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Gestalttherapeutisches Vorgehen in der Kinder- und Jugendpsychotherapie

Hausarbeit 2010 31 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Der Weg zum Erwachsenwerden
2.1 Die Kindheit
2.2 Die Jugend

3. Die Therapie
3.1 Wann ist eine Therapie angebracht?
3.2 Aufgaben des Therapeuten
3.3 Voraussetzungen des Therapeuten

4. Der therapeutische Prozess
4.1 Phantasie und Zeichnen
4.1.1 Phantasie
4.1.2 Phantasie vs. Lüge
4.1.3 Phantasiezeichnen
4.2 Phantasiegeschichten und Gedichte
4.2.1 Geschichten erfinden
4.2.2 Geschichten vorlesen
4.2.3 Geschichten schreiben
4.2.4 Gedichte
4.3 Etwas herstellen
4.3.1 mit Ton
4.3.2 mit anderen Materialien
4.4 Puppen- und Theaterspiele
4.4.1 Puppenspiele
4.4.2 Theaterspiele
4.5 Weitere Überlegungen
4.5.1 Der leere Stuhl
4.5.1.1 Widersprüche
4.5.2 Die Arbeit mit Klängen und Geräuschen

5. Das Ende der Therapie

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den 1960er Jahren führte Friedrich Salomon Pearls, alias Fritz Pearls, die Gestalttherapie zum Durchbruch. Und auch heute noch ist sie die wichtigste Vertreterin der humanistischen Psychologie und als Psychotherapieverfahren weit verbreitet.

Dutzende literarische Werke beschäftigen sich damit, wie die Gestalttherapie entstanden ist, was sie ist und wie sie funktioniert. Doch was den Bereich der Gestalttherapie mit Kindern und Jugendlichen angeht, muss man differenzierter suchen, um passende Literatur zu finden. Eine weitere Herausforderung war die der Eingrenzung. Es gibt so viele Techniken, Vorgehensweisen und Dinge, die es verdient hätten, im Bezug zum gestalttherapeutischen Vorgehen in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie genannt zu werden. Jedoch war es nicht möglich, im Umfang von 30 Seiten jedem Aspekt die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken.

So würde es auch den Rahmen sprengen, alle Gesichtspunkte dieses Therapieverfahrens vollständig und lückenlos aufzuzählen. Aus diesem Grund sollen hier nur beispielhaft einige der nicht weiter ausgeführten Aspekte kurz genannt werden: die Spieltherapie, deren Inhalte allein eine eigene Arbeit füllen würden, oder z. B. die sensorischen Erfahrungen während der Gestalttherapie, die ebenfalls die Seitenzahl dieser Arbeit auf ein Vielfaches hätten ansteigen lassen. Die Arbeit mit Träumen und die Therapie in der Natur können ebenfalls nicht im Einzelnen dargestellt werden.

Des Weiteren kann in diesem Rahmen nur auf die Gestalttherapie im Allgemeinen eingegangen werden. Spezielle Erfahrungen oder Symptome der Kinder und Jugendlichen – wie z. B. Traumatisierungen – und deren Auswirkungen auf die Therapie können daher nicht detailliert betrachtet werden.

Bevor nun die Vorgehensweise aufgezeigt wird, soll noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass diese Arbeit keinerlei „Gebrauchsanweisung“ für den therapeutischen Prozess darstellt, sondern lediglich einen Einblick in die zahlreichen Facetten und Möglichkeiten, die die Gestalttherapie für Kinder und Jugendliche bereithält, geben soll. Außerdem muss erwähnt werden, dass ab der Beschreibung des therapeutischen Prozesses (Punkt 4) anstatt von „Kindern und Jugendlichen“ der Einfachheit halber nur noch von „Kindern“ gesprochen wird. Ist eine Vorgehensweise oder Technik jedoch eher nur für Kinder oder nur für Jugendliche geeignet, wird darauf speziell hingewiesen.

Diese Arbeit beginnt mit einer kurzen Definition von Kindheit und Jugend, um aufzuzeigen, welche Hürden auf dem Weg zum Erwachsenwerden überwunden werden müssen. Im Anschluss daran soll aufgezeigt werden, in welchen Fällen eine Therapie ratsam ist und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Im weiteren Verlauf werden unterschiedliche Vorgehensweisen – die Arbeit mit Phantasie und Zeichnen, Geschichten und Gedichten, Puppen- und Theaterspielen sowie weitere vereinzelte Techniken – vorgestellt. Abschließen soll diese Arbeit mit der Fragestellung, wann eine Therapie beendet werden sollte sowie mit einem zusammenfassenden Ausblick.

2. Der Weg zum Erwachsenwerden

2.1 Die Kindheit

Die Kindheit ist eine Lebensphase, die mit der Geburt beginnt und mit Eintritt der Pubertät endet. Sie wird unterteilt in die frühe Kindheit (von 0 bis 5 Jahre) und die späte Kindheit (von 6 bis 11 Jahre).

Historisch betrachtet gibt es die Kindheit, wie wir sie heutzutage kennen, erst seit den letzten Jahrhunderten. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gab es für Kinder keinen abgetrennten Lebensbereich von den Erwachsenen. Sie trugen dieselbe Kleidung, hörten und sahen dasselbe und arbeiteten genauso hart wie die Erwachsenen. Erst nach der Einführung der Schule, mit der Zielsetzung einer spezifischen, auf die Möglichkeiten und Bedürfnisse der Kinder zugeschnittenen – aber auch streng auf künftige Arbeitsanforderungen ausgerichteten – Form des Lernens, gewann die Phase der Kindheit an Eigenständigkeit. Im Gegensatz zur öffentlichen Einrichtung „Schule“ stand die private Seite, die Familie, zuständig für die gefühlsmäßige Zuwendung. Erst durch diese Trennung von Öffentlichkeit und Privatem konnte sich eine eigene Kinderwelt herausbilden, die sich vollkommen von derjenigen der Erwachsenen unterschied. Kinder spielten nun anstatt zu arbeiten und auch ihre eigene Gefühls- und Bedürfniswelt wurde mehr und mehr anerkannt.

Die Kindheit hat sich in den letzten Jahren extrem verkürzt, der Übergang zum Jugendalter erfolgt immer früher. Doch die Kindheit konstruierte sich neu, so dass sie von den Kindern zunehmend selbstständiger ausgestaltet wird.[1]

Zwar hat sich die Zeitspanne der Kindheit verkürzt, jedoch haben die Kinder die gleichen Entwicklungsaufgaben zu lösen wie die Kinder einiger Generationen vor ihnen. In der frühen Kindheit müssen sie das emotionale Urvertrauen aufbauen. Sie müssen ihre Kommunikationsfähigkeit, ihre sprachliche Ausdrucksweise sowie ein soziales Bindungsverhalten entwickeln, um in dieser Welt zurechtzukommen. Grundlegende sensorische und motorische Fähigkeiten müssen ebenfalls aufgebaut werden. Zudem müssen sie eine Identifikation mit dem eigenen Geschlecht herstellen. In der späten Kindheit werden die Entwicklungsaufgaben weiter ausdifferenziert. So werden Beziehungen und Freundschaften mit Gleichaltrigen geschlossen. Das männliche oder weibliche Rollenverhalten wird eingeübt, die kognitiven Konzepte und Denkschemata entwickeln sich. Außerdem lernen sie, mit dem sozialen System „Schule“ umzugehen und die Anforderungen zu erfüllen. Zu guter Letzt müssen Sie ihre Wertprioritäten, ihr Gewissen und ihre Moralvorstellungen aufbauen.[2]

2.2 Die Jugend

Die Jugend ist die Lebensphase, die den Übergang vom Kindsein zum Erwachsensein beschreibt. Auch die Jugend wurde erst im Verlauf der letzten Jahrhunderte zu dem, was sie heute ist. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit galten Kinder ab dem Einsetzen der Pubertät als erwachsen. Heute versteht man unter Jugend einen psychischen und physischen Reifeprozess, der zu einer vollen gesellschaftlichen Verantwortung führt.[3]

Auch die Jugend wird in zwei Phasen geteilt: die frühe Jugend (von 12 bis 18 Jahre) und die späte Jugend (von 18 bis 25 Jahre). Auch hier haben die Jugendlichen in beiden Phasen einige Entwicklungsaufgaben zu meistern. Im frühen Jugendalter muss in erster Linie die Geschlechtsreife bewältigt werden. Jugendliche müssen lernen, die Veränderungen ihrer körperlichen Erscheinung zu akzeptieren. Sie müssen eine psychische und soziale Identität entwickeln und dürfen darüber hinaus nicht vergessen, ihre schulische Leistungsfähigkeit zu stärken. Sie müssen ihre innere Ablösung von den Eltern einleiten, Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts aufbauen und die Übernahme der männlichen oder weiblichen Geschlechterrolle festigen. In der späten Jugend muss eine emotionale Unabhängigkeit von den Eltern hergestellt werden, die schulische Ausbildung wird abgeschlossen und die Vorbereitungen für eine berufliche Karriere müssen getroffen werden. Sexuelle Beziehungen werden aufgebaut, ein Wertesystem als Leitfaden für das Verhalten wird entwickelt und ein stabiles Selbstbild und eine stabile Ich-Identität entstehen.[4]

Diese Aufzählung der Entwicklungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen ist keineswegs vollständig. Sie soll nur zur Veranschaulichung dienen, welche Hürden und Aufgaben ein Kind auf dem Weg ins Erwachsenwerden durchlaufen muss. In den folgenden Kapiteln soll gezeigt werden, wie die Gestalttherapie Kinder und Jugendliche auf diesem schweren Weg begleiten und unterstützen kann.

3. Die Therapie

3.1 Wann ist eine Therapie angebracht?

Eine gesunde und ungestörte Entwicklung der Sinne, des Körpers, der Gefühle und des Intellekts ist die grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung des Selbstwertgefühls eines Kindes. Ein starkes Selbstwertgefühl wiederum trägt zu einem gesunden Kontakt mit der Umwelt und anderen Menschen bei. Viele Kinder, die eine Therapie benötigen, haben Störungen in ihren Kontaktfunktionen. Sie haben Schwierigkeiten, eine oder mehrere Kontaktfunktionen richtig zu nutzen und haben es daher schwer, Beziehungen zu Erwachsenen, zu anderen Kindern oder ihrer Umwelt herzustellen. Zudem haben viele Kinder und Jugendliche kein gutes Bild von sich selbst, was sich auch erschwerend auf die Kontaktaufnahme auswirkt. Dieses negative Selbstbild kommt vor allem bei kleinen Kindern daher, dass sie sich für ihre Probleme selbst die Schuld geben. Sie machen weder ihre Eltern noch ihre Umwelt dafür verantwortlich, sondern glauben eher, sie seien nicht gut genug, nicht hübsch genug oder nicht intelligent genug.

Darüber hinaus gibt es einige Verhaltensweisen, die auf Eltern beunruhigend wirken, weshalb sie dann mit ihren Kindern zu einem Therapeuten gehen. Es gibt Kinder, die sich vollkommen in sich selbst zurückziehen, nur noch das Nötigste sagen oder aggressives, feindseliges oder hyperaktives Verhalten zeigen. Andere Kinder verlieren sich in Phantasievorstellungen, da ihnen ein Leben in ihrer selbst geschaffenen Welt leichter und lebenswerter erscheint oder sie das reale Leben einfach nicht ertragen können. Gegensätzlich dazu gibt es Kinder, die immer fröhlich zu sein scheinen, die alles Schmerzhafte und Schwierige einfach ausblenden und so tun, als wären diese Schwierigkeiten einfach nicht da. Weitere auffällige Verhaltensweisen können sein, dass sich Kinder extrem an ein Elternteil klammern oder immer nur lieb und angepasst sind und jedem Konflikt aus dem Weg gehen. Auch ein überängstliches Verhalten, egal ob vor etwas Bestimmten oder vor Allem und Jedem, kann ein erstes Warnsignal sein. Ebenso extreme Verhaltensänderungen, wie z. B. Bettnässen oder das Neigen zu Unfällen, können erste Hinweise geben.

Jedoch kommen diese Verhaltensänderungen nicht von heute auf morgen. Durch neue oder veränderte Verhaltensweisen versucht ein Kind, seine nicht befriedigten Bedürfnisse durchzusetzen; der Phantasie sind bei der Auswahl des Verhaltens keine Grenzen gesetzt. Sie suchen Lösungsmöglichkeiten in einer wie auch immer ausgestalteten Ausdrucksform, weil ihre natürliche Funktionsfähigkeit gestört ist. Diese Verhaltensweise ist der letzte Ausweg für das Kind, weil es einfach nicht weiß, was es anderes tun könnte. Und Kinder versuchen einfach alles, um durchzuhalten und zu überleben, denn sie haben einen sehr starken Überlebenswillen.[5] Es gibt viele Kinder, „die zu extremen Mitteln greifen, um im Gefängnis ihrer Kindheit so gut wie sie es vermögen zu überleben. Sie greifen zu allen Mitteln, um so lange durchzuhalten, bis sie den magischen Zustand des Erwachsensein erreicht haben ().“[6] Daher ist für Oaklander ärgerliches Verhalten keine Krankheit, sondern vielmehr ein Beweis der Stärke und des Willens des Kindes.[7] Es ist für sie die Möglichkeit, sich vor Verletzungen zu schützen, aber auch ein Teufelskreis. Kinder legen unangebrachtes Verhalten an den Tag und bekommen dadurch die Aufmerksamkeit, die sie sich so sehr wünschen. Dadurch wird das Verhalten, dass die Erwachsenen eigentlich nicht sehen wollen, weiter gefördert.

Oft übernehmen Kinder aber auch die Eigenschaften, die ihnen von anderen zugeschrieben worden sind. Sagt eine Mutter beispielsweise während eines Streits, dass das Kind dumm sei, vertraut das Kind blind auf diese Aussage und fängt damit an, sich dümmlich zu verhalten. Es wird ungeschickt, verschüttet Getränke und verhält sich tollpatschig.

Doch nicht nur Kinder versuchen auf diese Art und Weise, mit ihren Problemen zurechtzukommen. Auch während der Pubertät können diese Verhaltensweisen – sogar noch stärker als in der Kindheit – auftreten. Außerdem kommen bei Jugendlichen, die nicht wissen, wie sie anders mit ihren Problemen umgehen sollen, noch weitere Verhaltensweisen hinzu. Die Jugendlichen spielen extrem mit ihren verführerischen Reizen, sind sexuell sehr freizügig und haben oft wechselnde Sexualpartner. Eine weitere Zuflucht ist das Konsumieren von Alkohol oder anderen Drogen. Dies sind Versuche, mit der eigenen Situation umzugehen und ihnen liegen immer unbefriedigte Bedürfnisse zugrunde, die auch mit zum Verlust des Selbstwertgefühls geführt haben.[8]

Neben diesen auffälligen Verhaltensweisen bringen Eltern ihre Kinder auch häufig dann zur Therapie, wenn etwas Schlimmes im Leben des Kindes oder des Jugendlichen passiert ist. Das könnten der Tod eines Familienmitgliedes oder eines Freundes, aber auch extrem belastende Situationen wie eine Entführung oder ein Missbrauch sein.[9] Allerdings sei an dieser Stelle anzumerken, dass Kinder, die von ihren Eltern zu einer Therapie geschickt werden, oft noch zu drastischeren Auffälligkeiten neigen. Denn sie fühlen sich in ihrer Selbstbestimmung verletzt und denken, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist und verhalten sich dementsprechend auch so.[10] Manchmal kommt es aber auch vor, dass Kinder oder Jugendliche selbst darum bitten, eine Therapie zu machen, wenn sie merken, dass sie sich der Lösung ihrer Probleme überfordert fühlen.[11] Allerdings betonen Bauligs (2002) ausdrücklich, dass Probleme bzw. Konflikte, die im Realkontext – beispielsweise in der Familie – geklärt werden können, nicht in eine Therapie verschoben werden sollten. Eine Therapie soll nur ein Ersatz für das sein, was im realen Leben nicht möglich ist.[12]

[...]


[1] Vgl. Hornstein/Thole, 2005, S. 529 ff

[2] Vgl. Hurrelmann/Bründel, 2003, S. 73

[3] Vgl. Haeberle, 2003

[4] Vgl. Hurrelmann/Bründel, 2003, S. 73

[5] Vgl. Oaklander, 2007, S. 78 f

[6] Oaklander, 2007, S. 257, Z. 4-7

[7] Vgl. Oaklander, 2007, S. 256

[8] Vgl. Oaklander, 2007, S. 79 f

[9] Vgl. Oaklander, 2007, S. 227

[10] Vgl. Baulig / Baulig, 2002, S. 36

[11] Vgl. Oaklander, 2007, S. 227

[12] Vgl. Baulig / Baulig, 2002, S. 62

Details

Seiten
31
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668188266
ISBN (Buch)
9783668188273
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319511
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Sozialwesen
Note
2,0
Schlagworte
gestalttherapeutisches vorgehen kinder- jugendpsychotherapie

Autor

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Titel: Gestalttherapeutisches Vorgehen in der Kinder- und Jugendpsychotherapie