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Sprachliche Elemente experimenteller Prosa in Ror Wolfs "Fortsetzung des Berichts"

von Julia O. (Autor)

Hausarbeit 2015 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Forschungsstand

3.Was ist experimentelle Prosa?

4.Aufbau, Inhalt und Strategie in FdB

5.Sprache und Sprachkritik in FdB

6.Fazit

7.Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die Welt, zu deren Erforschung und zuverlässiger Beschreibung

wir uns entschlossen haben, ist vielfach anders,

als es der Leser vermutet.

(Raoul Tranchirer)

Was für ein Text muss das sein, dessen Autor jenes Buch als Bericht bezeichnet, und nicht als Roman oder Erzählung? Vielmehr sei es auch nur die Fortsetzung eines Berichtes, wie der Titel ohne Umschweife offeriert. Handlich zu lesende Abschnitte sollen es sein – einhundertzwei an der Zahl – die den Leser einladen sollen dann und wann dieses Buch zur Hand zu nehmen, darin an beliebiger Stelle zu blättern und – insofern er ein gutes Durchhaltevermögen besitzt – zu lesen. Genauso stellte sich Ror Wolf seinen Debütroman Fortsetzung des Berichts aus dem Jahre 1964 vor: „Literatur, deren Grundstimmung ein Komplott ist aus Leichtigkeit, Schwermut, Spiel, Ernst, Skurrilität, Lust, Spaß und Entsetzen.“1 Man merkt sofort, hier handelt es sich nicht um gewöhnliche Prosa oder besonders anmutende Literatur, die man zur Hand nimmt, um dem Alltagsstress in bunte Traumwelten zu entfliehen. Bei Fortsetzung des Berichts handelt es sich um eine Lektüre der Gegensätze, so wie es der Autor geplant hat. Kai U. Jürgens bezeichnet den Text vor allem als „schwieriges Buch, das seine Leser durch eine Vielzahl von Verweigerungen provoziert: keine eindeutige Handlung, kein konkret bestimmbarer Zeitablauf, keine Kennzeichnung von Dialogen und Gedankenvorgängen, keine psychologisch nachvollziehbaren Charaktere, keine realistischen Maßstäben genügende Weltkonzeption und vor allem: keine Botschaft.“2 - Doch, was bleibt da noch? Die Frage ist schnell beantwortet: Sprache.

Was bleibt, ist ein ästhetisch zugespitztes Erzählen, das sich gegen jede traditionelle Prosa zu sträuben scheint und der es scheinbar nicht allein um die Demonstration ihres Standpunktes geht, sondern vielmehr um die Darstellung eines an Figuren, Landschaften und Begebenheiten überreichen Kosmos.3

Zu Beginn meiner nachfolgenden Ausführungen erfolgt ein kurzer Ausblick auf den aktuellen Forschungsstand um Ror Wolf und dessen Debütroman, bevor anschließend die Grundprinzipien experimenteller Prosa näher in den Blick genommen werden. Im Hauptteil meiner Arbeit soll der Aufbau und Inhalt des Werkes Fortsetzung des Berichts Gegenstand meiner Betrachtungen werden. Dabei sollen inhaltliche als auch formale Aspekte und Besonderheiten im Fokus stehen und näher beleuchtet werden, mit dem Ziel, den Text bestmöglich zu ‚entschlüsseln‘. Zudem gilt es jene sprachlichen Elemente und Strategien ausfindig zu machen, die Fortsetzung des Berichts als einen Text experimenteller Prosa qualifizieren. Welche Funktion die Sprache im Kontext experimenteller Literatur innehat, soll Gegenstand der folgenden Ausführungen werden.

2. Forschungsstand

Oft belächelt und als ‚Literat zweiter Reihe‘ oder ‚skurriler Nischenautor‘ bezeichnet, ist Ror Wolf von der literaturwissenschaftlichen Forschung weitestgehend übergangen worden, nicht zuletzt, da „die poetologischen Grundzüge des sog. nouveau roman, in dessen Strömung Wolf seit den frühen 60er Jahren ‚geschwommen‘ ist, an anderen Texten, etwa an Peter Weiss‘ Mikroroman Der Schatten des Körpers des Kutschers, exemplarisch besser aufweisen ließen.“4 Vor allem sein Debütroman Fortsetzung des Berichts, der in seiner Form keineswegs an ein Erstlingswerk erinnern lässt, wird oftmals nur am Rande von Publikationen um Ror Wolfs Werke erwähnt. Eine der einzigen Arbeiten, die sich ausschließlich mit Wolfs Debüt beschäftigt, ist Kai U. Jürgens Zwischen Suppe und Mund – Realitätskonzeption in Ror Wolfs Fortsetzung des Berichts. Jürgens selbst kreidet an, dass sich bisherige Rezensenten darauf beschränken, Fortsetzung des Berichts lediglich auf der Sprachebene zur betrachten, um anschließend zu dem Schluss zu kommen, „Wolfs Prosa [sei] als ‚Sprachspiel‘ zu qualifizieren“5.

Ein Blick auf die Sekundärliteratur des vorliegendes Textes genügt tatsächlich, um festzustellen, dass sich der Großteil der Rezensionen inhaltlich auf die riesige Fressorgie als Beschreibungsgegenstand bezieht, die in eigenartiger und verworrener Beziehung zu einem zweiten Handlungsstrang zu stehen scheint. Weitere Ausführungen zum Inhalt sind rar, während Kritiken, die Wolf als ‚Sprachspieler‘ darstellen, massenweise zu finden sind. Auch Helmut Heißenbüttel schätzt das Material des Erzählens weitaus bedeutender ein, als den Stoff, den es beschreibt:

Die Darstellung Wolfs ist vokabulär in einem Sinne, der weit über alle möglichen Vorbilder hinausgeht. Die Reproduktion der Vorgänge, Situationen und Landschaften geschieht nicht linear in der Abfolge des Berichts, sondern ballt sich immer wieder um Wortgruppen, Satzkonvolute, Dialogverknäuelungen zusammen. Der Bericht […] bedient sich eines extremen Nominalismus.6

Die These, das Material würde den Stoff der Erzählung darstellen, also das Präferieren der Form und Sprache vor dem Inhalt, fände sich laut Jürgens in nahezu allen Veröffentlichungen um Wolfs Erstlingswerk und sei ein sicherlich nicht unerhebliches Medium, um Wolfs Werk zu charakterisieren.7 Selbst Literaturlexika würden Wolfs Arbeit mit formalen Mitteln in den Vordergrund stellen: „Wolf zählt zu den wenigen experimentellen Autoren, die traditionelle Erzählmuster demontieren und gleichzeitig Raum für Anteilnahme und Phantasie des Lesers lassen“8. Noch weiter geht Marianne Kesting mit ihrer Behauptung, Fortsetzung des Berichts sei als ein „Sprachexperiment“ einzuordnen, dessen Inhalt mit der Form untrennbar verschmolzen ist.9

Exemplarisch für Forschungsbeiträge, die den inhaltlichen Gehalt des Werkes auf ein Minimum reduzieren, indem sie sich der Aufzählung von ihnen als relevant erachteter Motive begnügen, findet man beispielsweise bei Gerhard Schmidt-Henkel:

Der Autor habe ‚in sein Textgewebe gleichsam als Kett- und Schußfäden eine begrenzte Anzahl von Leitmotiven geknüpft, die kaleidoskopisch wechseln, sich nach kombinatorischen Gesetzen immer wieder einstellen und das Gewebe zusammenhalten. Sie verleihen ihm die epische Dimension, die es sonst nicht hätte, da eine eigentliche Fabel fehlt.10

Auf die Rekonstruktion der Fabel wird, laut Jürgens, ausnahmslos verzichtet, da sie allgemein als inexistent gilt.11 Während Franz Schonauer 1964 Wolfs Text als „stilistisch durchorganisiertes Chaos“ und „wildes Kunststück der Sprache“ bezeichnet, dennoch aber zugibt, dass „noch nicht auszumachen ist, zu welchem Zweck der Autor es veranstaltet hat“12, ist sich Peter Handke sicher, dass „Fortsetzung des Berichts […] im deutschen Sprachgebiet der erste ernstzunehmende Versuch [ist], für diesen Strom des Bewusstseins eine neue sprachliche Form zu finden.“13

Inwiefern die Voranstellung der Sprache, so wie es die Sekundärliteratur an allen Ecken und Enden betont, gerechtfertigt ist und welchen Aufschluss das Prinzip der ‚experimentellen Prosa‘ darüber geben kann, soll in den folgenden Kapiteln genauer untersucht werden.

3. Was ist experimentelle Prosa?

Angelehnt an den Nouveau Roman französischer Kollegen, gehört Ror Wolf zu den bedeutenden Autoren jener neuartiger Schreibverfahren, die der Romanform gegen 1960 eine radikale Absage erteilten und sich somit rigoros vom klassischen Erzählstil distanzierten. Die Rede ist von experimenteller Prosa, deren Vertretern, u.a. Peter Weiss, Peter Handke und Jürgen Becker, es in ihrer Literatur vor allem um „Genauigkeit und Präzision“14 geht. Grundstein für diese ‚experimentelle Produktivität‘ bildete die „Krise des ‚bürgerlichen‘ Literatursystems am Ende der Nachkriegszeit, in den 1960er Jahren.“15

Eine prägnante und zugleich ihre Komplexität herausstellende Definition experimenteller Prosa gibt Heinrich Vormweg:

Das Neue in der Literatur läßt sich andeuten durch den Begriff 'experimentelle Literatur', der allerdings nur einen Ausgangspunkt für die inzwischen großenteils schon ganz selbstverständlich praktizierten neuen Schreibweisen bezeichnet. Es basiert auf einer veränderten Vorstellung von Sprache, die als bindendes, begrenzendes, ans Gewohnte fesselndes Medium definiert wird […], und deshalb primär als Objekt der Destruktion. Aus diesem Bewußtsein sind zuvor unbekannte Schreibweisen erprobt worden, die Wörter und Sprache nicht mehr als weitgehend neutrale Bedeutungsträger voraussetzen, sondern als auch inhaltlich schon vorgerichtetes Material. Denn dieses Bewußtsein forderte ein radikales Mißtrauen nicht nur gegenüber den großen Formen der Zusammenordnung – also Lyrik, Drama, Erzählung, Roman –, sondern auch schon gegenüber der Syntax und den Wörtern selbst. Erarbeitet wurden Schreibmethoden zur Destruktion bekannter literarischer und auch unmittelbar sprachlicher Zusammenordnung, die das Sprachzitat als Materialzitat und die Collage immer stärker in den Vordergrund rückten und andererseits Wortinhalt, Buchstabe und Laut als gleichwertig ausgaben.16

Wie Vormweg deutlich macht, steht die Rückbesinnung auf die Materialität der Sprache und „die Auseinandersetzung mit der visuellen und akustischen Beschaffenheit als auch mit der Bedeutung des sprachlichen Zeichens“17 im Zentrum experimenteller Schreibart.

Burkhard Meyer-Sickendiek beschreibt in seinem Aufsatz Das ‚Prinzip der Felder‘ drei grundlegende Prinzipien dieses neuen Schreibverfahrens:

Erstens [die] radikale[…] Lösung vom Erzählprinzip des Romans, zweitens [die] Segmentierung des Textes in einzelne Prosafelder und drittens [die] Ausgestaltung dieser Prosafelder mit Bewusstseinsdarstellungen, etwa in Form von Berichten, Wahrnehmungsprotokollen, Erinnerungsprotokollen oder Beobachtungen.18

Weiterhin ginge es bei experimenteller Prosa im Allgemeinen darum, klassische Elemente des Romans durch sogenannte ‚Prosazellen‘ auszutauschen.19

Es ist jedoch ganz deutlich anzumerken, dass dieses Genre lange Zeit von der germanistischen Forschung unbeachtet blieb. Vielmehr noch wurden die Anfänge experimenteller Prosa durch Peter Weiss‘ 1960 veröffentlichten Mikroroman Der Schatten des Körpers des Kutschers und weitere Werke der Autoren Peter Handke und Jürgen Becker als „Negationsverfahren und Vermeidungsstrategien“20 abgetan. Dabei blieben vor allem Verbindungen zwischen Werken experimenteller Autoren ohne die nötige Untersuchung, und das, obwohl bereits Hans Magnus Enzensberger 1962 „das Prinzip der Prosafelder als Kennzeichen der Prosa Beckers und Wolfs erstmals präzise benannte.“21

Dass es sich bei Wolfs Text um ein collagenartiges Gebilde aus 102 Textblöcken und zwei äußerst paradox verlaufenden Handlungssträngen handelt, welches nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich beinahe als grotesk zu bezeichnen ist, wird im folgenden Abschnitt an Deutlichkeit gewinnen.

4. Aufbau, Inhalt und Strategie in FdB

Bei Ror Wolfs Erstlingswerk handelt es sich laut Selbstaussage und Titel um einen ‚Bericht‘, also eine Textform, die die „sachliche Wiedergabe eines Geschehens od. Sachverhalts, Mitteilung, Darstellung“22 anstrebt. Der Text ist durch eine Vielzahl von Interpolationen, Widersprüchen und Metaphern geprägt, was nicht zuletzt eine gewisse Musikalität der Sprache bewirkt. Dadurch entsteht allerdings ebenso eine höchst subjektive und wertende Beschreibung der Ereignisse und Dinge.23 Laut Monika Pauler jedoch, kann der Text aus diesem Grund nicht mehr der „rein beschreibenden Dokumentarliteratur“ zugeordnet werden, nicht zuletzt, da zu Beginn der Lektüre kein Beschreibungsgegenstand festgestellt werden kann.24

Brigitte Kronauer bringt anschaulich zur Geltung, was es mit Wolfs Werken auf sich hat: „Der Horror der Wolfschen Texte ist nicht in erster Hinsicht ein Horror des Inhaltes, sondern des Überflusses.“25 Inwiefern diese Aussage zutrifft, wird sich in den folgenden Ausführungen zum Inhalt von Fortsetzung des Berichts zeigen.

Wie bereits erwähnt, besteht der Text aus 102 Abschnitten (Feldern) die im Umfang sehr unterschiedlich gewichtet sind. Die beiden ungekennzeichneten Handlungsstränge, keine Nummerierung, Betitelung oder dergleichen, wechseln von Kapitel zu Kapitel.

Für die Erschließung des Inhaltes ist es sinnvoll, beide Handlungsstränge differenziert zu betrachten. Der Text setzt ein mit Handlungsstrang I, dessen Inhalt jedoch zeitlich nach Handlungsstrang II einzuordnen ist:

Strang A [Erzählstrang I] schildert die Begebenheiten an einer Tafel, die vom Koch Krogge dominiert wird. Der Erzähler beschreibt die Gesellschaft, aber auch den Raum, der durch Fenster Ausblicke in die umliegende Landschaft ermöglicht. Im Haus gegenüber zeigt sich eine Frau, die vielleicht seine Ehefrau sein könnte. Der Erzähler hat Schwierigkeiten, an allen Gängen des Mahls teilzuhaben, und er wird vom Koch mehrfach für Schrader gehalten, der er eigener Angabe zufolge aber nicht ist. […] Es schließen sich Appetitlosigkeit und akustische Probleme an, gefolgt von einem Tischkonzert, das vor dem Auge des Betrachters mit einer Schlachtung verschmilzt. Schließlich tritt eine Übersättigung ein, und die Aufzeichnung bricht noch vor dem letzten Kapitel des Stranges B [Erzählstrang II] interpunktionslos ab.26

Der Protagonist befindet sich in Handlungsstrang I demnach von Beginn an bei einem monströsen Abendmahl, dessen Abläufe und Eindrücke er minutiös beschreibt, wobei er jedoch immer wieder in Erinnerungen und Assoziationen verfällt. Der chronologisch an erster Stelle im Handlungsablauf befindliche Erzählstrang II beschreibt nun, wie sich das Erzähl-Ich auf den Weg zum parallel beschriebenen Festessen im gegenüberliegenden Haus des Koches Krogge macht:

Der Erzähler sitzt in seiner Wohnung am Tisch, stößt ein Glas Wasser um und wird von seiner Frau gerufen. Er verläßt die Familie, deren vielfältiges Krankheitsbild er ausführlich mitteilt, und gelangt in den Flur. Erinnerungen, Assoziationen, Phantasien beschäftigen ihn, bevor er über das Treppenhaus das Gebäude verlässt. Auf der Straße erinnert er sich inmitten einer Rinderherde an Wobser und stellt fest, daß er ihm folgt. […] Auf der Gegenwartsebene durcheilt der Erzähler verschiedene Ortschaften, während er von Wobser verfolgt wird.27

Während dieser Verfolgung rufen verschiedene skurrile Erlebnisse dem Protagonisten Geschehnisse aus der Vergangenheit oder Wunschvorstellungen in Erinnerung. So erinnert er sich in Anwesenheit einer Kaffeegesellschaft an einen Streit mit seiner Frau. Die Frau des Kochs Krogge hingegen schürt seinen Wunsch mit ihr zu schlafen. Dies gelingt ihm allerdings nur in seiner Phantasie, wenn auch auf unterschiedliche, teils brutale, Art und Weise. Es folgt eine Reihe von Ereignissen, unter anderem durch die Erzählungen Wobsers, aber auch anderer Figuren im Handlungsgeschehen. Gegenstand dieser ist beispielsweise der Sohn der Frau des Kochs, der sich eine Hand abhackt um dem Militärdienst abzusagen, der Angriff durch einen Hund und dessen Besitzer, die dem Erzähler eine Essenseinladung aussprechen. Zusammen mit Wobser entgeht der Protagonist nur knapp einem Feuer und gelangt schließlich in ein Gasthaus, wo Wobser Nachricht über den Tod seines Vaters erhält. Weitere skurrile Begebenheiten schließen sich wie Perlen auf einem Band an, jedoch stets unter minutiöser und detailreicher Darstellung durch den Erzähler. Im letzten Abschnitt endet die Handlung wie folgt:

Schließlich erreicht er das Haus des Kochs, das gerade von sechs Gästen verlassen wird. Wobsers Vater stürzt vom Dach, bevor der Erzähler das Gebäude betritt und sich an die gedeckte Tafel setzt, ‚um zu hören was kommt‘.28

Am Ende des Textes erreicht der Erzähler demnach jenes Zimmer, in dem er von Beginn an saß.

Wie Brigitte Kronauer bereits zu Beginn der inhaltlichen Ausführungen darlegt, ist Wolfs Literatur voll von Überfluss, „alle Wünsche werden erfüllt, alle Regeln der schönen Wirkung zugleich mißachtet.“29 Alles sei gleichmäßig angeordnet, wie Kronauer betont, Oberflächenbeobachtung und Meinung. „Durch Aufblähen des konventionell Banalen und Schrumpfung des konventionell Bedeutungsvollen ist alles auf einen Nullpunkt gebracht. Der Übergang von Dingen zu Abstrakta ist fließend, es gibt keine Hierarchie.“30

Wie Kai U. Jürgens betont, sei es ausschlaggebend, „daß eine Differenzierung der beiden Erzählstränge durch mehrdeutige Übergänge zwischen den Kapiteln sabotiert wird.“31 So erweckt die Formulierung des auf Seite 52 endenden Abschnittes „[…] wende ich mich nach links, zu dem von weichen Samtbehängen umrahmten Fenster und beobachte dieses Bild.“32 den Eindruck, dass das darauffolgende Kapitel unmittelbar an die soeben beschriebene Szene anknüpfe: „Es ist ein Bild, das hinter mir suppig dampft, mit Häuserbrokken Mauerstümpfen, mit den abgerissenen Klumpen eines Abends, ein halbverkochtes halbverkautes in einer großen Küche zusammengeschüttetes in einem großen Mund zusammengemahlenes Bild.“33 Tatsächlich aber bezieht sich das im ersten Abschnitt beschriebene Bild auf das beobachtete Geschehen und Treiben der Passanten vor dem samtbehangenen Fenster, wie im übernächsten Kapitel offenbart wird: „Die vorbeigehenden Fußgänger am Grau der Fassade, das fleckenhafte Vorbeiziehen von Farben an einem grauen Hintergrund, etwa von Braun, oder von Schwarz, eine wellenförmige sich hebende und senkende fortwährende Bewegung, ein Hintereinander in langen Reihen, doch dazwischen immer wieder das Grau der Fassade.“34 Auf der Ebene des Textes wird auf diese Weise der Eindruck von Beziehungen der Kapitel zueinander erweckt, wo sie inhaltlich nicht gegeben sind. Die Kontinuität des traditionellen Erzählens wird lediglich vorgetäuscht, indem Verbindungsstellen der einzelnen Kapitel übertüncht werden und die parallelen Erzählzüge motivisch, inhaltlich und sprachlich perfekt ineinandergreifen, sodass der Eindruck beim Leser entsteht, es handele sich um einen scheinbar fortlaufenden Kontext.

[...]


1 Wolf 1992, S. 66.

2 Jürgens 2010, S. 203.

3 Vgl. Ebd.

4 Jacob 1993, S. 554.

5 Jürgens 2000, S. 12.

6 Ebd.

7 Vgl. Ebd.

8 Ebd. S. 13.

9 Vgl. Ebd. S. 12.

10 Ebd. S. 13.

11 Vgl. Ebd. S. 14.

12 Schonauer 1992, S. 87.

13 Handke 1992, S. 87.

14 Meyer-Sickendiek 2013, S, 387.

15 Gruber 2014, S. 33.

16 Vormweg 1972, S. 85f.

17 Raschig 2000, S. 107.

18 Gruber 2014, S. 33.

19 Ebd. S. 33 ff.

20 Ebd. S. 388.

21 Ebd.

22 Duden 2007, S. 279.

23 Vgl. Pauler 1995, S. 21.

24 Vgl. Ebd.

25 Kronauer 1987, S. 14.

26 Jürgens 2000, S. 42.

27 Ebd. S. 41f.

28 Ebd. S. 42.

29 Kronauer 1987, S. 14.

30 Ebd.

31 Ebd. S. 38.

32 Wolf 2010, S. 52.

33 Ebd.

34 Ebd. S. 55.

Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668192300
ISBN (Buch)
9783668192317
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319930
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – FACHWISSENSCHAFT UND FACHDIDAKTIK DEUTSCH
Note
2,0
Schlagworte
Ror Wolf experimentelle Prosa Fortsetzung des Berichts

Autor

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    Julia O. (Autor)

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