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Lucan. Pharsalia I 158-182. Übersetzung, Klausel, grammatische und stilistische Analyse und Interpretation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 21 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Analytischer Teil
1.1 Text und metrische Analyse
1.2 Übersetzung
1.3 Textkritische Analyse
1.4 Lexikalische Analyse und Kommentar
1.5 Grammatische Analyse

2 Interpretatorischer Teil

Schlussbemerkungen

3 Literaturverzeichnis

1. Analytischer Teil

1.1 Text und metrische Analyse

Als Textgrundlage für die Analyse wurde die Ausgabe von Badali (1992) verwendet. Es handelt sich um die Verse 158-182 aus dem ersten Buch der Pharsalia1

Hae ducibus ǀ2 causae: ǀ suberant ǀ sed publica bellī

semina, quae ǀ populos ǀ semper ǀ mersere potentis.

Namque, ut opes ǀ nimias ǀ mundo ǀ Fortuna subactō 160

intulit et ǀ rebus ǀ mores ǀ cessere secundis

praedaque et hostiles ǀ luxum ǀ suasere rapinae,

non auro ǀ tectisue modus, ǀ mensasque priores

aspernata ǀ fames; ǀ cultus ǀ gestare decoros

uix nuribus ǀ rapuere mares; ǀ fecunda uirorum 165

paupertas ǀ fugitur ǀ totoque arcessitur orbe,

quo gens quaeque perit; ǀ tum longos iungere fines

agrorum et ǀ quondam ǀ duro ǀ sulcata Camilli

uomere et antiquos ǀ Curiorum passa ligones

longa sub ignotis ǀ extendere rura colonis. 170

Non erat is ǀ populus, ǀ quem pax ǀ tranquilla iuuaret,

quem sua libertas ǀ inmotis pasceret armis.

Inde irae ǀ faciles ǀ et, quod ǀ suasisset egestas,

uile nefas ǀ magnumque decus ǀ ferroque petendum

plus patria ǀ potuisse sua ǀ mensuraque iuris 175

uis erat: hinc ǀ leges ǀ et plebis scita coactae

et cum consulibus ǀ turbantes iura tribuni;

hinc rapti ǀ fasces ǀ pretio ǀ sectorque fauoris

ipse sui ǀ populus ǀ letalisque ambitus urbi

annua uenali ǀ referens ǀ certamina Campo; 180

hinc usura uorax ǀ auidumque in tempora fenus

et concussa fides ǀ et multis utile bellum.

1.2 Übersetzung

Dies waren die Gründe, die bei den Anführern lagen; darunter aber lagen die öffentlichen Ursachen für den Krieg, welche mächtige Völker immer untergehen ließen.

Ja als Fortuna nach Unterwerfung der Welt zu große Reichtümer herbeibrachte und die Sitten vor den günstigen Umständen wichen, Beute und feindliche Raubzüge zu Ausschweifung rieten, da gab es kein Maß, Dinge aus Gold zu fertigen oder Häuser zu bauen.

Die Unersättlichkeit verschmähte die früheren Speisen; den Putz, der kaum für junge Mädchen zum Tragen angemessen war, rissen die ‚Männchen’ an sich; die Armut, (einst) echte Männer zeugend, wird gemieden und aus dem ganzen Erdkreis wird herbeigeschafft, woran ein jedes Volk zugrunde geht.

Dann verbindet man die weiten Grenzen der Äcker, und die Ländereien, die einst durch den harten Pflug eines Camillus durchpflügt wurden und die ehrwürdigen Hacken eines Curius hinnahmen, erstrecken sich weit unter ausländischen Bauern.

Nicht gab es mehr jenes Volk, welches der ruhige Frieden erfreuen konnte, welches seine Freiheit, ohne die Waffen bewegen zu müssen, ergötzte.

Daher kam es leicht zu Zornesausbrüchen, und das, wozu die Not geraten haben sollte, war ein geringer Frevel und es wäre eine große Ehre, mit dem Schwert zu erstreben, mehr als das Vaterland ausrichten zu können; und der Maßstab des Rechtes war die eigene Gewalt: von da an wurden die Gesetze und Volksbeschlüsse erzwungen und die Tribunen brachten zusammen mit den Konsuln die Rechtssprechung durcheinander.

Von da an wurden hohe Ämter für Geld an sich gerissen, und das Volk selbst war der Verkäufer seiner Gunst und der für die Stadt tödliche Ehrgeiz veranstaltete jährliche Wettkämpfe auf dem bestechlichen Marsfeld;

Von da an kam es zu gefräßigem Wucher und auf den Termin gierigen Zins.

Und nachdem das Vertrauen zerrüttet worden war, war der Krieg für viele nützlich.

1.3 Textkritische Analyse

a) 159 mersere] misere P: miscere P2

mis ē re wäre metrisch möglich, müsste dann aber simplex pro composito (cf. Leumann-

Hoffmann-Szantyr3 II, 2984 ) sein vielleicht in der Bedeutung von dimittere oder submittere (cf. ThLL VIII, mitto confunditur c. compositis 1162, 37, 49).

misc ē re wäre ebenfalls metrisch möglich, dann vielleicht in der Bedeutung von perturbare (cf. ThLL VIII, misceo, 1081, 56).

b) 168 duro] duri g Bentley1

Die Form duri würde sich grammatisch auf Camilli beziehen, während das im Text stehende duro auf vomere (V. 169) zu beziehen ist. Lucan charakterisiert u.a. auch Cato (II, 380) und Pompeius (VIII, 107) als durus.

Das Adjektiv auf vomer zu beziehen, halte ich an dieser Stelle jedoch für sinnvoller, da das nachfolgende Curiorum (V. 169, zum Plural s. 1.4, f) auch kein weiteres Attribut bei sich trägt, hingegen deren Sicheln (antiquos [...] ligones), also die Gegenstände, welche die Äcker aushalten (passa) mussten, sodass hier das Attribut durus auch wohl eher zu dem Pflug hinzugesetzt werden sollte.

Die Iunktur findet sich auch bei Vergil (Georg. III, 515).

c) 172 armis] arvis D1s Bentley1

inmotis müsste bezogen auf arvis soviel bedeuten wie ‚ungepflügt’, ‚unbeackert’ (cf. ThLL VII, immotus, 498,19), was inhaltlich an dieser Stelle nicht passen würde, da es ja darum geht, dass es kein Volk mehr gibt, das ohne Kriege (also mit ‚unbewegten Waffen’) seine Ruhe und seinen Frieden bewahren kann / will.

d) 173 quod] quem ps. Acro.

Bei quem müsste es sich um einen Accusativ der Person handeln (also nicht was geraten wird, sondern wem man rät) und müsste sich inhaltlich auf populus (das einzig mögliche Bezugswort) beziehen.

Das eigentlich mit dem Dativ konstruierte Verb suadere würde also hier transitiv verwendet werden; laut LHS (II, §42) sei der Übertritt eines Verbums in die andere Kategorie (also transitiver bzw. intransitiver Gebrauch) sehr verbreitet, wobei die Entwicklung in Richtung einer Zunahme von Transitiva gehe. Es würde sich in diesem Falle bei suadere also um eine Transitivierung eines Verbs mit ursprünglicher Dativrektion handeln. LHS führen aber an, dass das simplex suadeo erst seit Hadrian als Transitivum verwendet wurde (cf. §42b), also nach Lucan, allerdings ist nicht auszuschließen, dass dieses Phänomen bereits vorher auftreten konnte.

Jedoch ist dem im Text stehenden quod der Vorzug zu geben, da dieser Relativsatz das nachfolgende vile nefas näher erklärt und dadurch deutlich wird, was die egestas geraten haben soll.

Der Konjunktiv ist an dieser Stelle ein obliquer, drückt also die Meinung derer aus, die das von der egestas Geratene für ein vile nefas hielten.

e) 179 letalisque] fatalisque

Metrisch sind beide Formen möglich; Lucan verwendet beide Wörter auch gleich häufig in der Pharsalia (jeweils 6x);

inhaltlich ist der Unterschied zwar nicht so groß (cf. OLD letalis 2: causing death, fatal,

lethal), allerdings denke ich, dass die Entscheidung für letalisque daran liegt, dass Lucan den Begriff fatum (fatalisFATUM + -ALIS) (auch) vor dem Hintergrund der stoischen Philosophie im ganzen Werk als etwas Unabänderliches, nicht von den Menschen Beeinflussbares verwendet; wogegen der Begriff ambitus genau dies nahelegt.

[...]


1 Im Weiteren wird der Titel Pharsalia für Lucans Werk, Bellum Civile für Petrons Teil aus seinen Satyrica verwendet.

2 Im Text wurden alle möglichen Cäsuren eingezeichnet, da die Cäsursetzung oft diskutabel ist (cf. Boldrini , S.: Prosodie und Metrik der Römer, Stuttgart, Leipzig 1999, S. 94f.), und laut Drexler die Caesur sogar „[immer] [...] ihr Gewohnheitsrecht geltend [macht] und [...] es manchmal sogar gegen die syntaktische Gliederung zu behaupten [weiß]“ (Drexler, H.: Einführung in die Römische Metrik, Darmstadt 1967, S. 21), habe ich die m.E. (inhaltlich bzw. grammatisch) sinnhaften besonders markiert.

3 Im Weiteren mit LHS abgekürzt.

Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668181724
ISBN (Buch)
9783668181731
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319054
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Klassische Altertumswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Lucan Pharsalia Bellum civile Bürgerkrieg Rom Pompeius Caesar

Autor

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Titel: Lucan. Pharsalia I 158-182. Übersetzung, Klausel, grammatische und stilistische Analyse und Interpretation