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Steadycam versus Brushless Gimbal. Unterschiede in der Technik, Handhabung und Ästhetik verschiedener Kameratechnologien

Bachelorarbeit 2014 137 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Entstehungsgeschichte der Steadicam
2.1 Garrett Brown
2.2 Entwicklung unterder Originallizenz
2.3 Weiterentwicklung des Grundprinzips
2.3.1 Gyroskop
2.3.2 Steadicam Tango
2.3.3 AR-System von MK-V
2.3.4 SkyCam

3 Funktionsprinzip der Steadycam
3.1 Grundkomponenten
3.1.1 Weste
3.1.2 Arm
3.1.3 Rig
3.2 Balance und Konfiguration
3.3 Bedienung

4 Ursprünge der elektrischen Gimbal-Systeme
4.1 Geschichte
4.2 Übersicht aktueller Hersteller und Systeme

5 Funktionsprinzip elektrischer Gimbal-Systeme
5.1 Aufbau
5.2 Balance und Konfiguration
5.2.1 Physikalische Balance
5.2.2 Software-Konfiguration
5.3 Bedienung
5.4 Brushless Gimbals

6 Vergleich beider Techniken mit Fokus auf die Ästhetik
6.1 Versuchsaufbau
6.2 Verwendete Systeme und Technik
6.3 Plansequenz
6.4 Umfrage
6.5 Ergebnisse der Umfrage
6.5.1 Seite 1 der Umfrage
6.5.2 Seite 2 der Umfrage
6.5.3 Seite 3 der Umfrage
6.5.4 Seite 4 der Umfrage
6.5.5 Teilnehmer-Informationen

7 Analyse der Umfrageergebnisse

8 Vor- und Nachteile beider Systeme

9 Blick in die Zukunft

10 Fazit

Quellenverzeichnis

Anlagen

Abstract

Der Technologie der Kamera-Gimbal wird von manchem das Potenzial zugesprochen, die Steadycam abzulösen. Andere zweifeln das hartnäckig an und verweisen auf technische Nachteile. In dieser Arbeit sollen die beiden Technologien einander gegenübergestellt und untersuchetwerden, worin die Unterschiede in Technik, Handhabung und Ästhetik liegen.

Hinweis

Alle genannten Markennamen und Bezeichnungen sind eingetragene Warenzeichen ihrer Eigentümer, auch wenn nicht als solche gekennzeichnet. Die aufgeführten Markennamen und Warenzeichen dienen rein zu Informationszwecken.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das Funktionsprinzip eines Hebels

Abbildung 2: Die Komponenten eines Rigs am Beispiel der Steadicam Archer 2

Abbildung 3: Ist das Rig optimal ausbalanciert, erkennt man die Symmetrie hinter dem physikalischen Prinzip. Deshalb ist es hilfreich, die Kamera und ihr Zubehör selbst möglichst symmetrisch aufzubauen. Dadurch wird die Ausrichtung von Monitor und Akkus einfacher: Wird eine Linie von den äußeren Ecken der gedachten Boxen zueinander gezogen, so durchlaufen diese den Post knapp unterhalb des Angriffspunktes des Gimbals. Bei einer gedachten vertikalen Linie von der geschätzten Position des schwersten Linsenobjekts innerhalb der Optik nach unten steht der Monitor mit circa einem Drittel über. Dies gilt in ähnlicher Weise für die Positionierung der Akkus.

Abbildung 4: MöVi-OperatorNorbert Blenk, Kamera-Assistentin Katharina Scharinger und Steadicam-Operator Matthias Bender (v.l.n.r.)

Abbildung 5: Floorplan der Plansequenz in der ehemaligen Kulissenstraße der TV-Serie „Marienhof

Abbildung 6: Ausschnitte der gedrehten Sequenzen (Format wurde angepasst)

Abbildung 7; Auswertung von Frage 2 auf Seite 1

Abbildung 8: Auswertung von Frage 2 auf Seite 2

Abbildung 9: Auswertung von Frage 2 auf Seite 3

Abbildung 10: Auswertung von Frage 2 aufSeite 4

Abbildung 11: Demografische Daten der Umfrage-Teilnehmer

Abbildung 12: Die Verteilung der verschiedenen Arbeitsbereiche

Abbildung 13: Übersicht der Vor- und Nachteile

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1:Auszug bekannter Hersteller und deren Gimbal-Systeme. Darüber hinaus wurden viele Systeme angekündigt oder werden aktuell entwickelt.

Tabelle 2: Die Aufteilung der Online-Umfrage

Tabelle 3: Auswertung von Frage 1 auf Seite 1

Tabelle 4: Auswertung von Frage 1 auf Seite 2

Tabelle 5: Auswertung von Frage 1 auf Seite 3

Tabelle 6: Auswertung von Frage 1 auf Seite 4

1 Einleitung

Schon seit es Filme gibt, faszinieren sie Menschen auf besondere Weise. Die Möglichkeit, in eine fremde Welt einzutauchen, eine abenteuerliche und gefährliche Geschichte mitzuerleben oder das Schicksal eines anderen Menschen teilen zu können, fesselt und begeistert die Zuschauer seit jeher.

Dabei hat sich der Film bis heute stark weiterentwickelt und verändert. Der Tonfilm oder später auch der Farbfilm waren wohl zwei der großen Meilensteine auf dem Weg zu dem, was heute als Film verstanden wird. Erzählgeschwindigkeit, Schnittfrequenz und Kamerabewegung haben sich über die Jahre immer weiter beschleunigt. Das war zu Beginn des noch recht jungen Mediums Film noch ganz anders. In den 1950er-Jahren des 20. Jahrhunderts bevorzugten viele Kameraleute in Hollywood Kameras der Firma Mitchell.[1] Betrachtet man heute Bilder von damals, fällt eine Besonderheit dieser Kameras sofort ins Auge: die unheimliche Größe.

Ende der 1950er-Jahre kam mit der 35-mm-Arriflex-Kamera von Arnold & Richter die erste große Weiterentwicklung.[2] Diese große Erfindung bestach dadurch, dass die Kamera im Grunde recht klein und handlich war. Damit wurden folglich handgeführte Kameraaufnahmen möglich und für Kamerabewegungen waren nicht länger monströse Dollys, Kräne oder andere Vehikel nötig. Diese neu gewonnene Freiheit hatte einen ganz praktischen und ökologischen Vorteil: Der Einsatz der Handkamera sparte im Vergleich zum Dolly Zeit und bares Geld, denn das Verlegen von Schienen zählt bis heute mit zu den zeitaufwendigsten Umbauarbeiten am Set. Natürlich entstand auch eine neue Ästhetik der Bewegung durch die Handkamera. Heute würden diese Bilder vielle[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]cht salopp[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]ls wa[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]kel[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]g o[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]er dokumentarisch bezeichnet werden. In den sechziger Jahren entwickelte sich jedoch daraus der Stil des „cinéma vérité“, welcher bis heute existiert.[3]

Mehr als ein Jahrzehnt waren die Aufnahmen der Handkamera nicht nur billig, sondern auch gerne gesehen. Anfang der siebziger Jahre folgte dann die nächste Revolution, welche die wacklige Kamera der sechziger Jahre ablösen sollte. Garrett Brown entwickelte zusammen mit Ingenieuren von Cinema Products Ine. ein System mit dem Namen „Steadicam“.[4] Dieses vereinte die sauberen und wackelfreien Bilder einer Dollyfahrt mit dem ökonomischen Vorteil der Handkamera. Die Steadicam nutzt dabei das physikalische Prinzip der Masseträgheit, um die Kamera zu stabilisieren, und ist dabei durch einen Federarm mit dem Operator verbunden. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Erfindung immer häufiger zum Einsatz kam und damit die heutige Erzä[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]lweise der[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]amera mit gep[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]ägt hat. Im Jahr 1977 erhielt Garrett Brown mit zwei Kollegen für die Erfindung der Steadicam den Oscar im Bereich Technik.[5]

Die von Garrett Brown lizenzierte Originalversion trägt den Namen Steadicam und wird bis heute mit ,,i“ geschrieben. Die Bezeichnung Steadycam mit „y“ wird in der Fachliteratur als Überbegriff für diese Art der Kamerastabilisierung verwendet und umfasst damit auch alle Nachbauten und Konkurrenzprodukte, die seit Ablauf der Patente auf den Markt kamen.

Seit Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist die Elektronik in allen Lebensbereichen auf dem Vormarsch. Computer, Smartphones und das Internet nehmen zunehmend Einfluss auf den Alltag der Menschen. Auch in der Filmbranche hat die Digitalisierung vieles verändert. Mit diesem Schwung an neuen Möglichkeiten gehen auch Innovationen im Bereich der Kamerastabilisierung einher. Seit einiger Zeit sind sie auf dem Vormarsch: sogenannte Gimbals. Ein einheitlicher Überbegriff für diese noch sehr junge Technologie hat sich bisher noch nicht durchgesetzt. Diese elektronischen Stabilisationssysteme haben ihren Ursprung im Bereich der Luftaufnahmen.[6] Dort stabilisieren sie Kameras unter flugtauglichen Modellen. Die ersten Modelle h[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]tten dabei[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]rimär nur die Aufgabe, die Kamera in der Waage zu halten, unabhängig davon, ob das Flugobjekt über ihr in Schieflage gerät. Um brauchbares Bildmaterial zu erhalten, ist aber eine zusätzliche Stabilisation der Kamera zwingend notwendig, weil vor allem die Vibrationen der Motoren auf die Kameras übertragen werden. Diese Weiterentwicklung war also eine rein logische Konsequenz.

Nicht zuletzt die Verbreitung videofähiger digitaler Spiegelreflexkameras sorgte dafür, dass die Nachfrage nach geeigneten Kamerastabilisierungen für den Einsatz unter Fluggeräten anstieg. Durch die großen Sensoren der Kameras konnte nun mit vergleichsweise günstigem Equipment tolle Aufnahmen mit geringer Tiefenschärfe erzielt werden, welche zuvor nur in hochwertigen Produktionen zu sehen waren. Ein weiterer Vorteil waren die Wechselobjektive, die einfach mit den Kameras kombiniert werden konnten. So existierte nun eine attraktive und günstige Kamerasparte, die kompakt und leicht genug war, um von größeren Flugmodellen transpotiert zu werden.

Schnell wurden die neuen Stabilisierungssysteme steuerbar, sodass neben dem Pilot ein zweiter Operator via Fernsteuerung die Kamera in alle Richtungen lenken konnte. Die aktuellste Form der Kamera-Gimbal wird Brushless Gimbal genannt und bezieht sich mit ihrem Namen auf eine Besonderheit der verbauten Motoren. Die Gimbal-Technik ist natürlich nicht nur in Kombination mit einem Fluggerät verwendbar. Selbstverständlich kann ein Kamera-Gimbal auch einfach von einer Person getragen werden, auch hier wird das Bild der Kamera optimal stabilisiert.

Der Technologie der Kamera-Gimbal wird von manchem das Potenzial zugesprochen, die Steadycam abzulösen. Andere zweifeln das hartnäckig an und verweisen auf technische Nachteile. In dieser Arbeit soll jedoch nicht nur die technische Seite von Steadycam und Brushless Gimbal - wie die neuste Generation der Gimbal-Systeme genannt wird - betrachtet werden. Es soll auch untersucht werden, ob beide Systeme ihre eigene Bildästhetik haben. Dazu wurde eine Plansequenz mit beiden Systemen gedreht und einem Testpublikum vorgeführt. Mithilfe der gewonnenen Daten und im Blick auf die jeweiligen Ergebnisse werden dannTechnik, Handhabung und Ästhetik untersucht und verglichen.

2 Entstehungsgeschichte der Steadicam

2.1 Garrett Brown

Anfang der 1970er-Jahre begann der Kameramann Garrett Brown darüber nachzudenken, ob es einen Weg gibt, eine Kamera mit der Hand zu führen und trotzdem die Stabilität einer Dolly-Aufnahme zu erreichen. Diese Überlegung hatte einen ganz praktischen Ursprung: Brown war zu dieser Zeit gerade an einer Produktion beteiligt und nicht glücklich mit dem dort verwendeten schweren und behäbigen Dolly.[7]

Das Hautproblem im Bezug auf die Stabilität handgeführter Kameras war und ist noch immer die Übertragung der Bewegungen des Operators auf die Kamera selbst. Aus diesem Grund begann Brown zunächst, die Kamera an einem Ende einer Stange zu montieren und das Gewicht auf der anderen Seite auszugleichen, ähnlich wie bei einem JIB-Arm. Diese Konstruktion führte er an einer Halterung in der Mitte. Später näherte er sich der Konstruktion eines JIB-Arms noch weiter an und ersetzte die Stange in der Mitte durch ein Parallelogram.[8] Diese Konstruktion nannte Brown „pole rig“.[9]

Bald machte sich aber der größte Nachteil der Konstruktion bemerkbar: Durch das hohe Gewicht war es fast unmöglich, die Kamera auf Höhe eines Gesichts zu halten und dann damit zu laufen. Zunächst versuchte Brown mit einer Weste, an der eine Art Galgen angebracht war, das Gewicht über einen Flaschenzug abzufangen. Diese Weste erinnert wohl etwas an heutige Easy-Rigs und war der erste Schritt hin zu körpergestützten Kamerastabilisierungssystemen.

Aus diesen Komponenten und nach einigen weiteren Prototypen entstand der erste „Brown Stabilizer“.[10] Die Arme schwenkbarer Schreibtischlampen hatten Brown auf die Idee gebracht, einen Arm zu konstruieren, um das Gewicht des Systems zu tragen.[11] Außerdem entstand aus dem länglichen Parallelogramm das erste aufrechte Rig, welches zwar ebenfalls auf dem Prinzip von Gewicht und Gegengewicht beruhte, aber vertikal leichter zu bedienen und zu bewegen war. Erst mit dem Beginn einer Weiterentwicklung in Zusammenarbeit mit der Firma Cinema Products bekam die Steadicam ihren endgültigen Namen. Obwohl Garrett Brown auf die Bezeichnung „Brown Stabilizer“ hätte bestehen können, stimmte er dem Vorschlag des Firmengründers und Chefs Ed DiGiulio zu[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten][12] [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]ies[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]r k[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]nnte Brown davon überzeugen, dass der in Browns Augen „dumme, abgedroschene“[13] Name genau das bezeichnet, was das System ausmacht.

Aber damit nicht genug. Brown ist nicht nur Erfinder der Steadicam, sondern hält darüber hinaus weitere 50 internationale Patente aus dem Bereich der Kamerastabilisierung. Dazu zählen unter anderen die „Mobycam“, die „Divecam“ und die „Flycam“.[14] Teilweise bauen seine späteren Erfindungen auf dem Prinzip der Steadicam oder zumindest auf den daraus gewonnen Erfahrungen auf. Als Steadicam-Operator war Brown schließlich an vielen namhaften Filmen beteiligt,[15] darunter Klassikerwie „Rocky“[16], „Shining“[17] und „Yentl“[18].

2.2 Entwicklung unterder Originallizenz

Unter der Lizenz von Cinema Products wurde die Steadicam seit dem ersten Prototyp aus dem Jahr 1974 kontinuierlich weiterentwickelt.[19] Zahlreiche weitere Modelle wurden gebaut. Dabei wurde angestrebt, in engem Kontakt mit den Nutzern der Systeme zu bleiben und deren Feedback in die Weiterentwicklung einfließen zu lassen.[20]

Der Prototyp verfügte noch über keine Weste, sondern lediglich eine Schulterstütze, an der ein einfacher, federnder Arm befestigt war. Das Rig selbst war triangulär aufgebaut und bot keine Möglichkeit, die Balance zu verändern. Diese war durch die Konstruktion selbst vorgegeben.[21] Außerdem verfügte das erste Steadicam-System noch über ein FiberglasSuchersystem. Weil dieses auf der einen Seite mit dem Rig und auf der anderen Seite mit dem Operator verbunden war, übertrugen sich immer noch leichte Bewegungen auf die Kamera.[22] Das System kam beispielsweise im Film „Bound for Glory“[23] zum Einsatz.[24]

Das Nachfolgemodell mit der Bezeichnung CP 35 war ausschließlich für die Benutzung mit einer Arriflex 35 II C gebaut und konnte mit keiner anderen Kamera verwendet werden. Sie wurde 1976 veröffentlicht und verfügte über zwei Posts. Der dickere Post diente zur Verbindung und Fixierung der Kamera-Plattform und des Gegengewichts. An ihm war auch das Gimbel befestigt, welches mit dem Arm verbunden wurde. Der zweite Post, auch Unterstützungspost genannt, diente zur Stabilisierung. Außerdem konnte erstmals durch eine variable Akkuposition am unteren Ende des Rigs die Balance beeinflusst werden. Eine weitere Veränderung verbesserte die Balance erheblich: Statt des Fiberglas-Suchers wurde ein Monitor verbaut. Der weiterentwickelte F[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]derarm war[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]n sei[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]er[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]tär[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]e auf die Arriflex 35 Il C voreingestellt. Zu guter Letzt wurde die Schulterstütze des Prototyps gegen die erste Weste getauscht.[25]

Im Jahr 1977 kam das Modell I auf den Markt. Dieses System war erstmals für verschiedene Kameras verwendbar. Das Gimbal war auf dem Post verschiebbar, wodurch erstmals der Masseschwerpunkt verändert werden konnte. Der Federarm wurde um Gelenke erweitert, was die Bewegungsfreiheit deutlich verbesserte. Der Monitor war fest am Rig befestigt. Dieses Modell wurde bereits weltweit in Filmen verwendet.[26]

Zwei Jahre später wurde das Model II veröffentlicht. Dieses ermöglichte zum ersten Mal Aufnahmen im Lowmode, also mit der Kamera am unteren Ende des Post. Der Monitor war nun schwenkbar am Unterstützungspost angebracht und der Federarm verfügte über zwei federnde Elemente. Die dynamische Balance war zwar weit schlechter als noch bei Model I, aber die Tragweite war zu dieser Zeit noch niemandem wirklich bewusst.[27]

Mit dem Modell III (1983/84) wurde der Durchmesser des Post so vergrößert, dass der Unterstützungspost überflüssig wurde. Leitungen für Bild und Strom wurden weiterhin außen entlanggeführt. Die Kamera konnte nun auch in ihrer Position vorwärts und rückwärts verschoben werden. Der Monitor war zusätzlich auch neigbar. Darüberhinaus waren sämtliche Komponenten am unteren Ende des Post drehbar, um die Balance beeinflussen zu können.[28]

Das Folgemodell mit dem Namen EFP verfügte erstmals über im Post verlaufende Kabel. Dadurch konnte das Sied nun ganze 360 Grad gedreht werden. Außerdem wurde durch Verwendung eines leichteren LCD-Monitors das Gewicht des gesamten Systems um zirka 20 Prozent reduziert. Dieses Modell erschien im Jahr 1989.[29]

Nach der Steadicam EFP wurde noch im selben Jahr eine überarbeitete Version von Modell III veröffentlicht: Modell III A. Dieses brachte einige Neuerungen, welche bis heute Grundlagen eines jeden Operators sind. Durch die Möglichkeit, die Kamera jetzt nicht nur vorwärts und rückwärts verschieben zu können, sondern auch in seitlicher Richtung, wurde die dynamische Balance noch kontrollierbarer. Außerdem konnte der Operator nun entscheiden, auf weicher Seite der Weste er den Arm montieren will.[30]

Zwei Jahre später, im Jahr 1991, kam mit Modell SK der erste „Iso-Elastik-Arm“ auf den Markt. Dieser Arm ermöglichte es dem Operator, die Angriffswinkel der Federkräfte innerhalb des parallelogrammförmigen Arms zu verstellen. Durch die Änderung der Höhe und des Winkels dieses Angriffspunktes kann der Arm so optimal eingestellt werden, dass auch bei hohem Gewicht der Kamera nur geringe Kraft notwendig ist, um den gesamten Hubbereich des Arms ausnutzen zu können.[31] Dieser erste „Iso-Elastik-Arm“ hatte nur ein Federelement.[32] Das gleiche Prinzip findet sich aber auch noch bei den aktuell verwendeten Armen, wie zum Beispiel dem G50-x oder G70-x.[33]

Im Jahr 1992 wurde das Modell Provid vorgestellt. Der „Iso-Elastik-Arm“ war weiterentwickelt worden und verfügte jetzt über zwei Segmente. Auch die Verbindung vom Arm zur Weste war verbessert worden. Durch die neue Möglichkeit, den Winkel der Verbindung anzupassen, konnte nun das System noch besser an den Operator und dessen Haltung angepasst werden.[34]

Die Masterserie erschien im Jahr 1994 und brachte verschiedene Varianten mit sich. Alle diese Varianten zeichnete beispielsweise die Neuerung aus, dass Veränderungen an der Länge des Posts, der Position des Gimbals und der Anpassung des Arms ohne Werkzeug durchführbar waren. Außerdem waren neue und leichtere Materialien verbaut worden. Zum ersten Mal bot ein System sowohl 12 als auch 24 Volt als Betriebsspannung sowie eine elektronische Wasserwaage.[35]

In den folgenden vier Jahren werden die Modelle Provid und SK überarbeitet, bevor 1999 das Modell Mini veröffentlicht wird, ein kleines System für leichtere Kameras. Ein Jahr später folgt mit der Ultra das letzte Modell unter der Originallizenz. Der vierfach teleskopierbare Post ermöglichte extreme Lowmode- und Highmode-Einstellungen. Um die Kamerabühne in den extrem langen Konfigurationen noch bedienen zu können, war diese motorisiert und konnte über eine Steuerung am Gimbal eingestellt werden. Die optimale Position aller Komponenten zur Einstellung der Balance wurde von einem Rechner ermittelt.[36]

2.3 Weiterentwicklung des Grundprinzips

Im Jahr 2000 wurde die Firma Cinema Products geschlossen, weshalb ein Verkauf der Steadicam-Lizenzen an die Firma Tiffen erfolgte.[37] Nachdem die ersten Patente ausgelaufen waren, brachten einige Hersteller konkurrierende Systeme auf den Markt. Zu diesen Herstellern zählen unter anderen „GPI Pro Systems“, „Sachtler“ und „MK-V Omega Ltd“.[38] Neben hochwertigen Alternativen wurde der Markt jedoch bald zusätzlich von preiswerten und qualitativ weniger hochwertigen Systemen überschwemmt.

Aber es gab seither auch zahlreiche Weiterentwicklungen und Modulationen der Steadycam. George Paddock entwickelte beispielsweise einen Arm, der im Gegensatz zu den bis dahin eingesetzten Modellen nicht auf Zugfedern, sondern auf Kompressionsfedern basierte. Dieser Arm swurde im Jahr2000 patentiert. Bei dieser Einrichtung enthältjedes Armsegment zwei Kartuschen, in denen Kompressionsfedern verbaut sind. Die Stärke des Arms wird beim Paddock-Arm über die Vorspannung der Feder innerhalb der Kartuschen bestimmt. Wird mehr oder weniger Vorspannung benötigt, so können die Kartuschen gegen weichere oder härtere Varianten ausgetauscht werden. Der Arm ist durch diese veränderte Funktionsweise also auch nicht iso-elastisch.[39]

Eine weitere Neuerung ist die Backmount-Weste. Der Arm wird dort nicht vorn an der Weste befestigt, sondern über eine zusätzliche Halterung an der Rückseite. Dabei verlagert sich nicht nur der größte Teil der Gewichtsbelastung auf die Hüfte, sondern es werden andersherum auch fast alle Hüftbewegungen mehr oder weniger auf den Socket-Block übertragen, also die Stelle, an der der Arm mit der Weste verbunden ist. Der Arm muss deshalb mehr arbeiten um die Bewegungen des Operators auszugleichen. Die Halterung zur Befestigung des Armes auf der Rückseite beansprucht außerdem einigen Platz an der Seite der Weste und macht diese dadurch etwas unpraktischer in engen Räumen und Durchgängen.[40]

2.3.1 Gyroskop

Ein Gyroskop, auch Kreiselstabilisator genannt, basiert auf dem Prinzip der Masseträgheit. Ein Steadycam-System funktioniert umso besser, je schwerer es ist.[41] Eine zusätzlich angebrachte Masse, die des Gyroskops, unterstützt also diesen Effekt. Ein durch einen Motor beschleunigtes Schwungrad im Gyroskop verstärkt dabei den Effekt der Masseträgheit durch die entstehenden Zentrifugalkräfte, ohne dass das Eigengewicht zu groß wird.

Diese rein physikalische Unterstützung wird als passive Kreiselstabilisierung bezeichnet. Die Weiterentwicklung davon heißt aktive Stabilisierung und erfasst über einen Sensor mehrere tausend Mal pro Sekunde die Lage des Gyroskops, um anschließend ungewollte Schwingungen auszugleichen.

Wie bei jedem Werkzeug ist es auch bei Gyroskopen wichtig, zu wissen, wann ihr Einsatz sinnvoll ist und wann nicht. Beispielsweise sind für Einstellungen, die extrem ruhig stehen müssen, etwa eine Titel-Einblendung oder Aufnahmen mit hohen Brennweiten, Kreiselstabilisatoren geeignet. Auch in sehr windigem Umfeld und bei Aufnahmen von bewegten Fahrzeugen aus verbessert ihr Einsatz das Resultat unter Umständen erheblich.[42]

Aufgrund der relativ hohen Geräuschentwicklung ist ihr Einsatz jedoch nicht ratsam, wenn besonders leise Geräusche mit aufgenommen werden sollen. Außerdem ist es natürlich nicht sinnvoll, sie zu verwenden, wenn eine etwas schnellere und wackeligere Art der Kameraführung gewünscht ist.[43]

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Gyroskope an einer Steadycam zu befestigen. Je nach Ausrichtung haben diese Varianten verschiedene Auswirkungen auf das Verhalten des Gesamtsystems.

2.3.2 Steadicam Tango

Es ist nicht zu übersehen, dass Garrett Brown bei der Entwicklung der im Jahr 2010 erschienenen Steadicam Tango auf das Grundprinzip des „pole rig“ zurückgegriffen hat. Eine Art JIB-Arm wurde dafür mit einer Steadicam vereint. Der herkömmliche Post dient dabei als Gegengewicht auf der kürzeren Seite des Arms. Durch Drehen dieses Posts lässt sich über eine mechanische Verbindung die Kamera am anderen Ende des Arms drehen. Die gesamte Konstruktion ist durch ein Gimbal mit kardanischerAufhängung am Federarm befestigt.[44]

Durch diese neue Erweiterung der Steadicam werden übergangslose Bewegungen aus dem Lowmode bis in den Super Highmode möglich. Allerdings kann das System nur mit leichteren Kamerasystemen bzw. mit Kameras, welche die Optik und die Sensoreinheit von der CCU trennen, betrieben werden. Ein Beispiel für eine solche Kamera ist die Alexa M der Firma Arri.[45]

2.3.3 AR-System von MK-V

Das AR-System von MK-V besteht aus einem Rondell, in dem die Kamera auf der Steadycam befestigt wird. Dieses Rondell wird durch Servomotoren angetrieben und ist kugelgelagert. Das System hält den Horizont gerade, auch wenn der Operator das Sied zur Seite kippt. Dadurch wird es möglich, die Grenze zwischen Lowmode und Highmode aufzuheben. Der Operator kann in einem Lowmode starten und durch ein Drehen des Sleds stufenlos an Höhe gewinnen. Dabei bleibt die Kamera immer in der Waage.[46]

Auch wenn sowohl durch das AR-System von MK-V als auch durch die Steadicam Tango der übergangslose Wechsel vom Lowmode zum Highmode möglich wird, gibt es drei entscheidende Unterschiede. Erstens ist das AR-System elektrisch betrieben und bietet somit eine zusätzliche, komplexere Fehlerquelle im Gegensatz zum mechanischen System der Steadicam Tango. Dafür ist zweitens die Bedienung einer Steadycam mit AR-System näher am ursprünglichen Führen einer einfachen Steadycam, wohingegen eine Steadicam Tango eines erneuten Trainings und einer längeren Gewöhnungszeit bedarf, denn immerhin ist es auch mit dem Arm-Ausleger größer und etwas anders zu bedienen. Der dritte Unterschied ist ebenfalls ein Resultat der Konstruktion: Aufgrund des langen Auslegers des Tan[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]o-Systems kann es nur mit leichten Kameras betrieben werden. Ein AR-System ist durchaus auch mit größeren und schwereren Kameras kombinierbar.

2.3.4 SkyCam

Garrett Brown hat seine Erfahrungen aus dem Bereich der Kamerastabilisierung über die Jahre hinweg auch in weitere Erfindungen einfließen lassen. Darunter findet sich auch das Equipois-System, das nichts mehr mit der Stabilisierung von Kameras zu tun hat. Vielmehr nutzt dieses System den Arm einer Steadycam, um das Gewicht schwerer Werkzeuge, beispielsweise aus dem Hoch- und Tiefbau, zu tragen und so das Bedienen zu erleichtern.[47]

Natürlich gingen aus dem bei der Steadicam angewendeten Prinzip von Gewicht und Gegengewicht auch andere Stabilisierungssysteme für Kameras hervor. Die SkyCam ist hierzu wohl mit eines der bekannteren Beispiele. So wird diese seit einigen Jahren regelmäßig bei Sportübertragungen und großen Shows eingesetzt.[48] Die Kamera ist auf einem Remotehead montiert, welcher an einem neu konstruierten Rig befestigt ist. Dieses Rig wird durch das Prinzip von Gewicht und Gegengewicht, so wie auch das Rig einer Steadycam, stabilisiert und hängt an vier Seilen befestigt frei in der Luft. Durch präzise Ansteuerung aller vier am anderen Ende der Seile sitzenden Seilwinden kann die Position im dreidimensionalen Raum frei angepasst werden. Der Remotehead ermöglicht zud[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]m die freie Bewegung der Kamera. Durch das Zusammenspiel von Remotehead und Positionsänderung der Rigs werden flugähnliche Kamerafahrten möglich.[49]

3 Funktionsprinzip der Steadycam

Die Steadycam ist ein körpergestütztes Stabilisierungssystem für Kameras. Dabei wird die Masse der Kamera theoretisch erhöht, um die physikalische Masseträgheit auszunutzen. Vereinfacht ausgedrückt bewirkt eine höhere Masseträgheit, dass ein stärkerer Impuls benötigt wird, um das betreffende Objekt in Bewegung zu versetzen oder die aktuelle Bewegung zu verändern.[50]

Über das Gimbal, eine kardanische Aufhängung, und den Arm ist die Kamera mit dem Operator verbunden. Je höher die Trägheit des gesamten Rigs inklusive der Kamera ist, umso besser funktioniert die Isolation von ungewollten Einflüssen auf die Kamera, beispielsweise von Bewegungen des laufenden Operators.[51]

Die Balance des Rigs ist der nächste entscheidende Faktor. Um die Kamerabewegung kontrollieren zu können, sollte der Impuls für eine Bewegung der Kamera von deren Schwerpunkt ausgehen. Das Rig mit der Kamera auf der einen und das Gegengewicht auf der anderen Seite ermöglichen es, diesen Schwerpunkt zu versetzen und direkt zum Gimbal zu verschieben. Dieses kann der Operator greifen und es können somit am Schwerpunkt des Rigs Bewegungen initiiert werden.[52] Um bei Drehungen auftretende Zentrifugalkräfte kontrollieren zu können und das Rig am „Ausbrechen“ zu hindern, ist eine feine dynamische Balance notwendig.

3.1 Grundkomponenten

Sofern Erweiterungen wie das AR-System von MK-V oder die Steadicam Tango unberücksichtigt bleiben, besteht eine einfache Steadycam aus drei Hauptkomponenten: Weste, Arm und Rig.[53] Die Weste überträgt und verteilt das Gewicht des Gesamtsystems auf den Körper des Operators. Der Arm bildet die Verbindung zwischen Weste und Rig. Er trägt das Gewicht und isoliert die Bewegungen des Operators. Über das Gimbal ist das Sied mit dem Arm verbunden. Der Post und alles was daran angebracht ist wird als Sied bezeichnet. Sied und Gimbal zusammen bilden das Rig.[54]

3.1.1 Weste

Die Weste dient dazu, das Gewicht des Gesamtsystems auf den Körper des Operators zu verteilen. Die überwiegende Zahl der Westen hat den Socket-Block vorn. An dieser Stelle wird der Arm mit der Weste verbunden. Außerdem können an dieser Stelle die Winkel der Verbindung verstellt werden und es kann die Position des Arms somit an die individuelle Haltung des Operators angepasst werden.[55] Sogenannte Backmount-Westen verfügen über einen seitlichen Socket-Block, der mittels einer starren Verbindung am hinteren Teil der Weste angebracht ist. Bei dieser Art Weste ist das gesamte Rückenteil aus einem Element gefertigt und individuell auf den Operator angepasst. Westen mit dem Socket-Block an der Vorderseite haben zwar ebenfalls eine feste Frontplatte, die W[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]ste ist aber dennoch auf fast jeden Operator einstellbar und somit flexibler.[56]

3.1.2 Arm

Der Arm überträgt das Gewicht von Kamera und Rig auf die Weste und den Operator. Er besteht aus einem oberen und einem unteren Segment. Das untere Segment ist prinzipiell das stärkere, weil es zusätzlich zum Gewicht und zu den vom Rig ausgehenden Bewegungskräften auch das obere Armsegment tragen muss. Durch den den Bewegungsspielraum nach oben und unten, gleicht der Arm vertikale Stöße und Bewegungen zwischen Operator und Rig aus. Mit den verschiedenen Gelenken des Arms kann der Operator das Rig relativ frei vor und um sich herum platzieren und bewegen.[57]

Mittlerweile gibt es verschiedene technische Konstruktionsansätze. Manche Arme beinhalten pro Segment nur eine starke Feder, deren Vorspannung variiert werden kann. Andere Versionen erweitern die Federn um Drahtseile, die über Umlenkrollen laufen und sich so das Prinzip des Flaschenzuges zunutze machen. Darüber hinaus gibt es die Variante der in Kartuschen eingefassten Federn. Diese verfügen über eine feste Vorspannung. Soll die Stärke des Arms angepasst werden, sind die Kartuschen gegen geringer vorgespannte Varianten austauschbar.

Bei der Herstellung des Arms ist, wie auch bei der Fertigung des Gimbal, höchste Qualität gefordert. Alle beweglichen Teile müssen sich sauber und gleichmäßig bewegen lassen, um präzise Bewegungen mit der Steadycam ausführen zu können. Aber nicht nur im Punkto Qualität unterscheiden sich verschiedene Arme voneinander. Die maximale Traglast ist ein ebenso entscheidendes Kriterium. Diese bezieht sich nicht nur auf das reine Kameragewicht, sondern umfasst alles was der Arm tragen muss: angefangen beim Rig über die Kamera, die Akkus und den Monitor bis zu sämtlichem angebrachten Zubehör, wie zum Beispiel den Funkstrecken.

3.1.3 Rig

Aus physikalischer Sicht ist das Rig der Steadycam nicht mehr als ein Hebel. Auf der einen Seite des Gimbal befindet sich der Lastarm, auf der anderen der Kraftarm. Durch das Gimbal ist der Arm in alle Achsen frei beweglich.

Das Gimbal dient dazu, horizontale und kleinste Atembewegungen des Operators abzufangen und auszugleichen. Um das zu ermöglichen, ist das Sied durch das Gimbal in alle Richtungen frei beweglich gelagert. Um die Kamera bei Bewegungen, etwa dem Loslaufen und Stehenbleiben, dennoch ruhig zu halten, wird versucht, theoretisch ihre Masse und Form am anderen Ende des Posts nachzubilden. Knapp über dem neuen Masseschwerpunkt zwischen Kamera und Gegengewicht, bestehend aus Akkus und Monitor, greift das Gimbal und stellt die Verbindung zum Arm her. Aufgrund der nahezu ähnlichen Kräfteverhältnisse auf beiden Seiten des Posts neutralisieren sich Bewegungsimpulse auf der jeweils anderen Seite des Posts fast vollständig (vgl. Abbildung 1)[58]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Funktionsprinzip eines Hebels

Das Rig besteht aus verschiedenen Komponenten (vgl. Abbildung 2 auf Seite 19). Der zumeist ausziehbare Post verbindet die Kameraplattform, auch Stage genannt, mit der Elektronik-Box am anderen Ende. Auf der Stage wird die Kamera montiert und ausgerichtet. In der Elektronik-Box finden sich verschiedene Buchsen zum Anschluss von Monitor und Zusatzgeräten. Sie beinhaltet außerdem Spannungs- und Signalwandler. Ihr Gegenstück, die Junction-Box, sitzt unterhalb der Stage. Die Verbindungskabel laufen durch den Post. Ebenfalls am unteren Ende des Posts befinden sich die Halterungen für Akkus und Monitor, welche das Gegengewicht zur Kamera bilden und in ihrer Position veränderbar sind. Durch die Positionsänderung kann Form und Masse der Kamera am unteren Ende des Post nachgeahmt werden.[59]

Die verschiedenen Modelle und Rigs unterscheiden sich nicht nur in der minimalen und maximalen Länge des Posts voneinander, sie weisen auch eine unterschiedliche maximale Traglast auf. Die Traglastbegrenzung ist notwendig, weil Verschlüsse und bewegliche Teile den Gewichtskräften auch dann standhalten müssen, wenn durch schnelle Bewegungen extreme Kräfte auf sie wirken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Komponenten eines Rigs am Beispiel der Steadicam Archer 2

3.2 Balance und Konfiguration

Durch die richtige Konfiguration und Balance heben sich die Kräfte am oberen und unteren Ende des Posts nahezu auf. Dadurch ist ist das Rig bestrebt, vorhandene Bewegungen fortzuführen oder in Ruheposition zu verharren, ohne Bewegungsimpulse von außen zu übernehmen. Außerdem benötigt der Operator nur sehr wenig Kraft, um das Rig am Gimbal zu führen, da dieses knapp oberhalb des Masseschwerpunktes angreift.[60]

Es gibt zwei Arten der Balance, die bei der Bedienung einer Steadycam „ins Gewicht“ fallen. Wichtig zur Beurteilung der Balance ist eine nahezu gleiche Gewichtskraft auf beiden Seiten des Posts. Dies kann geprüft werden, indem das Rig am Gimbal fixiert, um 90 Grad gedreht und dann losgelassen wird. Dieser sogenannte Dropdown-Test zeigt das Verhältnis der beiden Kräfte an. Je langsamer der untere Teil des Rigs zurück nach unten schwingt, umso besser kann die Balance beurteilt werden.[61]

Die Statikbalance bezieht sich zunächst nur auf das Rig in Ruheposition und wird von allen drei Achsen beeinflusst. Im Idealfall hängt der Post mit nahezu gleicher Gewichtskraft auf seinen beiden Seiten absolut gerade. Um der Kamera dennoch etwas Stabilität zu verleihen und ein leichtes Wegkippen beim Bedienen zu verhindern, wird der Schwerpunkt leicht nach unten verlagert. Dies kann entweder durch ein zusätzliches Gewicht am unteren Ende des Posts, durch Verlängerung des Posts oder durch ein Verschieben des Gimbals erreicht werden.[62]

Ist das Rig in statischer Balance und hängt absolut gerade, kann die Dynamikbalance angepasst werden. Diese bezieht sich auf das Verhalten des Sleds in der Drehung um die eigene Achse. Heben sich die Kräfte auf beiden Seiten des Gimbals nahezu auf, dann dreht sich das Rig, ohne sich zu neigen oder ins Schlingern zu geraten.[63] Damit also am unteren Ende des Rigs die gleichen Kräfte wirken, muss die Masse dort nicht nur identisch groß, sondern theoretisch auch gleich verteilt sein. Stellt man sich die Kamera und ihre Masse als Box am oberen Ende des Posts vor, dann muss zur optimalen dynamischen Balance durch Positionsänderung von Akkus und Monitor die gleiche Box am unteren Ende des Posts imitiert werden (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 3: Ist das Rig optimal ausbalanciert, erkennt man die Symmetrie hinter dem physikalischen Prinzip. Deshalb ist es hilfreich, die Kamera und ihr Zubehör selbst möglichst symmetrisch aufzubauen. Dadurch wird die Ausrichtung von Monitor und Akkus einfacher: Wird eine Linie von den äußeren Ecken der gedachten Boxen zueinander gezogen, so durchlaufen diese den Post knapp unterhalb des Angriffspunktes des Gimbals. Bei einer gedachten vertikalen Linie von der geschätzten Position des schwersten Linsenobjekts innerhalb der Optik nach unten steht der Monitor mit circa einem Drittel über. Dies gilt in ähnlicher Weise für die Positionierung der Akkus.

3.3 Bedienung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Steadycam zu führen. Entsprechend werden dafür auch genaue Bezeichnungen verwendet. Im „regular“-Modus hält der Operator das Rig auf seiner linken Seite. Der Arm der Steadycam ist auf der rechten Seite an der Weste angebracht. Die umgekehrte Variante, bei welcher der Operator das Rig auf seiner rechten Seite führt, nennt sich „goofy“-Modus.[64]

Ist die Kamera in Blickrichtung des Operators gerichtet, wird dies als „Missionary“ bezeichnet. Filmt der Operator nach hinten, wird das „Don Juan“ genannt. Diese Bezeichnungen für die Kameraausrichtung verwendete Garrett Brown in einem seiner ersten Workshops eher beiläufig. Trotzdem haben sie sich durchgesetzt.[65]

Bereits mehrfach erwähnt wurden „Lowmode“ und „Highmode“. Highmode beschreibt die gängige Art, eine Kamera oben auf der Steadycam zu führen, also quasi auf Augenhöhe eines Menschen. Wird das Rig umgedreht und die Kamera unten geführt, handelt es sich um einen Lowmode. Durch die Verlängerung des Posts können auch höhere Einstellungen oberhalb derAugenhöhe realisiert werden. Dann wird vom „Super Highmode“ gesprochen.[66]

4 Ursprünge der elektrischen Gimbal-Systeme

Die Steadycam ist seit Jahren der Standard, wenn es um bewegte und dynamische Kamerafahrten geht. Dabei schlägt eine recht neue Technologie gerade immer höhere Wellen. Ihr wird nachgesagt, dass sie das Potenzial hätte, das Ende der Steadycam einzuleiten. Seit Kameras immer kleiner und leichter geworden sind, erobern die umgangssprachlich einfach „Gimbal“ genannten Stabilisierungssysteme zunehmend den Markt.[67]

Leider gibt es bisher keinen einheitlichen Überbegriff für diese Systeme. Da aber ein Hauptbestandteil der Steadycam das Gimbal ist, wird um Missverständnisse zu vermeiden im Weiteren von „Gimbal-System“ oder „Kamera-Gimbal“ in Zusammenhang mit dieser neuen Technologie gesprochen. Die neueste Gimbal-Generation, welche sich durch eine besondere Motoren-Technologie hervorhebt, nennt sich „Brushless Gimbal“. In der Regel geht es in vorliegender Arbeit aber um die Gesamtheit der Kamera-Gimbal.

Die Funktionsweise der Kamera-Gimbal ist dem Grundprinzip der Steadycam sehr ähnlich. Die Kamera wird auf einer Basisplatte, welche in alle drei Achsen beweglich ist, ausbalanciert. Auch bei den elektrischen Gimbal-Systemen wird also auf das Prinzip der Masseträgheit und die entsprechenden Gesetze der Physik zurückgegriffen. Wie der Name aber schon verrät, wird die Stabilisierung hier in letzter Konsequenz nicht durch möglichst hohe Massen erreicht, sondern durch elektrische Motoren, die ungewollten Bewegungen an den einzelnen Achsen entgegenwirken.[68]

[...]


[1] Vgl. James Monaco (2009), 97.

[2] Vgl. ebenda.

[3] Vgl. James Monaco (2009), 97.

[4] Vgl. Serena Ferrara (2001), 11.

[5] Vgl. Serena Ferrara (2001), 15.

[6] www.kameramann.de Zugriff: 06.05.2014, 22:18 Uhr

[7] Vgl. Serena Ferrara (2001), 11.

[8] Vgl. ebenda.

[9] Vgl. Jerry Holway; Laurie Hayball (2013), 4.

[10] Vgl. Serena Ferrara (2001), 14.

[11] Vgl. ebenda.

[12] Vgl. Serena Ferrara (2001), 140 f.

[13] Vgl. ebenda.

[14] www.garrettcam.com Zugriff: 09.05.2014, 15:05 Uhr

[15] www.imdb.com Zugriff: 09.05.2014, 15:05 Uhr

[16] Regie: John G. Avildsen (1976).

[17] Regie: Stanley Kubrick (1980).

[18] Regie: Barbra Streisand (1983).

[19] Vgl. Serena Ferrara (2001), 45.

[20] Vgl. ebenda 43.

[21] Vgl. ebenda, 46 f.

[22] Vgl. ebenda, 13.

[23] Regie: Hal Ashby (1976).

[24] Vgl. Serena Ferrara (2001), 47.

[25] Vgl. ebenda.

[26] Vgl. Serena Ferrara (2001), 46 f.

[27] Vgl. ebenda.

[28] Vgl. Serena Ferrara (2001), 48 f.

[29] Vgl. ebenda.

[30] Vgl. ebenda.

[31] www.kameramann.de Zugriff: 15.05.2014, 12:18 Uhr

[32] Vgl. Serena Ferrara (2001), 48 f.

[33] www.kameramann.de Zugriff: 15.05.2014, 12:18 Uhr

[34] Vgl. Serena Ferrara (2001), 48 f.

[35] Vgl. Serena Ferrara (2001), 50 f.

[36] Vgl. ebenda.

[37] www.wikipedia.de Zugriff: 15.05.2014, 14:06 Uhr

[38] Vgl. Film&TV Kameramann (Ausgabe 3/2007), 22 ff.

[39] www.freepatentsonline.com Zugriff: 15.05.2014, 16:04 Uhr

[40] Vgl. Jerry Holway, Laurie Hayball (2013), 106 f.

[41] Vgl. Film&TV Kameramann (Ausgabe 3/2007), 26.

[42] Vgl. Jerry Holway; Laurie Hayball (2013), 267.

[43] Vgl. Jerry Holway; Laurie Hayball (2013), 267.

[44] www.tiffen.com Zugriff: 15.05.2014, 21:06 Uhr

[45] Vgl. ebenda.

[46] www.mk-v.com Zugriff: 16.05.2014, 10:06 Uhr

[47] www.garrettcam.com Zugriff: 16.05.2014, 12:06 Uhr

[48] www.garrettcam.com Zugriff: 16.05.2014, 13:12 Uhr

[49] Vgl. ebenda.

[50] Vgl. Jerry Holway; Laurie Hayball (2013), 10 f.

[51] Vgl. ebenda.

[52] Vgl. ebenda.

[53] Vgl. ebenda, 12.

[54] Vgl. Jerry Holway; Laurie Hayball (2013), 12 ff.

[55] Vgl. ebenda, 41 ff.

[56] Vgl. ebenda, 106 f.

[57] Vgl. Jerry Holway; Laurie Hayball (2013), 11.

[58] Vgl. Jerry Holway; Laurie Hayball (2013), 10 f.

[59] Vgl. Jerry Holway; Laurie Hayball (2013), 10 f.

[60] Vgl. Jerry Holway; Laurie Hayball (2013), 10 f.

[61] Vgl. ebenda, 28.

[62] Vgl. ebenda, 25 ff.

[63] Vgl. ebenda, 32.

[64] Vgl. Jerry Holway; Laurie Hayball (2013), 20 f.

[65] Vgl. ebenda.

[66] Vgl. ebenda.

[67] www.kameramann.de Zugriff: 17.05.2014, 14:06 Uhr

[68] Vgl. Florian Götz (2014), siehe Anhang XIII f.

Details

Seiten
137
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668188204
ISBN (Buch)
9783668188211
Dateigröße
48.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318626
Institution / Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)
Note
Schlagworte
steadycam brushless gimbal unterschiede technik handhabung ästhetik kameratechnologien

Autor

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Titel: Steadycam versus Brushless Gimbal. Unterschiede in der Technik, Handhabung und Ästhetik verschiedener Kameratechnologien