt eines modernen Kunstwerkes dar. (vgl. Scholze 2000, S. 17) Kunstwerke besitzen dabei immer Doppelcharakter. Kunst besteht immer aus einem autonomen Teil, jedoch auch aus einem heteronomen Teil, welcher an die Gesellschaft angebunden ist. Wie am Anfang dieses Absatzes geschrieben, sieht Adorno in der Kunst nicht die Funktion, die Gesellschaft widerzuspiegeln, jedoch transportiert sie von sich aus das Gesellschaftliche, da sie ein Produkt dieser ist. Die Annahme, dass auch Kunst nicht frei von Widersprüchen ist, liefert erst den Boden, um Kritik überhaupt ausüben zu können. Durch diese Ambivalenz kann das Reflexionsvermögen der Menschen geschult werden. (vgl. ebd., S. Der Kunst haftet also in ihrer Paradoxie etwas Autonomes, Utopisches an.

Doch auch in der Utopie liegt ein Widerspruch. Kunst muss und will einerseits Utopie sein, darf es aber gleichzeitig nicht, da sie sich sonst in einer Illusion verlieren würde. (vgl. Schweppenhäuser 2007, S. 112) Kunst gibt also durch ihre Autonomie einen Ausblick über das Seiende, konkretisiert aber selbst nicht das was außerhalb dieses Seienden liegt.

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Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668192140
ISBN (Buch)
9783668192157
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319955
Note
1,7
Schlagworte
Adorno Kunst Musik Dialektik Jugendmusikbewegung Singbewegung Frankfurter Schule Kritische Theorie Ästhetik Kindheit Kritik Negativ

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