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Identitätskonstruktionen jüdischer Protagonisten der Zweiten Generation in Robert Schindels Roman „Gebürtig“

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Definition des Begriffs „Identität“
2.1 Allgemeines
2.2 Zur Konstruktion jüdischer Identität nach der Shoah

3. Jüdische Identitätskonstruktionen in Robert Schindels Roman „Gebürtig“
3.1 Bipolarität und Gegensätzlichkeit als zentrale Gestaltungskriterien
3.2 Äußere Faktoren zur Identitätskonstruktion
3.3 Konstruktion jüdischer Identitäten bei ausgewählten Figuren der Zweiten Generation
3.3.1 Emanuel Katz
3.3.2 Mascha Singer
3.3.3 Paul Hirschfeld
3.3.4 Daniel Demant

4. Abschlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Eigentlich bin ich Jude bloß, weil die anderen mich dazu gemacht hatten, Hitler und die von ihm Erzogenen.“[1] (Robert Schindel zur jüdischen Identität). Wie definiert sich jüdische Identität nach der Shoah? Wie wird Identität im Prosawerk jüdischer Autoren der Zweiten Generation konstruiert und erzählt? In der vorliegenden Arbeit sollen Identitätskonstruktionen fiktiver jüdischer Figuren in Robert Schindels Roman „Gebürtig“ untersucht und analysiert werden. Bei diesen Protagonisten handelt es sich um österreichische Juden der Zweiten Generation, also solchen, die nach der Shoah geboren wurden oder aufwuchsen und für die die Ereignisse der Shoah in Bezug auf Identitätssuche und -entwicklung prägend waren. Der textbezogenen Analyse wird zunächst ein Theorieteil vorangestellt, in dem allgemeine und spezifisch jüdische Identitäts-konstruktionen, auch unter Einbezug von Thesen des Autors Robert Schindel selbst, erläutert werden. Weiterhin sollen Erzählstil und Darstellungsweisen in die Untersuchung einbezogen werden. In den Schlussbetrachtungen werden die Ergebnisse kurz zusammengefasst und reflektiert.

2. Zur Definition des Begriffs „Identität“

2.1 Allgemeines

Unter Identität versteht man im [2] allgemeinen Sinne die „Identität des Menschen mit sich selbst und zum anderen die Identifikation mit anderen Menschen und ihren Gruppen-zielen.“[3] Identität wird also vor allem durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe definiert, oft konstituiert sich erst daraus ein subjektives „Ich“-Identitätsbild, das aber keineswegs stabil sein muss, sondern sich, etwa durch äußere Einflüsse oder Ereignisse, immer wieder neu generieren kann. Identität wird nicht als etwas grundsätzlich gegebenes Konstantes und Stabiles begriffen, sondern unterliegt ständiger Veränderung und Entwicklung. Für die vorliegende Arbeit grundlegend möchte ich Ralf Drewes‘ Identitätsbegriff anführen: Er definiert Identität als subjektive Konstruktion eines Individuums über die eigene Person […], die dazu dient, die Fülle der individuellen Erfahrungen kohärent zu organisieren und der individuellen Biographie Kontinuität und Einzigartigkeit zu verleihen.[4]

Dieser eher aktiven, subjektbezogenen Definition von Identität aus psychologischer Perspektive möchte ich kurz ein Zitat Robert Schindels gegenüber stellen: „Vermutlich ist Identität lediglich Zuschreibung.“[5] Schindel betrachtet Identitätsbildung demnach als eher passivischen Akt, in welchem dem stärker mit Objektcharakter assoziierten Individuum eine Identität zugeschrieben wird, die vornehmlich auf Fremdwahrnehmung beruht, und die das Individuum für sich anerkennt und adaptiert – „Subjektwerdung des Einen durch die Objektsetzung des Anderen.“[6]

2.2 Zur Konstruktion jüdischer Identität nach der Shoah

„Zur jüdischen Identität außerhalb des Glaubens gehört, [7] daß alle Welt weiß, was ein Jud ist, eine Jüdin, bloß die Juden wissen es nicht.“[8] Definiert sich ein Angehöriger jüdischen Glaubens also nicht über seine Konfessionszugehörigkeit, sondern lebt säkularisiert, scheint es schwierig, die Frage nach der jüdischen Identität eindeutig zu klären. Eine kollektive Identität, basierend auf einem gemeinsamen Glauben und einem Leben in religiöser Gemeinschaft, ist in diesem Falle nicht verfügbar.

Bereits vor der Shoah lebten zahlreiche Juden assimiliert und akkulturiert, definierten ihre Identität also weniger über ihre Angehörigkeit zum Judentum, „identitätsbestimmend wurde […] immer mehr die Zugehörigkeit zu der sie umgebenden nationalen und nichtjüdischen Gemeinschaft“[9]. Durch die zwanghaften antisemitischen, von außen im wahrsten Sinne des Wortes aufgestempelten Deklarationen zum Juden durch die National-sozialisten – seit 1935 war durch die ‚Nürnberger Rassengesetze‘ juristisch festgelegt, welche Personen und Personenkreise als Juden zu gelten hatten, unabhängig davon, ob die Betroffenen sich selbst als solche bezeichneten – eröffnete sich die Möglichkeit eines identitätsbildenden Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft, auch wenn man säkularisiert lebte: „Die Identifikation mit der jüdischen Glaubensgemeinschaft, der ‚In-Group‘, wurde durch die Angriffe der nichtjüdischen ‚Out-Group‘ […] verstärkt.“[10] Ein Gruppenzugehörigkeitsgefühl war durch die feindliche, von außen dringende Definition als Jude, durch die gemeinsam erlebte Diskriminierung, Verfolgung, durch ein gemeinsames Schicksal entstanden.

Nach der Deportation, Lagerhaft und Ermordung von Millionen Juden, selbstbekennenden und dazu ernannten, durch die Nationalsozialisten wurde die Shoah zum Schlüsselereignis in der jüdischen Identitätsbildung, weil durch den Mord an Millionen Juden die jüdische Identität als solche so existenziell bedroht worden sei, daß es sie nicht mehr selbstverständlich geben könne. Während die jüdische Identität vor der Shoah unzählige (auch trennende) Ausdrucksformen hatte, ist die Shoah nun dasjenige Ereignis, das bei allen gleichermaßen als ein Problem präsent ist und somit einen „sense of community“ hervorgebracht hat.[11]

Das tiefgreifende Geschehen der Shoah mit den Folgen und Auswirkungen, die noch Generationen später präsent sind wie etwa Verluste von Familienmitgliedern, sind demnach ein zentraler Punkt in der Definition jüdischer Identität als Gruppenidentität nach 1945. So schreibt die Literaturwissenschaftlerin Ariane Eichenberg zur Identitätsbildung bei Angehörigen der Zweiten Generation:

Der Assimilationsprozess und der Massenmord haben den sozialen Körper aufgelöst. Und doch scheint die Bereitschaft zur Bildung einer kollektiven Identität und das Bewusstsein, dass es eine solche gegeben hat und geben muss, sehr groß – auch wenn Form und Ausprägung derselben unklar sind.[12]

Diese unterschiedlichen Formen und Ausprägungen der jüdischen Identität nach der Shoah finden sich bei den Protagonisten in Robert Schindels Roman „Gebürtig“. Sie sind während oder nach der Shoah geboren und beziehen unterschiedlich Position zu ihrer ‚Gebürtigkeit‘ als Jude. Ihre Angehörigkeit oder auch nur Nähe zum Judentum bereiten Probleme in einer klaren Identitätsfindung sie sind verunsichert, verhalten sich provokant, passiv-aggressiv, radikal ablehnend oder demgegenüber gleichgültig. An und mit ihnen werden verschiedene Aspekte, besonders aber auch die Probleme und Schwierigkeiten in der jüdischen Identitätsbildung nach der Shoah erzählt:

Das Erkennen nicht nur innersubjektiver, sondern auch intersubjektiver Differenzen, die Wahrnehmung ihrer äußeren Entfremdung und inneren Fremdheit ist die zentrale Erfahrung von Robert Schindels Figuren […] Seine Protagonisten sind moderne Subjekte, sich sowohl ihrer Zerrissenheit, als auch metaphysischer Obdachlosigkeit bewußt. […] Im Spannungsfeld von Schuld und Unschuld bzw. Mitschuld und Mitunschuld […] figurieren sie als Repräsentantinnen und Repräsentanten eines bestimmten Diskurses, erlauben es so dem Autor, beinahe lückenlos alle erdenklichen Facetten der Diskussion zu evozieren.[13]

3. Jüdische Identitätskonstruktionen in Robert Schindels Roman „Gebürtig“

Im folgenden Teil der Arbeit werden zunächst allgemeine Thesen zur Romankonstruktion vorgestellt, danach äußere Faktoren zur Identitätsbildung bei den fiktiven jüdischen Protagonisten beschrieben – hierbei sind zum Beispiel Aspekte wie die klischeebehaftete Namensgebung oder stereotypen äußeren Merkmale, die Juden charakterisieren sollen, zu nennen. In einem zweiten Teil der Analyse werden ausgewählte Protagonisten in Bezug auf ihre jüdische Identität untersucht, auch auf ihre geschlechtlichen Beziehungen soll dabei eingegangen werden. Hier wurden die Figuren Daniel Demant, Emanuel Katz, Mascha Singer und Paul Hirschfeld ausgewählt, da sie alle der Zweiten Generation entstammen und sehr unterschiedliche, ja konträre Positionen in ihrer jüdischen Identität einnehmen.

Bei der Untersuchung möchte ich auch auf die Fragestellung Bezug nehmen, die zu Beginn dieses Kapitels in der Problematik der Identitätskonstitution aufgeworfen wurde: Basieren die jüdischen Identitätskonstruktionen der Zweiten Generation auf der Adaption zugeschriebener Fremdwahrnehmung oder handelt es sich hierbei um einen vom Subjekt ausgehenden, aktiven Vorgang? Dies soll in den Schlussbetrachtungen kurz reflektiert werden.

3.1 Bipolarität und Gegensätzlichkeit als zentrale Gestaltungskriterien

Robert Schindels Roman „Gebürtig“ ist geprägt durch eine Romankonstruktion, die in die Fülle von Handlungssträngen und Erzählebenen, in den Reigen der Protagonisten und in die verschiedenen Zeiten, die erzählt werden, eine Struktur bringt; hierbei handelt es sich um das Gestaltungsmittel der Bipolarität.

Diese zeigt sich in mehreren Instanzen und ist wohl am auffälligsten in der Splittung der Erzählerfigur in Daniel Demant und seinen fiktiven Zwillingsbruder bzw. Alter Ego Alexander Demant alias Sascha Graffito.[14] Diese Spaltung markiert eindeutig die Distanz zwischen der handelnden Figur Daniel und der schreibenden Instanz Sascha:

Ich hab mir nun mal vorgenommen zu notieren statt zu handeln. Wäre Danny nicht Zwillingsbruder, nie hätte ich es geschafft, das Leben ihm zu überlassen und allwissend und allfühlend auf dem Hintern sitzen zu bleiben[15], schreibt Letzterer und offenbart damit explizit die zweigeteilte Konstruktion der Erzählerfigur. Dahingegen steht Daniel „mitten im Wiener Leben, weswegen er auch zum Schreiben nicht taugt“[16]. Aufgrund dieser ausdrücklichen Trennung zwischen der notierenden, kaum handelnden Erzählerinstanz Sascha und dem aktiven Protagonisten Daniel wird ausschließlich Letzterer unter Punkt 3.3.4 in Bezug auf seine jüdische Identität untersucht.

Weiteres Gestaltungsmerkmal der Bipolarität ist die paarweise Zuordnung der Figuren zu- einander, nahezu „jeder jüdischen ist eine nichtjüdische zugeteilt.“[17]

Die jüdische Hauptfigur Daniel Demant unterhält eine Beziehung zur Christin Christiane Kalteisen, die Jüdin Mascha Singer und der Österreicher Erich Stiglitz bilden bereits im Prolog eine solche Figurenkonstellation, Emanuel Katz hat „ein an Sucht grenzendes Faible für schlanke Riesendamen entwickelt, je deutscher desto lieber“ (27).

Bildlich wird die Bipolarität im Prolog, der mit dem Titel „Doppellamm“ (7) überschrieben ist und in dem die Angehörigen der österreichischen Gesellschaft quasi als Lämmer mit zwei Köpfen beschrieben werden – hier spielt wohl eine Konnotation von Unschuld ein, die sowohl Opfer- als auch Täterkinder für sich beanspruchen dürfen. In Gedichtstrophen, die den Unterkapiteln des Prologs vor- und nachgestellt sind, wird deutlich, wie die Ereignisse der Shoah die österreichische Gesellschaft der nachfolgenden Generation, also nach 1945, in eine Gesellschaft von Opfern und Tätern, von Opferkindern und Täterkindern teilten - und so also die Frage von Schuld und Unschuld bzw. Mitschuld und Mitunschuld aufgeworfen wird. Es wird deutlich, dass in der Zweiten Generation keine klare Grenze mehr zwischen diesen scheinbar so antagonistischen Polen gezogen werden kann – eine der Problematiken, mit der die Protagonisten in Bezug auf ihre Identität mitunter besonders zu kämpfen haben: „Da steht das Lamm mit zwei Köpfen/ Will erbleiben, zugleich erröten/ Um sich dabei nicht zu erschöpfen/ Sind beide Köpfe vonnöten“ (12).

Im Prolog wird außerdem konkret die Frage nach der Identität der Protagonisten aufgegriffen:

In Herz und Lunge sitzen Glaube und Aberglaube, welche sich im Hirn als IDENTITÄT und ICHSEIN ausdrucken. Wenn die Lämmer sich dann benennen, führt ein jedes vor seinem Eigennamen ein HÖRT HÖRT oder WEDER VERWANDT NOCH VERSCHWÄGERT als Titel. (9)

[...]


[1] Schindel, Jüdisches Gedächtnis, S. 112.

[2] Im ersten theoretischen Teil der Arbeit orientiere ich mich weitgehend an dem von Helene Schruff verwendeten Identitätsbegriff und der von ihr erläuterten jüdischen Identitätskonstruktionen, da sie sich explizit mit Prosawerken jüdischer Autoren der Zweiten Generation beschäftigt und ihr Werk einen guten Überblick über diese Thematik vermittelt. Zur genaueren Definition des Identitätsbegriffs etwa aus psychologischer Perspektive siehe beispielsweise Stroß, Annette M.: Ich-Identität. Zwischen Fiktion und Konstruktion, Berlin 1991.

[3] Schruff, Wechselwirkungen, S. 33.

[4] Drewes, Ralf: Identität. Der Versuch einer integrativen Neufassung eines psychologischen Konstruktes, Münster/New York, 1993, S.7; zit. nach: Schruff, Wechselwirkungen, S.36.

[5] Schindel, Wuschel, S. 11.

[6] Kernmayer, Gebürtig Ohneland, S. 174.

[7] In diesem Kapitel beschäftige ich mich vorrangig mit der Konstruktion jüdischer Identität nach der Shoah, da dies für die folgenden Analysen relevant ist. Für einen weitergehenden Überblick siehe Schruff 2000, S.37-52.

[8] Schindel, Wuschel, S. 17.

[9] Eichenberg, Familie – Ich – Nation, S.156.

[10] Schruff, Wechselwirkungen, S. 42.

[11] Ebd., S. 45.

[12] Eichenberg, Familie – Ich – Nation, S.156.

[13] Kernmayer, Gebürtig Ohneland, S. 175f.

[14] Hier möchte ich mich der vielfach in der Forschungsliteratur vertretenen Meinung anschließen, die Alexander Graffito als Alter Ego von Daniel Demant betrachtet, vgl. dazu etwa Kernmayer, Gebürtig Ohneland, S.187 oder Posthofen, Erinnerte Geschichte, S. 205.

[15] Schindel, Gebürtig, S.99. Im Folgenden werden Zitate aus dieser Ausgabe unter Angabe der Seitenzahl im Text nachgewiesen.

[16] Posthofen, Erinnerte Geschichte, S.205.

[17] Scheidl, Renaissance des ,jüdischen‘ Romans, S.137.

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668179349
ISBN (Buch)
9783668179356
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318781
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Identität Juden Identitätskonstruktion Robert Schindel Gebürtig

Autor

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Titel: Identitätskonstruktionen jüdischer Protagonisten  der Zweiten Generation in Robert Schindels Roman „Gebürtig“