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Schuld und Unschuld in Sophokles "König Ödipus". Analyse und Interpretation

Hausarbeit 2009 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Schuld des Ödipus- ein dreischneidiges Schwert
2.1 Ödipus: wehrloser Spielball des Schicksals oder Opfer des eigenen Charakters? - ein geschichtlicher Überblick
2.2 „Oh Zeus, was hast du über mich zu tun beschlossen?“ - Ödipus' Selbstdeutung
2.3 „Einer der rechtschaffensten [] und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.“ - Eine subjektive Analyse und Interpretation

3. Schlussbetrachtung

4. Bibliographie

1. Einleitung

„Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der Übel größtes aber ist die Schuld.“[1]

Schuld und Unschuld - ein Thema welches seit Jahrhunderten von berühmten Interpreten und Literaten, wie im obigen Beispiel von Friedrich Schiller, immer wieder aufgegriffen und mit jeweiliger kultureller und zeitgeschichtlicher Prägung thematisiert wird. In besonderem Maße werden vor allem antike Tragödien, wie Sophokles' „König Ödipus“ von diesem Themenkomplex beherrscht. Ein Großteil der Interpretationen und Niederschriften über diese Tragödie weisen eine starke Fixierung auf den Themenaspekt Schuld bzw. Unschuld auf. Unschuld meint diesbezüglich die Nichtexistenz einer Schuld. Welche Bedeutung aber impliziert nun der Begriff ‚Schuld‘?

Zur Lösung dieser Frage sollte man sich dem Begriff ‚Schuld‘ auf der Grundlage unterschiedlicher Interpretationsansätze nähern. Schuld kann als juristische Kategorie betrachtet werden und beinhaltet dann einen juristisch relevanten Tatbestand, wobei im Drama vermehrt der Aspekt einer moralisch-ethischen Schuld thematisiert wird, welche durch das Fehlverhalten einer Figur zustande kommt.

Inwieweit eine solche Schuld in Sophokles' „König Ödipus“ erkennbar wird, soll Thema dieser Arbeit sein, und aus drei verschiedenen Perspektiven - der geschichtlichen, ödipalen und persönlichen - betrachtet werden, wobei besondere Aufmerksamkeit auf den letzt genannten Aspekt gelegt werden soll.

2. Die Schuld des Ödipus- ein dreischneidiges Schwert

2.1 Ödipus: wehrloser Spielball des Schicksals oder Opfer des eigenen Charakters? - ein geschichtlicher Überblick

Schon vor Jahrhunderten entbrannte unter Literaten und Interpreten ein unerbittlicher Kampf um eine allgemeingültige Klärung der Frage der Schuld in „König Ödipus“, welcher bis heute noch nicht ausgefochten scheint. Grundsätzlich lassen sich zwei Richtungen ausmachen, wobei nicht der Anspruch auf exakt identische Interpretationsansätze aller Vertreter einer Richtung erhoben werden darf.

Der ersten Interpretationsrichtung lassen sich die sogenannten Stoiker zuordnen, welche meist das Schicksal oder eine göttliche Willkür als lenkende Instanz des menschlichen Verhaltens erachten und in Folge dessen für die Unschuld Ödipus' plädieren.

So ist Joachim Camerasius einer der Ersten, der im frühen 16. Jahrhundert den Gedanken an eine göttlichen Gerechtigkeit verwirft und an Stelle dessen das unerbittliche Schicksal setzt, welches Ödipus aufgrund seiner aus „Unwissenheit und wider Willen“[2] begangenen Taten ins Verderben stürzt. Dieser Gedanke wird kurz darauf von Jean Lamantius und Pierre Corneille mit der Behauptung erweitert, das Schicksal könne mit all seiner Brutalität jeden treffen, völlig unabhängig von den jeweiligen Charakterzügen der dargestellten Figur.

Es wird also das Bild eines unschuldig ins Unglück stürzenden Ödipus gezeichnet, welcher laut Beaumarchais ein „blindes Werkzeug in den Händen grausamer Götter“[3] darstellt.

Diese Auffassung des Nichtschuldigseins greift U. v. Wilamowitz-Moellendorff Ende des 19.Jahrhunderts abermals auf, indem er eine Schuld des Ödipus, sowohl im moralischen als auch juristischen Sinne ausschließt. Er ist der Meinung, dass, „wer in den Ödipus des Sophokles eine Schuld hineininterpretiert, der fälscht das Gedicht und versündigt sich an der Religion des Dichters“[4], wobei hier zu erwähnen wäre, dass Wilamowitz, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, auch die Vorstellung einer Schicksalstragödie ausschließt.

Die zweite Interpretationsgruppe stellen die sogenannten Peripatetiker dar, deren Auffassung nach der Charakter ausschlaggebend für das menschliche Handeln ist und somit eine klare Schuld des Ödipus in seinem Charakter erkennen.[5]

Schon Aristoteles beschreibt Ödipus 300 Jahre vor Christus nicht als schlechten, aber als fehlerhaften Menschen, welcher aufgrund dessen ins Unglück stürzt.[6] Dieser Auffassung schließt sich auch Pietro Vettori an, welcher die oft betonte Unwissenheit des Ödipus in „Unvorsichtigkeit, Unbesonnenheit und Unbeherrschtheit“[7] umwandelt. So hätte Ödipus das Versperren des Weges durch Laios ertragen und hinnehmen müssen. Stattdessen gipfelt sein Zorn in Mord und lässt ihn schuldig werden.

Auch André Daciers Interpretation lehnt sich an eine Schuldüberzeugung des Ödipus an. Er spricht zwar von einem unfreiwilligen, aber dennoch vollzogenen Fehler, welcher im „Jähzorn, Ungestüm, Stolz, Neugierde, Unbeherrschtheit und Unvorsichtigkeit“[8] des Ödipus gründet. Entscheidend an Daciers Schuldeutung ist die Tatsache, dass Ödipus sich nicht durch den von ihm unbewusst begangenen Vatermord und Inzest schuldig macht, sondern durch den Mord an vier Menschen.

Die Annahme, Ödipus' Schuld bestehe in einem charakterlichen Fehler, liegt auch den modernen Interpretationen des 20. und 21. Jahrhunderts von E. Lefèvre und A. Schmitt zugrunde. So beschreibt Schmitt Ödipus als „selbsternannter Rächer des Geschlechtes des Laios“[9] und als durchweg schlechten Charakter und Lefèvre spricht von dessen „Blindheit, Überklugheit und Jähzorn“[10], welcher zum Vatermord und zu Selbstüberschätzung und Hochmut führen.

So bleibt festzuhalten, dass der stoischen Auffassung einer Unschuld des Ödipus, welche somit jegliche Deutung der Schuld, ob juristisch oder moralisch, ausschließt, die Schuldbehauptung der Peripatetiker im moralisch-ethischen Sinne gegenüber steht.

2.2 „Oh Zeus, was hast du über mich zu tun beschlossen?“- Ödipus' Selbstdeutung

Eine sehr interessante, jedoch oft ausgesparte, Frage ist, ob Ödipus und wenn ja, worin er selbst seine Schuld sieht. Dass er eine solche durchaus erkennt, zeigt seine Bitte, ihn als Strafe für den Mord an Laios aus dem Land zu treiben, ihn, „den ganz Verworfnen, den Verfluchtesten und auch Göttern Verhasstesten unter den Sterblichen!“[11]. Er nimmt die Schuld an seinen Taten also aktiv auf sich alleine, dennoch ist zweifelhaft, ob Ödipus die Schuld für das Vergangene gänzlich bei sich sieht.

In mehreren Textstellen verweist er zumindest auf eine Teilschuld der Götter:

„Apollon war's, […], der diese meine schlimmen, schlimmen in Erfüllung gehen ließ, diese meine Leiden!“[12] Auch in dem folgenden Ausruf an Zeus, bestätigt sich dieser Gedanke: „Oh Zeus, was hast du über mich zu tun beschlossen?“[13]

Dies zeigt sich auch, wenn Ödipus sagt: „Aber Götter zwingen, zu dem, was sie nicht wollen, das vermöcht kein einz’ger Mensch.“[14]

Weiter sieht er auch eine gewisse Schuld im Verhalten seiner Eltern und deren ‚Komplizen‘. So betitelt er sich selbst als „gottverlassen, von Unreinen der Sohn“[15] und verflucht denjenigen „wer immer es war, der die grausamen Fesseln auf dem beweideten Land [ihm] gelöst und vor dem Tode bewahrt und [ihn] errettet [...] hat.“[16]

Auch Kreon möchte er eine gewisse Schuld aufbürden, wenn er ihn als „Mörder dieses Mannes offenbar und klarer Räuber [s]einer Herrschaft“[17] betitelt (und damit sich selbst meint) und ihn einer Verschwörung bezichtigt. Ähnlich verhält es sich mit seinen Aussagen Teiresias gegenüber, welchen er als „listigen Bettelpriester, der für den Gewinn nur Augen hat“[18] bezeichnet und ihm eine auf Neid gründende Beteiligung an der Verschwörung Kreons vorwirft. Auf die Frage, inwieweit Ödipus wirklich eine Schuld Kreons und Teiresias‘ erkennt, soll unter 2.3 noch näher eingegangen werden.

So lässt sich resümieren, dass Ödipus durchaus eine gewisse Teilschuld bei den Götter und seinen Vorfahren sieht, vor allem aber seine eigene moralische Verfehlung erkennt.

2.3 „Einer der rechtschaffensten […] und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.“ - Eine subjektive Analyse und Interpretation

[19] Wer ist Ödipus nun?

Ein „vom Verhängnis zum Verbrecher bestimmt, selbst gegen das Verhängnis kämpfend, und doch fürchterlich bestraft für das Verbrechen, das ein Werk des Schicksals war“[20], wie es die eingangs genannten Stoiker beteuern? Oder ist Ödipus ein fehlerhafter, mit Schuld beladener Mensch, wie es die Peripatetiker und Ödipus selbst darstellen?

[...]


[1] Friedrich Schiller: Die Braut von Messina oder die feindlichen Brüder. Ein Trauerspiel mit Chören. Herausgegeben von Matthias Luserke-Jaqui. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart: Reclam 2007 (RUB 60), S. 123)

[2] Michael Lurje: Die Suche nach der Schuld. Sophokles’ Oedipus Rex, Aristoteles’ Poetik und das Tragödienverständnis der Neuzeit. München, Leipzig: Saur 2004 ( Beiträge zur Altertumskunde 209), S. 96.

[3] Ebd., S. 191.

[4] Ebd., S. 241.

[5] Vgl. Ebd., S. 114.

[6] „So bleibt der Held übrig […]. Dies ist bei jemand der Fall, der nicht trotz seiner sittlichen Größe […] und seines hervorragenden Gerechtigkeitsstrebens, aber auch nicht wegen seiner Schlechtigkeit und Gemeinheit einen Umschlag ins Unglück erlebt, sondern wegen eines Fehlers.“ (Aristoteles: Poetik. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Reclam 2005 (RUB 7828), S.39.)

[7] Michael Lurje: Die Suche nach der Schuld, S. 114.

[8] Ebd., S. 135.

[9] Ebd., S. 265.

[10] Ebd., S. 256.

[11] Sophokles: König Ödipus. Übersetzung und Nachwort von Kurt Steinmann. Stuttgart: Reclam 2002 (RUB 630), S.62.

[12] Ebd., S. 61.

[13] Ebd., S. 36.

[14] Ebd., S. 15.

[15] Ebd., S. 62.

[16] Ebd., S. 62.

[17] Ebd., S. 26.

[18] Sophokles: König Ödipus, S. 21.

[19] Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik. Anmerkungen von Bernd Hamacher. Nachwort von Paul Michael Lützeler. Stuttgart: Reclam 2005 (RUB 218), S. 3.

[20] Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, in: Egon Flaig: Ödipus. Tragischer Vatermord im klassischen Athen. München: Beck 1998, S. 17.

Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668185616
ISBN (Buch)
9783668185623
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319370
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Neuphilologische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
schuld unschuld sophokles könig ödipus analyse interpretation
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