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Personendarstellung der Figur Claire Zachanassian und das Groteske in Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie "Der Besuch der alten Dame"

von Julia O. (Autor)

Hausarbeit 2010 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2."Der Besuch der alten Dame" - Inhalt
2.1 Entstehungshintergrund

3.Claire Zachanassian - Das Groteske in Person?

4.Fazit

5.Bibliographie

1. Einleitung

Als „Dame aus dem Märchenreich“[1] wird sie beschrieben und als „groteske Zentralfigur des Stückes“[2]: Claire Zachanassian, Protagonistin Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie Der Besuch der alten Dame[3]. Andere sind der Meinung, sie sei lediglich die „formale Mittelpunktsfigur des Dramas“[4] oder gar „der bloße Katalysator der Handlung“[5].

Diese gegensätzlichen Aussagen sollen als Ansätze für die nachfolgende Hausarbeit dienen und zur Klärung beitragen, welche Rolle Claire Zachanassian im Rahmen der tragischen Komödie einnimmt. Besonderes Augenmerk möchte ich auf die groteske Darstellung der Protagonistin legen. Dabei werde ich folgendermaßen vorgehen: Zunächst möchte ich zum allgemeinen Textverständnis einen kurzen Einblick in den Entstehungshintergrund des Stückes geben und mit einer kurzen Inhaltsangabe das Thema der tragischen Komödie ins Gedächtnis rufen. Im Folgenden wird die Hauptfigur Claire Zachanassian, unter Berücksichtigung auf das Groteske als Stilmittel der Figurencharakterisierung beleuchtet. Dabei werde ich neben dem äußeren Erscheinungsbild und den Charaktereigenschaften, auch auf die Personen im Gefolge der alten Dame, sowie ihren Einfluss auf die Güllener Bürger eingehen. Abschließend fasse ich die Resultate zusammen und werte Dürrenmatts Leistung in Hinblick auf das Drama.

Zur Wahl des Themas haben mich mehrere Gründe bewogen. Zum einen gehört Der Besuch der alten Dame von Friedrich Dürrenmatt schon seit längerem zu meinen favorisierten Werken, nicht zuletzt wegen der komischen und zugleich grotesken Handlung, die einen das eine oder andere Mal zum schmunzeln veranlasst. Zum anderen faszinierte mich Dürrenmatts Darstellung der Claire Zachanassian derart, dass ich weitere Recherchen zu dieser Figur anstellen wollte.

2. "Der Besuch der alten Dame" - Inhalt

Die Milliardärin Claire Zachanassian besucht ihre verarmte Heimatstadt Güllen, wo sie als geborene Klara Wäscher ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Während die Bewohner Güllens auf finanzielle Hilfe und die Großzügigkeit der alten Dame hoffen, verfolgt Claire einen anderen Plan. Sie sucht Gerechtigkeit für ein altes Unrecht. Als Klara damals von ihrer Jugendliebe Ill schwanger wird, verleumdet dieser die Vaterschaft und wendet mithilfe bestochener Zeugen den von Klara angestrengten Prozess ab. Hochschwanger, mittellos und entehrt muss Klara die Stadt verlassen. Als kurz nach der Geburt das gemeinsame Kind stirbt, muss sie sich im ältesten Gewerbe über Wasser halten. Durch die Heirat mit einem Ölquellenbesitzer, der bald darauf stirbt, gelangt sie schließlich zu beträchtlichem Vermögen. Die nun reichste Frau der Welt unterbreitet den Güllenern ein unmoralisches Angebot: Sie will der Stadt und den Bürgern eine Milliarde zukommen lassen, insofern diese dafür ihre Jugendliebe Ill umbrächten. Dieses Angebot stößt zunächst auf entrüstete Ablehnung, fruchtet allerdings nach und nach in den Köpfen und Haushalten der Güllener. Plötzlich werden die qualitativ besseren Güter gekauft, neue Schuhe werden getragen und sogar Autos angeschafft – alles auf Kredit, als ob mit einem größeren Vermögenszuwachs gerechnet würde. Ill bekommt Zweifel und will sich schließlich, von Angst und Schuld zermürbt, seinen Mitbürgern ausliefern, als der Presse verkündet wird, dass Claire Zachanassian durch Vermittlung ihres Jugendfreundes eine Milliardenstiftung gewähre. Nachdem die Presse gegangen ist, bilden die Bürger eine Gasse, in die sich Ill hineinbegibt. Die Gasse schließt sich. Als sie sich wieder öffnet, liegt Ill am Boden, tot. Herzschlag aus Freude stellt der Stadtarzt fest. Claire Zachanassian lässt Ill in den Sarg legen, den sie mit ihrem Reisegepäck mitgebracht hat, überreicht dem Bürgermeister den Scheck über eine Milliarde und reist mit ihrem ehemaligen Geliebten ab, um ihn bei sich in Capri, Italien, beizusetzen.

2.1 Entstehungshintergrund

Die Entstehung der tragischen Komödie Der Besuch der alten Dame fällt in die Zeit des Schweizer Wirtschaftswunders, sowie in die Jahre der Hochkonjunktur zwischen 1952 bis 1958.[6] Zum einen kommt es zu einer wirtschaftlichen Erholung durch die Verlockungen des geld- und wohlstandbringenden Marshallplanes und dem „Kreditoptimismus von Amerikanern“[7]. Zum anderen wird der gewinnbringende Aufschwung mit unverantwortlichen Mitteln erkauft, was die Verkümmerung der Menschen und eine Skrupellosigkeit im Zusammenleben, eine kleinbürgerlich verlogene Moral sowie die Abwehr jeglicher Verantwortung im gesellschaftlichen Bereich zu Folge hat.[8]

Vordergründig steht bei Friedrich Dürrenmatt die radikale Infragestellung der geltenden Verhältnisse der westlichen Gesellschaft. Besonders gut wird dies am Beispiel Der Besuch der alten Dame deutlich, indem „die Entwicklung Güllens zur Wohlstandsgesellschaft“[9] geschildert wird.

3. Claire Zachanassian - Das Groteske in Person?

„Zweiundsechzig, rothaarig, Perlenhalsband, riesige goldene Armringe, aufgedonnert, unmöglich, aber gerade darum wieder eine Dame von Welt, mit einer seltsamen Grazie, trotz allem Grotesken.“[10], so wird sie im Nebentext beschrieben, als die alte Dame am Güllener Bahnhof – viel früher als erwartet – eintrifft. Ganz anders als Alfred Ill sie in Erinnerung hat, „mit wehenden roten Haaren, biegsam, gertenschlank, zart, eine verteufelt schöne Hexe“[11], muss Claire nun selbst feststellen: „Auch ich bin alt geworden und fett“[12]. Ferner scheint sie mehrere Körperteile bei verschiedenen Unfällen verloren zu haben. „Von den Messern der Chirurgen zerfleischt“[13], wurden die fehlenden Gliedmaßen durch zahlreiche Prothesen ersetzt. Auf diese Weise gleicht sie einem „wandelnde[n] Ersatzteillager, dessen wesentliche Teile durch künstliche Prothesen ihren menschlich-organischen Charakter verloren haben“[14].

Mit „der äußeren Künstlichkeit und Distanz zum Menschlichen“[15] thront sie beinahe „statisch“[16] auf dem Hotelbalkon und sieht auf das Güllener Geschehen hinab.

Der Name Claire Zachanassian, sich zusammensetzend aus den Namen der bekannten Milliardäre „Zacharoff, Onassis [und] Gulbenkian“[17], steht in komplettem Gegensatz zu der Namenssymbolik ihres Jugendfreundes Alfred Ill. Während die eine die Namenskonstellation dreier einflussreicher und vermögender Männer darstellt, ist der Familienname Ill vermutlich vom englischen Adjektiv ‚böse‘ oder ‚krank‘ abgeleitet, was seine moralische und wirtschaftliche Gemütslage bezeichnet.[18] Doch nicht nur den Mädchennamen tauschte Claire bei der reichtumbringenden Hochzeit, auch der Vorname Klara musste der französischen Version weichen. Das junge, aus der Heimat verstoßene Mädchen Klara, kehrt als Frau von Welt – als Claire Zachanassian – nach Güllen zurück.

Der Name Claire verschafft ihr Distanz zu dem Dasein, das sie führte, bevor sie den Milliardär heiratete, aber auch die Ehrfurcht, die sie als „reichste Frau der Welt“[19] erwartet. Auf diese Weise versucht die alte Dame ihre Vergangenheit aus ihrem Gedächtnis zu verbannen, gar ihre einstige Identität auszulöschen, was ihr allerdings nicht sonderlich zu gelingen scheint. Grund des Besuches in ihrer alten Heimatstadt ist es, einen Schlussstrich unter ihrer Vergangenheit ziehen zu können, wenn auch auf einen äußerst skurrile, als auch groteske Art und Weise.

Auch Claires Charakterzüge unterstreichen ihr groteskes Auftreten und die Wirkung, die sie auf andere hat.

Ihre dunkle Vergangenheit trägt nicht zuletzt zu dem Wesenswandel bei, der im Laufe der Jahre stattfand und einen komplett veränderten Menschen aus Claire Zachanassian machte. Sie selbst bringt das Resultat ihres Wandels im Gespräch mit Ill auf den Punkt, indem sie sagt, sie sei „die Hölle geworden“[20].

Besonders charakteristisch ist die Eloquenz der alten Dame, die „der ironischen Entlarvungen willen bewussten Gebrauch von der Mehrdeutigkeit der Sprache zu machen versteht“[21] und sich darüber hinaus durch „Unverblümtheit“[22] auszeichnet. So dankt sie vermeintlich den Güllenern für ihre Gastfreundschaft, indem sie beteuert, wie sehr sie deren selbstlose Freude über ihren Besuch rührt.[23] Sie ruft auf diese Weise zwei verschiedene Reaktionen beim Leser, aber auch bei den Figuren um sie herum - in diesem Fall den Bürgern Güllens – hervor: „Schockwirkung oder erleichterndes Gelächter“[24] sind die Folge ihrer grotesken und anstößigen Äußerungen.

Ein essentieller Teil ihrer charakterlichen Züge wird bei der Ankunft durch die von ihr inszenierte Notbremsung und die darauffolgende Bestechung des Bahnführers demonstriert. Die finanzielle Situation Claire Zachanassians ist der Katalysator ihrer Handlungsbereitschaft. „Man kann alles kaufen“[25]. Die emotionslose Selbstgewissheit und ihre gnadenlose Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber rührt daher, es sich leisten zu können. Selbst vor der Gerechtigkeit schreckt sie nicht zurück, die sie käuflich zu erwerben versucht, indem sie für Alfred Ills Tod eine Milliarde bietet.

Als „zusammengezimmerte Rachegöttin“ wird sie charakterisiert, „die grausam systematisch den als Sühneopfer bemäntelten Mord des ehemaligen Geliebten einfädelt“[26]. Überdies vermittelt auch die physische Erscheinung der „prothesenbeladenen Claire Zachanassian“[27] ein lächerliches und zugleich furchterregendes Bild, das die Groteske ihrer Person abermals unterstreicht.

So stellt auch Alfred Ill mit Entsetzen fest: „Klara, ist denn überhaupt alles Prothese an dir!“[28], als er im Konradsweilerwald die kühle, elfenbeingefertigte Handprothese zu küssen versucht und daraufhin die Antwort bekommt, sie sei trotz unzähliger Autounfälle und Flugzeugabstürze nicht umzubringen.[29]

[...]


[1] Arnold, Arnim: Zu Friedrich Dürrenmatt. In: Literaturwissenschaft – Gesellschaftswissenschaft; 60: LGW-Interpretationen. Hrsg: T. Buck, M. Durzak, D. Steinbach. Stuttgart: Klett, 1982. S. 76.

[2] Müller, Rolf: Komödie im Atomzeitalter. Gestaltung und Funktion des Komischen bei Friedrich Dürrenmatt. Frankfurt / Main, Bern, New York, Paris: Lang, 1988. S.96.

[3] Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie, Zürich. In: Friedrich Dürrenmatt: Gesammelte Werke in sieben Bänden. Band 1: Stücke. Zürich: Diogenes, 1991. S.571-696.

[4] Müller 1988: S. 96.

[5] Jauslin, Christian Markus: Friedrich Dürrenmatt . Zur Struktur seiner Dramen. Zürich: Juris-Verlag, 1964. S. 88.

[6] Vgl. Knapp, Gerhart P.: Friedrich Dürrenmatt. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgard, Weimar: Metzler, 1993. S. 84.

[7] Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Tragische Komödie. In: Friedrich Dürrenmatt: Werkausgabe in 30 Bänden. Band 5. Zürich: Diogenes, 1985. Anmerkungen S. 143.

[8] Vgl. Knopf, Jan: Der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt. Berlin: Hentschelverlag Kunst und Gesellschaft, 1987. S. 73.

[9] Knopf, Jan: Friedrich Dürrenmatt. Dritte, erweiterte Auflage. München: Beck, 1980. S. 91.

[10] Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Zürich: Diogenes, 1998. S. 22.

[11] Ebd. S. 18.

[12] Ebd. S. 26.

[13] Ebd. S. 49.

[14] Müller, Rolf: Komödie im Atomzeitalter. Gestaltung und Funktion des Komischen bei Friedrich Dürrenmatt. S. 97.

[15] 15 Mayer, Sigrid: Friedrich Dürrenmatt. Der Besuch der alten Dame. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis. Frankfurt a. M.: Moritz Diesterweg, 1992. S. 14.

[16] Knopf, Jan: Friedrich Dürrenmatt. S. 76.

[17] Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. S.141.

[18] Vgl. Arnold, Arnim: Zu Friedrich Dürrenmatt. S. 73.

[19] Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. S. 142.

[20] Ebd. S. 38.

[21] Mayer, Sigrid: Friedrich Dürrenmatt. Der Besuch der alten Dame. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis. S. 38.

[22] Ebd.

[23] Vgl. Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. S. 44.

[24] Mayer, Sigrid: Friedrich Dürrenmatt. Der Besuch der alten Dame. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis. S 38.

[25] Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. S. 45.

[26] Knapp, Gerhart P.: Friedrich Dürrenmatt. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. S. 247.

[27] 27 Ebd. S. 235.

[28] Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. S. 40.

[29]

Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668194649
ISBN (Buch)
9783668194656
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319850
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Deutsche Philologie
Note
2,5
Schlagworte
Besuch der alten Dame Grotesk

Autor

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    Julia O. (Autor)

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