Lade Inhalt...

Das Motiv des 'Ewigen Juden' im Kontext des NS-Antisemitismus. Eine Untersuchung anhand des lyrischen Werks von Gertrud Kolmar und Nelly Sachs

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 16 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Ewige Jude bei Getrud Kolmar
2.1. Eine Einführung
2.2. “Ist bemakelt meine Stirn?” - Gertrud Kolmars “Ewiger Jude”

3. Nelly Sachs’ “Chor der Wandernden”
3.1 zu Nelly Sachs
3.2. Die “Chöre nach Mitternacht”
3.3. Zum Chor der Wandernden

4. Vergleich der Gedichte
4.1. Entstehung
4.2. Aufbau
4.3. Darstellung des Ewigen Juden
4.4. Verhalten des lyrischen Subjekts

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Jude Ahasver, der Jesus auf dem Weg nach Golgatha die Rast verweigerte und zur ewigen Wanderung verdammt wurde, ist in diversen Werken literarisch aufgearbeitet worden.

Die älteste Fassung der Legende vom Ewigen Juden findet sich in den in Bologna entstandenen Chroniken.[1] Diese berichten, dass im Jahr 1223 aus dem Heiligen Land zurückkehrende Pilger erzählten, sie hätten in Armenien einen Juden gesehn. Der hätte einst den kreutztragenden Christus zur Eile angespornt und ihm einen Schlag versetzt. Daraufhin prophezeite Jesu: “Ich werde gehen, aber du wirst auf mich warten, bis ich zurückkomme.” Seitdem verjünge sich der Jude alle hundert Jahre in einen Dreißigjährigen und könne bis zum jüngsten Tag nicht sterben.

Die im Jahr 1602 erschiene »Kurtze Beschreibung und Erzehlung von einem Juden mit Namen Ahasverus« gab der Figur den Namen Ahasverus. Sie beschreibt ihn als barfüßigen Mann mit langem Haar und ärmlicher Kleidung.[2]

Die Figur des ewig durch die Zeiten wandernden Juden ging unter verschiedenen Namen (Cartaphilus, Buttadeus, Matathias u. a.) in die Volkssagen ein. Sie wurde Ausdruck verschiedenster geschichtsphilosophischer Anschauungen.

Das Motiv des Ewigen Juden hat womöglich in keiner Zeit solchen Deutungsumschwung erfahren wie in der Zeit des Nationalsozialismus. Zum Einen wurde das Motiv für die Propaganda missbraucht; es gab sowohl eine Ausstellung und einen Film mit dem Titel “Der ewige Jude” als auch Propagandaschriften. Zum Anderen griffen jüdischstämmige Schriftsteller auf das Motiv zurück. Schon 1933 sah Gertrud Kolmar in ihrem Gedicht “Ewiger Jude” den Tod auf Grund der tragischen Umstände als Erlösung, während Ahasver neun Jahre später in Nelly Sachs’ Poem “Chor der Wandernden” den Exilanten die Stimme der Klage lieh.

In dieser Hausarbeit untersuche ich, wie sich das ursprüngliche Motiv des Ewigen Judens in den Gedichten von 1933 und 1946 darstellt. Dazu analysiere und interpretiere ich im ersten Teil zunächst sowohl Kolmars Gedicht als auch Sachs’ Poem.

Anschließend erarbeite ich in einem direkten Vergleich die Bezüge zur ursprünglichen Legende Ahasvers in den Gedichten.

2. Der Ewige Jude bei Getrud Kolmar

2.1. Eine Einführung

Gertrud Kolmar, die heute zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts zählt, wurde 1894 als Gertrud Käthe Chodziesner im Berlin des Deutschen Kaiserreiches geboren. Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 und der beginnenden Judenverfolgung im Dritten Reich begann Kolmar, sich auch in ihrer Lyrik mit den Ereignissen auseinanderzusetzen. Kurze Zeit später wurde es ihr verboten, das Pseudonym ‘Kolmar’[3] zu verwenden, und ihre Gedichte erschienen unter ihrem Geburtsnamen in jüdischen Zeitungen. 1941 wurde die damals 45jährige zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie verpflichtet, im Februar 1943 im Verlauf der sogenannten “Fabrik-Aktion” verhaftet und am 2. März 1943, der später als ihre Todesdatum festgelegt wurde, nach Auschwitz transportiert.[4] Wiederentdeckt wurde Kolmars lyrisches Werk, als es 1955 durch den Verleger Suhrkamp erstmals für die Nachkriegsöffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

2.2. “Ist bemakelt meine Stirn?” - Gertrud Kolmars “Ewiger Jude”

Gertrud Kolmars Gedicht “Ewiger Jude” geht aus dem erst posthum veröffentlichten Zyklus “Das Wort der Stummen” hervor und ist auf den 20. September 1933 datiert.

Darin wird ein einzelner Jude wird auf der Straße verhöhnt, beschimpft und gehetzt.

Das Rollengedicht gliedert sich in zehn Strophen mit je vier alternierenden trochäischen Versen. “Das Ich spricht, murmelt gleichsam vor sich hin, als wiederhole es das Gesagte im Rhytmus seiner Schritte oder des Tappens seines Stocks, dessen hartes Klopfen der Trochäus nachahmt.”[5] Durch die strenge Ordnung der Metren und des Kreuzreimes entsteht ein Kontrast zwischen Form und Inhalt. Während die Gleichförmigkeit der Strophen das Vorwärtsstolpern des Ewigen Judens auf dem endlosen Weg signalisiert, wird das lyrische Ich von Hunden gejagt.

Der Titel des Gedichts enthält keinen Artikel, es gestaltet nicht den ewig wiederkehrenden Juden, sondern einen ewig wiederkehrenden Vorgang.[6] Schon in der ersten Strophe wird deutlich, dass der titelgebende “Ewige Jude”, der sich im lyrischen Ich artikuliert, nicht mehr wandert, sondern gewandert wird.

Meine Schuhe

Bringen Staub der tausend Straßen mit. Keine Ruhe, keine Ruhe;

Immer weiter schleppt mich böser Schritt.[7]

Das lyrische Ich wird mit dem Possessivpronomen aufgerufen. Die Schuhe stehen im 20. Jahrhundert metonymisch für die Figur des Gejagten.[8] Sie sind neben der zerissenen Kleidung und dem Stock die verbliebenen Besitztümer des lyrischen Ichs. Der “Staub der tausend Straßen” bezieht sich auf die jahrhunderte dauernde Wanderung des Ewigen Juden, doch er wandert nicht mehr selbstständig, sondern wird durch eine anonymisierte Gewalt fortbewegt. Einen Ort zum Erholen gibt es nicht mehr; die Ruhebank ist nicht mehr existent. Stattdessen weisen die “Mauern meiner Wiederkehr” darauf hin, dass sich die Situation des Ausgegrenztseins wiederholt.[9] Ach, ich weine, ach, ich weine; Denn ich bin ein alter, alter Mann.[10]

Die emphatische Sprache und die Wiederholungen verstärken den Ausdruck des Leidens. In der vierten Strophe wird zunächst der ausgemergelte Körper des lyrischen Ichs beschrieben, sein Skelett gleicht schon dem eines Toten. Im Kontrast dazu werden die “runden, blutgefüllten Lippen” des namenlosen Gewalttäters beschrieben, welcher dem lyrischen Ich statt zu helfen ins Gesicht spuckt und sogar Hunde auf ihn hetzt:

Hetzt die Tölen!

Keiner, der den Riß im Kaftan flickt. Meine Augen sind nur Aschehöhlen. Drin ein roter Funke trüb erstickt.[11]

Auch in dieser Stophe wird deutlich, dass das lyrische Ich mit seinen Problemen alleingelassen wird. Durch den Kaftan ist der Ewige Jude hier als Ostjude[12] gekennzeichnet.[13] Der rote Funke, der in den Aschehöhlen erstickt, kann als das die Lebensfähigkeit des Ewigen Judens gesehen werden, die allmählich ausklingt. So wie Feuer braucht auch der Mensch Sauerstoff um weiter zu existieren; ohne diesen ist das Dasein beider nicht möglich.

Als Lebensmittel bekommt das lyrische Ich nur “Krusten, die sonst niemand isst.” In der siebten Strophe bekommt die anonyme Gewalt eine personifizierte “Menschenstimme, die mich schmäht”, während das Ich “zittrig schleicht”. Die Stimme wird somit zur Tatwaffe der Gewalt, während der Ewige Jude selbst bei der Fortbewegung auf Geräuschlosigkeit achten muss.

[...]


[1] Vgl. Chronica ignoti monachi Cisterciensis Sanctae Mariae de Ferraria et Ryccardi de Sancto Germano Chronica Prior, ed. A. Gaudenzi, Napoli 1888. Zitiert nach Frenzel, Elisabeth: Stoffe der Weltliteratur. 5. Auflage. Stuttgart 1976. S.200.

[2] Vgl. Kurtze Beschreibung und Erzehlung von einem Juden mit Namen Ahasverus. Bautzen 1602. Zitiert nach: Körte, Mona u. Stockhammer, Robert (Hgg.): Ahasvers Spur. Dichtungen und Dokumente vom “Ewigen Juden”. Leipzig 1995. S. 9.

[3] Ursprünglich stammte die Familie aus der polnischen Stadt Chodziesen, zu deutsch Kolmar. Vgl. Woltmann, Johanna: Gertrud Kolmar. 1894-1943. Marbach 1993. S. 19.

[4] Vgl.Kolmar, Gertrud: Die Dramen. Regina Nörtemann (Hrsg.). Göttingen, Wallstein 2005. S. 245.

[5] Brandt, Marion: Schweigen ist ein Ort der Antwort. Eine Analyse des Gedichtszyklus “Das Wort der Stummen” von Gertrud Kolmar. Berlin 1993. S. 92.

[6] Vgl. ebd. S.91.

[7] Kolmar, Gertrud: Das lyrische Werk. München 1960. S.99.

[8] Vgl. Körte, Mona: Die Uneinholbarkeit des Verfolgten. Der Ewige Jude in der literarischen Phantastik. Frankfurt und New York 2000. S.63.

[9] Vgl. Brandt, Marion: Schweigen ist ein Ort der Antwort. Eine Analyse des Gedichtszyklus “Das Wort der Stummen” von Gertrud Kolmar. Berlin 1993. S. 91.

[10] Kolmar, Gertrud: Das lyrische Werk. München 1960. S.99.

[11] Ebd. S.99.

[12] Auf die osteuropäischen Juden hat sich die antisemitische Stereotypisierung zuerst gerichtet. Nach der Besetzung von Gebieten in Russisch-Polen waren nach 1914 viele Juden für die deutsche Rüstungsindustrie im Reich rekrutiert worden. Diese unterschieden sich deutlich in Sprache, Aussehen und Sitten von ihren assimilierten deutschen Glaubensgenossen, überlagerten das bisherige Judenbild und weckten Überfremdungsängste bei breiten Volksschichten. Vgl. Herbst, Ludolf: Das nationalsozialistische Deutschland 1933 - 1945. Frankfurt am Main 1996. S.57.

[13] Zudem entspricht Gertrud Kolmars Bild vom zerrissenen, heimatlosen Ostjuden auch einem Genrebild in der ostjüdischen Kunst in der Jahrhundertwende.Vgl. Bodenheimer, Alfred: Wandernde Schatten. Ahasver, Moses und die Authentizität der jüdischen Moderne. Göttingen 2002. S.171.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668187146
ISBN (Buch)
9783668187153
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319499
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Peter Szondi Institut
Note
Schlagworte
Ahasver Judentum Getrud Kolmar Nelly Sachs

Autor

Zurück

Titel: Das Motiv des 'Ewigen Juden' im Kontext des NS-Antisemitismus. Eine Untersuchung anhand des lyrischen Werks von Gertrud Kolmar und Nelly Sachs