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Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit. Ist der Ansatz von Peter Berger und Hansfried Kellner immer noch aktuell?

Hausarbeit 2014 22 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Phänomenologische Grundlagen für Wirklichkeitskonstruktionen

3 Ehe und Familie heute und im Kontext von Berger und Kellner
3.1 Ehe als „Fundament“ der Familie
3.2 Ehe als nomischer Bruch und nomosbildendes Instrument
3.2.1 Ehe als „dramatischer Vorgang“
3.2.2 Der identitätsbildende und stabilisierende Charakter des ehelichen Gesprächs
3.3 Liebe als „Steuerungsinstanz“ der Institution Ehe

4 Schlussfolgerung

5 Tabellenverzeichnis:

6 Literaturverzeichnis:

1 Einleitung

„Auf welcher Weise entsteht gesellschaftliche Ordnung überhaupt? Die allgemeinste Antwort wäre, daß Gesellschaftsordnung ein Produkt des Menschen ist, oder genauer: eine ständige menschliche Produktion. Der Mensch produziert sie im Verlauf seiner unaufhörlichen Externalisierung.“1

Wie das obere Zitat von Peter L. Berger und Thomas Luckmann impliziert, haben Menschen einen entscheidenden Einfluss darauf, wie die Realität, in der sie leben, geschaffen wird. Den Tätigkeiten der Menschen kommt somit eine konstruktive Bedeutung bei der Konstruktion der Wirklichkeit zu.2

Die Beschaffenheit der sozialen Konstruktion von Wissen und ihr Auftreten im Alltag ist der Gegenstand der Wissenssoziologie. Wesentlich hierbei ist vor allem, dass die Wirklichkeit durch das soziale Handeln der Individuen „erzeugt“ wird.3 Das wohl wichtigste wissenssoziologische Werk, das alle weiteren Beschäftigungen mit dem Thema hervorrief, geht auf die oben zitierten Soziologen zurück und trägt den Titel „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie.“4

Der sozialen Konstruktion des Wissens ist auch die folgende Ausarbeitung gewidmet. Sie setzt sich jedoch mit einem speziellen Fall der Beschaffenheit der Wirklichkeit auseinander, nämlich mit solchem, welcher durch eine Ehe zwischen zwei Menschen entsteht. Mit diesem Thema beschäftigen sich Peter Berger und Hansfried Kellner. Der, von den beiden Autoren stammende mikrosoziologische Absatz „Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Abhandlung zur Mikrosoziologie des Wissens“ wurde im Jahr 1965 veröffentlicht. Er geht der Frage nach, welchen Einfluss die Eheschließung auf die Wirklichkeitskonstruktion der Ehepartner ausübt und welche gesellschaftliche Prozesse mit einer Heirat zusammenhängen.5 Die beiden Autoren stellen folgende These auf:

„Wir behaupten, daß in unserer Gesellschaft die Ehe einen im Vergleich zu anderen signifikanten Beziehungen privilegierten Status einnimmt. Anders ausgedrückt: Die Ehe ist in unserer Gesellschaft ein entscheidendes nomisches Instrument. Wir behaupten ferner, daß diese wesentliche gesellschaftliche Funktion dieser Institution nicht verstanden werden kann, wenn dieser Umstand nicht begriffen wird.“6

Wie aktuell ist aber dieses wissenssoziologische Werk, angesichts der heute zu beobachtenden Pluralisierung von Lebensformen und damit einhergehenden wachsenden Lebensansprüchen von Menschen?

Mit dieser Frage beschäftigt sich die folgende Arbeit. Dazu werden zuerst die phänomenologischen Grundlagen für die Wirklichkeitskonstruktionen untersucht. Danach wird auf die allgemeine Definition von Familie und die Wichtigkeit von Ehe als die Basis der Familie eingegangen, um dann die wissenssoziologischen Thesen von Berger und Kellner, bezüglich der in einer Ehe stattfindenden Konstruktion der Wirklichkeit, auf die Aktualität zu prüfen.

2 Phänomenologische Grundlagen für Wirklichkeitskonstruktionen

Im Folgenden soll die Grundlage für ein Verständnis des phänomenologisch-wissenssoziologischen Ansatzes von Berger und Kellner gelegt werden. Dies erfolgt zum Teil unter Verwendung des Werkes: „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ von Berger und Luckmann.

Wie in der Einführung kurz angedeutet, folgen Berger und Kellner dem wissenssoziologischen Prinzip der Konstruktion von Alltag und gehen dementsprechend davon aus, dass das Individuum der Schöpfer der Alltagswirklichkeit ist.7 In dieser Phänomenologie setzt man Intersubjektivität, d.h. die Annahme, dass mehrere Betrachter ein Sachverhalt gleichermaßen wahrnehmen und dementsprechend ähnlich interpretieren, als Grundlage allen sozialen Handelns voraus. Diese Intersubjektivität ist eine Konstruktion des Alltagsverstandes.8 Berger und Kellner schreiben diesbezüglich Folgendes:

„Jede Gesellschaft hat ihre besondere Art und Weise, die Realität – ihre Welt, ihr Universum, ihr Ensemble von Symbolen – zu definieren und zu begreifen. Dies ist bereits in der Sprache als der symbolischen Basis einer Gesellschaft vorgegeben. Auf dieser Basis und mit ihrer Hilfe entsteht ein vorgefertigtes Typisierungssystem, vermittels dessen die unzähligen Erfahrungen der Wirklichkeit zu ordnen sind. Diese Typisierungen und ihre Ordnung sind Allgemeingut der Gesellschaftsglieder, wodurch sie nicht nur den Charakter der Objektivität annehmen, sondern als gegeben, als die Welt tout court, als die einzige Welt, die der normale Mensch denken kann, genommen werden.“9

Das Individuum nimmt somit die es umgebende Welt mithilfe eines gesellschaftlichen Typisierungssystems wahr,10 welches es laut Berger und Luckmann im Rahmen seiner Primärsozialisation verinnerlichte.11 Auf diese Weise kann es durch das Zurückgreifen auf den vorhandenen „Wissensapparat“ sein alltägliches Leben ordnen und wird somit von erheblichen kognitiven Anstrengungen des „immer wieder Neues erkennen“ entlastet. Diese Apparat wird auch nomischer genannt und ist, wie Berger und Kellner betonen „biographisch kumulativ“, er dehnt sich also im Zuge der Sozialisation durch die Biographie des Einzelnen immer wieder aus.12 Es ist dabei sehr wichtig, dass die Abweichungen vom gesellschaftlich vorgebildeten Typisierungsapparat innerhalb der Toleranzgrenzen des gesellschaftlichen Konsensus liegen, damit ein fortbestehender Zusammenhang der Gesellschaft gesichert ist.13

Berger und Luckmann sprechen somit von einer intersubjektiven, allen Mitgliedern einer Gesellschaft gemeinsamen Alltagswelt, jedoch ist diese nicht für alle identisch.14 Denn es geht, wie Berger und Kellner unterstreichen, um scheinbare Objektivität von Realität.15 Intersubjektivität bei Berger und Luckmann bezieht sich somit nicht auf die gesamtgesellschaftliche Wirklichkeit, sondern auf den kleinen intersubjektiv erfahrenen Ausschnitt der Wirklichkeit.16

Dies bringen folgende Worte zum Ausdruck:

„Ich weiß, dass meine natürliche Einstellung zu dieser Welt der natürlichen Einstellung anderer zu ihr entspricht, daß sie wie ich die Objektivationen erfassen, durch die diese Welt reguliert ist und daß auch sie diese Welt rund um das „Hier und Jetzt“ ihres Daseins in ihr anordnen und wie ich Projekte in ihr entwerfen. Ich weiß selbstverständlich auch, daß die anderen diese gemeinsame Welt aus Perspektiven betrachten, die mit der meinen nicht identisch ist.“17

Aus diesem Zitat geht deutlich hervor, dass die natürliche, subjektive Sichtweise der Welt nur von einigen Menschen, nicht aber von allen geteilt wird, da sich die Individuen in vielen Aspekten voneinander unterscheiden.18

Darüber hinaus gibt es in jeder Gesellschaft ein präsentes Alltagswissen, das sich in dem schon erwähnten Typisierungsapparat wiederfindet und der in der Umgangssprache austauschbar ist.19 Anzumerken hierbei ist jedoch, dass die individuelle Alltagswelt nach Relevanzstrukturen eingeteilt ist und somit „in verschiedenen Graden von Nähe und Ferne, räumlich wie zeitlich“20 erfahren wird.21 Der Mensch verwendet folglich, seine individuell erfahrene und interpretierte Alltagswirklichkeit, sowie alle Relevanzstrukturen, Normen und Werte als für ihn objektiv empfundene Vorlage, um eine eigene Welt zu erschaffen.22

Berger und Kellner gehen letztlich davon aus, dass der Einzelne, der nach Selbstverwirklichung strebt, sich vorwiegend der privaten Sphäre zuwendet.23 Dies bestätigt die folgende Passage aus der untersuchten Publikation:

„So wendet er sich vorwiegend der privaten Sphäre zu, diesem ausgesparten Raum, der mehr oder weniger zufällig als Nebenprodukt der gesellschaftlichen Metamorphose durch die Industrialisierung entstand, Hier strebt der einzelne nach Macht, Verständlichkeit und - buchstäblich verstanden – nach einem Namen; vor allem aber sucht er die belegbare Macht, um eine, wenn auch liliputanische Welt zu formen, die sein Selbst wiederspiegelt: diese Welt erscheint ihm dann, da sie durch ihn geformt ist, durchschaubar und verständlich (so glaubt er zumindest) und steht damit im Gegensatz zu der anderen Welt, die auf ihn formend einwirkt; in der von ihm geformten Welt ist er jemand, vielleicht innerhalb seines Kreises sogar der Herr und Meister.“24

Nun stellt sich die Frage, wie diese Konstruktion der Wirklichkeit in einer Ehe abläuft, in der nicht nur der Einzelne, sondern zwei Individuen an dem Konstruktionsprozess beteiligt sind? Die These hierbei lautet: „Die Ehe begründet somit eine neue Wirklichkeit. Die Beziehung des einzelnen zur diesen neuen Wirklichkeit ist jedoch dialektischer Natur – er produziert sie in Übereinstimmung mit dem Ehepartner – und sie wirkt auf ihn zurück.“25

Berger und Kellner sprechen darüber hinaus von der Ehe, als eine von vielen Institutionen, von denen Menschen im Laufe ihres Lebens auf verschiedene Weise geprägt werden.26 Wie entstehen jedoch diese Institutionen?

Soziale Institutionen bilden sich dort, wo Individuen regelmäßig einem sich wiederholenden Problem begegnen und dieses lösen müssen. Eine Institution ist somit ein Gefüge von sozialen Normen und Regeln, das das soziale Verhalten, sowohl von den einzelnen Akteuren als auch von den größeren Gemeinschaften, zu regulieren versucht. Sie müssen in jeder Gesellschaft verfolgt werden, da ihre Nichtbefolgung mit verschiedenen Sanktionen zusammenhängt.27 Die Institutionen üben somit eine gewisse soziale Kontrolle aus. Um es mit den Worten von Berger und Luckmann zu sagen: „Durch die bloße Tatsache ihres Vorhandenseins halten Institutionen menschliches Verhalten unter Kontrolle. Sie stellen Verhaltensmuster auf, welche es in eine Richtung lenken, ohne Rücksicht auf die Richtungen, die theoretisch möglich wären. Dieser Kontrollcharakter ist der Institutionalisierung als solcher eigen.“28 Die Legitimation, also die gesellschaftliche Anerkennung dieser verschiedenen Verhaltensweisen, kann durch die „Tradition, Brauchtum, Gesetz, Religion oder Macht“29 erfolgen.30

Wie Rosemarie Nave-Herz betont, sind die Institutionen aufgrund ihres prozesshaften Charakters einem ständigen Wandel unterworfen. Die Ehe bildet ein Paradebeispiel für Institutionsveränderungen.31

Nun soll im Folgenden auf die Definition von Familie und Ehe eingegangen werden.

3 Ehe und Familie heute und im Kontext von Berger und Kellner

Wir leben heute in einer Zeit, die durch zunehmende Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse gekennzeichnet ist.32 Insbesondere unterliegen die Lebens- und Beziehungsformen einem sozialen Wandel, infolgedessen die Menschen viele neue Möglichkeiten der Gestaltung ihres Lebens bekommen. Daraus ergibt sich notwendigerweise die Tatsache, dass die Eheschließungen heute im Vergleich zu den 1960er-Jahren an Bedeutung verloren haben und dass sich immer mehr Menschen für nichteheliche Partnerschaften entscheiden oder sogar das einsame Leben vorziehen.33 Im Hintergrund dieser Umwälzungen stellt sich die Frage, ob die Ehe heutzutage einen notwendigen Bestandteil der Familie bildet? Hierbei ist ein Blick auf die Definitionen von Ehe und Familie unumgänglich.

Zwei Vertreter der Individualthese, Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim, definieren Familie, mit Bezugnahme auf die fortschreitenden Individualisierung- und Pluralisierungsprozesse, auf folgende Weise:

„Was Familie, Ehe, Elternschaft, Sexualität, Erotik, Liebe ist, meint, sein sollte oder sein könnte, kann nicht mehr vorausgesetzt, abgefragt, verbindlich verkündet werden, sondern variiert in Inhalten, Ausgrenzungen, Normen, Moral, Möglichkeiten am Ende eventuell von Individuum zu Individuum, Beziehung zu Beziehung, muß in allen Einzelheiten des Wie, Was, Warum, Warum-Nicht enträtselt, verhandelt, abgesprochen, begründet werden, selbst wenn auf diese Weise die Konflikte und Teufel, die in allen Details schlummern und besänftigt werden sollen, aufgeweckt und entfesselt werden.“34

Die Definition des Begriffs „Familie“ ist allerdings keineswegs einfach. Inge Seiffge-Krenke und Norbert F. Schneider stellen die drei gängigsten Definitionen und somit unterschiedliche Ansichten über Familie, im gesellschaftlichen Diskurs vor: Die erste Anschauungsweise hebt die Rolle der Ehe in einer Gesellschaft hervor und macht diese „Zeremonie“ zur Grundlage einer Familie. Die verheirateten Partner teilen sich dementsprechend auch einen Haushalt. Die Vertreter der zweiten Position konzentrieren sich auf das Vorhandensein der Kinder in einer Beziehung und lassen andere Aspekte, wie die Ehe und den gemeinsamen Haushalt, außen vor. Ganz einfach ausgedrückt: „Familie ist überall dort, wo Kinder sind.“35 Die dritte Perspektive stellt die „Solidarbeziehungen“ zwischen den Menschen in den Mittelpunkt. So gesehen hat man es immer mit einer Familie zu tun, wenn eine „exklusive Solidargemeinschaft zwischen zwei oder mehr Personen, die auf relative Dauer ausgerichtet ist“36 vorhanden ist.37

Nun muss man sich an dieser Stelle fragen, ob es zumindest für Soziologen über das Alltagsverständnis hinaus, eine universelle Definition von „Familie“ geben kann. Wie Rosemarie Nave-Herz betont, gibt es auch in der Wissenschaftssprache und dementsprechend in den unterschiedlichen Fachgebieten, unter anderem in Soziologie, keine klare Definition der Familie.38

Im „Golden Age of Marriage“, welches in der Mitte der 1950er bis 1960er Jahre zu verorten ist, wurde vom Idealtypus der Kernfamilie ausgegangen, also einem Ehepaar und dessen leiblichen Kinder, die in einem gemeinsamen Haushalt wirtschafteten. Diese Form des privaten Zusammenlebens trat nämlich „überall in den zentralen Schichten der modernen Industriegesellschaft“39 auf.40 Auch Berger und Kellner, auf denen diese Ausarbeitung beruht, beziehen sich auf den Idealtypus der Familie und damit der Ehe, „wie sie in normalem Alter geschlossen wird und wie sie in der Mittelschicht der westlichen Gesellschaftsformationen auftritt“41.

Ausschlaggebend für die heutige Familiendefinition ist nicht das Vorhandensein des Trauscheines, sondern vor allem das Auftreten von mindestens einer Generationenbeziehung, gleichwohl, ob es eine Mutter-Kind-/ oder eine Vater-Kind-Beziehung ist, wobei „durch die Geburt eines Kindes noch keine Familie entsteht, sondern erst dann, wenn zumindest eine Person eine Mutter- oder Vater- Position übernimmt.“42

Bei einer Eheschließung ist es entscheidend, ob sie „mit der Absicht auf Dauer und durch eine öffentliche Bekundung vor Zeugen sowie rituell begründet wird.“43 Dadurch werden nämlich symbolisch neue Rechte und Pflichten, die die verheirateten Menschen zu erfüllen haben, verteilt.44 So ist die Hochzeit „in allen Kulturen ein institutionelles Mittel zur Neu-Definition und Neu- Regelung der Beziehungen zwischen den beiden Herkunftsfamilien.“45

3.1 Ehe als „Fundament“ der Familie

Die Ehe ist somit in der gegenwärtigen Gesellschaft kein notwendiges „Fundament“ der Familie mehr.46 Mit den Worten von Rosemarie Nave-Herz: „Die Ehe verweist immer auf Familie, dagegen verweist Familie nicht immer auf Ehe“.47 Dieser Trend spiegelt sich in der folgenden Tabelle wieder:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Eheschließungen

Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2013, S.52

Ein Blick auf Tabelle 1 zeigt rasante Veränderungen bezüglich der Eheschließungen im zeitlichen Vergleich. Während sich im Jahre 1950 noch 11 von 1000 Personen trauen ließen, betrug die Zahl 61 Jahre später nur noch 4,6 Personen. Die Zahl, der Leute, die heiraten hat sich also, mehr als halbiert.

Die Menschen lassen sich heutzutage aber nicht nur seltener trauen, sondern sie warten damit auch länger als früher.48 Im Gegensatz dazu steht die These von Berger und Kellner, die sie „Trend zu Frühehe“49 nennen. Laut den Autoren empfinden die jungen Menschen, sobald sie das Familienhaus verlassen, das Bedürfnis, ihre eigene Familie (inklusive Heirat) zu gründen.50 Dies geben folgende Worte wieder:

„Wird es gezwungen, in der weiteren Gesellschaft, von der die Kernfamilie abgetrennt ist, zu leben, so verspürt es als Jugendlicher bald den Wunsch nach seiner eigenen kleiner Welt, da sich der Jugendliche in der anonymen großen Welt, der er sich, sobald er das elterliche Heim verlässt, gegenüberfindet, nur dann erfolgreich behaupten kann, wenn er seine eigene Welt hat, in die er sich zurückziehen kann.“51

Die These besagt demzufolge, dass es per Definition der „Erschaffung einer auf der Ehe aufgebauten Subwelt“52 bedarf, um „in einer Gesellschaft, zu Hause zu sein“53.

Ein Blick in die Daten des Statistischen Bundesamtes genügt, um dieser Annahme ihre Wichtigkeit zu entziehen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Durchschnittliches Heiratsalter

Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2013, S.53

Wie die Tabelle 2 zeigt, warten Männer und Frauen heute deutlich länger, bis sie jemanden das erste Mal das Jawort geben: 1985 waren die Bräute im Durchschnitt 24,1 und die Bräutigame 26,6 Jahre alt. Bis 2011 stieg der Durchschnitt bei Frauen auf 30,5 und bei Männern auf 33,3 Jahre an.

Die Tatsache des späteren Heiratsalters ergibt sich notwendigerweise daraus, dass heutzutage viele andere Formen des Zusammenlebens gesellschaftlich akzeptiert sind. Die Familie stellt somit nicht mehr das einzige anerkannte, auf Gefühlen begründete soziale System dar.54 Die nichtehelichen Lebensformen sind also als Alternativen zu den ehelichen und nicht mehr als das „Vorstadium einer Ehe“ zu verstehen.55

Diese These von Berger und Kellner hat dementsprechend in der heutigen Gesellschaft definitiv an Gültigkeit verloren. Zudem muss man hierbei erwähnen, dass das niedrige Heiratsalter heutzutage stark mit dem Ehescheidungsrisiko korreliert.56

[...]


1 Berger P.L.; Luckmann T. (2013), S.55.

2 Vgl. Berger P.L; Luckmann T. (2013), S.54ff.

3 Vgl. Keller, R. (2008), S.37ff.

4 Ebd.

5 Vgl. Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.220.

6 Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.222.

7 Vgl. Berger P.L.; Luckmann T. (2013), S.55.

8 Vgl. Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.220f.; Vgl. Berger P.L.; Luckmann T. (2013), S.25f.

9 Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.221.

10 Vgl. Berger P.L.; Kellner H. (1965), S. 221.

11 Vgl. Berger P.L.; Luckmann T. (2013), S.141ff.

12 Vgl. Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.221f.

13 Ebd.

14 Vgl. Berger P.L.; Luckmann T. (2013), S.25.

15 Vgl. Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.221.

16 Vgl. Berger P.L.; Luckmann T. (2013), S.26.

17 Berger P.L.; Luckmann T. (2013), S.26.

18 Vgl. Berger P.L.; Luckmann T. (2013), S.26.

19 Vgl. Berger P.L.; Luckmann T. (2013), S.36f.

20 Berger P.L.; Luckmann T. (2013), S.25.

21 Vgl. Berger P.L.; Luckmann T. (2013), S.24ff.

22 Vgl. Berger P.L.; Luckmann T. (2013), S.144ff.

23 Vgl. Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.224.

24 Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.224.

25 Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.227.

26 Vgl. Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.222.

27 Vgl. Nave-Herz R. (2013), S.139f.

28 Berger P.; Luckmann T. (2013), S.58.

29 Nave-Herz R. (2013), S.139.

30 Vgl. Nave-Herz R. (2013), S.139f.

31 Vgl. Nave-Herz R. (2013), S.139f.

32 Vgl. Schmidt U.; Moritz M-T. (2009), S.42.

33 Vgl. Peuckert R. (2012), S.1ff.

34 Beck U.; Beck-Gernsheim, E. (1990), S.13.

35 Seittge-Krenke I.; Schneider N.F. (2012), S.18.

36 Seittge-Krenke I.; Schneider N.F. (2012), S.18.

37 Vgl. Seittge-Krenke I.; Schneider N.F. (2012), S.17f.

38 Vgl. Nave-Herz R. (2013), S.34.

39 Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.231.

40 Vgl. Peuckert R. (2012), S.11ff.

41 Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.231.

42 Vgl. Lenz K. (2009),S.13.

43 Nave-Herz R. (2013), S.30.

44 Vgl. Nave-Herz R. (2013), S.30.

45 Nave-Herz R. (2013), S.30.

46 Vgl. Nave-Herz R. (2013), S.31.

47 Nave-Herz R. (2013), S.31.

48 Vgl. Statistisches Jahrbuch (2013), S.52f.

49 Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.232.

50 Vgl. Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.232.

51 Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.232.

52 Berger P.L.; Kellner H. (1965), S.232.

53 Ebd.

54 Vgl. Seittge-Krenke I.; Schneider N.F. (2012), S.53ff.

55 Vgl. Jitschin A. (2007), S.35.

56 Vgl. Nave-Herz R. (2013), S.170.

Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668184886
ISBN (Buch)
9783668184893
Dateigröße
800 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319399
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
konstruktion wirklichkeit ansatz peter berger hansfried kellner

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Titel: Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit. Ist der Ansatz von Peter Berger und Hansfried Kellner immer noch aktuell?