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"Casa Tomada" von Julio Cortázar. Versuch einer hermeneutischen Erschließung im Sinne einer postkolonialen Rezeptionsweise

Seminararbeit 2015 14 Seiten

Literaturwissenschaft - Lateinamerika

Leseprobe

Inhalt

1.Einführung

2.Postkoloniale Ansätze: Die Umwertung aller Werte

3.Interpretation: Werkimmanentes Vorgehen
3.1 Interpretation: Postkolonialer Ansatz

4.Exkurs

5.Verwendete Literatur

1. Einführung

In der hier vorliegenden Seminararbeit wird der Versuch unternommen, die Kurzgeschichte Casa Tomada, verfasst von Julio Cortázar, hermeneutisch zu erschließen, wobei es diesbezüglich vor allem darum gehen soll, nur einen Ansatz zu wählen, um die Bedeutung der Perspektivierung auf den Gegenstand hervorzuheben. Denn: Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt, der wiederum an die von ihm eingenommene Perspektive gebunden ist. Wie etwas wahrgenommen wird, hängt also dialektisch betrachtet vom Instrumentarium ab, mit dem bspw. Texte bearbeitet werden. Wie bereits angerissen wurde, besteht diesbezüglich die Möglichkeit aus unterschiedlichen Ansätzen, die uns sowohl die Literatur- als auch die Kulturwissenschaft anbieten – mit dem Ziel die jeweiligen fachspezifischen Gegenstände verstehen aber auch deuten zu können – den einen Ansatz zu wählen. Da es in dieser Arbeit um die Interpretation eines geschriebenen Textes geht, muss an dieser Stelle zusätzlich betont werden, dass es hinsichtlich geschriebener Texte vor allem die Hermeneutik ist, die im Kontext der Rezeption literarischer Texte genannt werden muss. Doch worauf referiere ich, wenn es mir darum geht, den Text hermeneutisch zu erschließen bzw. den Text mit der Hermeneutik zu verstehen und welcher Ansatz wird nun konkret für die Interpretation des Textes gewählt? Wenn von Hermeneutik die Rede ist, so handelt es sich dabei um Methoden, die zur Erschließung der den Texten zugrundeliegenden Bedeutungen dienen, wie bspw. der Methode des Biografismus, des New Historicism, der Werkimmanenz bzw. des Strukturalismus oder auch der Methode der Dekonstruktion, die allesamt als sog. Instrumente der Interpretation gewertet werden können. In Anlehnung an die von mir im Seminar gehaltene Präsentation wird für die hermeneutische Erschließung des Textes der postkoloniale Ansatz gewählt, wobei dieser, wie ich bereits in der Präsentation sagte, mit der Dekonstruktion einhergeht; beide Ansätze sind nämlich darum bemüht, bestehende Wissenssysteme zu dekonstruieren, um der Proklamation einer absoluten Wahrheit entgegenzuwirken. Diesen Ansatz der Demontage von absoluten Wahrheiten möchte ich in einem kleinen Exkurs zum Schluss dieser Arbeit nochmals kritisch durchleuchten, um auf mögliche konzeptuelle Schwachstellen hinzudeuten.

Bevor der Text Casa Tomada jedoch mittels postkolonialer Ansätze interpretiert werden soll, möchte ich zunächst einen Überblick über den Postkolonialismus verschaffen, sodass offengelegt werden kann, wofür dieser überhaupt steht. Was zeichnet also den Postkolonialismus aus und was bedeutet es überhaupt einen Text nach postkolonialistischen Ansätzen hermeneutisch zu erschließen? Um einer dialektischen Herangehensweise gerecht zu werden, erscheint es mir außerdem als sehr sinnvoll, im Interpretationsteil dieser Arbeit zwei Ansätze gegenüberstellen, um dadurch die Abhängigkeit der Rezeption und der darauffolgenden Interpretation von der eingenommenen Perspektive zu verdeutlichen. Hierfür werde ich neben dem postkolonialen Ansatz zusätzlich die werkimmanente Technik heranziehen.

2. Postkoloniale Ansätze: Die Umwertung aller Werte

Der Begriff Postkolonialismus stammt vom englischen Wort postcolonialism ab und wird „[…] zur Bezeichnung der diskursiv zum Ausdruck kommenden, v.a. kritisch Distanz schaffenden Reaktion auf den Kolonialismus in einer noch nicht abgeschlossenen Periode“ (Nünning et al. 2008, 588) verwendet. Die Kritik zielt darauf ab, die endgültige Emanzipation vom Kolonialerbe herbeizurufen, wobei an dieser Stelle durchaus die Frage gestellt werden kann, inwieweit eine Emanzipation überhaupt möglich ist. Der Postkolonialismus lässt sich weiterhin zweierlei bestimmen: im weitesten Sinne und im engeren Sinne. Charakteristisch für den Begriff im weitesten Sinne ist die bestehende Wechselwirkung zwischen (ehemaligem) Kolonisator und (ehemaligem) Kolonisierten. Obwohl sich der Postkolonialismus hier vor allem durch seinen noch nicht abgeschlossenen Charakter zeigt, bezieht sich der Postkolonialismus i.e.S. hingegen auf die Zeit nach der Unabhängigkeit der Kolonien, wobei hier unter Berücksichtigung beider Definitionen erneut die Frage aufgeworfen werden kann, ob diese theoretische Unabhängigkeit denn auch tatsächlich eine praktische ist. Die außersprachlichen Zustände unserer Zeit legen jedoch den Schluss nahe, dass diese Unabhängigkeit keine absolute Größe darstellt, sondern eine partielle, die immer wieder aufrechterhalten werden muss. Denn: Der Begriff des Postkolonialismus i.e.S. wird weiterhin mit der Verarbeitung des wiederbelebten Kolonialismus assoziiert. Eine Wiederbelebung des Kolonialismus impliziert jedoch zeitgleich die Abschwächung einer Unabhängigkeit, die aufgrund dessen als nur nominelle Unabhängigkeit gewertet werden könnte.

Postkoloniale Ansätze beschäftigen sich weiterhin vor allem mit dem Spannungsverhältnis zwischen Zentrum und Peripherie, wobei an dieser Stelle notwendigerweise konstatiert werden muss, dass eine eindimensionale Zuordnung der beiden Begriffe nicht den tatsächlichen Zuständen gerecht wird. Das Zentrum darf demnach nicht bloß als Mutterland verstanden werden; gleiches gilt für die Peripherie, die eben nicht nur die Kolonie umfasst. Denn: Selbst in den Kolonien entstehen Spannungsverhältnisse zwischen Zentrum – Hauptstadt bzw. zentrale Stadt – und den Peripherien – die noch nicht urbanisierten Orte. Wieso Spannungsverhältnisse zustande kommen, kann wie folgt begründet werden: „[Spannungsverhältnisse entstehen vor allem wegen] der Verbreitung europ. Sprachen, Denkweisen, Wissenssysteme und Kunstformen in nicht-europ. Regionen der Welt, mit denen sich die unabhängig werdenden Kolonien in der Bemühung um kulturelle Eigenständigkeit kontrovers auseinandersetzen“ (ebd.). Entscheidend ist jedoch nicht nur die Verbreitung, sondern der Modus der Verbreitung. Geht die Verbreitung demnach mit Auferlegung einher sind die Probleme durchaus vorprogrammierbar.

Der Ansatz der bereits angesprochenen Wechselwirkung wird vor allem durch die globalen Veränderungen sichtbar. So muss festgehalten werden, dass sich nicht nur die Kolonien im Zuge der ideellen Auferlegung verändern, sondern auch die imperialen Zentren bspw. durch Migrationsbewegungen wiederum neue gesellschaftliche Formen annehmen, weshalb man demnach auch von einer passiven Gegenkolonisation sprechen kann. Der Unterschied zwischen der Kolonisation und der passiven Gegenkolonisation besteht jedoch deutlich im Auferlegungsgedanken und im ersten Impuls, der für die Kolonisation verantwortlich ist. So geht die von mir genannte passive Kolonisation nie mit dem Vorsatz der Auferlegung oder auch Unterweisung einer anderen Kultur einher; sie ist vielmehr Wirkung und nicht Ursache, die jedoch in den imperialen Zentren interessante Auswirkungen hat. Die interessanteste Auswirkung ist natürlich die der kulturellen Disparität bzw. kulturellen Koexistenz. Ein Beispiel hierfür wäre die in Deutschland und anderen Ländern der EU geführte Kopftuchdebatte.

Worauf zielen postkoloniale Ansätze ab und durch welche anderen theoretischen Konzepte wurden sie beeinflusst? Wie bereits erwähnt, zielen postkoloniale Ansätze darauf ab, überlieferte Begriffsgerüste zu demontieren bzw. zu dekonstruieren, wobei man sich im Prozess dieser Demontage darüber bewusst ist, dass man ohne diese eig. nicht auskommen kann. Eine Kommunikation kann demnach also nur dann gelingen, wenn statische Begriffsgerüste vorhanden sind. Durch die angesprochene Dekonstruktion entsteht ein Spiel zwischen Peripherie und Zentrum, das hier als Spiel im doppelten Sinne verstanden werden kann – einmal bezogen auf die Semiotik und einmal bezogen auf die Kolonien. Begriffe, die den dekonstruktivistischen Ansatz geprägt haben sind folgende: Abwesenheit eines Zentrums, Ethnologie, Ethnozentrismus, Natur vs. Kultur.

Die wichtigsten Vertreter der postkolonialen Theorie sind Said, Spivak und Bhabha, die allesamt unterschiedliche Schwerpunkte gewählt haben. Was alle drei gemeinsam haben ist das Streben danach, die präkoloniale Zeit zu rekonstruieren, und zwar mit dem Ziel der Konstitution einer eigenen Identität. Denn: Die kolonisierten Länder besaßen bereits vor der Kolonisation eine Kultur.

3.Interpretation: Werkimmanentes Vorgehen

Für die hier zugrundeliegende Interpretation des Textes von Julio Cortázar wurde für die erste Phase des Verstehens ein werkimmanentes Vorgehen bevorzugt. Wieso gerade die Werkimmanenz zusätzlich gewählt wurde, kann wie folgt beantwortet werden: Das Erschließen textueller Sinne fernab externer Faktoren erscheint insofern von Bedeutung, als es nur dadurch tatsächlich möglich sei, das Verstehen als zirkuläres Phänomen arbeiten zu lassen. Das Aufbrechen dieser Eingrenzung lässt sich an dieser Stelle als Selbstversuch werten. Dieser Versuch soll der Generierung unterschiedlicher interpretativer Ansätze dienen, die dennoch durch klare Begründungsketten authentisch bleiben müssen. „Bücher sind Spiegel: Man sieht in ihnen nur, was man schon in sich hat“. 1

Das Werk Casa Tomada, verfasst von Julio Cortázar, lässt sich durch seine Offenheit sowohl zu Beginn als auch am Ende als klassische Kurzgeschichte werten. Schon der Titel ermöglicht dem Rezipienten die Ausmalung einer fiktiven Lokalität, die vor allem durch den 6. Abschnitt durch eine ausführliche Beschreibung der sogenannten Casa Tomada an Exaktheit gewinnt. Wofür steht dieses Haus, welches, so lässt es zumindest der Titel erahnen, besetzt wurde? Wofür das Haus genau steht, scheint für das weitere werkimmanente Vorgehen nicht von wesentlicher Bedeutung zu sein, weshalb andere Fragen eher in den Fokus rücken müssten. So bspw. die Frage nach den Bewohnern des Hauses oder jenen Figuren, die dieses Objekt besetzen und somit die Vertreibung unbekannter Eigentümer verursachen. Durch die im ersten Satz gebrauchte pronominale Struktur „Nos gustaba la casa“ lassen sich noch keine genauen Informationen über mögliche Protagonisten machen. Erst die im zweiten Abschnitt ergänzende Benennung der Figuren „[…] Irene y yo […]“schließen diesen ersten Kreis des Bestimmens in kataphorischer Form. Auch die Beziehung, in welcher beide zueinander stehen, kann durch das „[…] guardaba los recuerdos de nuestros bisabuelos, el abuelo paterno, nuestros padres y toda la infancia“ als familiäre Relation bestimmt werden.

Es ist insbesondere die Erzählform des Ich-Erzählens, welche dazu führt, das Erzählte als noch lebendiger und näher wahrzunehmen; es scheint nämlich so, als ob keine Erzählinstanz die Kommunikation zwischen Leser und Text stören würde. Welche Eckpfeiler lassen sich weiterhin textuell bestimmen?:

WO? = Argentinien - Buenos Aires - Casa Tomada - unterschiedliche Zimmer

WER? = Irene - Ich-Erzähler - Unbekannte

WAS? = Geräusche

Wann? = womöglich kurz nach 1939

Arbeitet man sich zunächst an den oben, der Orientierung wegen, angeführten W-Fragen entlang, lassen sich durchaus zusätzliche Felder bestimmen, die jedoch weitere hermeneutische Methoden notwendig machen. So gilt natürlich das Jahr 1939 für Hispanisten als Schlüsseljahr im 20. Jahrhundert – Ende des Spanischen Bürgerkriegs, aus dem der Franquismo als dominierende Kraft hervorging –, kann jedoch alleine nicht als Projektionsfläche für die spanische Diktator stehen. Ein allgemeinerer Verweis auf die Diktatur kann jedoch bei näherem Lesen durchaus vollzogen werden, und zwar, wenn die Sätze „Yo aprovechaba esas salidas para dar una vuelta por las librerías y preguntar vanamente si había novedades en literatura francesa. Desde 1939 no llegaba nada valioso a la Argentina“ in einem reversen Kausalitätsprozess gelesen werden. Somit wird die Diktatur zur Ursache für die vergebliche Suche nach Literatur, die durch die unsichtbare Hand des Zensors nie den Weg nach Argentinien finden konnte. Der Text gibt zwar zu verstehen, dass bestimmte Werke durchaus den Weg nach Argentinien fanden, jedoch nur solche, die keinen Wert besitzen. Eine weitere Besonderheit liegt in der Namensbenennung. So wird zwar Irene beim Namen – und das in hoher Frequenz – benannt, der Ich-Erzähler aber nicht, der sich im weiteren Verlauf der Geschichte als nicht wichtig sieht. Es heißt hier: „[…] porque yo no tengo importancia“. Was macht Irene so besonders? Es ist womöglich jene Art, die als Gegenspieler zum Kernpunkt dieser Geschichte gewertet werden kann, und zwar der Gewalt, die in Form einer psychischen Belastung zum Vorschein kommt. Irene ist „[…] una chica nacida para no molestar a nadie“. Die Gewalt, ja diese willkürliche Besetzung des Hauses, lassen die Frage offen, wie es sein kann, selbst den einfachen Menschen, der nur am Weben ist, in einer gewissen Form zu terrorisieren. Ich möchte an dieser Stelle einen weiteren Punkt heranziehen, der sich für mich als sehr bedeutend einstufen lässt: los ruidos. Wieso sind jedoch gerade die im Werk genannten Geräusche so wesentlich und signifikant? Die in der Kurzgeschichte von Cortázar genannten Geräusche tragen insofern eine immense Bedeutung für die gesamte Geschichte, als dass durch sie, die dramatischen Wendungen erst hervorgerufen wurden. Von welchen Wendungen ist hier die Rede? Erst einmal lassen sich insgesamt zwei Wendungen bestimmen, die in den jeweiligen Abschnitten stets durch dieses unbekannte Geräusch, von dem hier die Rede sein soll, ausgelöst wurden. Die erste Wendung, die bestimmt werden kann, befindet sich im siebten Abschnitt dieser Kurzgeschichte. Dort heißt es: „Fui por el pasillo hasta enfrentar la entornada puerta de roble, y daba la vuelta al codo que llevaba a la cocina cuando escuché algo en el comedor o la biblioteca. El sonido venía impreciso y sordo […]“. Die zweite Wendung befindet sich wiederum im achtzehnten Abschnitt. Dort heißt es: „Desde la puerta del dormitorio oí ruido en la cocina; tal vez en la cocina o tal vez en bano porque el codo del pasillo apagaba el sonido“. Was die Geräusche so bedeutend macht, ist nicht die Farbe ihres Klangs – sie wird nicht näher beschrieben –, sondern die Wirkung, die sie besitzt. Definitorisch gesehen sind Geräusche nämlich erst einmal nur Schallwellen, die zwar eine erste Ursache haben, unabhängig davon jedoch keine physische Gewalt ausüben können, wodurch die auf die Geräusche folgende Flucht der zwei Figuren – Irene y yo – eine interessante psychische Komponente erhält. Diese einfachen Geräusche führen zur absoluten Passivität der Figuren; man rennt weg, statt sich einer unbekannten Gefahr zu stellen. Der Höhepunkt bezüglich dieser Gefahr wird genau dort erreicht, wo es im Text heißt, dass die Besetzung der einzelnen Bereiche des Hauses auch Vorteile besitzt. Diese Beschönigung der Situation ist jedoch nur dann möglich, wenn sich das Individuum von den Errungenschaften der Aufklärung löst, und seine Fähigkeit zum eigenständigen Denken aufgibt. Diese Resignation ist die einzige Möglichkeit, um diesen Zustand der Repressionsausübung auszuhalten. „Estábamos bien, y poco a poco empezábamos a no pensar. Se puede vivir sin pensar”. Folgt man der bis hier dargestellten Interpretation, kann folgende Ergänzung zum eben angeführten Zitat gemacht werden: Den Menschen geht es in einer Diktatur durchaus gut, vorausgesetzt, er legt seine komplette Individualität ab, um sich der Despotie in seiner Ganzheit zu fügen. Die Resignation der Figuren und die anschließende Beschönigung der gesamten Situation sind jedoch stets gepaart mit tristeza.

[...]


1 Dieses Zitat stammt aus dem Buch „Im Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón und referiert genau auf das, was bereits im obigen Haupttext kurz angerissen wurde, und zwar auf das Lesen mit nur eigenem Humankapital.

Details

Seiten
14
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668193703
ISBN (Buch)
9783668193710
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319836
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Romanistik
Note
1,0 (14 Punkte)
Schlagworte
casa tomada julio cortázar versuch erschließung sinne rezeptionsweise

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Titel: "Casa Tomada" von Julio Cortázar. Versuch einer hermeneutischen Erschließung im Sinne einer postkolonialen Rezeptionsweise