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Die Situation demenzkranker türkischer Migranten in Deutschland. Darstellung und Analyse kultursensibler, pflegerischer Beratungskonzepte

Hausarbeit 2015 28 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2. Beratungsbedarf, Prävalenzrate

3. Barrieren
3.1 Familie, Religion, Scham
3.2 Krankheits- und Gesundheitsverständnis
3.3 Ängste
3.4 Informationsmangel, Zuständigkeit
3.5 Kommstruktur
3.6 Kommunikation, Diagnoseproblematik
3.7 Fehlende bedarfsgerechte Angebote
3.8 Kulturschock
3.9 Finanzielle Aspekte
3.10 Einzelfälle

4. Erste Modelprojekte
4.1 Migrantenambulanz der Rheinischen Kliniken Langenfeld
4.2 Demenz-Servicezentrum f. Menschen mit Zuwanderungsgeschichte
4.3 IdeM-Projekt beim Sozialverband Vdk in Berlin
4.4 Institut für transkulturelle Betreuung e.V. Niedersachsen

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die Gruppe der älteren Menschen in Deutschland ist stetig wachsend. Die Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes prognostizieren, dass 2030 in Deutschland der Altenquotient bereits bei über 75 liegt, und 2050 auf 85 ansteigen wird (Statistisches Bundesamt 2006). Der Altenquotient ergibt sich daraus, wie viele Personen, die 60 Jahre und älter sind, auf einhundert 20- bis 60-jährige entfallen. Damit verbunden ist auch ein Anstieg pflegebedürftiger Menschen.

Ältere Ausländer sind die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe in Deutschland (Statistisches Bundesamt 2005). Die türkischen Migranten stellen die zahlenmäßig größte Gruppe, mit 2,5 Mio. Menschen, dar (MATTER/PIECHOTTA- HENZE 2013: 56; HAX-SCHOPPENHORST/JÜNGER 2010: 11). Unter dem Begriff „ Migrant “ sind jedoch „ sehr unterschiedliche Lebensschicksale mitäu ß erst heterogenen Bedingungen, Motivationen und Erfahrungen zusammengefasst, die lediglich als dünne Gemeinsamkeit haben, nicht der Mehrheitsgesellschaft anzugehören, sondern primär aus einer anderen Region, einem anderen Land bzw. einem anderen kulturellen Umfeld zu kommen “ (ASSION 2005: 133). Die Gruppe der Migranten (im Folgenden wird nur die Geschlechter neutrale Bezeichnung „ Migran t“ gewählt) unterscheidet sich demnach in den Aspekten sozioökonomischer Status und Aufenthaltsdauer im Aufenthaltsland (1. Generation, 2. Generation etc.), sowie im Wanderungsmotiv (Familienzusammenführung, Arbeitsmarkt, Flucht, traumatische Erfahrungen etc.), Rechtsstatus und kulturellen Hintergrund (vgl. HAX-SCHOPPENHORST/JÜNGER 2010: 9).

Mit Blick auf die historischen und aktuellen Entwicklungen wird heute der noch weiter greifende Begriff „ Menschen mit Migrationshintergrund “ verwendet. Einen Migrationshintergrund haben Ausländer, im Ausland Geborene und nach dem 1. Januar 1950 Zugewanderte, Eingebürgerte sowie Kinder, bei denen mindestens ein Elternteil in eine der genannten Kategorien fällt (vgl. HAX- SCHOPPENHORST/JÜNGER 2010: 11).

In Deutschland liegen bisher keine genauen Schätzungen über die Prävalenz von Demenzen bei Menschen mit Migrationshintergrund vor. „ Hierbei erscheint aufgrund der demographischen Struktur der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland welche nochüberwiegend unter 65 Jahre alt ist die Prävalenzmessung noch weniger relevant, als die Frage nach der kultur- und bedarfsangepassten Versorgung dieser heterogenen Gruppe “ (vgl. MATTER/PIECHOTTA-HENZE 2013: 20). Infolgedessen müssen auch die Beratungskonzepte entsprechend angepasst werden, da diese als „ Türöffner “ für eine kultur- und bedarfsangepasste Versorgung demenzerkrankter Menschen mit Migrationshintergrund bzw. türkischer Herkunft dienen.

Dazu ist es erforderlich Ursachen zu ermitteln, die eine Beratung und Betreuung von Demenz erkrankten türkischen Migranten und deren Angehörigen erschweren oder entgegenstehen. Hilfreich ist es, Aspekte, wie Kommunikationsprobleme (aufgrund einer möglichen Sprachbarriere), kulturell-geprägte Erklärungsmodelle für Erkrankungen (Krankheitskonzepte) und Behandlungserwartungen, mangelnde Aufklärung über Angebote der Gesundheits- und Beratungssysteme, strukturelle Rahmenbedingungen, Bildungsgrad und soziale Herkunft mit einzubeziehen.

Fraglich ist, ob sich bereits vorhandene Beratungsstellen auf diese Hürden eingestellt haben, oder Nachbesserungsbedarf besteht. Im Zentrum der vorliegenden Arbeit soll die Frage stehen: „ Werden demenzkranke türkische Migranten vom deutschen Gesundheits- bzw. Beratungssystemen allein gelassen oder aufgefangen? “

Es werden exemplarisch bereits in Deutschland vorhandene Konzepte der Beratung vorgestellt, abschließend wird nach einer Analyse ein Fazit gezogen werden.

2. Beratungsbedarf, Prävalenzrate

Um überhaupt die oben genannte Fragestellung klären zu können, ist es zunächst wichtig den Gesundheitszustand dieser Bevölkerungsgruppe zu betrachten. Der objektive und subjektiv gefühlte Gesundheitszustand älterer Migranten ist laut wissenschaftlicher Studien schlechter als der der deutschen Bevölkerung gleichen Alters (vgl. KAISER 2009: 41). Der Alterungsprozess scheint bei einer vergleichsweise niedrigeren Lebenserwartung insgesamt früher einzusetzen. Ursächlich dafür sind unterschiedliche kumulierende Faktoren, die zum Teil im Zusammenhang mit der Migrationserfahrung stehen, zum überwiegenden Teil aber auf die sozioökonomische Lebenslage älterer Migranten basieren (vgl. KAISER a. a. O.). Arbeitsmigranten (sog. „ Gastarbeiter “), die zwischen 1955 und 1973 angeworben wurden, sind jetzt im Rentenalter (ULUSOY/GRÄßEL 2010: 330).

Die erste Migrantengeneration, die entgegengesetzt früherer Erwartungen ihren Lebensabend in Deutschland und nicht in ihrer Heimat verbringt, wiesen zusätzlich ein erhöhtes Erkrankungsrisiko auf (ULUSOY/GRÄßEL a. a. O.). Obwohl die Integration der sogenannten „ Gastarbeitergeneration “ meist gelungen ist, ist sie einer Vielzahl von direkten und indirekten Belastungsfaktoren ausgesetzt, die im Alter von Bedeutung sein können (vgl. HAX-SCHOPPENHORST/JÜNGER 2010: 87). Direkte Belastungsfaktoren sind Frühinvalidität, gehäuft auftretende Berufskrankheiten, Arbeitsunfälle, allgemeine gesundheitliche Beeinträchtigungen (Herz-, Kreislauf, Diabetes etc.) und psychosomatische Krankheiten (vgl. HAX- SCHOPPENHORST/JÜNGER 2010: 88).

Indirekte Belastungsfaktoren sind emotionale Belastungen aus der Migrationserfahrung, gelebte Lebens- und Arbeitsbedingungen, Generationskonflikte, Kommunikationsbarrieren durch mangelnde Sprachkenntnisse, Zugangsschwierigkeiten zur medizinischen Versorgung und erlebte Ausgrenzung (vgl. HAX-SCHOPPENHORST/JÜNGER 2010: 87). Alle genannten Faktoren beeinflussen die Gesunderhaltung der Migranten die in Deutschland leben und alt werden. Ende 2000 waren 624.054 Menschen von der ersten Generation der Gastarbeiter 60 Jahre und älter. Nach der neuesten Hochrechnung des Statistischen Bundesamtes wird dieser Personenkreis bis zum Jahr 2030 auf 2,8 Mio. ansteigen (vgl. Statistisches Bundesamt 2009, 18 ff.). Dieser zusätzliche Bedarf an medizinisch- pflegerischer Leistung wird von den Gesundheitsdienstleistern überwiegend ignoriert (vgl. HAX- SCHOPPENHORST/JÜNGER 2010: 88). Ursächlich dafür ist, dass viele Migranten im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft sind und nicht in den Statistiken erwähnt werden und das Thema gar nicht öffentlich diskutiert wird (vgl. SCHOPPENHORST/JÜNGER a. a. O.). In der deutschen Mehrheitsgesellschaft herrscht vorwiegend die Ansicht, dass der Pflegebedarf bei Migranten nicht so hoch ist wie bei der deutschen Bevölkerung. Man ist der Ansicht, dass Migranten bereits in deren Familien ausreichend versorgt seien. Dies geht mit überidealisierten Vorstellungen von den familiären Strukturen einher (vgl. HAX- SCHOPPENHORST/JÜNGER 2010: 88).

Tatsächlich leben aber viele Migranten ebenfalls wie deutsche Bürger in Single- Haushalten und es ist ihnen aus den gleichen Gründen wie deutsche Familien nicht möglich, Teile der Pflege für die alt gewordenen Eltern zu übernehmen (vgl. HAX- SCHOPPENHORST/JÜNGER a. a. O.). Des Weiteren besteht der Irrglaube, die überwiegende Anzahl der Migranten werde im Alter in ihre Herkunftsländer ziehen. In Wirklichkeit scheuen Migranten eine erneute Übersiedlung (Remigration) in ihre Heimatländer, wegen der hohen Belastungen, die ein erneuter Wechsel des Lebensmittelpunktes mit sich bringen würde. Es wird dabei auch übersehen, dass viele Migranten seit Jahrzenten ihre Heimat in Deutschland haben (vgl. HAX- SCHOPPENHORST/JÜNGER 2010: 89).

In Deutschland sind ca. 1,2 % der 65 69-Jährigen (50.000 Menschen) an einer Demenz erkrankt. Bei den 75- bis 79 Jährigen sind es 6 % (170.000 Menschen), bei den 85- bis 89-Jährigen 23,9 % (260.000) und bei den 90-Jährigen sind 34,6 % (177.000) betroffen. Nach neuesten Studien treten Demenzerkrankungen bei älteren Migranten in etwa gleich häufig auf wie bei der Mehrheitsbevölkerung (vgl. GRIEGER 2009: 9 23).

Einige Autoren gehen sogar von einer höheren Prävalenzrate aus und behaupten, dass der lang anhaltende und ausgeprägte Stress, dem Migranten oftmals ausgesetzt sind, Auswirkungen auf die synaptische Plastizität haben, was wiederum Gedächtnisstörungen begünstigen kann (vgl. MATTER/PIECHOTTA-HENZE 2013: 81). In Deutschland leben ca. 120.000 an Demenz erkrankte Migranten, genaue Zahlen liegen jedoch nicht vor (vgl. HAX-SCHOPPENHORST/JÜNGER a. a. O.). Ebenso sind keine genaueren statistischen Aussagen oder repräsentative wissenschaftliche Untersuchungen derzeit bekannt. Es stellt sich nun die Frage, ob demenzkranke Migranten und ihre Angehörigen von bestehenden Angeboten und Leistungen des Gesundheitssystems in gleichen Maße erreicht werden und diese in Anspruch nehmen wie Einheimische ohne Migrationshintergrund, oder ob sie vielmehr kaum von den Fortschritten der Diagnostik, Versorgung und Behandlung profitieren.

Untersuchungen bzw. Forschungsergebnisse zum Thema „ Demenz und Migration “ gibt es nur wenige (vgl. KAISER 2009: 60). Im nationalen Integrationsplan, den die Bundesregierung im Jahr 2007 verabschiedet hat, heißt es wörtlich: „ Als besonders problematisch erweist sich das Thema Demenz und Migration. Migrantinnen haben oft falsche Informationen zum Krankheitsbild Demenz, es ist eher ein Tabuthema. Hier fehlen entsprechende kultursensible Informations- und Beratungsangebote insbesondere für die pflegenden Angehörigen. Auch die Begutachtung von pflegebedürftigen an Demenz erkrankten Migranten und Migrantinnen ist aufgrund der fehlenden und im Krankheitsverlauf degenerierenden Sprachkompetenzen problematisch. Die derzeitigen Begutachtungsverfahren sind zum Teil für die Begutachtung von Migrantinnen und Migranten ungeeignet “ (Die Bundesregierung 2007: 100). Aus diesen Aussagen ergeben sich viele Aspekte, die einer besonderen Betrachtung und Analyse bedürfen.

Augenscheinlich scheint es zahlreiche Barrieren zu geben, die den Zugang zum deutschen Gesundheitssystem erschweren.

3. Barrieren

Es scheint ganz unterschiedliche Ursachen zu geben, warum die Unterstützung durch deutsche Hilfesysteme nicht in Anspruch genommen wird. Einige Gründe hängen sicherlich mit dem Wertesystem und den Migrationserfahrungen türkischer Migranten zusammen.

3.1 Familie, Religion, Scham

Ältere türkische Migranten sind eine sehr heterogene Gruppe bezogen auf ihre Religiosität, Bildungsstand und Migrationsgeschichte sowie auf ihr Wertesystem. In Befragungen dieser Gruppe stellen sich besonders als für sie wichtige Werte, Familie und Religion heraus . Besonders für türkische Migranten der ersten Generation ist ein kollektivistisches Gesellschaftssystem von großer Bedeutung und sogar noch stärker handlungsleitend als bei Türken in ihrem Heimatland (vgl. MATTER/PIECHOTTA-HENZE 2013: 49). Ursächlich dafür sind deren Migrationsgeschichte und der damit verbundenen Kampf um die eigene Identität in einem fremden Land. Die Familie spielt eine wesentlich bedeutendere Rolle als das Individuum. Konflikte und Schwierigkeiten werden im Familienrat diskutiert. Dabei werden Probleme und gesundheitliche Entscheidungen vorwiegend in der Familie gelöst, ein Scheitern gilt als Schande. Krankheiten werden außerhalb des familiären Systems tabuisiert (vgl. MATTER/PIECHOTTA-HENZE 49, 50). Unter türkischen Migranten, wie auch bei Türken in ihrem Heimatland, ist eine Art traditionelle Hierarchie verankert, die in der gesamten türkischen Gesellschaft bekannt ist, weitergegeben und geschätzt wird. Darunter ist der Respekt gegenüber Älteren (saygi) und ein gewisses nachsichtiges, behutsames Aufziehen der jüngeren Kinder (sevgi) gemeint. Ältere Menschen werden in entscheidenden Fragen um Rat gefragt (vgl. BOSE/TERPSTRA 2012: 62). Familie und Religion haben die gleich wichtige Bedeutung, und einen hohen Stellenwert im Wertesystem. Viele türkische Migranten sind gläubige Moslems.

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Details

Seiten
28
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668177987
ISBN (Buch)
9783668177994
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318591
Institution / Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule – Pflegewissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Demenz Migranten Integration Beratung türkisch Gesundheitssystem

Autor

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