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Zum Kritikverständnis von Michel Foucault und dessen Relevanz für die Gegenwart

Essay 2014 6 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Zum Kritikverständnis von Michel Foucault und dessen Relevanz für die Gegenwart

Der Begriff der Kritik hat eine lange und verworrene Begriffsgeschichte hinter sich, sodass verschiedene Generationen von Philosophen Verschiedenes unter diesem Begriff verstanden haben.1 Im Folgenden möchte ich aufzeigen, inwiefern ich glaube, dass der französische Philo- soph Michel Foucault,2 der sich selbst weniger als Philosoph, denn vielleicht gerade noch als Kritiker bezeichnet,3 sich mit seinem sehr eigenen Verständnis von Kritik von der Kantschen Unternehmung des Kritizismus abgrenzt und zu einem ursprünglicheren Verständnis dieses Begriffs, wie etwa von Aristoteles vertreten, zurückkehrt. Anschließend werde ich darlegen, warum ich der Meinung bin, dass das Foucaultsche Kritikverständnis nicht nur auch heute noch begründet und relevant ist, sondern warum ich glaube, dass dieses heute mehr denn je er- und gefordert ist.

Der von Foucault 1978 gehaltene und erst 1992 in deutscher Sprache veröffentlichte Vortrag mit dem Titel „Was ist Kritik?“ legt nicht nur dar, was Foucault in Abgrenzung zu Kant unter diesem Begriff versteht, sondern stellt darüber hinaus, wie auch Judith Butler hervorhebt, ein konkretes Beispiels des kritischen Unternehmens in seinem Sinne dar.4 Bevor sich jedoch klar machen lässt, inwiefern das eben Behauptete zutrifft, ist es notwendig, sich das Foucaultsche Kritikverständnis zu verdeutlichen und vom Kantschen Kritizismus abzugrenzen. Ganz unphilosophisch (im Widerspruch zur kantschen Philosophie oder der analytischen Sprachphiloso- phie des 20. Jahrhunderts) geht er dabei grundlegend davon aus, dass der Begriff der Kritik sich wenn, dann nur vage und unbestimmt definieren lasse5 und auch die Vielzahl der kritischen Aktivitäten nicht eng um- und abgegrenzt werden können. Vielmehr knüpft er daran an, dass „zwischen der erhabenen Unternehmung Kants und den kleinen polemisch-professionellen Ak- tivitäten, die den Namen Kritik tragen, eine Gemeinsamkeit“6 existiere. Diese seien nämlich allesamt durch eine bestimmte Art zu denken, zu sagen, zu handeln, durch „ein bestimmtes Verhältnis zu dem, was existiert, zu dem, was man weiß, zu dem, was man macht, ein Verhältnis zur Gesellschaft, zur Kultur, ein Verhältnis zu den anderen auch - etwas, was man die Haltung der Kritik nennen könnte“7 bestimmt. Es zeigt sich bereits an seiner Wortwahl, und dies wird durch Foucaults vagen und unbestimmten Definitionsvorschlag untermauert, „Kritik sei die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden“,8 dass das Foucaultsche Kritikverständnis dezidiert und von Anfang an als gesellschaftskritisches Unterfangen konzipiert wird. Gerade dies stellt allerdings ein spezifisches Merkmal der Foucaultschen Philosophie dar. Den sein philosophi- scher Anspruch zielte zeit seines Lebens keineswegs auf die Aufdeckung verborgener, möglicherweise metaphysischer Wahrheiten ab, sondern fokussierte jederzeit auf die aktive Ausei- nandersetzung mit dem Menschen und den gesellschaftlichen Verhältnissen, die diesen prägen und durch ihn geprägt werden. Es ging ihm mit anderem Worten vor allem darum, die zeitge- bundenen und kontingenten Bedingungen der Wahrnehmung vor allem von gesellschaftlicher Wirklichkeit aufzudecken und die Abhängigkeit des Subjekts von dieser Wirklichkeit aufzuzeigen. „Wir denken stets“, so Foucault in einer anderen Schrift, „innerhalb eines anonymen, zwingenden Gedankensystems, das einer Zeit und einer Sprache zugehört. Dieses Denksystem und diese Sprache haben eigene Transformationsgesetzte. Aufgabe der heutigen Philosophie […] ist es, dieses Denken vor dem Denken, dieses System vor dem System aufzudecken.“9 Und gerade hier setzt Foucault zufolge die Kritik an. Denn diese ist der aktive Widerstand gegen die Anmaßung des Wissens und der Macht10 das tatsächlich kontingente Gedanken- und Herr- schaftssystem, als Notwendigkeit, als naturgegeben und unausweichlich darzustellen. Der Ent- stehungsherd der Kritik ist nach Foucault also das Zusammenspiel von Macht, Wissen und Subjekt.

Wenn es sich bei der Regierungsintensivierung darum handelt, in einer sozialen Praxis die Individuen zu unterwerfen - und zwar durch Machtmechanismen, die sich auf Wahrheit berufen, dann würde ich sagen, ist die Kritik die Bewegung, in welcher sich das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin. Dann ist die Kritik die Kunst der freiwilligen Unknechtschaft, der reflektierten Unfügsamkeit. In dem Spiel, das man die Politik der Wahrheit nennen könnte, hätte die Kritik die Funktion der Entunterwerfung.11

Die Kritik ist also die stete Praxis, die gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse und die damit einhergehenden Wissenstatbestände zu hinterfragen und jederzeit als kontingent anzunehmen und zu durchschauen. Dabei geht es Foucault jedoch keineswegs darum, deren Legitimität oder epistemologische Grundlagen zu hinterfragen. Denn Wissen ist bei Foucault nicht Wahrheit im Sinne einer endgültigen auf festen Erkenntnisgrundlagen beruhende Einsicht in eine tiefere Wirklichkeit, sondern „die in einem bestimmten Moment und in einem bestimmten Gebiet“12

[...]


1 Vgl. dazu ausführlich Ritter et al. 1976, S. 1249-1282.

2 *1926 - ‚1984

3 Vgl. Foucault 1992, S. 17.

4 Vgl. Butler und Brenner 2001.

5 Vgl. Foucault 1992, S. 12.

6 Foucault 1992, S. 8.

7 Foucault 1992, S. 8.

8 Vgl. Foucault 1992, S. 12.

9 Foucault 2005, S. 666; Auslassung d. Verf.

10 Beide Begriffe sind (neben dem des Subjekts) Schlüsselbegriffe der Foucaultschen Philosophie, die hier nicht vertieft werden können. Wichtig an dieser Stelle ist es jedoch, die explizite Anmerkung Foucaults festzuhalten, dass Wissen und Macht keine eigenständigen aus sich selbst heraus wirksamen Entitäten sind. „[N]iemals darf sich die Ansicht einschleichen, daß ein Wissen oder eine Macht existiert - oder gar das Wissen oder die Macht, welche selbst agieren würden. Wissen und Macht - das ist nur ein Analyseraster.“ Foucault 1992, S. 33; Hervorhebung im Original.

11 Foucault 1992, S. 15.

12 Foucault 1992, S. 32.

Details

Seiten
6
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668184190
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319670
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,0
Schlagworte
kritikverständnis michel foucault relevanz gegenwart

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