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Antiautoritäre = negative Erziehung? Ein Vergleich der reformpädagogischen Konzepte von A.S. Neill und J.J. Rousseau

Hausarbeit 2003 21 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Reformpädagogik

III. Das Prinzip der negativen Erziehung (J.J. Rousseau)
Zusammenfassung
Kritik und Aktualität

IV. Die antiautoritäre Erziehung (A.S. Neill)
Zusammenfassung
Summerhill heute – Aktualität und Kritik

V. Antiautoritäre = negative Erziehung? Der Vergleich von Neill und Rousseau

VI. Resümee

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man annehmen, dass Neills antiautoritäre und Rousseaus negative Erziehung sich tatsächlich entsprechen. Nach genauerer Analyse stellt man allerdings fest, dass sie sich in einigen Punkten ganz wesentlich unterscheiden. Worin diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten bestehen, soll in dieser Arbeit untersucht werden.

Dazu wird einführend der schwer zu fassende Begriff der ‚Reformpädagogik’ mit den genannten Konzepten in Verbindung gebracht, die anschließend einzeln erläutert und auf Aktualität und Kritikfähigkeit geprüft werden. Dabei kommt es nicht darauf an, das Phänomen ‚Reformpädagogik’ in allen Facetten zu beleuchten, sondern einen gemeinsamen Rahmen für die beiden Konzepte zu finden. Es geht auch nicht darum, die zugrunde liegenden Bücher[1] inhaltlich wiederzugeben, sondern aus ihnen zusammenzutragen, was das jeweilige Konzept ausmacht. Dabei wurde – vor allem bei Rousseau - wertgelegt auf heute noch verständliche Aussagen.

II. Die Reformpädagogik

„Lange Zeit galt die historische R[eformpädagogik] als eine von unterschiedlichen Strömungen getragene epochemachende Bewegung zwischen 1890 und 1933, an deren Vorbildern sich die heutige Schulreform orientieren könne. Die neuere historische Forschung belegt jedoch, dass es eine in sich abgeschlossene, historisch unterscheidbare Epoche der R[eformpädagogik] nicht gegeben hat.“[2]

„Die Reformpädagogik ist insofern keine einmalige historische Erscheinung; vielmehr ein Kontinuum, das epochal jeweils neu auszulegen, weiterzuentwickeln und anzuwenden ist.“[3]

Vielmehr ist den Reformpädagogen gemeinsam, dass sie den Ansatz einer „Pädagogik vom Kinde aus“[4] verfolgen, so dass also auch Jean Jaques Rousseau als Repräsentant der Reformpädagogik gesehen werden kann, obwohl er vor der eigentlichen ‚Bewegung’ lebte.

„Mit der Modernität reformpädagogischen Denkens und Handelns verbanden sich Vorstellungen von einer entbürokratisierten Schule, von freiheitlich demokratischen Lebensverhältnissen und liberalen, kindorientierten Bildungsidealen.“[5]

Den Reformpädagogen war außerdem eine Umstrukturierung der Schulen und des Schulsystems wichtig. Darum ging es auch Neill, als er 1921 seine freiheitliche, kindergeeignete Schule gründete.

Die Leitbegriffe der Reformpädagogik sind: „die ‚Entwicklung’, die ‚Natur’ und die ‚Individualität’ des Kindes“[6]. Wie später zu zeigen sein wird, legen sowohl Rousseau als auch Neill auf diese Leitbegriffe großen Wert. Vor allem Neill steht mit seiner Kritik am (damals) aktuellen Schulsystem dem Wesen der Reformpädagogik sehr nahe. Diese Kritik „ist das Kernstück der Reformpädagogik“[7].

Die „Sehnsucht nach Natur und Freiheit“[8], verbindet die Reformpädagogik mit der Jugendbewegung um 1900. Beide ‚Bewegungen’ waren überzeugt, dass die bestehenden Verhältnisse geändert werden müssen.

„Tatsächlich ist mancher Grundzug des Aufklärerischen, des Auf- und Umbruchhaften des romantisch Suchenden, aber auch des Strebens nach gültigem Abschluß der Reformpädagogik eigen.“[9]

Hier wird sogar explizit auf den inhaltlichen Zusammenhang von der Zeit der Aufklärung (Rousseau) und Romantik mit der reformpädagogischen ‚Bewegung’ um 1900 hingewiesen. Man könnte formulieren, dass die Ideen der Aufklärer - hauptsächlich Rousseau - von den eigentlichen Reformpädagogen, die zur „epochemachenden Bewegung“[10] gehörten, weitergeführt und praktisch umgesetzt wurden.

„Es ist vornehmlich das Prinzip der negativen Erziehung, das – getragen von dem Glauben an die guten Kräfte in jedem Kinde - Raum gewähren will für die spontanen kindlichen Aktivitäten.“[11]

„Die Reformpädagogik wird als eine permanente Aufgabe verstanden, der sich jede Generation zu stellen hat.“[12]

III. Das Prinzip der negativen Erziehung (J.J. Rousseau)

Jean Jaques Rousseau lebte von 1712 bis 1778, also in einer Zeit, die heute als ‚Aufklärung’ bezeichnet wird. Seine 1762 entstandene Schrift Emile oder über die Erziehung wirkt sogar heute noch erstaunlich modern und machte Rousseau zu einem der wichtigsten Aufklärer, der noch Generationen nach sich zum pädagogischen Gespräch anregt.

„Mit ihm tritt ein neuartiges pädagogisches Denken ins allgemeine Bewußtsein: jedermann im lesenden Publikum scheint sich auf einmal betroffen zu fühlen von einem Erziehungsdenken, das sich nicht auf Stände und Traditionen, sondern auf den Menschen selbst bezieht, auf seine innere Natur, seine individuelle Erlebnisfähigkeit, seine eigenen Erfahrungen, Gefühle und Leidenschaften, vor allem aber auf die Stadien seines Lebensweges, auf Kindheit und Jugend als eigene Erlebnis- und Existenzweisen.“[13]

Das einzelne Kind und seine ganz persönlichen Bedürfnisse stehen zum ersten Mal in der Erziehung im Vordergrund. Es geht nicht mehr darum, den Willen eines von Natur aus schlechten Kindes zu brechen, also die Erbsündentheorie zu bejahen, die besagt, dass seit Adam und Eva alle Menschen in Sünde auf die Welt kommen, sondern den Anforderungen des Kindes gerecht zu werden und es (sich) natürlich entwickeln zu lassen. Allerdings wird primär von Kindern männlichen Geschlechts ausgegangen, da Rousseau gegen die Emanzipation ist.[14] Für ihn „besitzt die Kindheit ihre eigene, von der Erwachsenenexistenz qualitativ sich unterscheidende Wesensart“[15]. Rousseau geht es um „die Sicherung der individuellen Existenz, der Freiheit und Unabhängigkeit des Einzelnen“[16]. Als Erzieher sollte man immer an das denken, was dem Kind in seiner Entwicklung hilft[17].

„Das Ganze soll den Gang der natürlichen Entwicklung des Menschen, d.i. der Erziehung des Menschen an sich zeigen.“[18]

Rousseau will Kinder hauptsächlich durch die Natur und die Dinge erzogen wissen. Der Erzieher soll nur die Funktion der Anregung und Förderung von Interessen haben. Er ist überzeugt, „daß der Mensch von Natur gut ist und es allein die Institutionen sind, die die Menschen böse machen“[19]. Das heißt, er geht zunächst erst mal davon aus, dass ein Kind bei der Geburt seiner Umwelt gegenüber positiv eingestellt ist und nicht erst zum Guten erzogen werden muss. Das Kind soll sich frei entfalten können und nicht ständig durch Verbote und Lenkungsversuche der Erwachsenen bzw. Erzieher beeinflusst werden. Es soll also eine „natürliche Erziehung“ genießen.[20] Rousseau geht sogar noch ein Stück weiter: Er möchte nicht nur eine ‚natürliche’ Erziehung, sondern auch eine „negative Erziehung“ nach dem Motto: ‚Man verhüte, dass etwas geschehe.’ Man soll also das Kind selbst lernen und sich selbst erziehen lassen, nur sollte man aufpassen, denn der Mensch ist zwar von Natur aus gut, aber auch schwach. Deshalb ist er durch die Gesellschaft gefährdet, vom Weg des Guten abzukommen.[21] Rousseau möchte deshalb, dass sein natürlich erzogenes Kind frei und unabhängig von der Gesellschaft ist.[22]

„Das Prinzip der Unabhängigkeit hat zu seiner pädagogischen Konsequenz den Grundsatz der sogenannten ‚negativen Erziehung’, das heißt die Ausschaltung jeder direkten, insbesondere jeder autoritativen Einwirkung des Erziehers auf den Zögling.“[23]

Wie später noch zu zeigen sein wird, ist das in Summerhill sehr ähnlich.

Das Kind soll charakterlich so stabil sein, dass es sich nicht von der Gesellschaft beeinflussen lässt.

Das Prinzip der negativen Erziehung könnte man auch als ‚indirekte Erziehung’ bezeichnen,

„(...) [d]enn in Wahrheit ist ja die Erziehung des Emile wohl geplant und ständig gelenkt, nur aber auf indirekte Weise durch das, was Rousseau die ‚Erziehung durch die Dinge’ nennt.“[24]

Laut Rousseau ist der natürlich erzogene Mensch ausgeglichen und mit sich selbst im Reinen. Er kennt keine Gefühle wie Neid, Eifersucht oder Habgier.

„Der natürliche Mensch ist sich selbst alles. Er ist die ungebrochene Einheit, das absolute Ganze, das nur zu sich selbst oder seinesgleichen eine Beziehung hat.“[25]

„In der natürlichen Ordnung, wo die Menschen alle gleich sind, ist das Menschsein ihr gemeinsamer Beruf. Und wer immer zum Menschsein erzogen wurde, kann nicht fehlgehen in der Erfüllung aller Aufgaben, die es verlangt.“[26]

Bei der natürlichen bzw. negativen Erziehung dürfen dem Kind keine Fesseln angelegt werden.[27] Es sollte weder körperlich (z.B. durch die Kleidung) noch geistig (z.B. durch Verbote, Vorschriften, Zwänge) eingeengt und gehemmt werden. Das Kind soll sich frei und ungezwungen entwickeln. Die Natur und die Dinge/Gegenstände sollen die Erzieher des Kindes sein. Sie haben genug Anreize, die das Kind dazu bringen, Fragen zu stellen und zu forschen. So lernt es von selbst und freiwillig; es lernt auch nur das, was es begreifen kann und wozu es bereit ist. Es braucht nicht dazu gezwungen zu werden.

Aus diesem Grund wäre es optimal, einen jungen Erzieher zu haben, denn dieser könnte ein Freund und Gefährte sein. Da Erzieher und Erzogener beide noch unerfahren wären, würden sie gemeinsam lernen und sich gegenseitig anspornen. Außerdem hätte ein Kind solch einem Erzieher gegenüber keine Minderwertigkeitskomplexe, denn es hätte nicht das Gefühl, der Erzieher könne alles besser. Rousseau gibt allerdings selbst zu bedenken, dass ein guter Erzieher nicht zu jung sein darf, weil er ansonsten noch nicht vernünftig genug wäre. Er sollte aber so jung wie nur irgend möglich sein.[28] Ältere Erzieher neigen dazu, Vorschriften zu machen. Rousseau möchte aber, dass diese vom Zögling selbst gefunden werden.[29] Der zu Beginn sehr junge Mann soll der einzige Erzieher eines Kindes sein, es bis zum Erwachsenenalter begleiten und danach nie wieder ein Kind erziehen, denn dann ist er zu alt.

Ein Erzieher muss immer indirekt erziehen. Er sollte dem Kind Anregungen zuteil werden lassen, es aber soweit wie möglich gewähren lassen, denn

„[j]eder entwickelt sich mehr oder weniger nach seinen geistigen Anlagen, seinem Geschmack, seinen Bedürfnissen, seinen Begabungen, seinem Eifer und nach den Gelegenheiten, sie auszuwerten.“[30]

Das Kind soll frei sein und kein Gewohnheitstier werden:

„Die einzige Gewohnheit, die ein Kind annehmen darf, ist die, keine anzunehmen.“[31]

Viel Abwechslung und vernünftige Auswahl der Dinge, mit denen ein Kind in Berührung kommt, machen die guten Förderungsprozesse eines Erziehers aus. Das Kind soll lernen, allen Dingen furchtlos zu begegnen, deshalb muss der Erzieher es langsam an alles heranführen und es mit den Dingen bekannt machen.[32]

[...]


[1] Rousseau, Jean Jaques: Emile oder über die Erziehung. Herausgegeben, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Martin Rang. Unter Mitarbeit des Herausgebers aus dem französischen übertragen von Eleonore Sckommodau. Stuttgart 1965. Im Folgenden abgekürzt: Emile. Neill, A.S.: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill. Hamburg ungekürzte Ausgabe September 1970.Im Folgenden abgekürzt: Neill.

[2] Schaub, Horst/ Zenke, Karl G.: dtv Wörterbuch Pädagogik. München 4., grundlegend überarbeitete und erweiterte Auflage Oktober 2000. S. 453.

[3] Röhrs, Hermann: Die Reformpädagogik. Ursprung und Verlauf unter internationalem Aspekt. Weinheim und Basel 6. Auflage 2001. S. 14.

[4] dtv Wörterbuch S. 453.

[5] dtv Wörterbuch S. 453.

[6] Baumgart, Franzjörg (Hrsg.): Erziehungs- und Bildungstheorien. Erläuterungen- Texte- Arbeitsaufgaben. Bad Heilbrunn 2., durchgesehene Auflage 2001. S. 121.

[7] Ebd. S. 122.

[8] Ebd. S. 126.

[9] Reformpädagogik-Perspektiven S. 141.

[10] vgl. Anmerkung 2.

[11] Reformpädagogik-Perspektiven S. 142.

[12] Ebd. S. 7.

[13] Rang, Martin: Jean Jaques Rousseau (1712-1778). In : Klassiker der Pädagogik. Erster Band. Von Erasmus von Rotterdam bis Herbert Spencer. Herausgegeben von Hans Scheuerl. München zweite überarbeitete Auflage 1991. S. 116.

[14] vgl. Emile, 5. Buch. S. 719 und 730.

[15] Klassiker der Pädagogik S. 119.

[16] Ebd. S. 123.

[17] vgl. ebd. S. 129.

[18] Fischer, Otto: Leben, Schriften und Bedeutung der wichtigsten Pädagogen bis zum Tode Pestalozzis übersichtlich dargestellt. Ein Hilfsmittel für Examinanden. Gütersloh 3. Auflage bearbeitet von R. Schulz 1900.

[19] Emile S. 20.

[20] vgl. Emile S. 52.

[21] vgl. Emile S. 61.

[22] vgl. Emile S. 72.

[23] Emile S. 83f.

[24] Emile S. 84. Vgl. auch Anmerkung 57, S. 970.

[25] Emile 1. Buch. S. 112.

[26] Emile 1. Buch. S. 116.

[27] vgl. Emile 1. Buch. S. 120.

[28] vgl. Emile 1. Buch. S. 135.

[29] vgl. Emile 1. Buch. S. 136.

[30] Emile 1. Buch. S. 156.

[31] Emile 1. Buch. S. 158.

[32] vgl. Emile 1. Buch. S. 161.

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783668186347
ISBN (Buch)
9783668186354
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319496
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Pädagogik
Note
1,3
Schlagworte
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