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Dido in der Unterwelt. Ein Vergleich von Vergils "Aeneis", dem "Roman d’Eneas" und dem "Eneasroman" von Heinrich von Veldeke

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 19 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Unterweltfahrt
2.1 Abstieg und Gang durch die Unterwelt
2.2 Begegnung mit Dido
2.2.1 Ort und Umfang
2.2.2 Kommunikationsart
2.2.3 Schuldfrage
2.3 Resümee

3. Ursachen für die abweichenden Bearbeitungen
3.1 Wiedererzählen
3.2 Theologische Aspekte

4. Literatur

1. Einleitung

Der Eneasroman Heinrichs von Veldeke[1] wurde im Jahre 1183 fertig gestellt und erstmals einem höfischen Publikum vorgetragen[2]. Der im Eneasroman verhandelte Stoff jedoch, wurde zuvor schon in altfranzösischer Sprache im Roman d’Eneas von einem anonymen Verfasser publiziert und war Veldeke bekannt. Beide mittelalterlichen Fassungen - die mittelhochdeutsche und die altfranzösische - gehen im Ursprung auf die lateinische Vorlage der Aeneis des antiken Dichters Vergil zurück.

Inhaltlich behandelt die Aeneis, wie auch ihre nachfolgenden Bearbeitungen, den ÄTrojastoff, sowie der daran anknüpfende Gründungsmythos Roms“[3].

Sowohl das Werk Vergils, als auch der Roman d‘Eneas waren Veldeke geläufig und haben somit auch auf die mittelhochdeutsche Fassung gewirkt. Dabei zieht Veldeke im Werk selbst die älteren Vorlagen explizit als Quelle heran.

Die differenzierte Untersuchung der von Veldeke übernommenen Aspekte seiner Vorlagen, sowie der Abweichungen selbiger sollen in dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen. Exemplarisch dafür soll die Unterweltfahrt des Protagonisten dienen, da sie wie keine andere Szene zu zeigen vermag, inwiefern sich die drei Versionen des Stoffes unterscheiden.

Die Figur der Dido, auf deren Darstellung diese Arbeit ihren Fokus legt, hat in allen drei behandelten Werken einen vergleichsweise kurzen Auftritt, oder gar eine Nebenrolle, neben der Dominanz der Rolle es Eneas.

Nichts desto trotz - und das versucht diese Arbeit zu zeigen - ist die Darstellung der Dido in der Unterwelt in hohem Maße semantisch beladen und somit eine vertiefende Untersuchung wert.

In einem ersten Schritt wird gezeigt, wie der Protagonist, in Begleitung der Sibylle, den Abstieg in die Unterwelt vollzieht und dabei, inwiefern sich die drei Autoren den vorhergehenden Weg zur Begegnung Eneas‘ mit Dido unterscheiden. Insbesondere die unterschiedliche Darstellung der Sibylle verfügt über Aussagekraft.

Nachfolgend steht die zentrale Frage dieser Arbeit in Mittelpunkt, nämlich wie die Figur der Dido erzählerisch dargestellt wird - insbesondere, welche Differenzen in der Bearbeitung der antiken Vorlage und der altfranzösischen Bearbeitung festzustellen sind. Dabei wird analysiert, welchen Raum die Autoren der Dido beigemessen haben, also wo Dido, in der langen Reihe der verstorbenen verortet wird und welche Interpretation dieses zulässt.

Außerdem wird die geschilderte Beziehung zwischen der verstorbenen Dido und ihrem Wittwer untersucht - dabei drängt sich auch die Frage nach der Schuld an Didos Selbstmord auf. Die Untersuchung wird zeigen, dass die drei Autoren durchaus divergente Rückschlüsse auf Schuldzuweisungen und Handlungsalternativen Didos und Eneas‘ aufweisen, die sich nicht nur mit dem Verweis auf unterschiedliche historische Wertesysteme erklären lassen.

Dabei geraten auch die offensichtlichen Differenzen zwischen den beiden mittelalterlichen Bearbeitern, respektive deren Publikum in den Blickpunkt dieser Untersuchung.

Schließlich widmet sich die Arbeit auch der Frage nach dem mittelalterlichen Verständnis von dichterischer Arbeit beziehungsweise der Frage, inwiefern Veldeke seiner Versicherung daz saget uns Virgilîûs (E, 165)[4] gerecht wird und die antike Vorlage beachtet.

Übergeordnetes Erkenntnisziel dieser Arbeit ist die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der antiken und mittelalterlichen Fassungen aufzuzeigen und Erklärungsansätze dafür zu liefern.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung der Germanistik mit dem Eneasroman Veldekes, insbesondere in Gegenüberstellung mit Vergils Vorlage, scheint eine wichtige Phase bereits vollzogen zu haben. Mit Fromm, Stebbins, Brandt und Wenzelburger liegen zahl- reiche bedeutsame Beiträge dazu zwischen dem Ende der 1960er und 1980er Jahre[5] vor. Wenngleich die genannten Autoren unterschiedliche Schwerpunkte setzten, so sind die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Vorlage und Bearbeitung in jedem Fall von Bedeutung.

2. Die Unterweltfahrt

2.1 Abstieg und Gang durch die Unterwelt

Die Wegbereitung der Unterweltfahrt des Eneas zeichnet sich durch die Darstellung der Begegnung des Helden mit der Sibylle aus.

In der antiken Vorlage gelangt Aeneas in Begleitung von Achates und Deïphobe zu Sibylle. Vergil gestaltet die Begegnung mit Sibylle in einer deutlich religiös geprägten Umgebung, in der Aeneas zum Gebet aufgefordert wird und Sibylle als Medium der Götter fungiert. In der gesamten Szene wird weniger die optische Erscheinung Sibylles beschrieben, als ihr Geisteszustand. Es wird lediglich erwähnt, dass sich ihr Äußeres verändert, als die Götter durch sie sprechen, allerdings ohne eine weitere Beschreibung ihres Aussehens (AE VI, 29-104).

Die altfranzösische Bearbeitung unterscheidet sich in einigen Punkten, so sucht Eneas nur in Begleitung von Achates nach Sibylle, die auf ihr Erscheinungsbild reduziert dargestellt wird und ihre Funktion als Medium der Götter entfällt. (RdE, 2261-2297). Auch in Veldekes Bearbeitung entfallen religiöse Bezugspunkte in Opposition zu Vergils Vorlage weitgehend.

Außerdem wird der Wohnort Sibylles in der mittelhochdeutschen Bearbeitung in Îcônjen (E, 2601) verortet, bei Vergil jedoch in Cumae (AE, VI 98) und im Roman d’Eneas in Cumes (RdE, 2254). Augenscheinlich handelt es sich in diesem Fall um einen handwerklichen Fehler, denn in der von Hans Fromm herausgegebenen Übersetzung nach der Berliner Bilderhandschrift wird Sibylles Herkunft statt mit Îcônjen als Chonien (E2, 2601)[6] angegeben. Dabei wird auf die Ähnlichkeit der handschriftlichen Form von ‚Chonien‘ für ‚Kumae‘ und ‚Inconium‘ für die heute türkische Stadt ‚Konya‘ verwiesen[7].

Im Gegensatz zu Vergil verwendet Veldeke große Mühe darauf, die Sibylle in ihrer äußerlichen Erscheinungsform detailliert zu beschreiben. Die ‚descriptio‘ der Sibylle zeichnet dabei eine hässliche Figur am Rande des fassbaren: herb hete in allem sînem lîbe/ nie niht solhes gesehen (E, 268f.).

Der Umfang derartiger beschreibenden Passagen Äist von der Funktion, die ihnen für den Handlungsablauf und den inneren epischen Vorgang zukommt, nicht mehr zu rechtfertigen“[8]. Neben dem vermehrten Interesse des höfischen Publikums, stellt eine derart ausführliche ‚descriptio‘ für den Autoren eine Möglichkeit dar, seine Fähigkeiten als Dichter unter Beweis zu stellen[9].

Mit der Versicherung, sich bei der Beschreibung an Vergil zu halten, folgen Vergleiche, die Sibylle mit Tieren als eines pharîdes mane (E, 2711) beziehungsweise Pflanzen mies lokkehte (E, 2718) von menschlichen Beschreibungen distanzieren, ohne sie völlig davon loszulösen. Veldekes Sibylle entspricht vielmehr einem ‚unmenschlich‘ alten Menschen, als einem klassisch animalischen Wesen[10].

Obwohl die Sibylle bei Veldeke in ihrem Erscheinen sehr hässlich wirkt, weist sie keine dämonischen Merkmale auf, wie in der Vorlage Vergils.

ÄDie Sibylle Veldekes ist nur im wörtlichen Sinne schrecklich, weil sie äußerlich hässlich (unhöfisch) und furchterregend (ermahnend) erscheint. Sie ist nicht nur eine Zauberin, sondern auch [, M.S.] eine Prophetin“

(Stebbins: Studien zur Tradition und Rezeption der Bildlichkeit in der ‚Eineide‘ Heinrichs von Veldeke. S. 38f.)

Die Darstellung der äußerlich hässlichen Alten orientiert sich an dem Modell der ‚descriptio vetulae‘ und verweist auch auf die rhetorischen Fertigkeiten des mittelhochdeutschen Bearbeiters[11]. Der französische Autor verzichtet jedoch auf derartige Instrumente.

Durch die Erwähnung, dass sie in einem Buch liest, misst Veldeke Sibylle ein gewisses Maß an Bildung bei, demensprechend verändert ist auch die Rolle der Sibylle bei Vergil.

[...]


[1] Alle nachfolgenden Verweise dieser Arbeit beziehen sich auf die Ausgabe: Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Ludwig Ettmüller ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Dieter Kartoschke. Stuttgart: Reclam, 2010.

[2] Vgl. Fromm: Eneasroman Heinrichs von Veldeke. S. 82.

[3] Opitz, Karen: Geschichte im höfischen Roman. S. 7.

[4] Nachfolgend werden sämtliche Zitate aus der mittelhochdeutschen Bearbeitung mit E und der Versangabe abgekürzt, die Zitate aus der Vergil‘schen Fassung mit AE, der römischen Ziffer für das Buch und der Versangabe. Die französische Bearbeitung wird mit RdE und der Versangabe abgekürzt.

[5] Vgl. Fromm: Der Eneasroman Heinrichs von Veldeke und ders.: Unterwelt des Eneas; Stebbins: Studien zur Tradition und Rezeption der Bildlichkeit in der ‚Eineide‘ Heinrichs von Veldeke; Brandt, Wolfgang: Die Erzählkonzeption Heinrichs von Veldeke in der ‚Eineide; Wenzelburger, Dietmar: Motivation und Menschenbild.

[6] Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übersetzung und Kommentar. Hrsg. von Hans Fromm. Mit den Miniaturen der Handschrift und einem Aufsatz von Dorothea und Peter Diemer. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 1992. (Bei Zitationen aus dem Mittelhochdeutschen Text nachfolgend E2 genannt, bei Zitationen aus dem Kommenar Fromm: Eneasroman. Berliner Bilderhandschrift)

[7] Vgl. Fromm: Eneasroman. Berliner Bilderhandschrift. S. 804.

[8] Brandt: Die Erzählkonzeption Heinrichs von Veldeke in der ‚Eineide‘. S. 198.

[9] Vgl. ebd. S. 198.

[10] Vgl. Hamm: Die Poetik des Übergangs. S. 112.

[11] Vgl. Hamm: Die Poetik des Übergangs. S. 112f.

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668186941
ISBN (Buch)
9783668186958
Dateigröße
819 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319532
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,7
Schlagworte
Eneas Aeneis Dido Unterwelt Übergang Schuld Erzähltheorie Veldecke Heinrich von Veldecke ÄDL

Autor

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Titel: Dido in der Unterwelt. Ein Vergleich von Vergils "Aeneis", dem "Roman d’Eneas" und dem "Eneasroman" von Heinrich von Veldeke