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Räume, Grenzen und Ereignisse im Film "Adams Äpfel". Analyse anhand des Raumsemantikmodells Jurij M. Lotmans

Hausarbeit 2015 14 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Der universelle Dualismus von Gut und Böse - eine Einleitung

2.Die strukturalistische Erzähltheorie Lotmans: Raum als Weltmodell
2.1 Text als sekundäres modellbildendes System
2.2 Die Begriffe Raum, Grenze und Ereignis
2.3 Renners Erweiterung der Lotmanschen Theorie

3.Inhaltliche Analyse des Films „Adams Äpfel“
3.1 Die Ordnung der dargestellten Welt : Faktische Realität vs. Glaube
3.1.1 Ivan vs. Adam – Figurencharakterisierung
3.1.2 Grenzen
3.1.3 Grenzüberschreitungen

4.Technische und inhaltliche Analyse des Filmausschnitts 00:58:23 – 01:02:19
4.1 Extrem- und Wendepunkt
4.2 Mise en Scène
4.3 Kamerahandlung
4.4 Referenzen zur Bibel und speziell zum Buch Hiob

5.Ergebnis der Analyse

6.Fazit

7.Quellenverzeichnis

1. Der universelle Dualismus von Gut und Böse - eine Einleitung

„Adams Äpfel“ ist eine dänische Komödie aus dem Jahr 2005 und wurde unter anderem 2006 mit dem dänischen Filmpreis Robert ausgezeichnet (vgl. Delphi Filmverleih 2015). Der Film von Regisseur Anders Thomas Jensen behandelt die universelle Thematik des Dualismus zwischen Gut und Böse. Dieses Oppositionsverhältnis wird funktional umgesetzt anhand der semantischen Dichotomiebildung von christlichem Glauben und neonazistischer Ideologie. Repräsentativ dafür stehen die Figuren des Pfarrers Ivan und des Neonazis Adam. Sie sind im Lotmanschen Sinne oppositionellen semantischen Räumen zugeordnet. Das äußert sich in den unterschiedlichen Normen und Werten, an denen die Figuren ihr Handeln orientieren. Daraus resultiert der Konflikt zwischen Adam und Ivan, in dem Ivan versucht Adam zu einem Gutmenschen zu erziehen und Adam Ivans Glauben brechen will. Dieses zentrale Spannungsverhältnis, das der Film in der dargestellten Welt etabliert, kann mithilfe von Lotmans semantischem Raummodell analysiert werden. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die Kategorien des Raums, der Grenze und des Ereignisses bei der Rekonstruktion und Interpretation von Semantiken relevant.

Die vorliegende Arbeit soll prüfen, inwiefern im Film „Adams Äpfel“ Räume und Grenzen sowie deren Überschreitungen konstruiert werden und ob diese Rückschlüsse auf die Normen und Werte der dargestellten Welt ermöglichen.

Zunächst wird dabei die von Jurij M. Lotman in seinem Werk „Die Struktur literarischer Text“ konzipierte Grenzüberschreitungstheorie und deren grundlegende Begriffe dargelegt. Karl N. Renner hat durch seine Erweiterung der Theorie einen wichtigen Beitrag zur Übertragung dieser auf nicht-literarische Medien wie den Film geleistet, weshalb seine elementaren Modifikationen der Theorie ebenfalls beachtet werden. Anschließend erfolgt die inhaltliche Analyse des Films sowie die technische und inhaltliche Analyse der Sequenz, die den Wendepunkt der Handlung darstellt. Da die Arbeit im Rahmen eines Seminars der Methodenlehre vorgelegt wird, überwiegt der methodische Teil der Arbeit gegenüber dem theoretischen Anteil.

2.Die strukturalistische Erzähltheorie Lotmans: Raum als Weltmodell

2.1 Text als sekundäres modellbildendes System

Lotmans erzähltheoretischer Ansatz basiert auf der Definition von Text als eine Zeichenfolge. Ein Text konstituiert sich über folgende drei Charakteristika: Explizität, Begrenztheit und Strukturiertheit. Explizität bedeutet, dass der Inhalt eines Textes in bestimmten Zeichen fixiert übermittelt wird. Diese Zeichen sind zumeist einer natürlichen Sprache zugehörig. Ein weiteres Merkmal eines Textes ist dessen Begrenztheit, die sich durch Grenzziehungen um den und in dem Text manifestiert. Des Weiteren zeichnet sich ein literarischer Text durch Strukturiertheit aus, also der inneren Organisation eines Textes durch die Sätze (vgl. Lotman 1972: S.81ff.).

Nach Lotman sind Texte jeglicher Art „sekundäre modellbildende Systeme“ (ebd.: S.61). Als ein sekundäres wird ein solches System bezeichnet, weil es auf anderen Zeichensystemen basiert und deren Zeichen mit einer neuen Bedeutung versieht. Modellbildend sind diese Systeme, da sie mit ihren Raumstrukturen eine eigene Welt entwerfen (vgl. ebd.: S.312).

Auch Film kann unter diesen Textbegriff subsummiert werden, denn er stellt ein „komplexes System von interdependenten Zeichensystemen [dar] und konstituiert sich als Interaktion von visuellen und akustischen Zeichen“ (Gräf 2011: S.27, Hervorhebung im Original). Film ist also ein sekundäres modellbildendes System und bildet demnach nicht die Realität ab, sondern lediglich ein Modell dieser. Dennoch existiert zwischen den beiden Kategorien der filmischen und faktischen Realität ein eminenter semiotischer Zusammenhang: Werte und Normenkonzepte, die dem Rezipienten in der filmisch dargestellten Welt vorgeführt werden haben auf extradiegetischer Ebene ihre Referenzpunkte in der faktischen Realität und reflektieren daher Fragestellungen, Dichotomien oder Ordnungen, mit denen sich im kulturellen Kontext die Realität zu einem bestimmten Zeitpunkt mit samt ihren Akteuren auseinandersetzen muss (vgl. Lotman 1972: S.83 und Gräf 2011: S.27).

2.2 Die Begriffe Raum, Grenze und Ereignis

Die Theorie Lotmans fokussiert die räumliche Organisation narrativer Texte. Die Grundlage bildet sein Raummodell, das auf dem Konzept des semantischen Raums basiert. Ein semantischer Raum wird nach Lotman definiert über seine semantischen Merkmale, die in dieser Kombination einzig dieser Raum aufweist. Dabei sind semantische Räume jedoch nicht zwingend auf eine lokale Existenz beschränkt, sondern können auch in abstrakter Form bestehen. Das Raummodell zielt vielmehr darauf ab, dass Nicht-Räumliches in räumlichen Dimensionen gedacht werden kann. Die einzelnen Räume, die auf Grund ihrer unterschiedlichen Merkmale in Opposition zueinander stehen, sind durch Grenzen voneinander getrennt. Der Begriff der Grenze gilt Lotman als zentrales Strukturmerkmal eines Textes. Die Grenze „teilt den Raum in zwei disjunkte Teilräume“, deren „innere Struktur […] verschieden“ (Lotman 1972: S.327) und für die Figuren grundsätzlich nicht überschreitbar ist. Die zwei getrennten Räume zeichnen sich durch gegensätzliche Strukturen aus. Diese Gegensätze sind von topologischer (z.B. Innen vs. Außen), semantischer (z.B. gut vs. böse) und/oder topographischer Qualität (z.B. Stadt vs. Dorf), wobei die topographischen Gegensätze der Konkretisierung der semantisch-topologischen Ordnung dienen. Die einzelnen semantischen Räume ergeben die Ordnung der erzählten Welt.

Auf dieser Ordnung basiert die Handlung, womit sie das zentrale Element auf der sujetlosen Textebene darstellt. Die Handlung äußert sich in Ereignissen, durch die sich die sujethafte Textebene konstituiert. Das Sujet basiert also auf Ereignissen. Lotman definiert den Ereignisbegriff ausgehend von seinem Terminus der Grenze. Demnach ist ein Ereignis „die Versetzung einer Figur über die Grenze eines semantischen Feldes“ (Lotman 1972: S.332). Das Ereignis widersetzt sich somit der geltenden Klassifizierung der Grenze als unüberwindbar. Lotman unterscheidet drei Ereignistypen. So grenzt er die Grenzüberschreitung, bei der die Figur ihre Merkmale in einem anderen semantischen Raum beibehält von derjenigen Grenzüberschreitung ab, bei der die Merkmale der Figur an den neuen Raum angepasst werden. Außerdem definiert Lotman das Metaereignis, bei dem es zu Grenzverschiebungen oder Grenzaufhebungen kommt, wodurch eine Figur von ihrem zugehörigen Raum getrennt wird.

Analog dazu werden auch drei Varianten der Ereignistilgung unterschieden. Die erste stellt die Rückkehr in den Ausgangsraum dar, wodurch der frühere Zustand wiederhergestellt wird. Außerdem kann die Figur im neuen Raum aufgehen. Dafür muss sie die Merkmale ihres ursprünglichen Raumes ablegen und die des neuen Raumes annehmen. Ferner gibt es die Metatilgung, bei der die gesamte dargestellte Welt transformiert wird, so dass eine vorher als Ereignis angesehene Grenzüberschreitung kein Ereignis mehr darstellt, da die betreffende Grenze ihren Status als Grenze verloren hat (vgl. Krah 2006: S.309ff.)

Der Ereignisdefinition entsprechend bestätigen sujetlose Texte die dargestellte Welt und deren Ordnung. Innerhalb des Bereichs des sujethaften Textes unterscheidet Lotman zwei Unterarten von diesem, definiert durch den Erfolg bzw. Misserfolg der Grenzüberschreitung. Als misslungene Grenzüberschreitung gelten dabei sowohl das Scheitern der Grenzüberschreitung als auch deren Aufhebung im weiteren Verlauf des Textes. Durch die Ereignistilgung wird die vorige Ordnung der dargestellten Welt wiederhergestellt und bestätigt (vgl. Lotman 1972: S.338f.).

2.3 Renners Erweiterung der Lotmanschen Theorie

Die Theorie Lotmans konzentriert sich auf literarische Texte, ist aber auch auf nicht-literarische anwendbar, wie Karl Renner anhand seiner exemplarischen Analysen von Werbespots zeigt.1 Er erweitert die Theorie um die Kategorie des Konsistenzprinzips, das die Tilgung jedes Ereignisses im Handlungsverlauf festsetzt, sowie um die Extrempunktregel. Diese dient der Erklärung der Figurenbewegungen innerhalb der abgegrenzten Räume. Die getrennten Räume zeichnen sich durch unterschiedliche Binnenstrukturen aus. In den Räumen werden „Zusammenhänge entwickelt, die […] auf die Extrempunkte hin ausgerichtet sind“ (ebd.: S.375). Diese Extrempunkte stellen „irgendwelche ranghöchste[n] Elemente“ (ebd.) dar. Als Extrempunkt kann sowohl der Mittelpunkt als auch der höchste bzw. tiefste Punkt des Raumes fungieren. Nach der Extrempunktregel sind alle Figurenbewegungen in einem Raum auf diesen Punkt ausgerichtet, das heißt, dass alle Figurenbewegungen in Relation zum Extrempunkt erfasst werden können. Des Weiteren kann eine Figur, solange sie den Extrempunkt nicht aufgesucht hat, den Raum nicht verlassen. Das Erreichen des Extrempunkts durch eine Figur stellt einen Wende- oder Endpunkt für die Bewegung dieser Figur dar. Der Extrempunkt organisiert demnach die Ereignisstruktur eines Textes (vgl. Renner 2004: S.371f.).

Renners Erweiterungen konkretisieren Lotmans Theorie und eröffnen eine neue Dimension an Analysemöglichkeiten von Filmen.

3. Inhaltliche Analyse des Films „Adams Äpfel“

Anhand der Grenzüberschreitungstheorie lassen sich im Folgenden semantische Räume und ihre Grenzen im Film „Adams Äpfel“ rekonstruieren. Daran anschließend erfolgt die technische und inhaltliche Analyse des Filmausschnitts 00:58:23 – 01:02:19.

Pfarrer Ivan leitet in seiner Kirche ein Resozialisierungsprogramm für Straftäter. Er betreut den Tankstellenräuber Khalid, den kleptomanischen alkoholkranken Triebtäter Gunnar und den Neuzugang Adam, ein Neonazi. Zudem wird nach Adams Ankunft noch die schwangere Alkoholikerin Sarah in die Wohngemeinschaft aufgenommen.

[...]


1 Renners Anliegen ist, die Theorie mengentheoretisch und intersubjektiv nachvollziehbar zu modifizieren, da er Lotmans Terminus der Grenze „einen ausgesprochenen Hang zur metaphorischen Begriffsverwendung“ (Renner 2004: S.357) attestiert.

Details

Seiten
14
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668186125
ISBN (Buch)
9783668186132
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319791
Institution / Hochschule
Universität Passau – Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
räume grenzen ereignisse film adams äpfel analyse raumsemantikmodells jurij lotmans

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