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"Machen Kittel Leute rationaler?" Effekte wissenschaftlicher Kleidung auf heuristisches Urteilen

Forschungsarbeit 2015 25 Seiten

Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1. Einleitung
1.1 Einflüsse von Kleidung auf andere Personen
1.2 Einflüsse von Kleidung auf ihren Träger
1.3 Enclothed Cognition
1.4 Urteilsheuristiken und Rationalität
1.4.1 Die Repräsentativitätsheuristik
1.4.2 Die Ankerheuristik
1.4.3 Einflüsse der Persönlichkeit auf die Anfälligkeit für Heuristiken
1.5 Hypothesen

2. Methode
2.1 Stichprobe
2.2 Materialien
2.3 Versuchsablauf
2.4 Statistische Auswertung

3. Ergebnisse
3.1 Effekte der Heuristiken
3.2 Effekte des Kittels
3.3 Extraversion und die Anfälligkeit für Heuristiken

4. Diskussion
4.1 Diskussion der Hauptergebnisse
4.2 Interpretation und Limitationen
4.3 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Zusammenfassung

Ausgehend von relativ junger Forschung zur Wirkung von Kleidung auf die Kognition ihres Trägers hat sich die Seminargruppe zum Ziel gesetzt, den Einfluss eines wissenschaftlichen Kittels auf die Anfälligkeit für zwei Urteilsheuristiken, die Anker- und der Repräsentativitätsheuristik, zu untersuchen. Es wurde vermutet, dass mit Rationalität assoziierte Kleidung über ihre symbolische Bedeutung ihren Träger zu rationaleren Urteilen befähigen könnte oder, in anderen Worten, ob „Kittel Leute rationaler machen“. Weiterhin sollte ein negativer Zusammenhang zwischen dem Persönlichkeitsmerkmal Extraversion und der Heuristikanfälligkeit überprüft werden.

Mit Hilfe eines Computerfragebogens - bestehend aus Items zum Testen der Anker- sowie Repräsentativitätsheuristik und einem Persönlichkeitsfragebogen -, den 71 Probanden entweder in einem weißen Kittel oder ihrer Normalkleidung bearbeitet haben, wurde diesen vermuteten Einflüssen experimentell nachgegangen.

Die robusten Heuristikeffekte konnten nachgewiesen werden. Jedoch blieb der statistisch signifikante Nachweis eines Effekts des Tragens wissenschaftlicher Kleidung für die einzelnen Heuristiken aus, bei beiden Heuristiken gemeinsam betrachtet bestand immerhin ein Trend in Richtung der Hypothese. Für Extraversion zeigten sich gemischte Befunde, welche die inkonsistente und fragile Forschung zu diesem Bereich unterstreicht. So waren extrovertiertere Probanden - entgegen der Vermutung - signifikant anfälliger für die Repräsentativitätsheuristik, während für die Ankerheuristik kein signifikanter Zusammenhang gefunden wurde.

Die getesteten Heuristiken erscheinen als zu robust und menschlich, als dass das Tragen eines wissenschaftlichen Kittels die Anfälligkeit für sie herabsetzen könnte. So scheint auch Extraversion in keinem systematischen Zusammenhang mit heuristischem Urteilen zu stehen. Künftige Forschung sollte mit größeren Stichproben arbeiten und darauf achten, dass der soziale Kontext, in dem getestet wird, zur symbolischen Bedeutung wissenschaftlicher Kleidung passt.

Schlüsselwörter: Enclothed Cognition, Effekte wissenschaftlicher Kleidung, Ankerheuristik, Repräsentativitätsheuristik, Extraversion

1. Einleitung

„Kleider machen Leute“ - dass dieses literarische Werk aus dem 19. Jahrhundert das Zeug zu einem noch heute allseits geläufigen Sprichwort hat, verwundert nicht: Das Ausmaß an Einfluss, den das äußere Erscheinungsbild von Interaktionspartnern einschließlich ihrer Kleidung auf uns nimmt, ist selbst dem Laien bewusst und ein alltägliches Phänomen.

Daher widmet sich auch die Psychologie, insbesondere die Sozialpsychologie, seit vielen Jahrzehnten der Frage, welche Auswirkungen unsere Kleidung, ihr Stil und ihre Zusammensetzung auf andere Personen haben. Auf dieser Basis gewinnt aber auch die Untersuchung des Einflusses von Kleidung auf ihren Träger selbst immer mehr an Bedeutung. Letzterer soll zentraler Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Plakativ soll überprüft werden, ob nicht nur Kleider, sondern auch Kittel „Leute machen“ - und zwar vor allem, ob sie sie rationaler und weniger anfällig für Urteilsverzerrungen machen. Dabei ist es zunächst nötig zu klären, welche Befunde bisher existieren und welche Bedeutung Kleidung in der Wissenschaft typischerweise zugeschrieben wird.

Einige Autoren rücken besonders eine Kommunikationsfunktion von Kleidung in den Vordergrund. Damhorst (1990) schreibt Kleidung die Fähigkeit zu, indirekte und non-verbale Botschaften über das Selbst nach außen zu transportieren. Die Autorin betont zudem, dass sie viele verschiedene Informationen über die eigene Identität, Stimmung oder Einstellung simultan ausdrücken kann. Dabei ist allerdings die Gesamtheit der über die Kleidung gewonnenen Informationen über eine Person größer als die „simple Summe sichtbarer, physischer Teile der Kleidung“, so Damhorst (1990).

1.1 Einflüsse von Kleidung auf andere Personen

Angesichts der vorherigen Einordnung ist der Einfluss getragener Kleidung auf die Formation von Eindrücken, die andere Personen über ihren Träger gewinnen, entsprechend groß. Informell gekleideten Schülern werden (auch von Lehrern) geringere intellektuelle und schulische Fähigkeiten zugeschrieben (Behling & Williams, 1991). Informell angezogene Lehrer wurden in Studien als zugänglicher und teilweise flexibler, allerdings gleichzeitig auch als weniger kenntnisreich und weniger den Respekt der Schüler verdienend eingeschätzt (z.B. Butler & Roesel, 1989). Ärzte und Psychotherapeuten, die einen weißen Kittel tragen, werden von Patienten als kompetenter und vertrauenswürdiger empfunden werden als solche ohne weißen Kittel (Dacy & Brodsky, 1992; Rehman, Nietert, Cope & Kilpatrick, 2005). Es wurde zudem gezeigt, dass getragene Kleidung auch Verhaltenseinflüsse mit sich bringt (Johnson, Yoo, Kim & Lennon, 2008): In ihrem Review stellten Johnson und Kollegen zusammenfassend fest, dass in 85,3% der 93 einbezogenen Studien signifikante Effekte der Kleidung auf das dem Träger entgegengebrachte Verhalten, z.B. in Form von Gehorsam oder Hilfeverhalten, zu verzeichnen waren.

1.2 Einflüsse von Kleidung auf ihren Träger

Der Einfluss der eigenen Kleidung auf Fremdwahrnehmung und -urteile ist, wie die vorherige Skizzierung einiger Forschungsbefunde zeigt, weitgehend untersucht und belegt worden. Ein weitaus neuerer Forschungsstrang beschäftigt sich dagegen mit der diametral entgegenlaufenden Frage, ob und inwieweit Kleidung auch ihren Träger und verschiedene Aspekte seines Selbst beeinflusst. Hannover und Kühnen (2002) konnten erste umfangreiche Belege dafür finden: Die Autoren testeten zwei Gruppen von Probanden, die sich in ihrem Kleidungsstil (formal vs casual) unterschieden. Diese wurden jeweils vor einen Spiegel gebeten und bekamen eine Reihe von Adjektiven präsentiert, die entweder die Kategorie formal oder casual besser repräsentierten. Die Versuchsteilnehmer wurden in der Folge gebeten zu beurteilen, inwiefern diese Adjektive auf sie selbst zutreffen.

Grundlage der Arbeit von Hannover und Kühnen (2002) war die Annahme, dass Kleidung das aktivierte Selbstwissen bzw. -konzept ihres Trägers primen kann. Der Begriff Selbstkonzept meint hier ein Muster von Charakterzügen, die den Personentyp ausmachen und das Verhalten in verschiedenen Situationen verschiedenartig leiten (Wakslak, Nussbaum, Liberman & Trope, 2008). Im Rahmen des Multiple Self-Aspects Framework hat McConnell (2011) vorgeschlagen, das Selbst als eine kontextabhängige Zusammenstellung von vielen einzelnen Selbsten zu begreifen. Je nach Kontext ist demnach ein anderer Teil des Selbst aktiviert (McConnell, 2011).

Die Primingforschung der vergangenen Jahrzehnte hat weitgehend belegen können, dass menschliches (Urteils-)Verhalten entscheidend von Primes beeinflusst werden können (Devine, 1989; Higgins, Rholes & Jones, 1977). Bei solchen Primes kann es sich auch um in der Umwelt vorhandene Objekte und Situationen handeln, die durch die unterschiedliche Aktivierung von Selbstwissen Verhalten maßgeblich beeinflussen (Bargh & Williams, 2006; Berger & Fitzsimons, 2008; Berkowitz & LePage, 1967). Dabei steigt die Wirkung eines Primes mit dem Ausmaß, zu dem Personen ihm ausgesetzt sind (Bargh & Pietromonaco, 1982). Auch die Stanford-Prison-Experimente (Haney, Banks & Zimbardo, 1973) haben tiefgreifend verdeutlicht, dass auch die Aktivierung bestimmter Rollenerwartungen und -konzepte zu einer Veränderung des Selbst und des Verhaltens führen können.

Vor diesem Hintergrund erschien es Hannover und Kühnen (2002) möglich, dass auch Kleidung Verhalten und Kognitionen primen kann. Tatsächlich beurteilten Probanden mit formeller Kleidung die formellen Adjektive als eher auf sie selbst zutreffend als die informellen. Der entgegengesetzte Effekt zeigte sich bei der Probandengruppe, deren Mitglieder informell gekleidet waren.

1.3 Enclothed Cognition

Jedoch nimmt Kleidung nicht nur Einfluss auf das Selbst, sondern auch auf kognitive Vorgänge, wie z.B. Aufmerksamkeitsprozesse. Adam und Galinsky (2012) haben dafür im Zuge einer bahnbrechenden Arbeit den Neologismus Enclothed Cognition (zu dt. etwa Eingekleidete Kognition) vorgeschlagen. Der Ansatz der Autoren fußt (nicht nur etymologisch) auf den Erkenntnissen der Forschung zum Bereich Embodiment bzw. Embodied Cognition, der von einer multimodalen Speicherung und Verarbeitung perzeptueller, mentaler bzw. introspektiver und motorischer Informationen ausgeht. Im Alltag zeigen sich Affekte und die Stimmung einer Person z.B. in ihrer Physik, etwa in einer gebückten Körperhaltung. Im Sinne des Embodiment gilt jedoch auch der umgekehrte Schluss: Demzufolge hat physische Aktivität einen Einfluss auf mentale Prozesse, indem durch die multimodale, gemeinsame Speicherung später auch alle multimodal gespeicherten

Informationen simultan wieder abgerufen werden (d.h. eine Bewegung kann auch Affekte aktivieren, die bei vorheriger Bewegungsausführung mit im Gedächtnis abgespeichert wurden (s. dazu Barsalou, 2008)). Eine Arbeit von Förster und Strack (1996) kann hier als Beispiel dienen: Sie zeigten Probanden, die während eines Experiments zur Worterinnerung gebeten wurden, mit dem Kopf wie bei einer Bejahung zu nicken oder, in der anderen Versuchsbedingung, ihren Kopf wie bei einer Verneinung zu schütteln, hinterher einen signifikanten Unterschied hinsichtlich der Valenz der erinnerten Wörter. Personen, die mit dem Kopf genickt hatten, konnten positiv-valente Wörter besser erinnern - für jene, die mit dem Kopf geschüttelt hatten, galt dies dagegen für negativ-valente Wörter. Die motorische Aktivität des Kopfes wirkte also auf mentale, affektive Vorgänge.

Adam und Galinsky (2012) untersuchten vor diesem Hintergrund die Fragestellung, ob Kleidung in ähnlicher Weise Einfluss auf mentale Prozesse nehmen kann. Sie setzten voraus, dass Kleidung durch ihr Tragen abstrakte, psychologische Konzepte bei ihrem Träger in Gang setzen kann. Jedoch machten sie vorab eine Einschränkung: Während bei der Embodied Cognition ein direkter Zusammenhang zwischen physischem Erleben und seiner „symbolischen Bedeutung“ (vgl. Adam & Galinsky, 2012, S. 919) bestehe (Kopfschütteln trägt negative Emotionen als symbolische Bedeutung bereits in sich selbst), handele es sich bei der Enclothed Cognition um einen indirekten Zusammenhang: Kleidung müsse physisch erlebt werden, da ihre symbolische Bedeutung erst dann zustandekomme. Sie führe also nicht automatisch oder ohne Weiteres zu einem Embodiment-Effekt. In ihrer Arbeit haben die beiden Autoren darauf aufbauend untersucht, ob Kleidung, die mit Aufmerksamkeit, Sorgfalt, Verantwortung und Wissenschaftlichkeit assoziiert wurde, aufmerksamkeitsrelevante und -verwandte Konzepte der Probanden aktiviert und dadurch zu erhöhter Aufmerksamkeit führt. Operationalisiert wurde dies über das Tragen eines medizinischen Kittels (bzw. normaler Kleidung in der Kontrollgruppe) und die erbrachte Leistung in Aufmerksamkeitsaufgaben (Stroop-Task und eine komparative visuelle Suchaufgabe). Probanden, die einen medizinischen Kittel während der Aufgaben trugen, machten tatsächlich signifikant weniger Fehler in aufmerksamkeitsrelevanten Aufgabenteilen. Im zweiten Teil des Experiments (visuelle Suchaufgabe) wurde geprüft, ob das Tragen irgendeines Kittels an sich denselben Effekt bewirkt oder ob letzterer von der symbolischen Bedeutung eines explizit medizinischen Kittels abhängt. Probanden, die einen Malerkittel während der visuellen Suchaufgabe trugen, schnitten bei der visuellen Suchaufgabe signifikant schlechter ab als Versuchsteilnehmer, die einen medizinischen Kittel trugen. Den Probanden in Malerkitteln fehlte offenbar die symbolische, aufmerksamkeitsrelevante Bedeutung, die durch medizinische Kittel transportiert wird (Adam & Galinsky, 2012). Weiterhin reichte es nicht aus, den medizinischen Kittel bloß zu sehen; er musste getragen werden, um einen signifikanten Leistungseffekt zu erzielen (im Sinne erhöhter Exponierung, s.o.). Zudem ist es nicht ausreichend, sich mit einem medizinischen Kittel zu identifizieren und eine Verbindung zum eigenen Selbst herzustellen. Zwar erzielten Probanden in diesem Fall bessere Leistungen als jene Versuchsteilnehmer, die einen Malerkittel trugen. Gleichwohl war der Effekt der Identifikation nicht so stark wie der Effekt, der von einem tatsächlichen Tragen medizinischer Kleidung ausging (Adam & Galinsky, 2012). Die Autoren konnten also eindeutige Hinweise dafür finden, dass Kleidung Einfluss auf

Aufmerksamkeitsprozesse nehmen kann. Dieser Einfluss ist abhängig vom Grad der Assoziierung mit Konstrukten entsprechender Prozesse. Wird ein Kittel positiv mit Aufmerksamkeit assoziiert, führt sein Tragen zu erhöhter Aufmerksamkeit.

Gegenstand der vorliegenden Arbeit der Seminargruppe war es zu untersuchen, ob und inwieweit auch andere Konstrukte oder Prozesse, die mit bestimmter Kleidung in Verbindung gebracht werden, zu einem Adams und Galinskys Arbeit (2012) replizierenden und ggf. erweiterenden Effekt führen. Welche Assoziationen ruft ein Kittel, der etwa allgemein von Wissenschaftlern statt ausschließlich von Medizinern getragen wird, noch hervor? Wie bereits geschildert, fanden Adam und Galinsky (2012) bei Probanden deutliche Assoziationen eines weißen Kittels mit Aspekten wie wissenschaftlichem Fokus und Sorgfalt - Aspekte, die intuitiv auch für Rationalität stehen. So könnte ein wissenschaftlicher Kittel bei seinem Träger ein erhöhtes Maß an Rationalität in Form von sorgfältig bedachten Urteilen, z.B. über die Aktivierung rationaler Selbstwissensstrukturen, erzeugen.

1.4 Urteilsheuristiken und Rationalität

Bei Rationalität handelt es sich zunächst einmal um ein zu definierendes und zu operationalisierendes Konstrukt. Bleibt sie aus, kann es zu Urteilsfehlern und -verzerrungen kommen. Zu den einflussreichsten und umfassendsten Darstellungen und Erklärungen solcher menschlicher Urteilsfehler gehören die Arbeiten von Tversky und Kahneman aus dem Jahr 1974. Die Autoren begrenzen die Regeln menschlicher Urteile auf einige wenige Prinzipien, den so genannten Heuristiken. Kahneman definiert sie wörtlich als „ein einfaches Verfahren, das uns hilft, adäquate, wenn auch oftmals unvollkommene Antworten auf schwierige Fragen zu finden“ (vgl. Kahneman, 2012, S. 127). Diese Art von Daumenregeln hilft Menschen also essentiell dabei, komplexe Sachverhalten und Urteile zu vereinfachen. Gleichzeitig birgt sie die Gefahr von Urteilstendenzen und -fehlern (Tversky & Kahneman, 1974). Zwei Typen dieser Heuristiken werden im Folgenden dargestellt, denn ausschließlich sie sind für die vorliegende Studie relevant.

1.4.1 Die Repräsentativitätsheuristik

Kahneman und Tversky (1973) sowie Tversky und Kahneman (1974) heben die Repräsentativitätsheuristik als eine der wesentlichen Fehlerquellen menschlicher Fehlurteile hervor. Sie tritt häufig dann auf, wenn von Personen ein Ähnlichkeitsurteil erwartet wird, also z.B. beurteilt werden soll, inwieweit ein Stimulus A zu einer Kategorie B passt oder - in anderen Worten und der Terminologie dieser Heuristik entsprechend - wie gut der Stimulus A die Kategorie B repräsentiert. In ihren Experimenten haben die beiden Autoren dies zumeist an Personenbeschreibungen getestet, die darauf abzielten zu entscheiden, ob eine Person anhand weniger beschriebener Merkmale eher zu der einen Kategorie statt zur anderen passt. Bei diesen Kategorien kann es sich bspw. um Berufe oder Studiengänge handeln. Zwar ist ein solches auf dem Grad der Repräsentativität basierendes Ähnlichkeitsurteil sehr effizient. Jedoch betonen die Autoren vor allem inhärente Fehlschlüsse und Verzerrungen, die daraus resultieren können. Demnach ignorieren Personen zumeist Informationen zu zugrundeliegenden Wahrscheinlichkeiten, mit denen ein bestimmtes Ereignis in der Population auftritt und integrieren diese nicht ausreichend in ihr Urteil (Basisratenvernachlässigung; Kahneman & Tversky, 1973). Wird etwa die Information gegeben, dass eine Person in der New Yorker U-Bahn die New York Times liest, und dann gefragt, ob es wahrscheinlicher sei, dass sie entweder einen Doktortitel hat oder dass sie keinen College-Abschluss hat, erscheint der Doktortitel aufgrund der Zielgruppe der New York Times als eher auf sie zutreffend (vgl. Kahneman, 2012, S. 190). Allerdings benutzen, statistisch gesehen, weit mehr Menschen ohne einen College-Abschluss als mit einem Doktortitel die New Yorker U-Bahn; die Repräsentativität beeinflusst das Urteil irrationalerweise stärker als die Basisrate.

Des Weiteren kommt es häufig zum so genannten Konjunktionsfehler: Die Wahrscheinlichkeit für das gemeinsame Auftreten zweier Ereignisse A und B wird im Vergleich zur Eintretenswahrscheinlichkeit beider Einzelereignisse für sich überschätzt, was statistisch unmöglich ist (Tversky & Kahneman, 1974). Ein Beispiel dafür ist das berühmte Linda-Problem (Tversky & Kahneman, 1983): Probanden schätzen nach einer Personenbeschreibung die Wahrscheinlichkeit höher ein, dass Linda Bankkassiererin und in einer feministischen Bewegung aktiv ist, als dass sie nur Bankkassierin ist. Da aber alle Bankkassiererinnen mit feministischem Engagement bereits in der Gesamtheit aller Bankkassiererinnen enthalten sind, ist das nach Wahrscheinlichkeitsgesetzen ein Fehlschluss.

Für die Arbeit relevant sind außerdem Fehlvorstellungen von Zufallswahrscheinlichkeiten in 50:50Szenarien, in denen Probanden trotz identischer Wahrscheinlichkeit eine der beiden Alternativen subjektiv als wahrscheinlicher empfinden (Holtgraves & Skeel, 1992), und eine oft beobachtete Insensitivität gegenüber Stichprobengrößen und daraus folgenden statistischen Gesetzen (bspw. wird das Prinzip schwindender Streuung bei wachsender Stichprobe hier oft vernachlässigt). Zur Erklärung wird angenommen, dass sich Personen bei Urteilsaufgaben oft nach ihrer Meinung gefragt fühlen und weniger nach mathematischen Wahrscheinlichkeitsregeln agieren (vgl. Kahneman, 2012, S. 188).

1.4.2 Die Ankerheuristik

Tversky und Kahneman (1974) definieren den in der Ankerheuristik implizierten Ankereffekt als den von einem vorangegangenen Wert ausgeübten Einfluss auf eine Schätzung eines Beurteilers. In anderen Worten: Ein zuvor präsentierter Wert beeinflusst eine nachfolgende Schätzung. Die beiden Autoren baten ihre Probanden etwa darum, an einem Glücksrad (0 bis 100) zu drehen, das so manipuliert war, dass es entweder bei 10 oder 65 stehen blieb. Anschließend sollten sie zunächst ein relatives Urteil abgeben und beurteilen, ob der prozentuale Anteil afrikanischer Staaten an allen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen (VN) größer oder kleiner als 10 bzw. 65 sei. Anschließend wurden sie gebeten, eine absolute Schätzung vorzunehmen, d.h. einen genauen Wert zu schätzen. Letztere wurde deutlich vom jeweiligen Ausgangswert - nämlich dem Anker - beeinflusst. Probanden, die eine 10 gedreht hatten, gaben durchschnittlich 25% als Schätzwert für den prozentualen Anteil an. Jene, die beim Glücksrad eine 65 erzielten, schätzten den Anteil auf durchschnittlich 45%. Unzählige weitere Studien haben ähnliche Befunde hervorgebracht und die Robustheit des Ankereffekts unterstrichen (s. dazu einen Review von Furnham & Boo, 2011).

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Details

Seiten
25
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668188990
ISBN (Buch)
9783668189003
Dateigröße
858 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319472
Note
Schlagworte
Kleidung Kleider Heuristik heuristisches Urteilen

Autor

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