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Leben und Werk des Filmemachers Wolfgang Staudte. Die zeitgenössische Rezeption seines Films „Die Mörder sind unter uns“

Hausarbeit 2013 23 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biografie
2.1 1906 – 1945: „Die erste Karriere“
2.2 1945 – 1984: „Die zweite Kariere“

3. „Die Mörder sind unter uns“
3.1. Der Trümmerfilm
3.2. Handlung und künstlerische Umsetzung von „Die Mörder sind unter uns“
3.3 Produktionsbedingungen und Filmkritiken

4. Resümee

Literaturverzeichnis

Internetquellen:

1. Einleitung

Wolfgang Staudte zog durch kontroverse Diskussionen seiner Filme und ihre große Reichweite und Bedeutung für das Nachkriegsdeutschland meine Aufmerksamkeit auf die Person, die hinter diesen Gedanken, Bildern, Szenen und Motivationen der Filme steht. Wie verarbeitet ein Schauspieler bzw. Regisseur Erlebtes in seinen Werken und wie reagieren unterschiedliche Gremien, Institutionen, einzelne Menschen oder eine ganze Bevölkerung auf diese Verarbeitung? Wie entwickelte sich das Filmwesen nach 1945, welche Stellung nahm der Film ein und welche Art der Inszenierung hatte Erfolg, welche nicht. Daraus entwickelt sich auch die Fragestellung, inwiefern das Medium Film (und damit auch die Filmschaffenden) von der Zeit unmittelbar nach dem Krieg und dem Zusammenbruch des Dritten Reichs bestimmt wurde bzw. ob er durch die zeitlichen Hintergründe in seiner Produktion inhaltlich beeinflusst oder sogar gehemmt wurde? Wolfgang Staudte wäre vor sieben Jahren 100 Jahre alt geworden und bekam daher ein Buch mit dem Titel „Courage und Eigensinn“ von der „Deutschen Stiftung Kinematik“ gewidmet, welches den Regisseur würdigt und welches für mich eine zusätzliche Motivation war diese Arbeit zu verfassen1.

Staudtes Name war bei meiner Recherche der Generation meiner Großeltern häufig geläufig. Der Großteil wussten zwar nicht wirklich etwas mit dem Namen anzufangen, aber gehört worden war dieser schon einmal. Verriet man einige Titel gewisser Filme wie z.B. „Die Mörder sind unter uns“, „Rotation“ oder „Der Untertan“ kamen einige Erinnerungen wieder an die Oberfläche. Eine politische Einordnung fiel den meisten Leuten, mit denen ich über mein Hausarbeitsthema sprach schwer; dass Wolfgang Staudte sich selbst aber als politischen Regisseur2 sah und politische Filme machte, wussten all diejenigen, die mit dem Namen und wenigstens einem Film etwas anfangen konnten. Folgendes Ereignis ging jenem Film voraus, den ich neben Wolfgang Staudtes Biografie in den Fokus meiner Seminararbeit setzten möchte – „Die Mörder sind unter uns“:

„Ein eigenes Erlebnis war, dass ich mal einem SS-Obersturmbannführer, der ziemlich angetrunken war, in die Falle gelaufen bin. Das war im Großen Schauspielhaus. Ein Freund von mir hat da die Kantine kommissarisch bewirtschaftet, und der hatte immer Cognac und Zigaretten und so was. Als ich mich da mal reintraute, waren ein paar angetrunkene SS-Leute drin. Einer von diesen Ärschen zog seine Wumme raus und hielt die mir vors Gesicht: „Du Kommunistensau, jetzt knall ich dich ab“. Die anderen haben ihn davon abgehalten, und er wurde auch wieder friedlich und sagte: „Wenn der Scheiß vorbei ist, dann kümmere ich mich wieder um meine Apotheke“. Das war der Apotheker von der Ecke Friedrichstraße/Schumannstraße. Ich hab mich dann verkrümelt und gedacht, was wohl passiert, wenn ich den später mal erwische, denn es war ja klar, dass alles bald zu Ende sein würde.“3

Wenige Wochen später war das Drehbuch zu „Der Mann, den ich töten werde“ fertig, aus welchem dann später „Die Mörder sind unter uns“ entstand.

Das Seminar hat mein Interesse an diesem Film und an der Person Wolfgang Staudte geweckt und mein Ziel war es, diesem Werk über den persönlichen Hintergrund Wolfgang Staudtes näher zu kommen, den Film wirklich zu verstehen und die Kritiken des Filmes im Nachkriegsdeutschland besser einordnen zu können. Die Zeit ab den 50-er Jahren habe ich weniger intensiv behandelt, da ich den unmittelbaren Moment nach dem Krieg und die Kritik zu Staudtes erstem Nachkriegsfilm als enorm aussagekräftig empfinde in Bezug auf das Entstehen eines Vergangenheitsbewusstseins. Dazu beschäftige ich mich im ersten Teil ausführlich mit der Person Wolfgang Staudte und gehe dann über zu einer Analyse seines Filmes „Die Mörder sind unter uns“. Diese beiden ersten Punkte sollen dann als Grundlage für den Punkt „Kritik“ dienen - Kritik, die von Seiten der Bevölkerung, der Medien, dem Ausland oder gar der Regierung bzw. der Machthaber über seine Werke entstand. Aufgrund der Neuorganisation der Presse ab 1945 gibt es ausreichend Quellen über seine Filme und seinen weiteren Werdegang unmittelbar nach dem Krieg, nur wenige Autoren wagten sich ab den 60-iger Jahren an das Thema Staudte, wie z.B. Horst Knietzsch4. Die Literatur über Staudte häuft sich erst wieder von den 70-iger Jahren an bis zu seinem Tod 1984 enorm an, endet dort aber nicht. Erst 2006 brachten Uschi Lehnhard und Alexander Schmidt-Lehnhard in Verbindung mit der Deutschen Stiftung Kinematik zum 100. Geburtstag Wolfgang Staudtes das Buch „Courage und Eigensinn“ (s.o.) heraus, das Wolfgang Staudtes Leben aufarbeitet und welches noch einmal unterstreicht wie wichtig Wolfgang Staudte für das deutsche Filmwesen und den Widerstand gegen die Nationalsozialisten nach 1945 war.

2. Biografie

Wolfgang Staudtes Leben lässt sich wie bei vielen Künstlern und Kreativen zu Zeiten des Nationalsozialismus in zwei Teile gliedern: Eine Phase vor 1945 und eine Phase nach 1945. Der weitaus bedeutendere und in den Werken über Staudte oftmals als „der wichtigere Teil“ benannt, ist die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Der Regisseur konnte in dieser Zeit seine erfolgreichsten und bekanntesten Filme drehen und war ein aktiver Vergangenheitsbewältiger, der seine Art und Weise mit dem Nationalsozialismus umzugehen an die deutsche Nachkriegsgesellschaft weitergab. Er schuf besonders mit dem Film „Die Mörder sind unter uns“ ein Stück Geschichte, das in bewegten Bildern ein zerbombtes Deutschland unmittelbar nach dem Krieg zeigt. Verschiedene Positionen der Gesellschaft werden beleuchtet und am Ende wird die Frage die Gesellschaft beschäftigen, wie mit den Tätern des Nationalsozialismus umgegangen werden soll. Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit der Täter, Opfer oder auch Widerständler waren seine Hauptthemen, die er in seinen Kinoproduktionen verwendete. So konnte er mit fast jedem Film mit politischem Hintergrund für Aufsehen und gesellschaftlich historische Diskussionen sorgen.

2.1 1906 – 1945: „Die erste Karriere“

„Staudtes Geburtsort war Saarbrücken, die Stadt an der Grenze zu Frankreich, die wegen ihres industriellen Fleiß bekannt war weniger als Ort der Musen“5. Dennoch entsprang Wolfgang Staudte einer kleinen Schauspielerfamilie und kam somit schon früh mit der Bühne und dem Schauspiel in Kontakt. Aufgrund der Geburt Staudtes am 09. Oktober 1906 gab seine Mutter Mathilde Firmans ihre Schauspielkarriere auf und konzentrierte sich auf die Erziehung und Betreuung ihres Sohnes, während Staudtes Vater Fritz Staudte sich darum bemühte, eine Existenzgrundlage für die junge Familie zu schaffen. 1907 notiert das Saarbrücker Meldeamt, die Familie sein „nach Unbekannt“ verzogen. „Hinter der amtlichen Floskel verbarg sich Berlin – die Metropole und Kaiserresidenz, die Hauptstadt Preußens und des Reiches.“6 Fritz Staudte hatte am Berliner Rose Theater ab 1912 eine feste Anstellung und hielt sich und seine Familie bis dato mit wechselnden Anstellungen und Engagements über Wasser. Staudte wurde von seinen Eltern in einer für damalige Verhältnisse auffälligen Art und Weise erzogen: „Seine Eltern gehörten nicht zu den Bürgern, die meinten „am deutschen Wesen muss die Welt genesen“. Ihr Sohn spielte weder mit Zinnsoldaten (…) noch wurde er sonntags in den Matrosenanzug gesteckt.“7 Daraus geht hervor, dass seine Eltern ihm freien Lauf in der Entwicklung ließen und ihn nicht in eine Richtung drängten weder politisch noch gesellschaftlich.

Staudtes Jugend war geprägt von Katastrophen und Revolution. Mit zwölf Jahren erlebte er das Ende des Ersten Weltkrieges und im Anschluss daran den Spartakus-Aufstand in Berlin, woran 1922 die erste Wirtschaftskrise der Weimarer Republik anknüpfte. Das mühsame Erheben Deutschlands und Berlins aus den politischen und wirtschaftlichen Krisen Anfang des 20. Jahrhunderts, der Neuanfang für Gesellschaft und Volk gepaart mit einer liberalen, freiheitlichen und nicht von bedingungsloser Treue und Gehorsam dem Staat gegenüber geprägten Erziehung schufen ein Selbstbewusstsein und ein gesundes Misstrauen gegenüber politischer Heilsversprechen, welches Staudte später ein Stück weit über die Ideologie und die Weltanschauungen der Nationalsozialisten herüberstehen ließ.8

Nachdem Staudtes Mutter an Leukämie starb, verließ er 1923 die Schule mit der mittleren Reife und wollte direkt auf eigenen Beinen stehen. Technische Produkte und die Freude am Rennsport, der Grund, warum er sich auch selber kurzeitig als Rennfahrer versuchte, waren seitjeher Dinge, die Freude und Begeisterung in dem späteren Regisseur auslösten. Es folgte ein Ingenieurstudium in Oldenburg, das Staudte jedoch nach zwei Jahren wieder abbrach. Der eher praktisch veranlagte junge Staudte zog daher wieder nach Berlin und begann ein Praktikum bei Mercedes Benz in Berlin.9

Kurze Zeit später fasste Staudte jedoch einen von da an lebensbestimmenden Entschluss: Er verwarf die Ausbildung, um eben wie sein Vater Schauspieler zu werden.

„Der Vater war über die Absicht und die deklamatorischen Versuche seines Sohnes entsetzt. Doch Wolfgang ging zu einer Theateragentur, um vorzusprechen. Ein Intendant hielt ihn für den Schauspieler [Fritz] Staudte von der Volksbühne und engagierte ihn als „ersten jugendlichen Helden“ an das Theater von Schneidemühl.“10

Fortan war Staudte sein Leben lang nur auf oder neben der Bühne bzw. vor oder hinter der Kamera zu finden, obwohl die Verwechslung mit seinem Vater, die ihm die Arbeitsstelle am Theater einbrachte, aufflog und er das Theater von Schneidemühl verlassen musste.

Staudte wurde jedoch vom Ehrgeiz gepackt und er nahm bei seinem Vater Übungsstunden, nachdem er nach Berlin zurückgekehrt war. Er konnte sich auf diese Weise und durch die Mithilfe seines Vaters ein Engagement an der Volksbühne erspielen. „In dieser Zeit trat er in Inszenierungen von Max Reinhardt, Piscator und Hartung auf. Außerdem erhielt er die ersten kleinen Filmrollen.“11 Das Ende der Weimarer Republik näherte sich und Adolf Hitler wurde in Deutschland immer populärer. Gerade Schauspieler und Künstler hatten es zu dieser Zeit schwer sich über Wasser zu halten und das ging auch nicht an Vater und Sohn Staudte vorbei. Fritz Staudte gründete ein Schauspieler-Netzwerk und verdiente mit kleinen Sketchen und selbstgeschriebenen Stücken sein Geld. Wolfgang Staudte hatte den Sprung ins Filmgeschäft geschafft und bestritt sein Lebensunterhalt ebenfalls mit der Schauspielerei oder mit Ton-Synchronisation12 „1933 entzog man ihm wegen seiner Mitwirkung an der Volksbühne und in den Stücken seines Vaters die Schauspielerlaubnis. Während dieses Verbots fand er eine Stellung in der Firma Rhytmoton, die als Sammelbecken für Unerwünschte galt.“13

1952 schrieb Staudte in einem Brief an Ulrich Seelmann-Eggebert über die Zeit der Machtergreifung Adolf Hitlers und die damit verbundenen Auflagen für Künstler, Schauspieler und andere politisch Aktive: „Ich wollte zu dieser Zeit nicht einsehen, daß ich als nunmehr kleiner Schauspieler, mir aus politischen Gründen Beschränkungen auferlegen sollte.“14 Staudte teilte nicht das faschistische Gedankengut des Regimes und wollte sich nicht auf dieses einlassen. Er trat keiner nationalsozialistischen Kulturorganisation bei und lieferte somit auch nicht den geforderten Loyalitätsbeweis und hielt sich weiterhin im Fadenkreuz der Nationalsozialisten auf.15 Der damalige Schauspieler konnte einige Gelegenheitsarbeiten ausführen und fand sich irgendwann im Rundfunk wieder. Er besaß außerdem eine äußerst modulationsfähige Stimme, die ihm einige Märcheninszenierungen im Radio einbrachte. Seine Karriere als Regisseur startete erst um 1935, als er verschiedene kleinere und größere Werbefilme zu drehen anfing.16 Staudte benutze diese Branche zu dieser Zeit um zum einen weiter kreativ arbeiten zu können und zum anderen, um nicht in die Fänge der Nationalsozialisten zu geraten. Staudte selbst formulierte in einem Interview mit Heinz Kersten, Egon Netenjacob, Eva Orbanz und Katrin Seybold am 13. März 1974 dazu folgende Sätze: „Ich habe zunächst so an die hundert Werbefilme gemacht für eine private Gesellschaft. Dabei wollte ich mich so unauffällig wie möglich über Wasser halten – nicht auffallen, das war mein Plan.“17 Dies gelang Staudte in der Anfangszeit, jedoch verlor er 1944 seine UK-Stellung und stand kurz vor der Abkommandierung an die Front. Das Propagandaministerium verbot seinen Film „Der Mann, dem man den Namen stahl“ - eine Satire über das Bürokratie-System in Deutschland. Nur weil Heinrich George, der damalige Intendant des Schiller-Theaters in Berlin Staudtes Regie bei dem Film „Frau über Bord“ mit Nachdruck forderte, durfte dieser weiter in Deutschland bleiben und lernte bei den Dreharbeiten Friedel Behn-Grund kennen, dem er das erste Mal von seiner Idee zu „Die Mörder sind unter uns“ bzw. damals noch „ Der Mann den ich töten werde“ erzählte.

2.2 1945 – 1984: „Die zweite Kariere“

Die Suche nach jemandem, der Staudtes Idee zu „ Der Mann den ich töten werde“ auf die Leinwand bringen kann, beginnt. Im Nachkriegsdeutschland gestaltet sich dieses Unterfangen, allerdings schwierig und so kommt es, dass die englischen, französischen und amerikanischen Kulturoffiziere sein Drehbuch allesamt ablehnen und er erst bei dem sowjetischen Vertreter auf Zuspruch und Interesse stößt.

„Die wochenlang akute Lebensgefahr; die Angst, entweder durch einen Bombenangriff oder von fanatisierten Landsleuten getötet zu werden; die Anspannung im Wechsel zwischen horchendem Warten im Versteck und riskanten Aktionen auf offener Straße"18

Dies alles scheint Wolfgang Staudtes Art, über sich selbst nachzudenken, nachhaltig verändert haben: „Und inzwischen muss mir doch wohl so etwas wie ein politisches Gewissen und damit auch ein Gefühl für die eigene Verantwortlichkeit entstanden sein“,19 sagte Staudte später rückblickend über sich selbst.

Im Mai 1946 beginnt Staudte „Die Mörder sind unter uns“ zu drehen. Nach der Filmpremiere überschlagen sich die Diskussionen und unteranderem wird Staudte vorgeworfen seinen künstlerischen Erfolg auf Kosten des deutschen Ansehens zu erringen, wohingegen der Film im Ausland die Möglichkeit bietet Vorurteile abzubauen und ein Deutschland nach Adolf Hitler anzunehmen.20 Dieser Film gebar nun endgültig den politisch aktiven Regisseur Wolfgang Staudte, der auch in den folgenden Jahren für verschiedene Film Gesellschaften (DEFA, REAL-Film, Omega, Bavaria) Filme drehte und damit verschiedene Preise gewinnen konnte, wie z.B. den silbernen Löwen in Venedig oder den Nationalpreis II Klasse der DDR.

Staudte drehte zwischen 1946 und 1951 mit „Rotation“ und „Der Untertan“ noch zwei weitere politisch brisante Spielfilme für die DEFA, die alle drei dieselbe Thematik der Trümmerstadt aufweisen und Staudtes Denkweise über die Schuldhaftigkeit der ehemals aktiven Nationalsozialisten aufzeigen.

Wolfgang Staudte hatte immerzu Schwierigkeiten, sich mit der DEFA über sein Filmwerk zu einigen, was 1948 darin gipfelte, dass zur Premiere seines neusten Filmes „Rotation“ die zensierte Version, die von Staudte unter großen Kompromissen erzwungen worden war, statt der originalen Filmversion dem Publikum gezeigt wurde. Der Film zeigt eine Szene in der Vater und Sohn zusammen die brennende Uniform des Sohns betrachten und der Vater währenddessen sagt: „Das war deine letzte Uniform!“ Des Weiteren gab es eine Original Sequenz Leni Riefenstahls gedreht bei den Münchner Olympiaspielen 1936, die ebenfalls gestrichen wurde. Staudte war besonders diese Szene von großer Bedeutung, da sie seine eigene Erinnerung wiederspiegelte.21 1951 sorgte Staudte mit „Der Untertan“ für einen weiteren Eklat rund um seine Filme. „Der Untertan“ durfte bis 1971 im Westen nur gekürzt gezeigt werden und war in den ersten fünf Jahren ganz verboten. Die Verfilmung des gleichnamigen Buches von Heinrich Mann bediente alle Klischees vom guten preußischen Untertan und Staudte wurde von der Bundespresse in extremer Form beschimpft.22 Zwar kommen in den drei DEFA Filmen soziologische oder ökonomische Perspektiven, gepaart mit größeren historischen Zusammenhängen vor, aber diese entsprechen weniger Staudtes Interessen. Die Zensur von „Rotation“ war Staudtes Grund bei der DEFA zu kündigen und auch später, als sie ihn mit lukrativen Angeboten und guten Arbeitsbedingungen umwarb, wollte er sich nicht mehr auf eine Zusammenarbeit mit der DEFA einigen. Stattdessen versuchte er durch den Film „Schicksal aus zweiter Hand“, der ihm von der REAL FILM angeboten wurde, den Kontakt zu den westdeutschen Produktionsfirmen nicht ganz abreißen zu lassen bzw. diesen zu intensivieren, was jedoch nur wenig von Erfolg gekrönt war.23

Anfang der 50-iger Jahre hatte Staudte also noch schweren Stand in der Bundesrepublik und da er von der Adenauer-Regierung als „Kommunist“ diffamiert wurde, unterbreitete ihm keine westdeutsche Filmgesellschaft zu dieser Zeit einen ernsthaften Auftrag. Erst 1954 wagte man dann von Seiten der DEFA und von Seiten der Bundesrepublik den Versuch eine Co-Produktion auf die Beine zu stellen, bei der der westdeutsche Produzent aus opportunistischen Gründen abbrach und eine schwedische Produktionsfirma das Projekt zu Ende führte.24 Dennoch ließ Staudte sich weiterhin nicht von der DEFA vereinnahmen und stand für ein kulturell geeinigtes Deutschland ein.25

Erst 1957 fing Staudte an in der BRD durch den zwei Jahre zuvor in Venedig erworbenen silbernen Löwen zusammen mit BAVARIA Hauptmanns „Rose Bernd“ zu verfilmen und wurde 1959 mit dem Film „Rosen für den Staatsanwalt“ für den Deutschen Filmpreis vorgeschlagen. Er lehnte es allerdings ab, diesen von einem „ehemaligen SA-Mann“ überreicht zu bekommen (dem damaligen Innenminister Schröder), woraufhin der Produzent Kurt Ulrich den Preis erhielt.26

Mitte der 60-iger Jahre fing die DEFA an, eigenen Nachwuchs zu beschäftigen und Staudte beschränkte sich von da an mit einigen Ausnahmen („Herrenpartie“, „Heimlichkeiten“, „Die Gartenlaube“) auf Fernsehfilme und brachte es 1978 zum Bundesverdienstkreuz. Er inszenierte zahlreiche Folgen der Krimiserien „Tatort“ und „Der Kommissar“ und starb schließlich am 03. März 1984 bei Außenaufnahmen zu dem Fünfteiler „Der eiserne Weg“ an Herzversagen.

[...]


1 Lehnhard, Uschi und Schmidt-Lehnhard, Alexander (Hrsg.): Courage und Eigensinn. Zum 100. Geburtstag von Wolfgang Staudte. St. Ingeberg 2006

2 Vgl: Kersten, Heinz: Filme bei der DEFA in: Stiftung Deutsche Kinematik (Hrsg.): Wolfgang Staudte. Berlin 1977. S. 9

3 Orbanz, Eva: Wolfgang Staudte über die Produktionsbedingungen seiner Filme in: Stiftung Deutsche Kinematik (Hrsg.): Wolfgang Staudte. Berlin 1977. S. 66

4 Knietzsch, Horst: Wolfgang Staudte. Berlin 1966. S. 8

5 Ludin, Malte: Wolfgang Staudte. Hamburg 1996. S. 9

6 EBD. Hamburg 1996. S. 9-10

7 Ludin, Malte: Wolfgang Staudte. Hamburg 1996. S. 11

8 Vgl: Knietzsch, Horst: Wolfgang Staudte. Berlin 1966. S. 9

9 Vgl: Orbanz, Eva: Biografie Wolfgang Staudte in: Stiftung Deutsche Kinematik (Hrsg.): Wolfgang Staudte. Berlin 1977. S. 182 (im Folgenden: Orbanz, Eva: Biografie W.S.)

10 Knietzsch, Horst: Wolfgang Staudte. Berlin 1966. S. 8

11 Orbanz, Eva: Biografie W.S. Berlin 1977. S. 182

12 Vgl. Ludin, Malte: Wolfgang Staudte. Hamburg 1996. S. 18

13 Orbanz, Eva: ebd

14 Brief an Ulrich Seelmann-Eggebert. 21.03.1952. Original im Archiv der Stiftung Deutsche Kinematik

15 Vgl: Knietzsch, Horst: Wolfgang Staudte. Berlin 1966. S. 9

16 Ebd.

17 Orbanz, Eva: Wolfgang Staudte über die Produktionsbedingungen seiner Filme in: Stiftung Deutsche Kinematik (Hrsg.): Wolfgang Staudte. Berlin 1977. S. 65

18 Lehnhard, Uschi und Schmidt-Lehnhard, Alexander (Hrsg.): Courage und Eigensinn. Zum 100. Geburtstag von Wolfgang Staudte. St. Ingeberg 2006, S. 19

19 Text aus dem Staudte Nachlass. In: Film und Fernsehen. 1986. Heft 9, S.39

20 Vgl: Orbanz, Eva: Biografie W.S. Berlin 1977 S. 184

21 Vgl: Wolfgang Staudte im Gespräch mit Ulrich Gregor und Heinz Ungureit. In: Ulrich Gregor (Hrsg): Wie sie filmen. Gütersloh 1966. Vorabdruck in Filmstudio. Heft 48. 1966. S.20

22 Vgl: Ludin, Malte: Wolfgang Staudte. Hamburg 1996. S. 55

23 Vgl: Orbanz, Eva: Biografie W.S. Berlin 1977S.185

24 Vgl: Orbanz, Eva: Biografie W.S. Berlin 1977S. 186

25 Vgl: Film und Fernsehen, Heft 9, 1986, S. 37

26 Vgl: Lehnhard, Uschi und Schmidt-Lehnhard, Alexander (Hrsg.): Courage und Eigensinn. Zum 100. Geburtstag von Wolfgang Staudte, St. Ingeberg 2006, S. 50, sowie Ludin, Malte: Wolfgang Staudte. Hamburg 1996. S. 76-78

Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668185500
ISBN (Buch)
9783668185517
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319343
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
Wolfgang Staudte Film Regisseur Nationalsozialismus Propaganda Staudte

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Titel: Leben und Werk des Filmemachers Wolfgang Staudte. Die zeitgenössische Rezeption seines Films „Die Mörder sind unter uns“