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Niklas Luhmanns systemtheoretische Konzeption von Protestbewegungen

Bachelorarbeit 2015 29 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Politik und Protest – eine Einleitung

2.Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann – Grundlagen
2.1 Die funktionale Differenzierung der modernen Gesellschaft
2.2 System/Umwelt-Differenz
2.3 Binäre Codierung und Autopoiesis
2.4 Kommunikation
2.5 Beobachtung

3.Luhmanns Konzeption von Protestbewegungen
3.1 Die Unterscheidung von Risiko und Gefahr
3.2 Protestbewegungen als soziale Systeme
3.2.1 Protestbewegungen und Risiko/Gefahr
3.2.2 Codierung und Programm
3.2.3 Systemstatus
3.2.4 Gesellschaftliche Funktion von Protestbewegungen
3.3 Massenmedien als Umwelt von Protestbewegungen
3.3.1 Massenmedien als Funktionssystem der Gesellschaft
3.3.2 Massenmedien als Katalysator von Protest
3.4 Das politische System als Umwelt von Protestbewegungen
3.4.1 Das politische System als Funktionssystem der Gesellschaft
3.4.2 Das politische System als Adressat von Protest

4.Die Systemtheorie Luhmanns und die Bewegungsforschung
4.1.Entwicklung der Bewegungsforschung
4.2 Die Konzeption der neuen sozialen Bewegungen
4.3 Kritik innerhalb der Bewegungsforschung
4.4 Die marginalisierte Position der Systemtheorie in der Bewegungsforschung
4.5 Gründe der Ablehnung Luhmanns Theorie in der Bewegungsforschung
4.5.1 Kritik am Universalitätsanspruch
4.5.2 Kritik am Begriff Protestbewegungen
4.5.3 Kritik an binärem Code
4.5.4 Mangel an kritischer Distanz der Bewegungsforschung

5.Nutzen der Systemtheorie für die Bewegungsforschung – Fazit

Literaturverzeichnis

1.Politik und Protest – eine Einleitung

„Wer protestiert, der kämpft um Aufmerksamkeit – um Aufmerksamkeit für Anliegen, die anders von der Politik nicht bearbeitet würden“ – Florian Kessler im Interview mit dem ZEIT-Magazin 2013.

Protest ist ein soziales Phänomen, das die moderne Gesellschaft charakterisiert. Dauert der Protest an und mobilisiert Anhänger, entsteht eine soziale Bewegung. Eine soziale Bewegung nimmt sich einem Thema an und bewirkt mit ihrem Protest, dass sich die Politik mit den Forderungen der sozialen Bewegungen auseinandersetzt.

Ein eindrucksvolles Beispiel für den Einfluss von sozialen Bewegungen auf die Politik bildet die Anti-Atomkraftbewegung: 2011, nach dem Atomreaktorunglück im japanischen Fukushima, erlebte diese Bewegung eine Renaissance. Sie veranstaltete Demonstrationen gegen die deutsche Energiepolitik, mobilisierte Anhänger und setzte die Regierung so unter den Druck, sich dem Thema anzunehmen. Schlussendlich erklärte die Regierung die Abkehr von der Atomenergie in Deutschland.

Auch Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) gilt als soziale Bewegung, die insbesondere in Dresden Anhänger mobilisiert. Diese Bewegung protestiert seit Oktober 2014 gegen die vermeintliche „Überfremdung“ Deutschlands durch Muslime. In einem Thesenpapier fordert die Bewegung unter anderem ein restriktives Asylrecht in Deutschland, in dem Wirtschaftsflüchtlingen das Bleiberecht verwehrt werden soll.

Als Reaktion auf diese als politisch rechts wahrgenommene Bewegung kam es in vielen Städten Deutschlands zu Gegendemonstrationen. Sogar Kanzlerin Angela Merkel reagierte auf Pegida. In ihrer Neujahrsansprache 2015 warf sie den Initiatoren Hetze und Verleumdung von Menschen vor.

Soziale Bewegungen sind facettenreich in ihren Themen und umfassen das gesamte politische Spektrum zwischen links und rechts. Das Auftreten von Protestaktionen und sozialen Bewegungen bedeutet nicht nur für die Politik eine Herausforderung, sondern auch für die Wissenschaft. Um das Phänomen der sozialen Bewegung zu erfassen, hat sich in den letzten Jahrzehnten in den Sozialwissenschaften die Fachdisziplin der Bewegungsforschung ausgebildet. Diese Forschung ergründet die Entstehungs-, Mobilisierungs-, und Erfolgsfaktoren sozialer Bewegungen. Auch Niklas Luhmann hat sich unabhängig von der Bewegungsforschung mit sozialen Bewegungen beschäftigt. So attestiert Luhmann sozialen Bewegungen vor dem Hintergrund seiner Systemtheorie, dass diese die einzigartige Funktion übernehmen, Themen aufzugreifen, die kein anderer Gesellschaftsbereich wahrnimmt. Mit ihrem Protest leisten sie somit eine gesellschaftliche Selbstreflexion.

In der vorliegenden Arbeit soll daher der folgender Frage nachgegangen werden: Welchen Beitrag leistet Luhmanns Systemtheorie zur Erforschung von sozialen Bewegungen?

Dabei werden in der ersten Hälfte der Arbeit zunächst die Grundlagen Luhmanns Systemtheorie dargelegt, die für das Verständnis seiner Konzeption von sozialen Bewegungen relevant sind. Vor diesem Hintergrund wird anschließend auf die Rolle sozialer Bewegungen in Luhmanns Gesellschaftstheorie und ihrem Verhältnis zu den Systemen der Massenmedien und der Politik eingegangen. Die zweite Hälfte der Arbeit widmet sich der Bewegungsforschung. Dabei wird eingangs die Entwicklung der Bewegungsforschung dargestellt. Darauf basierend wird auf die marginalisierte Position Luhmanns Theorie in dieser Disziplin eingegangen. Anschließend erfolgt die Auseinandersetzung mit den Gründen der Bewegungsforschung Luhmanns Systemtheorie nicht zu rezipieren. Im Fazit der Arbeit wird schließlich der Nutzen der Rezeption Luhmanns für die Bewegungsforschung dargelegt.

2. Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann – Grundlagen

Niklas Luhmann legt 1984 mit dem Werk „Soziale Systeme“ den Grundstein seiner soziologischen Systemtheorie. Auf diesem theoretischen Grundriss basieren sämtliche Folgestudien Luhmanns zu speziellen sozialen Systemen. Das 1997 erschienene Werk „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ steht nach Luhmann in direkter Kontinuität zu „Soziale Systeme“. Daher wird in der folgenden Darstellung der Grundlagen Luhmanns Theorie primär auf diese beiden Werke rekurriert.

Luhmanns Theorie zielt auf die „Analyse realer Systeme in der wirklichen Welt“ (Luhmann 1984: S.30). Demnach besteht die grundlegende Entscheidung der Theorie in der Annahme, dass es eine Realität gibt und in ihr Systeme existieren. Dabei werden drei Haupttypen von Systemen unterschieden: biologische, psychische und soziale Systeme. Der Typ des sozialen Systems bildet den Bezugspunkt in Luhmanns Gesellschaftstheorie (vgl. ebd.: S.16). Das Selbstverständnis dieser Gesellschaftstheorie besteht in ihrem Universalitätsanspruch: Sie reklamiert, sämtliche Bereiche der modernen Gesellschaft anhand ihres Instrumentariums zu erfassen (vgl. ebd.: S.33). Im Folgenden wird auf Luhmanns Konzeption sozialer Systeme eingegangen.

2.1 Die funktionale Differenzierung der modernen Gesellschaft

Die Gesellschaft ist nach Luhmann das soziale System, „das alle anderen sozialen Systeme in sich einschließt“ (Luhmann 1997: S.78). Die Gesellschaft besteht somit aus mehreren sozialen Teilsystemen. Dieses Ausbilden von Teilsystemen bezeichnet Luhmann als funktionale Differenzierung der Gesellschaft. Funktionale Differenzierung stellt das charakteristische Merkmal der modernen Gesellschaft dar: Im Unterschied zur vormodernen Gesellschaft besteht keine hierarchische soziale Ordnung mehr, sondern autonome und funktional spezifizierte soziale Teilsysteme übernehmen jeweils eine bestimmte Funktion in der Gesellschaft (vgl. Luhmann 1984: S.261ff.). Diese Funktionssysteme stellen einen speziellen Typ sozialer Systeme dar. Daneben können soziale Systeme auch als Interaktions- und Organisationssysteme bestehen (vgl. Luhmann 1984: S.551).

2.2 System/Umwelt-Differenz

Luhmann vollzieht einen „Paradigmawechsel der Systemtheorie“ (Luhmann 1984: S.15), indem er dem bisherigen systemtheoretischen Paradigma, das Systeme als Teile eines Ganzen denkt, eine Absage erteilt. Er setzt stattdessen als Leitdifferenz seiner Theorie die Differenz von System zur Umwelt (vgl. Luhmann 1984: S.37).

Die Autonomie jedes Systems basiert darauf, dass es sich von anderen Systemen abgrenzt, die dadurch zur Umwelt des jeweiligen Systems werden. Somit passen sich Systeme gerade nicht der Umwelt an, sondern stellen eine Differenz zu dieser her. Diese Differenz zur Umwelt ist existenziell für sämtliche Systeme (vgl. Luhmann 1984: S.249).

Die Differenz ihrer selbst zur Umwelt stellen sämtliche Systeme anhand systeminterner Operationen her. Operationen sind die basale Einheit jedes Systems, denn „nur Operationen können ein System produzieren“ (Luhmann 2008: S.28).

2.3 Binäre Codierung und Autopoiesis

Operationen verlaufen anhand eines exklusiven binären Codes. Der Code erhält die System/Umwelt-Differenz intern aufrecht, da er das System operativ schließt. Diese operative Geschlossenheit verhindert, dass systemfremde Operationen direkt in das System gelangen können. Das System unterscheidet mithilfe seines Programms Umweltereignisse. Das Programm ordnet jede Kommunikation eindeutig einer Seite des binären Codes zu. So kann das System erkennen welchem Wert des binären Codes eine Kommunikation zuzuschreiben ist. Für sämtliche Umweltereignisse, die sich nicht in den binären Code fügen, ist das System blind. Dadurch ist es dem System möglich, die Komplexität seiner Außenwelt intern zu reduzieren.

Die zwei Werte des binären Codes sind positiv und negativ beziehungsweise Wert und Gegenwert, schließen sich also gegenseitig aus. Der binäre Code spiegelt also die System/Umwelt-Differenz intern wider. Das System benötigt den Gegenwert um in Abgrenzung zu diesem den Wert zu definieren, den es intern präferiert.

Das System erfasst aufgrund seines binären Codes nie die Welt als seine gesamte Umwelt, sondern nur die Umwelt, die es selbst konstituiert hat. Durch die operative Geschlossenheit können Systeme die Komplexität ihrer Umwelt tolerieren und sind dadurch wiederum offen für diese. Diese Offenheit zeigt sich in der Fremdreferenz von Systemen, also darin, dass sich Systeme durch sich selbst auf ihre Umwelt beziehen, indem sie für sich relevante Ereignisse durch ihren binären Code aus dieser Umwelt auswählen. Systeme beziehen sich somit auf eine Umwelt, die sie durch ihren Code bereits zur Systemwelt gemacht haben (vgl. Luhmann 1984: S.602ff.). Ein System besteht so lange, wie seine Operationen jeweils nächste gleichartige Operationen ermöglichen. Die Operationen des Systems müssen also anschlussfähig sein. Die „laufende Neukonstituierung anschließbarer Ereignisse“ (ebd.: S.258) des Systems durch sich selbst bezeichnet die Autopoiesis. Dieses selbstreferenzielle Operieren bedeutet, dass systemische Operationen von früheren Operationen des Systems abhängig und Voraussetzung für folgende Operationen in diesem sind. Autopoiesis bedingt die operative Schließung des Systems gegenüber seiner Umwelt (vgl. ebd.: S.59).

2.4 Kommunikation

Soziale Systeme bestehen, wenn Kommunikation stattfindet, sie konstituieren sich somit durch die Operation der Kommunikation und reproduzieren diese (vgl. Luhmann 1984: S.192). Entgegen des Alltagsverständnisses sind es nicht Menschen, die kommunizieren, sondern „nur die Kommunikation kann kommunizieren“ (Luhmann 1990: S.31). Wie bereits dargestellt, ist Gesellschaft das soziale System, das alle anderen sozialen Systeme einschließt. Da soziale Systeme aus Kommunikationen bestehen, stellt die Gesellschaft die Gesamtheit aller Kommunikationen dar (vgl. Luhmann 1986: S.24). Es gibt somit keine Kommunikation außerhalb der Gesellschaft. Die Umwelt jedes sozialen Systems bilden sowohl biologische und psychische Systeme, als auch alle anderen soziale Systeme.

Als gemeinsamem Ergebnis ihrer Koevolution verarbeiten sowohl soziale Systeme als auch psychische Systeme Komplexität im Medium Sinn (vgl. Luhmann 1984: S.92). Als Folge ihrer Koevolution sind psychische und soziale Systeme strukturell gekoppelt in der Art von Interpenetration. Sie operieren getrennt, sind aber dennoch reziprok voneinander abhängig. Soziale Systeme sind dahingehend von psychischen Systemen abhängig, dass „Alles, was kommuniziert wird, […] durch den Filter des Bewusstseins in der Umwelt des Systems laufen“ muss (Luhmann 2000: S.272). Kommunikationssysteme können also ohne Wahrnehmungen psychischer Systeme nichts aus ihrer Umwelt erfahren. Psychische Systeme sind somit Voraussetzung für die Existenz von sozialen Systemen, aber kein Bestandteil dieser (vgl. Luhmann 1984: S.290ff.).

Die Operation Kommunikation bestimmt Luhmann als die Synthese von Mitteilung, Informa-tion und Verstehen (vgl. Luhmann 1997: S.190). Kommunikation findet somit nur statt, wenn die Mitteilung von der Information unterschieden wird. Alter als Sender und Ego als Empfänger bezeichnen die zwei möglichen Positionen während der Kommunikation (vgl. ebd.: S.336). Psychische Systeme können nicht selbst kommunizieren, sonst wären sie soziale Systeme. Sie operieren in Gedanken. Psychische und soziale Systeme können sich allerdings in Gestalt von Personen selektiv wahrnehmen. Selektiv, weil beide Systeme ihrem jeweiligen Code unterliegen. Der Begriff Person bezieht sich auf den Kommunikationsprozess innerhalb sozialer Systeme: Personen sind Teilnehmer an Kommunikation, aber sie kommunizieren nicht (vgl. Luhmann 1997: S.106). Personen sind keine Systeme, sondern „Konstruktionen der Kommunikation für Zwecke der Kommunikation“ (Luhmann 2000: S.90f.).

Allerdings lässt sich Kommunikation durch Beobachtungen nachträglich in die Handlungen einzelner Personen zerlegen: „Kommunikation ist die elementare Einheit der Selbstkonstitution, Handlung ist die elementare Einheit der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung sozialer Systeme. Kommunikation besteht also nicht aus Handlungen. Vielmehr bestehen soziale Systeme aus Kommunikationen und aus deren Zurechnung als Handlung von Personen (vgl. Luhmann 1984: S.240f.). Durch die Zerlegung von Kommunikation in Handlungen kann der Kommunikationsprozess sich selbst steuern und Komplexität im sozialen System reduziert werden (vgl. ebd.: S.193).

2.5 Beobachtung

Systeme beobachten die Differenz zu ihrer jeweiligen Umwelt. Beobachten ist eine Form. Eine Form bezeichnet die Einheit einer Differenz. So ist Beobachten die Einheit der Differenz von Unterscheiden und Bezeichnen (vgl. Luhmann 1997: S.69). Unterscheiden und Bezeichnen ist eine einzige Operation, denn ein beobachtendes System kann nur etwas bezeichnen, das es zuvor von etwas anderem unterschieden hat. Folglich ist Beobachten „jedes Operieren mit einer Unterscheidung“ (Luhmann 1984: S.110). Beobachtung ist eine systeminterne Operation, die die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz voraussetzt (vgl. Luhmann 1997: S.470). Beobachtungen werden vom binären Code bestimmt. Jede Beobachtung eines Systems weist damit einen „blinden Fleck“ auf. Grund dafür ist, dass ein Beobachter nicht sein eigenes Beobachten beobachten kann, sich also der Unterscheidung, die seiner Beobachtung zugrunde liegt, nicht gewahr ist (vgl. Luhmann 1997: S.69f.). Durch Beobachtungen zweiter Ordnung, also der Beobachtung eines Beobachters erster Ordnung, besteht die Möglichkeit zu erkennen auf welchen Unterscheidungen Beobachtungen erster Ordnung basieren. Auch Beobachtungen zweiter Ordnung kennen die Unterscheidung anhand derer sie beobachten, nicht. Daher unterliegen sie derselben Beschränkung wie Beobachtungen auf der Ebene der ersten Ordnung. Auch Beobachtungen dritter Ordnung unterliegen dieser Beschränkung (vgl. Luhmann 1997: S.766ff.). Beobachtungsrelationen sind somit immer zirkulär, es kann keine Letztbeobachtung der Beobachtungen geben und somit auch keine singulär gültige Beobachtung. Sämtliche Beobachtungen und daraus gewonnene Erkenntnisse sind somit Konstruktionen des Systems selbst.

3. Luhmanns Konzeption von Protestbewegungen

An die vorangegangenen grundlegenden Begriffe und Theorieentscheidungen knüpft Luhmann in seinen Studien zu den einzelnen Funktionssystemen der Gesellschaft an. Dem sozialen Phänomen der sozialen Bewegungen widmet er dabei kein eigenes, selbständiges Werk. Luhmann selbst konstatiert, dass er keine eigenständige Systematik sozialer Bewegungen entworfen hat, sondern diese lediglich im Kontext anderer Themen analysiert hat (vgl. Luhmann 1994: S.175). Dennoch ist Luhmanns Konzeption sozialer Bewegungen dahingehend interessant, dass sie „einen interessanten Testfall für den Universalitätsanspruch der Systemtheorie“ (Hellmann 1996: S.39) darstellen.

3.1 Die Unterscheidung von Risiko und Gefahr

Die moderne Gesellschaft beobachtet sich selbst unter anderem anhand der Unterscheidung von Risiko und Gefahr (vgl. Luhmann 1991: S.30). Diese Unterscheidung setzt Unsicherheit bezüglich der zukünftigen Folgen von gegenwärtigen Entscheidungen voraus. Risiko besteht als Risiko der Entscheidung, indem ein etwaiger Schaden auf diese Entscheidung zurückgeführt wird, also vermeidbar gewesen wäre. Die Unvermeidbarkeit von Selektionen beschreibt der Begriff der Kontingenz: Systeme unterliegen einem Entscheidungs- beziehungsweise Selektionszwang. Daher ist Alles was geschieht, auch prinzipiell anders möglich. Kontingenz attestiert Systemen also eine gewisse Offenheit in ihrem Operieren. Dadurch bedeutet Kontingenz Risiko im Sinne des Risikos „des Verfehlens der günstigsten Formung“ (Luhmann 1984: S.47), also eine falsche Entscheidung zu treffen.

Riskante Entscheidungen werden um eines zukünftigen Vorteils willen getroffen und um diesen zu erreichen werden auch mögliche Schäden in Kauf genommen. Schäden gelten als Folgen einer Entscheidung, „die sich nicht im Hinblick auf die Vorteile als Kosten rechtfertigen lassen“ (Luhmann 1991: S.111). Risiko gestaltet sich demnach als ein Zeitproblem. Risikofreies Entscheiden ist unmöglich, da auch Nicht-Entscheidungen Entscheidungen darstellen (vgl. ebd.: S.131). Daher ist auch nicht Sicherheit die Gegenseite zu Risiko, sondern Gefahr. Gefahr besteht, wenn ein etwaiger Schaden auf systemexterne Entscheidungen zugerechnet wird (vgl. ebd.: S.31). Daher ist es von Bedeutung zwischen Entscheidern und Betroffenen zu differenzieren: Der Betroffene wird durch die Entscheidung des Entscheiders gefährdet, denn er kann diese nicht beeinflussen oder kontrollieren (vgl. ebd.: S.117). Für den Entscheider wiederum gestaltet sich dieselbe Entscheidung als Risiko. Ein und derselbe Sachverhalt stellt sich sowohl als Risiko als auch als Gefahr dar (vgl. ebd.: S.131). Aufgrund dieser Paradoxie herrscht Dissens zwischen Entscheidern und Betroffenen, der in Protest seinen Ausdruck finden kann.

3.2 Protestbewegungen als soziale Systeme

Luhmann wählt anstelle des Begriffs der sozialen Bewegung den der Protestbewegung um die Relevanz der Protestkommunikation für soziale Bewegungen zu verdeutlichen.

3.2.1 Protestbewegungen und Risiko/Gefahr

Protestbewegungen sind nach Luhmann solche sozialen Bewegungen, denen „Protest als Katalysator einer eigenen Systembildung dient“ (Luhmann 1991: S.136). Protest ist demnach die konstituierende Operation von Protestbewegungen als sozialen Systemen und dient der Rekrutierung von Anhängern. Protest ist also eine Konstruktion des Systems Protestbewegung, dessen Ursachen von der Protestbewegung in ihre Umwelt verlagert werden (vgl. ebd.: S.136). Protest und Protestbewegungen sind somit keineswegs gleichzusetzen.

Protestbewegungen lehnen Situationen ab, „in denen man das Opfer des riskanten Verhaltens anderer werden könnte“ (Luhmann 1991: S.146). Die Unterscheidung von Risiko und Gefahr ist somit die Voraussetzung für die Entstehung von Protestbewegungen. Die Bewegungen operieren mit der Form Protest also anhand der Unterscheidung von Risiko und Gefahr respektive von Entscheidern und Betroffenen. Dabei bezeichnen sie die Seite der Gefahr beziehungsweise der Betroffenen. Sie thematisieren die Problematik, dass Betroffene den möglichen Schadensauswirkungen von Entscheidungen Anderer ausgeliefert sind. Damit stehen sie in Konfrontation zu den Entscheidern. Durch Protest kritisieren Protestbewegungen Entscheidungen gesellschaftlicher Teilsysteme und deren Folgen. Ihr Ziel ist es dabei aber nicht, die Aufgaben und Positionen in den von ihnen kritisierten Teilsystemen zu übernehmen, wie etwa die Opposition im politischen System (vgl. ebd.: S.135f.). Jedoch müssen weder die Adressaten des Protests zwangsläufig die Entscheider sein, noch müssen die Anhänger von Protestbewegungen unmittelbar Betroffene sein (vgl. ebd.: S.116).

3.2.2 Codierung und Programm

Die Form des Protests besteht in der Unterscheidung von Risiko und Gefahr und daran anschließend von Entscheidern und Betroffenen. Die Fremdzurechnung von Betroffenen auf die Entscheidung Anderer ist Voraussetzung, um dagegen protestieren zu können. Luhmann definiert Proteste als „Kommunikationen, die an andere adressiert sind und deren Verantwortung anmahnen“ (Luhmann 1991: S.135, Hervorhebung im Original). Proteste sind also Kommunikationen, die nicht in den etablierten gesellschaftlichen Funktionssystemen stattfinden, sondern außerhalb dieser und an diese adressiert sind. Dabei entspricht Protest einer Unterscheidung mit zwei Seiten: Auf der einen Seite diejenigen, die protestieren, auf der anderen Seite diejenigen, an und gegen die sich der Protest richtet (vgl. ebd.: S.136). Somit besitzen soziale Bewegungen eine den gesellschaftlichen Funktionssystemen nachempfundene Codierung.

Die Form des Protests benötigt ein Thema, das spezifiziert, warum und wogegen protestiert wird. Das jeweilige Thema dient dem Protest dann als Programmierung (vgl. Luhmann 1997: S.857). Die Themenerzeugung selbst folgt den Formen Gleichheit/Ungleichheit und Gleichgewicht/Ungleichgewicht. Kein anderes Teilsystem beobachtet seine Umwelt anhand dieser beiden Formen. Da beide Formen utopischen Unterscheidungen folgen, garantieren sie einen unerschöpflichen Vorrat an Protestthemen. Utopisch deshalb, weil die Gesellschaft nur durch interne Ungleichheiten, also Differenzen, und nur durch Ungleichgewicht, also Ausdifferenzierung, ein System sein kann (vgl. ebd.: S.147). Der unendliche Pool an Themen für Protest macht eine Typologie von Protestbewegungen unmöglich. Allerdings nähren sich sämtliche Protestbewegungen aus Zuständen der sozialen Ungleichheit. Daneben müssen aber auch die jeweiligen historischen Umstände Beachtung finden, die als Fremdauslöser der Selbstauslösung von Protestbewegungen dienen (vgl. ebd.: S.140).

3.2.3 Systemstatus

Protestbewegungen genügen den Ansprüchen der Autopoiesis und gelten daher als soziale Systeme. Protest ist die Form und Inhalt der Form ist das Thema. Dies initiiert die autopoietische Reproduktion der Kommunikation der Protestbewegung (vgl. Luhmann 1991: S.136f.).

Die Autopoiesis eines Systems kann nur durch das dauerhafte Prozessieren des binären Codes aufrechterhalten werden. Alle Kommunikationen, die nicht als Protest aufgefasst werden, sind vom Protest ausgeschlossen (vgl. Luhmann 1994: S.177). Diese Kommunikationen sind jedoch nicht der Gegenwert zu Protest. Folglich operieren Protestbewegungen nicht mit einem binären Code im strikten systemtheoretischen Sinne: Sie operieren ohne dass ihr positiver Wert als Negation des entsprechenden negativen Werts besteht und vice versa (vgl. ebd.: S.177). Grund dafür ist, dass Protest immer gegen eine Entscheidung ist. Daher ist er auf Differenzerhaltung angewiesen, denn er würde sonst kollabieren (vgl. Luhmann 1991: S.136). Infolgedessen können Protestbewegungen ihren Protest nicht an einer Gegenseite reflektieren (vgl. Luhmann 1994: S.177).

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Details

Seiten
29
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668186064
ISBN (Buch)
9783668186071
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319792
Institution / Hochschule
Universität Passau – Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
niklas luhmanns konzeption protestbewegungen

Autor

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Titel: Niklas Luhmanns systemtheoretische Konzeption von Protestbewegungen