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Das Phänomen der Kirchensteuer. Wie werden die Institutionen der majoritären Religionen in Europa finanziert?

Hausarbeit 2015 16 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Die Kirchensteuer in Deutschland

2. Methodik:
2.1 Zusammenstellung der Finanzierungsmodelle
2.2 Vergleich zwischen europäischen Staaten: 4 staatliche und demographische Faktoren

3. Die primären Finanzierungsmodelle von Religionsgemeinschaften in europäischen Staaten
3.1 Interpretation von Tabelle 1

4. Zwischenfazit

5. Staatliche/demographische Eigenschaften und Kirchensteuer
5.1 Interpretation der Tabelle 2
5.2 Der „Idealstaat für Kirchensteuer“

6. Problematiken und Forschungsansätze

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung: Die Kirchensteuer in Deutschland

Trotz der anhaltenden Diskussion darüber, ob die Religion in ihrem herkömmlichen Verständnis in der deutschen Gesellschaft ersetzbar geworden ist, ist unverkennbar, dass die Mitglieder der beiden großen christlichen Konfessionen, der evangelischen und römisch-katholischen Kirche, mit 61,1%[1] den größten Anteil der bundesdeutschen Bevölkerung bilden. Daneben gehören viele Personen kleineren Konfessionen oder anderen Religionen wie dem Islam an.

Unabhängig davon, wie viele Menschen ihre Religion tatsächlich ausüben, stehen die Angebote der beiden großen Kirchen nicht nur deren Mitgliedern offen: Gottesdienste, Gemeindeorganisation, Seelsorge, sowie die Leistungen von Caritas und der Diakonie sind nur einige Beispiele.

Ohne eine finanzielle Basis wären diese Leistungen nicht denkbar. Aus diesem Grund gibt es in Deutschland die Kirchensteuer, auch wenn die Bundesrepublik keine offizielle Staatskirche besitzt.[2] Die Berechtigung dazu wird in Art. 137 Abs. 6 der Deutschen Verfassung vom 11.08.1919 festgelegt, der durch Art. 140 GG Bestandteil des Grundgesetzes der BRD wurde:

(6) Die Religionsgesellschaften, welche Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind, sind berechtigt, auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen Steuern zu erheben.“

Wie es schon im Gesetzestext heißt, sind die Religionsgemeinschaften selbst, also nicht etwa der Staat, im Rahmen von National- und Landesgesetzen selbst berechtigt, Steuern von ihren Mitgliedern zu erheben. Dies tun sie bundesweit sowohl über verschiedene Besteuerungswege, als auch zu unterschiedlichen Steuersätzen, die sich an der Höhe der Einkommenssteuer, der Art des Einkommens und dem Wohnort des individuellen Steuerzahlers orientieren. In der Regel beläuft es sich dabei auf einen Steuersatz von 8% der Einkommenssteuer in Bayern und Baden-Württemberg und 9% in den anderen Bundesländern. Die zu entrichtende Summer wird dann vom zuständigen Finanzamt erhoben und an die betreffende Gemeinde bzw. Religionsgemeinschaft weitergeleitet.

Allerdings ist durch den Austritt aus der Kirche auch komplette Befreiung möglich – eine alternative Mandats - oder Kultursteuer existiert nicht.

Über die Kirchensteuer decken die Religionsgemeinschaften mit bis zu 85% den Großteil Ihrer Ausgaben.[3] Allein die Einnahmen der EKD ( Evangelische Kirche in Deutschland), zu der 20 evangelisch-lutherische Landeskirchen gehören, betrugen schätzungsweise 4,77 Milliarden Euro im Jahr 2013 durch die Kirchensteuer. Im Bezug auf die Gesamteinnahmen von ca. 9,93 Milliarden Euro sind das ca. 45,5%. Anhand dieser Zahlen ist der hohe Stellenwert dieser Einkommensquelle – in diesem Beispiel knapp die Hälfte des vollen Kapitals - erkennbar.[4]

Im gesamten europäischen Raum existiert eine Vielzahl von Glaubensrichtungen und Religionen, deren Institutionen diversen finanziellen Ausgaben gegenüberstehen. Auch hier wird eine monetäre Basis benötigt, auf der die mannigfaltigen Systeme fußen können.

Wie aus dem o.g. Beispiel ebenfalls hervorgeht, gibt es auch andere Möglichkeiten für Religionsgemeinschaften, damit diese ihren Unterhalt bestreiten können. Mit der Frage, wie die Finanzierungsmodelle im Europäischen Umland gestaltet sind, soll sich diese Ausarbeitung im Folgenden befassen. Außerdem soll nach Einflüssen gesucht werden, die das Erscheinen einer Kirchensteuer oder äquivalenten Besteuerungsform positiv beeinflussen. Ein optimales Ergebnis wäre erreicht, wenn durch die gewonnenen Erkenntnisse in dieser Arbeit das Modell eines europäischen Staates auszumachen wäre, in dem eine Kirchensteuer sehr wahrscheinlich wäre, da sich in ihm alle dafür günstigen Eigenschaften bündeln.

2. Methodik:

2.1 Zusammenstellung der Finanzierungsmodelle

Die Forschungsfragen sollen beantwortet werden, indem zunächst eine tabellarische Übersicht der Finanzierungsmodelle von Religionsgemeinschaften in europäischen Staaten aufgestellt wird, wobei „Kirchensteuer“, „Finanzierung durch Spenden“ und „Staatliche Subvention“ sowie „Sonstiges & Erlös aus eigener Arbeit“ auf Basis der Recherche[5] als relevante Modelle zu erachten sind. Sollte es dem Status quo in einem Staat entsprechen, sind auch Kombinationen möglich. Da sich die einzelnen nationalen Rechtsgrundlagen voneinander unterscheiden, und beispielsweise die Kirchensteuer in verschiedenen Staaten unterschiedliche Charakteristika aufweisen können, sei als Kirchensteuer in dieser Gegenüberstellung eine verpflichtende steuerliche Abgabe für Kirchenmitglieder definiert, deren Erlös den Religionsgemeinschaften zukommt. Die Finanzierungen durch staatliche Subvention hingegen werden demzufolge nicht durch eine solche, spezifische Steuer ermöglicht. Hierzu zählen beispielsweise speziell angelegte Kirchen- und Kulturbudgets, Fonds oder staatliche Unterstützungsprogramme. Die Spenden letztendlich umfassen sämtliche Zuwendung von Dritten aus eigener Initiative heraus, oder im Kontext klerikaler Aktivitäten ( Kollekten, Aufrufe...), und der Erlös aus Eigener Arbeit kommt beispielsweise durch kostenpflichtige Dienstleistungen wie Seelsorge oder durch Verkaufserlöse zu Stande.

In diese Zusammenstellung halten nur Finanzierungswege Einzug, die einen wesentlichen Beitrag zum Existenzerhalt von Religionsgemeinschaften leisten. Kleinere, unregelmäßige staatliche Subventionen oder größere einmalige Zahlungen werden nicht berücksichtigt, da sie sich nur sehr schwer systematisch abbilden lassen. Zudem liefern viele Quellen nur Informationen über die Finanzierung der lokal majoritären christlichen Institutionen, nicht aber über islamische, jüdische oder andersartige Minderheitsreligionen[6]. Im Fokus der Forschungsfrage ist dies jedoch belanglos.

2.2 Vergleich zwischen europäischen Staaten: 4 staatliche und demographische Faktoren

Im Anschluss an diese Zusammenstellung und eine kurze deskriptive Auswertung werden die untersuchten Staaten in Bezug auf die 4 folgenden Eigenschaften analysiert:

1. Die Fragmentierung der Religionen: Wie viele Religionen haben im jeweiligen Staat eine hohe Mitgliederzahl mit mehr als 10% der Gesamtbevölkerung ?

Menschen ohne eingetragene Religionsmitgliedschaft fallen bei dieser Untersuchung nicht ins Gewicht, da sie bei potentiellen Steuerzahlungen außen vor blieben, und deren Angebote wahrscheinlich auch weniger nutzen. Religionen, die eigenständig keine 10% erreichen, werden so lange mit anderen Religionen unter 10% zusammengefasst, bis 10% erreicht sind. Dies geschieht, um die gesamte nationale Bevölkerung in die Analyse mit einzubeziehen.

Eine stark fragmentierte religiöse Bevölkerung und ein somit anteilig geringerer Mitgliederkreis majoritärer Religionen könnte Auswirkungen auf die Finanzierungsmodelle der Religionsgemeinschaften haben, da deren Bedarf durch unterschiedlich große Ausgaben und Angebotsleistungen verschieden hoch ausfallen könnte, was möglicherweise eine einheitliche Besteuerung erschwert. In diesem Fall wäre auch ein erhöhtes Konfliktpotential bei deren Wettbewerb um begrenzte staatliche Mittel denkbar.

[...]


[1] Ergebnis des Zensus der statistischen Ämter 2011

[2] Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 1 WRV

[3] Vgl. Petersen (2015), SS. 27, 42,51, 77

[4] Dossier 1 der EKD zu den Finanzen der evangelischen Kirche 2013

[5] Vgl. Petersen (2009), S. 45-48

[6] Ausnahme: Türkei, siehe Topbaş (2006) S. 1-4

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668181489
ISBN (Buch)
9783668181496
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318899
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Kirchensteuer Vergleich international begünstigende Umstände Zakat Spenden

Autor

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