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Selbstbegegnung und Befreiung des Menschen durch die Dichtung. Hilde Domins Verständnis von Lyrik

Hausarbeit 2007 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Gedichte
2.1 Die Eigenschaften von Gedichten
2.2 Funktionen von Gedichten
2.2.1 Die Selbstbegegnung und Befreiung durch Lyrik

3.Die Aufgabe des Lyrikers: Das wahrhaftige Benennen der Wirklichkeit

4.Schreiben als Rettung und Heimkehr

5.Die Sprache und das Wort

6.Das Prinzip des Dennoch

7.Celans Verständnis von Lyrik

8.Benns Verständnis von Lyrik

9.Der Konflikt zwischen Benn und Celan

10.Die Einordnung Hilde Domins in den Konflikt zwischen Benn und Celan

11.Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hilde Domin ist eine Dichterin, die durch ihr Vertrauen und ihren Glauben an den Menschen beeindruckt. Obwohl gerade auch sie als Jüdin im 20. Jahrhundert kein einfaches Leben gehabt hat, haben sie ihre Lebensumstände nicht verbittert werden lassen, sondern sie hat gelernt mit ihrer Vergangenheit zu leben, die gemachten Erfahrungen als einen wichtigen Teil ihrer Identität anzusehen und versteht es anderen Menschen Mut zum Leben zu vermitteln.

Hilde Domin ist nicht nur für ihre Gedichte bekannt, sondern hat gezeigt, dass sie es versteht, ihre Arbeit als Lyrikerin zu reflektieren.

Im ersten Teil der Arbeit steht Hilde Domins Verständnis von Lyrik im Mittelpunkt.

Behandelt werden soll zu Beginn die Frage nach den Eigenschaften und den Funktionen von Gedichten. In einem eigenen Kapitel soll auf die von Domin geprägten Begriffe „Selbstbegegnung“ und „Befreiung“ des Menschen durch die Dichtung eingegangen.

Des weitern wird die Aufgabe des Lyrikers, das „wahrhaftige Benennen der Wirklichkeit“, näher erläutert. Daneben soll auf Domins Auffassung zum Schreiben, zur Sprache und zum Wort eingegangen werden. An dem Gedicht „Abel steh auf“, das Hilde Domin als die Summe ihres gesamten Schaffens bezeichnet hat (Scheidgen 2006, 163), soll das Prinzip des Dennoch, das charakteristisch ist für Hilde Domin, erläutert werden.

Nach der Betrachtung des Verständnisses von Hilde Domin zur Lyrik, soll die Dichterin in einem zweiten Teil in den Konflikt zwischen Gottfried Benn und Paul Celan eingeordnet werden. Der Konflikt entsteht dadurch, dass Benn die Meinung vertritt, in der Dichtung habe sich das Ich dem objektiven Prinzip unterzuordnen, während Celan in der Dichtung die Möglichkeit zur Subjektwerdung des Menschen sieht.

Es soll die Frage geklärt werden, ob Hilde Domin in ihren Ansichten zur Lyrik eher Benn oder Celan näher kommt. Hierzu werden Celans Text „ Der Meridian“ und der Text von Benn „Das Problem der Lyrik“, in dem sie ihre Vorstellungen von Lyrik deutlich machen, herangezogen, um ihr Verständnis von Lyrik zu klären.

2. Gedichte

2.1 Die Eigenschaften von Gedichten

Es soll in diesem Abschnitt darum gehen herauszufinden, welche Eigenschaften Hilde Domin Gedichten zuschreibt. Dazu wurden verschiedene ihrer Texte und Sekundärliteratur auf Aussagen, die sie über das Gedicht macht, überprüft.

Hilde Domin bezeichnet Gedichte als „magische Gebrauchsgegenstände“ (Domin 1993, 30). Sie will damit aussagen, dass Gedichte von Menschen gebraucht und verwendet werden könne um zur „Selbstbegegnung“ zu gelangen. Sie sind aber keine gewöhnlichen Gegenstände, da sie sich mit dem Gebrauch nicht abnutzen und eine endlos lange Benutzungsdauer haben.

Gedichte sind aktiv, sie können etwas für den Menschen tun (ebd., 189) und sind dazu da um benutzt zu werden (ebd., 178). Wenn ein Leser ein Gedicht benutzt, gehört sie ihm (ebd., 247), er macht es sich zu eigen. Das Gedicht bleibt nicht unter der Kontrolle des Autors, sondern kann von anderen beliebig genutzt werden.

Domin vertritt die Meinung, dass Gedichte selbstständige und unantastbare Wesen seien (Domin 1968, 175). Um diesen Prozess zu verdeutlichen hat sie Folgendes geschrieben: „` Worte drehen nicht den Kopf / sie stehen auf / sofort / und gehen ´(Domin 1993, 177). Bei diesen Worten denkt man an eine menschliche Geburt, nach der das Kind noch eine lange Zeit auf die Mutter angewiesen ist. Bei Gedichten ist das anders, sie sind sofort selbstständig.

Diese Zeilen verdeutlichen, dass Gedichte lebendig sind und immer neu und immer wieder anders gelesen werden können (ebd., 191). Sie verharren nicht in einer Position, sondern verändern sich laufend (Domin 1968, 31).

Die Wirklichkeit wird nach Hilde Domin von einem Gedicht wirklicher abgebildet als sie es tatsächlich ist (ebd., 27). Auf diese Weise kommt durch Gedichte die wahrhaftige Benennung der Wirklichkeit zustande.

Charakteristisch ist für Gedichte laut Domin auch ihre „unspezifische Genauigkeit“, die der Lyriker dadurch erreicht, dass er nicht alles sagt, was er sagen könnte, sondern sich darauf versteht das „Nichtwort“ „anzutippen“ (Hartung 1994, 151).

Daneben zeichnet sich das Gedicht durch Kriterien wie Einmaligkeit, Authentizität und Musterhaftigkeit aus. Es kommt auf die Fügungen an, in denen die Worte stehen, denn wenn diese neu sind, ist das Kriterium der Einmaligkeit erfüllt. (ebd., 151)

Gedichte enthalten Paradoxien, denn man findet das Gegenteil vom Erwarteten vor. Dies wird gut deutlich an dem Motte des ersten Gedichtbands Hilde Domins „Nur eine Rose als Stütze“ (1959). Das Motto lautet: „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“ (Scheidgen 2006, 33). Niemand würde auf den Gedanken kommen, dass man den Fuß in die Luft setzen kann. Gerade solche paradoxen Aussagen gehören zur Dichtung dazu. Gedichte müssen laut Hilde Domin Paradoxien und Vieldeutigkeiten enthalten, wenn sie wahr sein wollen. (Hartung 1994, 190)

In ihrer Lyriktheorie „Wozu Lyrik heute“ spricht Domin von unwiederbringlichen Augenblicken, die im Gedichte eingefroren sind und wieder aufgetaut werden können (Domin 1968, 27). Der Dichter hat in dem Gedicht hat seine eigenen Erfahrungen zum Ausdruck gebracht. Diese kann sich ein anderer Mensch zu nutzen machen und das Gedicht mit seinen persönlichen Erfahrungen in Verbindung bringen. Der Leser benötigt hierfür nicht den Autor, denn das Gedicht ist losgelöst vom Autor und auch von der einen speziellen Erfahrung des Autors, die er in seinem Gedicht verarbeitet hat. Der Leser nimmt die Stellung des Autors ein, indem er das Gedicht zu dem seinen macht (Domin 1993, 274).

Gedichte verbinden Menschen miteinander, sie gehören zu den kürzesten Wegen zwischen zwei Menschen (ebd., 192). Denn Menschen können durch ähnliche Erfahrungen, derer sie sich durch Gedichte bewusst werden, verbunden werden. Oder sie werden dadurch verbunden, dass sie sich trotz unterschiedlicher Erfahrungen in einem Gedicht wieder finden.

Hilde Domin betont außerdem, dass das Gedicht nicht nur Druckbild, sondern auch Atem sei. Ein modernes Gedicht lasse die Identifikation des Lesers zu. Gerade durch diese begegnet der Mensch sich selbst. Es bleibe jedoch nicht dabei, sondern zugleich sei das Gedicht auch Denkmal (Hartung 1994, 185).

Eine der Hauptsachen bei einem Gedicht ist das Nähe/Ferne-Verhältnis, das es möglich macht, dass Ratio und Erregung zusammenkommen (Hartung 1994, 191). Ein Gedicht besitzt einen Doppelcharakter, denn es vereinigt Ratio und Erregung in sich (Domin 1968, 170).

2.2 Funktionen von Gedichten

„Gedichte sollen die Wirklichkeit verändern, die unlebbar war.“ So drückt Hilde Domin es in ihrem Essay „Ich schreibe, weil ich schreibe“ aus (Domin 1993, 177). Sie schreibt Gedichten das Potenzial zu, die Wirklichkeit zu verändern. Doch würde Domin nicht soweit gehen zu sagen, dass Gedichte die Welt verändern, sondern dass sie einzelne Menschen verändern können, die dann vielleicht einen Teil der Welt verändern.

Gedichte haben dadurch, dass sie auf den einzelnen Menschen wirken, eine gesellschaftliche Bedeutung (Hartung 1994, 190).

Aus der oben genannten Äußerung Hilde Domins hört man heraus, dass Gedichte eine positive und rettende Funktion haben (Scheidgen 2006, 202), denn sie verändern die unlebbare Wirklichkeit. Sichtbar wird an der Aussage auch welch eine Kraft Gedichte ihrer Meinung nach haben können, denn nur wenigem wird zugetraut die Wirklichkeit zu verändern.

Um die Wirklichkeit verändern zu können, müssen Gedichte die Wirklichkeit zuerst richtig benennen. Das Benennen der Wirklichkeit ist eine weitere wichtige Aufgabe, zu der Gedichte verpflichtet sind (Domin 1968, 44). Die sich ständig entziehende Wirklichkeit soll durch Gedichte sichtbar werden. Denn nur wenn die Wirklichkeit bekannt ist, sind ihre Mängel sichtbar. Dieser Bewusstwerdung der Wirklichkeit kann dann ihre Veränderung folgen.

Deshalb bezeichnet Domin Gedichte auch als das große Glockenläuten (Domin 1993, 175). Sie sollen ein Aufruf sein zur Verantwortungsbereitschaft, die jeder seinen Mitmenschen gegenüber wahrzunehmen hat. Der Mensch im Leser soll mobilisiert werden (ebd., 248). Gedichte holen den Menschen aus seiner Passivität, aus dem bloßen Zuschauen, wenn anderen Unrecht widerfährt. Somit ist die Aufgabe, die Gedichte wahrnehmen, äußerste wichtig, denn zunehmend drehen sich die Menschen nur noch um sich selbst und vergessen ihre Mitmenschen.

Gedichte wirken dadurch, dass sie den Leser zum Subjekt verwandeln. Die Subjektwerdung wirkt der Verdinglichung entgegen. Verdinglichung meint, dass der Mensch zu einem Apparat wird (ebd., 247), der von anderen leicht zu manipulieren ist. Um der Verdinglichung entgegenzuwirken, muss der Mensch durch das Gedicht zur Selbstbegegnung gelangen, auf die die Befreiung folgt (Domin 1968, 40). Unter Punkt 2.2.1 soll speziell auf die Selbstbegegnung und Befreiung durch die Lyrik eingegangen werden, da dies ein wichtiger Aspekt in der Lyriktheorie Hilde Domins ist.

2.2.1 Die Selbstbegegnung und Befreiung durch Lyrik

Gedichte führen Menschen zur Selbstbegegnung und Befreiung. Dies geschieht dadurch, dass sich der Mensch in einem Gedicht wieder findet. Der Autor verfasst das Gedicht und gibt darin seine Erfahrungen wieder. Aber das Gedicht ist nicht an den Autor gebunden, sondern ist selbstständig. Der Menschen begegnet durch das Gedicht seinen eigenen Erfahrungen (Domin 1968, 28). Er verwendet das Gedicht, macht es sich zu eigen und gelang zur Selbstbegegnung. Seine Identität wird dadurch gestärkt, dass er durch das Gedicht einen Augenblick des Innehaltens, des gewahr werden seiner selbst erlebt (Scheidgen 2006, 210). Aus dem Objekt wird ein Subjekt (ebd., 180). Wenn ein Mensch er selbst ist, dann ist er nicht mehr so leicht zu manipulieren und zu steuern (ebd., 197). Das Ziel der Lyrik ist, dass der Mensch zu einem Subjekt wird, welches nicht mehr zu verdinglichen ist.

Durch das Gedicht wird der Mensch für einen Augenblick er selbst und ist nicht mehr austauschbar (ebd., 180).

Hilde Domin hat ihre Frankfurter Poetik Vorlesung mit folgenden Worten überschrieben: „Das Gedicht als Augenblick von Freiheit“ (Hartung 1994, 182). Diese Befreiung ist eine der Hauptfunktionen von Lyrik. Der Mensch erfährt die Selbstbegegnung und wird dazu befreit, er selbst zu sein (Domin 1993, 258). Als Folge dessen ist er in der Lage „`Partei [zu, d. Verf.] ergreifen, wo neutral zu sein Unmenschlichkeit ist´“ (Scheidgen 2006, 162). Neben der Wahrhaftigkeit des Wortes ist ein weiteres Hauptanliegen Hilde Domins die gelebte Humanität (ebd., 162), die der Mensch nur leben kann, wenn er zuvor zum Subjekt geworden ist.

3. Die Aufgabe des Lyrikers: Das wahrhaftige Benennen der Wirklichkeit

Die Hauptanliegen Hilde Domin sind die Wahrhaftigkeit des Wortes und die gelebte Humanität. Der Lyriker ist derjenige, der dafür die Verantwortung trägt, dass die Wirklichkeit benannt wird. Er hat die schwierige Aufgabe das nicht oder kaum Mitteilbare mitzuteilen (Domin 1968, 28). Die Wirklichkeit muss benannt werden.

Um dieser Aufgabe nachzukommen, darf der Lyriker sich nicht weigern seine eigenen Erfahrungen mitzuteilen (ebd., 32), auch wenn diese nicht der Mehrheit entsprechen und er mit seiner Meinung gegen den Trend steht. Der Lyriker muss ein Widerständler und Neinsager sein (ebd., 36). Ihm bleibt keine andere Wahl, denn ansonsten würde er die Wirklichkeit umlügen (Domin 1968, 33). Sein Sprechen wird ein Sprechen für Unbekannte (Scheidgen 2006, 204), die seine Gedichte gebrauchen.

Zur wahrhaftigen Benennung der Wirklichkeit benötigt der Lyriker dreifachen Mut: den Mut, er selbst zu sein, ohne sich nach der Umwelt zu richten, den Mut des wahrhaftigen Benennens, also keine Verschleierung oder Verschönerung und den Mut, an die Anrufbarkeit des Menschen zu glauben. Ohne diesen dreifachen Mut ist eine Kommunikation unmöglich. Daher benötigt nicht nur der Lyriker, sondern im Grunde jeder Mensch diesen Mut. (Scheidgen 2006, 172)

Hilde Domin bezeichnet den Lyriker als einen Seismographen (Domin 1968, 43), der den Riss zwischen der Wirklichkeit und der Möglichkeit realisiert und ihn im Gedicht überwindet (ebd., 41). Der Lyriker ruft den Menschen um der Möglichkeit willen an (ebd., 47). Dem Menschen wird zugerufen, dass er die Wirklichkeit verändern kann. Hierzu muss er selbst Subjekt werden. Der Dichter fingiert als vox clamans, die der Verwandlung des Menschen in einen Apparat entgegenzuwirken sucht (Scheidgen 2006, 161). Er will den Menschen vor der Verdinglichung retten (Raulet 1982, 155).

Die gesellschaftliche und politische Verantwortung des Dichters ist die, Zeuge seiner Zeit zu sein. Um diese wahrzunehmen, darf er sich nicht von der Welt abwenden (Domin 1993, 258). Er darf sich nicht in einen Elfenbeinturm zurückziehen (Domin 1968, 42), da er die Wirklichkeit ansonsten nicht erkennen und auch nicht von ihr zeugen kann.

4. Schreiben als Rettung und Heimkehr

Für Hilde Domin wurde das Schreiben von Gedichte die Rettung aus einer tiefen Krise, in die sie nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter stürzte. „Ich befreite mich durch Sprache. Hätte ich mich nicht befreit, ich lebte heute mehr.“ (Domin 1993, 39) Im Jahr 1951 begann, wie sie es selbst bezeichnet, ihr zweites Leben. Domin sieht das Schreiben als einen Akt der Befreiung durch Sprache (ebd., 177). „Die Freude, frei sagen zu können, was ich will, wie ich es will,…“ (ebd., 40). Der Lyriker ist niemandem verpflichtet und muss sich an keine bestimmten Regeln halten, er darf so schreiben wie er es für richtig hält.

Das Schreiben wurde für Hilde Domin zu einem nach Hause kommen, einer Heimkehr aus der Fremde, in der sie lebte. Auch wenn sie es gelernt hatte in der Fremde zu leben, die Freude über die Heimkehr war groß. „…, da stand ich auf und ging heim, in das Wort.“ (ebd., 21) Es handelte sich um eine Rückkehr aus dem Exil der anderen Sprachen zum deutschen Wort. Zuvor hatte Domin in verschiedenen Ländern gelebt und in unterschiedlichen Sprachen sprechen und schreiben müssen, doch dann kehrte sie heim in das deutsche Wort.

Schreiben an sich hat nach Hilde Domin keinen Zweck, aber auf dem Weg zum Leser wachsen dem Geschriebenen die „Zwecke“ zu (ebd., 183). Der Lyriker schreibt das Gedicht aus einer inneren Notwendigkeit heraus. „Seither ist Schreiben für mich wie Atmen: Man stirbt, wenn man es lässt.“ (ebd., 25) Das Schreiben ist für Domin zu einer Notwendigkeit geworden, ohne die das Weiterleben unmöglich wäre.

Für sich persönlich sah sie das Schreiben als ein Geschenk an, das sie grundlos und zweckfrei bekommen hat. Es sei ein verpflichtendes Geschenk, eine Gnade (Scheidgen 2006, 163).

5. Die Sprache und das Wort

Für Hilde Domin ist die „unspezifische Genauigkeit“ ein wichtiges Merkmal der Lyrik. Unter „unspezifischer Genauigkeit“ versteht man die Genauigkeit, die durch Weglassen und Einsparen entsteht. In einem Gedicht wird nicht jedes Detail beschrieben. Das Wort beinhaltet das Nichtwort, das ihm nicht zu nehmen ist. Domin bezeichnet das Nichtwort auch als „das Wortlose, das `im Wort anwesend´ ist und `um dessentwillen das Wort da ist.“ (Domin 1968, 176)

Im Prozess des Schreibens sei es wichtig „`das Wort nicht auszuwickeln, auszupacken, sondern in ihm zu lassen, was das Wort alles enthält.´“ (Scheidgen 2006, 204).

Die Sprache führe mehr mit, als der Lyriker selbst wüsste (Domin 1968, 175).

Ein Kapitel in dem Buch „Wozu Lyrik heute“ befasst sich mit der Thematik der Unausschöpfbarkeit lyrische Texte. Domin spricht sich für die Interpretation von Gedichten aus und ist sich der Vielfältigkeit der Interpretationen bewusst. Dies bewies sie mit der Herausgabe des Buches „Doppelinterpretationen. Das zeitgenössische Gedicht zwischen Autor und Leser.“, in dem jeweils die Selbstinterpretationen und die Fremdinterpretationen verschiedener Gedichte zu finden sind. Die Dichterin betont zu Beginn des Buches bescheiden-stolz: „`Das ist noch nicht versucht worden´“ (Hartung 1994, 185).

Hilde Domin verfügt über ein „unverwüstliches Vertrauen in die Macht des Wortes“ (Hartung 1994, 187). Das Wort ist für Domin ein heiliges, ein über sich hinausweisendes und auch heilendes (Scheidgen 2006, 149).

Für Domin ist das Wort auch Wort des Lebens, denn „`…weil Dichtung, noch die widerständige, noch die negative, von einem Ja lebt, dem Ja ihres Glaubens an die Fortdauer des Menschseins und an die Fortdauer des befreienden Wortes.´“ (ebd., 159).

Dem Lyriker kommt die Aufgabe zu das Wort und die mit dem Wort gemeinte Wirklichkeit immer wieder zu überprüfen, denn eine Verschiebung würde die Orientierung zerstören (Domin 1968, 44). Die wahrhaftige Benennung der Wirklichkeit gelingt nur über das Wort.

Die Sprache betrachtet Domin als das Unverlierbare (Scheidgen 2006, 129). Vieles andere hat sie in ihrem Leben verloren, doch die Sprache gehört zu den wenigen unverlierbaren Dingen.

In dem Essay „Ich schreibe, weil ich schreibe“ nennt Domin die Sprache ihren Partner. „Es ist die Sprache. Seit sie mir zum Partner geworden ist, kann ich es nicht lassen“ (Domin 1993, 177). Sie bezieht sich an dieser Stelle auf das Schreiben von Lyrik, von dem sie nicht lassen könne, seit sie damit begonnen hat. Der Grund für dieses nicht lassen können liegt darin, dass der Lyriker sich und anderen durch das Schreiben Mut macht zum Leben (Domin 1993, 207). Hilde Domin will an andere diesen Mut zum Leben weitergeben.

6. Das Prinzip des Dennoch

Die „..Dennoch-Hoffnung ist ein Spezifikum der Dominschen Lyrik und ihrer gesamten Poetologie.“ (Scheidgen 2007, 164)

In allen Schwierigkeiten und Herausforderungen ihres Lebens entwickelte sich Hilde Domin zu einem Menschen des Dennoch (ebd., 67). Sie hat ihren Glauben an den Menschen nicht verloren (ebd., 47). Trotz allem Leid und Elend, das es auf der Erde gibt und dessen sie sich bewusst war, zweifelte sie nicht und glaubte an den Menschen. Sie legte ein Dennoch-Vertrauen (ebd., 194) an den Tag, dass rational gesehen vielleicht übertrieben wirkt. Aber es zeichnete Hilde Domin als Menschen aus. Sie bekannte sich zum Prinzip Hoffnung (Hartung 1994, 191). Vielleicht wäre ihr Leben anders verlaufen, wenn sie es nicht gelernt hätte ein Dennoch-Vertrauen, eine Dennoch-Hoffnung zu besitzen.

Sie wollte andere dazu aufrufen die Hoffnung nicht zu verlieren, „…, dass du an deiner Stelle, etwas ändern kannst…“ (Scheidgen 2006, 208). Die Wirklichkeit muss nicht zwangsläufig so bleiben wie sie ist.

Auch das Gedicht bezeichnete Hilde Domin als eine Sache des Trotzdem (Domin 1968, 37). Denn das Gedicht glaubt an eine Veränderung der Welt durch die Veränderung einzelner Menschen. Es zeigt die Wirklichkeit auf und lässt manchmal einen Blick auf die Möglichkeit zu. Der Riss zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit wird sichtbar gemacht.

Ein mögliches Wunder besteht nach Hilde Domin darin die anderen Menschen und auch sich selbst nicht im Stich zu lassen und nicht im Stich gelassen zu werden (Scheidgen 2006, 149).

Mit dieser Thematik beschäftigt sich auch das Gedicht „Abel steh auf“, das wie sie selbst sagt, die Summe ihres gesamten Schaffens ist. Sie hält es für ihr letztes Wort. (Domin 1993, 250)

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Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783668191105
ISBN (Buch)
9783668191112
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319817
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Germanistisches Insitut
Note
2,0
Schlagworte
selbstbegegnung befreiung menschen dichtung hilde domins verständnis lyrik

Autor

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Titel: Selbstbegegnung und Befreiung des Menschen durch die Dichtung. Hilde Domins Verständnis von Lyrik